Freitag, 6. Mai 2011

Die Invasion in Libyen: Hinter den Angriffen von USA und NATO stehen Strategien ökonomischer Kriegsführung



Manlio Dinucci

Übersetzt von Hergen Matussik


Obwohl uns die Nachrichten das Gegenteil suggerieren, hat die Invasion Libyens bereits begonnen. Einheiten, die seit geraumer Zeit auf libyschem Gebiet operieren, haben den Krieg vorbereitet und führen den Überfall aus. Es handelt sich um die mächtigen Ölkonzerne und amerikanische und europäische Investment-Banken.


Welche Interessen hier im Spiel sind, kam in einem Artikel im Wall Street Journal, der einflußreichen Tageszeitung der Wirtschafts- und Finanzwelt, zum Ausdruck: „For West‘s Oil Firms, No Love Lost in Libya“ (Die Liebe der westlichen Ölfirmen zu Libyen ist nicht vergeblich). Nachdem die Sanktionen gegen Libyen im Jahr 2003 aufgehoben wurden, drängten die westlichen Ölkonzerne mit großen Erwartungen nach Libyen, doch die Ergebnisse blieben enttäuschend für sie. Die libysche Regierung vergab Lizenzen an die ausländischen Konzerne nach einem System namens EPSA-4, wonach der staatlichen libyschen Ölfirma NOC (National Oil Corporation of Libya) der höchste Anteil des geförderten Öls gesichert blieb. Angesichts des starken Wettbewerbs lief das auf einen Anteil von ungefähr ungefähr 90 Prozent hinaus. “Die EPSA-4-Verträge hatten die härtesten Bedingungen der Welt,“ sagt Bob Frylund, früherer Präsident der libyschen Niederlassung des US-amerikanischen Unternehmens ConocoPhillips. (WSJ)

Das muß wohl so sein, denn gemäß einer Entscheidung, die nicht in Bengasi sondern in Washington, London und Paris getroffen wurde, hat der „National Transitional Council“ (Nationaler Übergangsrat) die „Libyan Oil Company“ gegründet. Diese ist nur eine leere Hülle, ähnlich solchen Unternehmen, wie sie Investoren in Steuerparadiesen schlüsselfertig angeboten werden. Die Absicht ist, die staatliche libysche National Oil Company (NOC) zu ersetzen, sobald die „Willigen“ der frisch geschmiedeten Allianz gegen Gaddafis Libyen die Kontrolle über die Ölfelder des Landes übernommen haben. Ihre Aufgabe wird es sein, Lizenzen zu überaus günstigen Bedingungen an amerikanische, britische und französische Unternehmen zu vergeben. Außerdem wird diese Firma jene Unternehmen benachteiligen, die vor dem Krieg die Hauptproduzenten des libyschen Öls waren, allen voran das italienische Unternehmen ENI, das im Jahr 2007 eine Milliarde Dollar zahlte um sich Konzessionen bis ins Jahr 2047 zu sichern, sowie das deutsche Unternehmen Wintershall, das an zweiter Stelle der ausländischen Förderunternehmen steht. Noch stärker würden chinesische und russische Firmen von der neuen Firma benachteiligt werden, jene Unternehmen, denen Gaddafi am 14. März versprach, die bestehenden Konzessionen von europäischen und US-amerikanischen Unternehmen auf sie zu transferieren. Die Pläne der „Willigen“ beinhalten außerdem die Privatisierung der staatseigenen NOC als Gegenleistung für die „Hilfe“ des Internationalen Währungsfonds für den Wiederaufbau von Industrie und Infrastruktur, die durch die Bombardements durch eben jene „willigen“ Länder zerstört wurden.

Es ist außerdem offensichtlich, warum zur selben Zeit die „Zentralbank Libyens“ in Bengasi gegründet wurde: es handelt sich um eine weitere leere Hülle, deren wesentliche künftige Aufgabe es sein wird, den libyschen Staatsfonds - über 150 Milliarden Dollar, die der libysche Staat im Ausland investiert hat - formell zu verwalten, sobald sie von den USA und den europäischen Mächten freigegeben werden. Die britische Großbank HSBC demonstrierte, wer die tatsächliche Kontrolle über diese Gelder haben wird. HSBC ist der „oberste Wächter“ über libysche Investitionen in Großbritannien (ungefähr 25 Milliarden Euro): Ein Team von hochrangigen Managern der Bank ist schon jetzt in Bengasi am Werk, um die neugegründete „Zentralbank Libyens“ auf den Weg zu bringen. Für die HSBC und andere große Investment-Banken wird es ein Leichtes sein, libysche Gelder im Sinne ihrer eigenen Strategien zu lenken.

Eines ihrer Ziele ist es, die finanziellen Institutionen der Afrikanischen Union zu sabotieren, deren Entstehung zu einem großen Teil durch libysche Investitionen möglich gemacht wurde. Unter diesen befinden sich die Afrikanische Investment Bank mit Sitz in Tripolis in Libyen, die Afrikanische Zentralbank in Abuja in Nigeria, der Afrikanische Währungsfonds mit Sitz in Yaoundé, Kamerun. Letztere ist mit einem operativen Kapital von mehr als 40 Milliarden Dollar ausgestattet, könnte den Internationalen Währungsfonds in Afrika ersetzen. Bis jetzt hat der IMF die afrikanische Wirtschaft gesteuert und den Weg für multinationale Konzerne und Investment-Banken in Amerika und den USA geebnet. Indem sie Libyen attackieren, versuchen die „Willigen“ genau diejenigen Körperschaften zu zerstören, die eines Tages die finanzielle Unabhängigkeit Afrikas ermöglichen könnten.


Quelle: http://www.ilmanifesto.it/archivi/fuoripagina/anno/2011/mese/05/articolo/4553/
Erscheinungsdatum des Originalartikels: 02/05/2011
Artikel in Tlaxcala veröffentlicht: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=4686

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