Dienstag, 24. Mai 2011

Afrika: Schlachtfeld für NATOs Strategische Konzept des 21. Jahrhunderts


Von Rick Rozoff

Übersetzt von Einar Schlereth

Der Krieg der größten Mitgliedsstaaten des Nordatlantischen Bündnisses (NATO) gegen Libyen geht in den dritten Monat und hat in den vergangenen fünfzig Tagen unter der Führung der NATO stattgefunden.
Laut Zähler des täglichen Blogs Militär-Online1 hat die Luftwaffe der Allianz über 7200 Missionen und 2200 Kampfflüge in ihrem Krieg gegen Libyen geflogen, seit die NATO die sogenannte Operation Vereinte Beschützer am 31. März eingeweiht hat.

Die einzige Militärallianz der Welt ist dabei, mit ihrem 78 Tage-Luftkrieg gegen Jugoslawien 1999 gleichzuziehen, wenn sie nicht noch Truppen in Libyen einsetzt, was sich in eine langwierige Kampf- und Besatzungsrolle ausdehnen könnte wie in Afghanistan und den Anliegerstaaten, wo das Pentagon und die NATO am 7. Oktober ihren zehnten Jahrestag anzeichnen können.

Kürzlich [hat] der russische stellvertretende Außenminister Alexander Gruschko „hervorgehoben, dass die Operation in Libyen zu dem ersten Litmustest für NATOs neue strategische Konzept wird“2, eine Bezugnahme auf das neueste strategische Konzept, das von der 28 Nationen-Allianz auf ihrem Gipfel in Lissabon, Portugal, der erste in diesem Jahrhundert, im vergangenen November angenommen wurde. Das erste wurde auf dem Gipfel in Washington 1999 angenommen, als die NATO ihren ersten Krieg (gegen Jugoslawien) führte und ihre ersten Rekruten (Tschechien, Ungarn und Polen) nach dem Kalten Krieg in ihr Bündnis aufnahm.


Der Krieg gegen Libyen ist auch ein Testfall für den US-Africa-Command (AFRICOM), das erste militärische Überseekommando, das vom Pentagon seit Ende des Kalten Krieges gegründet wurde (der Vorgänger, das Central Command, wurde 1983 gegründet), deren Joint Task Force Odyssey Dawn [Einsatztruppe Operation Odysse] den Auftrag hatte, Bomben- Raketenangriffe und eine Schiffsblockade vom 19. bis zum 30. März gegen Libyen durchzuführen.

Die Aktivierung des AFRICOM als unabhängiges Kommando am 1. Oktober 2008 und die Ausweitung der NATO auf Afrika waren integrierte, unausweichlich verknüpfte Entwicklungen, da als oberster Militärboss des US European Command, zu dem beinahe der gesamte afrikanische Kontinent gerechnet wird, und des neuen AFRICOM seit beinahe 60 Jahren immer einunddieselbe Person festgelegt wurde – gegenwärtig Amerikas Admiral James Stavridis.

Afrika ist auch das Laboratorium für die 25 000 Mann starke NATO Response Force [NATO-Reaktionsstreitmacht], die innerhalb von Tagen in der ganzen Welt einsatzbereit sein soll und Operationen, einschließlich Kampfoperationen für bis zu sechs Monate durchhalten können muss – was für den aktuellen Konflikt in Libyen unmittelbare und bedrohliche Implikationen haben kann. Mit anderen Worten, die erste internationale militärische Einsatztruppe der Welt. Die NATO Response Force war eine Initiative des ehemaligen US-Verteidigungsministers Donald Rumsfeld und wurde auf dem Gipfel von 2002 in Tschechien abgesegnet, das gerade erst drei Jahre in der NATO war.

2006 hielt die NATO umfangreiche, 2 Wochen dauernde Militärübungen in dem westafrikanischen Inselland Kap Verde unter dem Kodenamen Steadfast Jaguar mit beinahe 8000 Mann der 25 damaligen Migliedsländer (jetzt 26) ab. Kampfflugzeuge, Attackhelikopter, Kriegsschiffe einschließlich des Flaggschiffs der Sechsten Flotte USS Mount Whitney sowie amerikanische Spezialeinheiten wurden in den Kriegsspielen der NATO in Afrika eingesetzt. Um die bahnbrechende Bedeutung dieses Ereignisses klarzumachen, reisten der Generalsekretär des Blocks General Jaap de Hoop Scheffer und der Nordatlantikrat – die Botschafter aller NATO Mitgliedsstaaten – nach Cap Verde, um die Übung zu inspizieren.

Mit den Worten von Scheffer: „Sie sehen hier die neue NATO, die NATO, die die Kapazität für Expeditionen hat. Im 21. Jahrhundert muss man vorbereitet sein, für Sicherheit über weite Entfernungen hinweg zu sorgen ...“

Associated Press zitierte den damaligen obersten Befehlshaber der NATO und Befehlshaber des US-Euro-Command Marinegeneral James Jones (später erster nationaler Sicherheitsratgeber der Regierung Obama), der die Rolle der NATO Response Force so sah, dass „sie Schiffspatrouillen durchführen könne, um Tanker vor der afrikanischen Westküste zu schützen oder Sicherheit für die Lager- und Produktionsstätten im ölreichen Niger-Delta zu bieten“. Unmittelbar nach seiner Übernahme des Doppelkommandos im Januar 2003 legte Jones das Fundament für die permanente Einrichtung von US- und NATO Militäranlagen im ölreichen Golf von Guinea vor der Westküste des Kontinents.3

Steadfast Jaguar war die erste gemeinsame Infantrie-Luft-und Marine-Operation, die für und durch die Globale NATO-Einsatztruppe durchgeführt wurde. Mit den Worten des Washington Times Berichts von den Kriegsspielen: „Das Ziel ist es, die in Brüssel basierte Allianz aus einer statischen, auf Europa konzentrierte, defensive Organisation in ein Sicherheitsinstrument mit globalen Ambitionen und Reichweite zu verwandeln.“

In einem Artikel mit dem Titel „NATO testet Expeditions-Streitmacht“ auf der Webseite der Allianz steht, dass die Übung geplant wurde, um „die Bereitschaft der innovativen NATO-Reaktionsstreitmacht zu testen, sehr kurzfristig Missionen an jedem beliebigen Ort auszuführen“, und dass „die Reaktionsstreitmacht der Allianz die Fähigkeit verleiht, bis zu 25 000 Mann innerhalb von fünf Tagen irgendwo auf der Welt einzusetzen“.

Die NATO ist in den vergangenen Jahren in Afrika auch in der Weise eingedrungen, dass sie 30 000 Mnn der Afrikanischen Union durch Lufttransporte in die Darfur-Region in Westsudan zwischen 2005 bis 2007 brachte und dann tausende ugandische und burundische Truppen in die somalische Hauptstadt Mogadischu zum Kampfeinsatz für die isolierte und im wesentlichen nominelle Übergangs-Bundesregierung.

Seit 2008 hat die NATO mit der Operation Allied Provider eine permanente Kriegsflotten-Präsenz am Horn von Afrika im Golf von Aden und dem Arabischen Meer eingerichtet, und seit 2009 bis in eine unbestimmte Zukunft die Operation Ocean Shield.

Berichte aus der Region enthüllen, dass NATO-Kriegsschiffe kürzlich ein Schiff mit Waffen für Eritrea aufgebracht haben als Teil von Operationen, eine Seeblockade gegen dieses kleine Land am Horn von Afrika durchzusetzen als Ergebnis einer Resolution, die vom UN-Sicherheitsrat im Dezember 2009 durchgebracht wurde – wo sich China enthielt und Libyen dagegen stimmte, jetzt ebenfalls ein Opfer – und ein Waffenembargo und Reiseverbot erzwang gegen eins von nur vier afrikanischen Ländern, die nicht als Juniorpartner für AFRICOMs regelmäßige mulitnationale Militärbemühungen rekrutiert werden konnten – wie Operation Flintlock, Operation Africa Endeavor, Natural Fire Ausbildungs- und Trainingsübungen unter Anleitung von Mannschaften der amerikanischen Kriegsflotte, die für das Afrika Partnerschafts-Stationsprogramm abgestellt wurden.

Wie immer laufen die NATO-Aktivitäten mit denen des Pentagon parallell. Afrikanische Bereitschaftskräfte, die jetzt im Osten und Westen Afrikas im Einsatz sind, wurden auch für den Norden, Süden und das Zentrum Afrikas geplant; sie erhalten Beistand und werden sowohl von AFRICOM als auch der NATO überwacht. Im Februar 2010 veröffentlichte eine Webseite der Allianz diesen Bericht über ihre expandierende Rolle in Afrika:

„Das Vereinigte Kommando Lissabon ist die Operationsleitung für das NATO/AU [Afrikanische Union] Engagement und hat einen hohen Verbindungsoffizier im AU Hauptquartier in Addis Abeba, Äthiopien. Die NATO unterstützt auch die Ausbildung von Stabsoffizieren durch Bereitstellung von Orten für NATO-Trainingskurse für den AU-Stab als Unterstützung für AMISOM [Arikanische Mission in Somalia]; sie liefert ferner Unterstüzung für die Einsatzfähigkeit der African Standby Force [Bereitschaftstruppe] – die Vision der AU für einen kontinentalen, ständig bereiten Sicherheitsapparat ähnlich der NATO Response Force.“4

Und wie die Webseite der AFRICOM im Januar verkündete, brachte, noch vor den Africa Endeavor Militärübungen im Juni, eine Planungskonferenz in Mali „mehr als 180 Teilnehmer aus 41 afrikanischen, europäischen und nordamerikanischen Ländern sowie Beobachter der Economic Community of Central African States (ECCAS), der Eastern African Standby Force und der NATO zusammen, um die Interfunktionsfähigkeit der Kommunikations- und Informationssysteme der teilnehmenden Nationen zu testen.“5

Im folgenden Monat erschien ein Artikel in einer kenianischen Publikation, die behauptete, dass Ramtane Lamamra, der afrikanische Bevollmächtigte für Frieden und Sicherheit, „bestätigte, dass die NATO ein Militärabkommen mit der AU schließen werde“ mit besonderer Betonung auf der Konsolidierung der African Standby Force.6

Es hat also, wie der oben zitierte russische stellvertretende Außenminister sagte, weniger als vier Monate gedauert von der Annahme des neuen strategischen Konzepts der NATO bis zu seiner ersten Umsetzung in Nordafrika.

Im folgenden einige Auszüge aus dem Strategic Concept: For the Defence and Security of the Members of the North Atlantic Treaty Organisation7, das auf dem NATO-Gipfel im vergangenen November angenommen wurde:

„Die Bürger unserer Länder verlassen sich auf die NATO, die verbündeten Länder zu verteidigen, robuste Streitkräfte einzusetzen und wenn erforderlich für unsere Sicherheit, auch zu helfen, gemeinsame Sicherheit für unsere Partner in der ganzen Welt zu fördern.“

„Die NATO hat eine einzigartige und robuste Reihe von politischen und militärischen Fähigkeiten, um auf alle denkbaren Krisen zu reagieren – vor, während und nach Konflikten. Die NATO wird aktiv eine angemessene Mischung dieser politischen und militärischen Werkzeuge einsetzen, um dazu beizutragen, sich entwickelnde Krisen zu managen, die das Potenzial haben, die Sicherheit der Allianz zu beeinträchtigen, bevor sie zu Konflikten eskalieren; um bestehende Konflikte zu stoppen, die die Sicherheit der Allianz beeinflussen; und zu helfen, die Stabilität nach einem Konflikt zu konsolidieren, wo es zur Sicherheit des Euro-Atlantischen Bündnisses beiträgt.“

„Instabilität oder Konflikte außerhalb der NATO-Grenzen können direkt die Sicherheit der Allianz bedrohen.“

„Einige NATO Länder werden stärker abhängig von ausländischen Energie-Lieferanten und in einigen Fällen von ausländischen Energieliefer- und Verteilernetzen für ihre Energiebedürfnisse.“
Das neue Strategie-Konzept verlangt Pläne, um „robuste, mobile und einsetzbare konventionelle Streitkräfte zu entwickeln und zu unterhalten, um sowohl die Verantwortlichkeiten von Artikel 5 und Expeditions-Operationen durchzuführen, einschließlich zusammen mit der NATO-Response-Force“ und „um die Fähigkeit zu entwickeln, zur Energiesicherheit beizutragen“.

Der Plan für die globale expeditionsfähige NATO des 21. Jahrhunderts hält auch fest:

„Krisen und Konflikte außerhalb der NATO-Grenzen können eine direkte Bedrohung für die Sicherheit der Allianz und der Bevölkerungen darstellen. Die NATO wird sich daher engagieren, wo möglich und wenn erforderlich, Krisen zu verhindern, Krisen zu managen, Situationen nach Krisen zu stabilisieren und Wiederaufbau zu unterstützen. Wo Konfliktverhütung sich als nicht erfolgreich erweist, wird die NATO vorbereitet und in der Lage sein, eintreffende Feindseligkeiten zu managen.“
„Einzigartig in der Geschichte, ist die NATO eine Sicherheitsallianz, die Militärkräfte aufstellen kann, die gemeinsam in jeder Umgebung operieren können; die Operationen an jedem beliebigen Punkt durch ihre integrierte Kommandostruktur kontrollieren kann, und die Kernfähigkeiten besitzt, die wenige Alliierte einzeln sich leisten könnten.“

Nachdem sie zum ersten Mal nach dem 2. Weltkrieg einen regelrechten Krieg gegen eine europäische Nation, 1999 in Jugoslawien, geführt hat und sich den USA zwei Jahre später in Afghanistan einem Krieg angeschlossen hat, der jetzt der längste in der Welt ist, setzt die NATO ihre neue militärische Doktrin in brutaler und tödlicher Weise in Afrika ein.


1) http://www.nato.int/cps/en/SID-EF8DF5B6-C1488A4E/natolive/71
679.htm
2) Voice of Russia, May 17, 2011
3) Global Energy War: Washington’s New Kissinger’s African Plans
Stop NATO, January 22, 2009
http://rickrozoff.wordpress.com/2009/08/26/global-energy-war
-washingtons-new-kissingers-african-plans ...
4) North Atlantic Treaty Organization
Supreme Headquarters Allied Powers Europe
February 24, 2010
New Colonialism: Pentagon Carves Africa Into Military Zones
Stop NATO, May 5, 2010
http://rickrozoff.wordpress.com/2010/05/05/new-colonialism-p
entagon-carves-africa-into-military-zones ...
5) U.S. Africa Command, January 31, 2011
http://www.africom.mil/getArticle.asp?art=5895⟨=0
6) Africa: Global NATO Seeks To Recruit 50 New Military Partners
Stop NATO, February 20, 2011
http://rickrozoff.wordpress.com/2011/02/20/africa-global-nat
o-seeks-to-recruit-50-new-military-partners ...
7) http://www.nato.int/lisbon2010/strategic-concept-2010-eng.pdf

Danke Tlaxcala
Quelle: http://rickrozoff.wordpress.com/?s=Africa%3A+Battleground+For+NATO%E2%80%99s+21st+Century+Strategic+Concept
Erscheinungsdatum des Originalartikels: 20/05/2011
Artikel in Tlaxcala veröffentlicht: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=4848

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen