Donnerstag, 26. Mai 2011

Libyen während der Zeit des Faschismus - ein vergessenes Kapitel der Geschichtsschreibung


Brigitte Queck Бригитте Квек
Hans-Jürgen Falkenhagen

Bis zum Jahr 1911 war Libyen ein Teil des Osmanischen Reiches, das sich in dieser Zeit bereits im Prozess der Auflösung befand.
Anfang des XX. Jahrhunderts entschied sich das Italien von Giolitti, Libyen zu okkupieren (Giolitti, geb. 1842, gest. 1928, war ein prägender italienischer Politiker und mehrfacher Ministerpräsident des Landes).
Die Vatikanbank Banco di Roma hatte bereits im Vorfeld - neben den europäischen Kapitalisten – durch Bergwerkskonzessionen, Schifffahrtseinrichtungen und Industrieanlagen in Libyen Fuß gefasst und damit die militärische Invasion ökonomisch vorbereitet.
Am 28.September 1911 tauchten vor dem Hafen von Tripolis Panzerschiffe und große Truppenverbände Italiens auf.

Obwohl der türkische Sultan den Besatzern widerstandslos sein Land übergeben hatte, wurde Tripolis durch Bombardierungen angegriffen und Hunderte libysche BürgerInnen gehängt.

Die Kolonialherren stießen auf einen starken arabischen Widerstand, den sie mit Massenterror gegen die einheimische Bevölkerung beantworteten. So ist in dieser Zeit die Bevölkerung allein von Barqa von 300 000 Menschen im Jahre 1911 auf 120 000 im Jahre 1915 zurückgegangen.

Libysche Briefmarke von 1980 über die Schlacht von Gardabia


Die Schlacht von Gardabia im Jahre 1915 ist in die Geschichtsschreibung Libyens als der Beginn des Freiheitskampfes des libyschen Volkes gegen die italienischen Kolonialisten eingegangen, nachdem Italien den Libyern bestimmte Autonomierechte einräumen musste.

Nach dem Ende des 1.Weltkrieges stationierten die Besatzer 3 Divisionen, 56 Bataillone und 29 Feldbatterien in Libyen.

Die Machtergreifung der Faschisten im Oktober 1922 in Italien gab dem Kolonialismus eine neue Qualität.

Im äußersten Westen, in der Wüste Syrte, errichteten die Faschisten Konzentrationslager und Widerstandskämpfer wurden einer "Sonderbehandlung" unterzogen.

Einer der Massenmörder, der inzwischen in Italien still rehabilitiert wurde, hieß Rodolfo Graziani. [1]

Seinen faschistischen Auftraggebern in Italien berichtete er, dass er 139 192 Menschen einsperren ließ. Aber seine Berichte zeugen auch vom Widerstand in Libyen. Allein die Zahl der größeren Schlachten gibt Graziani mit 53 an, nicht gerechnet die ca. über 200 kleineren militärischen Auseinandersetzungen. Die Faschisten zogen daraufhin einen 300 km langen Stacheldrahtzaun durch die Wüste, um die Kämpfer in Libyen von ihren Basen auf der ägyptischen Seite abzuschneiden. Die Faschisten zerstörten nunmehr auch die Lebensmittelgrundlagen der Menschen dort, indem sie ihre Äcker verwüsteten.

Die Faschisten selbst führten darüber genau Buch. So soll es 1910 in Barqa (Kyrenaika) ca. 713 000 Schafe, 23600 Rinder und 27 000 Pferde gegeben haben. 1933 lebten dort nur noch ca. 98 000 Schafe, 8700 Rinder und 1000 Pferde. (E.E. Evans - Pritchard: The Sanussi of Cyrenaica. Oxford 1949, S.37).

Parallel zu ihrem brutalen Vorgehen gegen die einheimische Bevölkerung Libyens wurde die Okkupation Libyens durch einen verstärkten Einsatz von italienischen Siedlern vorangetrieben, zumal die Besatzer nicht auf einheimische Kollaborateure als soziale Basis zählen konnten.

Während man das Lied „Tripoli bel suol d’amore“ in den italienischen Konzert-Cafés sang, schrieben die katholischen Zeitungen von „unserem Recht auf diese Kolonie, das durch den Kirchen-Kanon bekräftigt sei“ und in der Kirche Santo Stefano dei Cavalieri von Pisa, die mit Fahnen drapiert war, die von den Türken im XVI. Jahrhundert erbeutet worden waren, segnete Kardinal Pietro Maffi die italienischen Infanteristen, wobei er sie ermahnte, ihre Bajonette mit den türkischen Krummsäbeln zu kreuzen, um der Kirche weitere ähnliche Fahnen zuzuführen, „um Italien, unserem Land, neuen Ruhm zu verleihen.“

Diejenigen, die in Italien auf der untersten Stufe der sozialen Skala gestanden hatten, gehörten nun zur neuen Herrenschicht, die die Menschen in Libyen zu beherrschen versuchten. In Italien wurde für das Leben in Libyen massiv geworben.

In wenigen Jahren sind 10 000 Italiener nach Libyen ausgewandert und zwischen 1930 und 1940 sollen noch einmal einige 10 000 Italiener nach Libyen ausgewandert sein.
Bis 1930 wurden 200 000 Hektar, der größte Teil der landwirtschaftlichen Nutzfläche, durch die Faschisten beschlagnahmt und an weiße Kolonialisten übertragen.
Libyen wurde zur "terra italiana" ( italienischen Erde ) deklariert.
Die LibyerInnen sollten deshalb die italienische Staatsbürgerschaft beantragen.

Dass diese Art Kolonialisierung (Eingemeindung) nicht funktionierte, zeigt, dass von 1927 bis 1938 lediglich 14 Anträge gestellt wurden. Nur 7 davon von Libyern!

Die Invasion in der Kyrenaika und Tripolitanien mit einem Expeditionskorps von 100 000 Mann, kommandiert von 24 Generälen, löste sofortigen Widerstand der libyschen Bevölkerung aus. Die Repression war unerbittlich. Mehrere Tausend Araber, darunter Frauen und Kinder wurden erschossen oder gehängt. Viele andere wurden auf die Insel im Tyrrhenischen Meer, Ustica und andere Inseln deportiert, wo sie fast alle an Hunger und Krankheiten starben.

So begann die lange Geschichte eines breiten antikolonialen und antiimperialistischen Widerstandes, der einer immer stärker werdenden Unterdrückung trotzte, und das besonders während der Zeit des italienischen Faschismus.

Im Jahre 1930 wurden auf Befehl von Mussolini und der Generäle Badoglio und Graziani vom Hochplateau der Kyrenaika 100 000 Einwohner deportiert, die entlang der Küste in 15 Konzentrationslagern eingesperrt wurden. Jeder Fluchtversuch wurde mit dem Tode bestraft. Auf Anordnung von Mussolini und dem italienischen Luftwaffenmarschall Italo Balbo setzte man auch Bomben und durch das Genfer Protokoll von 1925 verbotenes Giftgas ein. Libyen war für die italienische Luftwaffe das, was für die Luftwaffe von Hitler in Spanien Guernica war: ein Experimentierfeld für die mörderischsten Waffen und Kriegstechniken.

Führer der Volksbefreiungskriege war Umar al-Mukhtar. Die von ihm geführten libyschen Partisanen kämpften tapfer und todesmutig bis zum letzten Mann. Um sie von der Verpflegung abzuschneiden und zu isolieren, ließ General Graziani im Jahre 1931 an der Grenze der Kyrenaika und Ägypten einen Stacheldrahtzaun von 270 Kilometer Länge und mehreren Metern Breite bauen. Von einem Flugzeug ausfindig gemacht, wurde Omar al-Mukhtar verwundet und gefangen genommen.

Omar al-Mukhtar wurde am 16. September 1931 im Alter von 73 Jahren im Konzentrationslager von Solouk vor 20 000 Internierten gehängt, die gezwungen wurden, der Exekution beizuwohnen.

Bestand doch in den Augen des faschistischen Italiens das schlimmste Verbrechen darin, die Waffen ergriffen zu haben, um diese Kolonie vom italienischen „Mutterland“ loszutrennen und zu befreien.

Am 14. September 1940 fiel Graziani mit 9 Divisionen und 250 Flugzeugen in Ägypten ein. Es kam zur Schlacht von Sidi Barrani. In dieser Schlacht wurden 8 Divisionen der Faschisten von den Arabern aufgerieben.
Neben den regulären englischen Truppen wurden die Faschisten von arabischen und afrikanischen Widerstandskämpfern bekämpft.

Daraufhin baten die Faschisten aus Italien die Faschisten aus Deutschland um Unterstützung. Nun kam es zur ersten unmittelbaren Konfrontation der Antifaschisten aus Libyen mit den deutschen Faschisten.

Als die deutschen Faschisten unter Rommel 1941 im Nordwesten Ägyptens gelandet waren, stießen sie auf den erbitterten Widerstand arabischer, afrikanischer und libyscher Antifaschisten.
In langen und zähen Kleinkriegen fügten die libyschen, arabischen und afrikanischen Widerstandskämpfer den deutschen und italienischen Einheiten empfindliche Verluste zu.

Somit darf festgestellt werden, dass die ersten Opfer des Faschismus außerhalb der faschistischen Länder nicht nur die Menschen in Spanien 1936-1939 und die ihnen aus aller Welt zu Hilfe eilenden internationalen Brigaden, sondern auch Widerstandskämpfer aus dem arabischen und afrikanischen Raum waren.

Dieses Kapitel wurde bisher aus der Geschichtsschreibung ausgeblendet!!
Die Niederlage Rommels in Ägypten war also im Wesentlichen durch arabische, afrikanische und libysche Menschen vorbereitet worden.

Es wird Zeit, dass sich die Araber und Afrikaner dieses ruhmreichen Kapitels in ihrer Geschichte erinnern und gerade in der heutigen Zeit, statt sich gegenseitig zu bekämpfen, die ausländischen Kolonialisten (IWF und Weltbank) und deren ausführende militärischen Schlächterarmeen (NATO) gemeinsam zum Teufel jagen!!


[1] 1950 zu 19 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, wurde Graziani kurz danach begnadigt und verbrachte nur einige Monate im Gefängnis.


Danke Tlaxcala
Erscheinungsdatum des Originalartikels: 25/05/2011
Artikel in Tlaxcala veröffentlicht: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=4866

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen