Mittwoch, 29. Juni 2011

Eine Mär und ein Witz: Die Schändung des Gedenkens an den Holocaust

Von Meir Stieglitz
INFORMATION CLEARING HOUSE, 10.06.11

Noch niemals wurde das Gedenken an die Opfer des Holocaust so moralisch verwerflich und schändlich missbraucht wie im heutigen Israel. Und keiner treibt schlimmeren Missbrauch mit den schrecklichen Leiden der europäischen Juden als Israels gegenwärtiger Premierminister Netanjahu. In dieser Hinsicht und aus anderen Gründen ist Netanjahu tatsächlich ein echter Repräsentant Israels, weil er die in diesem Staat herrschende Mehrheitsmeinung verkörpert.

Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de

Diese gewagte Behauptung müsste natürlich erläutert werden. Manchmal genügt aber auch eine scheinbar belanglose Anekdote, um die Bedingungen einer historischen Situation und ihre Widerspiegelung im heutige Zeitgeist zu charakterisieren. Ich habe folgende Anekdote anzubieten:

Als der italienische Ministerpräsident Berlusconi im Februar letzten Jahres zu einem Staatsbesuch (in Israel) weilte, wurde er vom israelische Premierminister gefeiert. Der lebhafte italienische "Vollblut"-Politiker eroberte auch die Herzen der israelischen Bevölkerung im Sturm und erfuhr viel Anerkennung für seine führende Rolle im Kampf gegen die behauptete Kampagne zur "Delegitimierung" des jüdischen Staates. Netanjahu und Berlusconi verstanden sich auf Anhieb sehr gut. Beide Männer gelten ja als virtuose "Verkäufer" ihrer Politik, und beide stiegen aus einem ähnlichen politischen Umfeld mit ähnlicher Unterstützung aus der Bevölkerung zu prominenten Politikern auf.

Bei einer Sondersitzung der Knesset, des israelischen Parlaments, hielt Netanjahu eine Rede zu Ehren Berlusconis; in einer großen historischen Analyse schlug er eine Brücke zwischen Rom und Jerusalem und bezeichnete beide als Eckpfeiler der jüdisch- christlichen Tradition und als Fundament der westlichen Kultur. Die Herrschaft der (italienischen) Faschisten erwähnte er dabei nicht. Er feierte Berlusconi, der nicht gerade als Kritiker Mussolinis bekannt ist, als Förderer universaler Werte, als Bollwerk gegen einen atomar bewaffneten Iran und als "Bewahrer des Weltfriedens".

Für sein großes Finale sparte sich Netanjahu eine eindrucksvolle Geschichte über den Widerstand einer außergewöhnlich mutigen jungen italienischen Frau auf. Diese im achten Monat schwangere Frau sei nicht passiv geblieben, als sie miterleben musste, wie ein deutscher Polizist [!] in einem (italienischen) Zug eine jüdische Frau festnehmen wollte. Ohne eine Spur von Angst habe sich die heroische Frau zwischen den Polizisten und sein Opfer geworfen und verkündet: "Sie können mich töten. Sehen Sie sich aber vorher die Gesichter der Mitreisenden an; ich verspreche Ihnen, dass Sie dann den Zug nicht lebend verlassen werden." Mit ihrer mutigen Tat habe diese tapfere Frau das jüdische Mädchen gerettet und damit gleichzeitig in der Finsternis, die über Europa lag, für einen kleinen Moment ein Licht angezündet, lobte Netanjahu. Dann stellte er sich für die Schlusspointe in Positur: Diese tapfere Frau habe Rosa geheißen, und eines ihrer Kinder sei Silvio Berlusconi, der heutige italienische Ministerpräsident.

Dann umarmte er Berlusconi und nannte ihn "meinen Freund und Gefährten", was sich auf Hebräisch wie eine Formulierung aus der Bibel anhört; Berlusconi habe von seiner Mutter den Mut geerbt, Partei für Werte wie Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit zu ergreifen – er sei ein italienischer (Nelson) Mandela. Die Knesset spendete anhaltenden Beifall, und Berlusconi selbst wischte sich verschämt eine Träne aus dem Auge. Wahrlich ein Moment "moralischer Klarheit": der Auftritt zweier rechter Politiker vor einem rechtslastigen Parlament.

Leider gibt es keinen Beweis für die Wahrheit dieser Mär über den Heroismus der Mutter Berlusconis und den eigenartigen Zufall, dass in diesem speziellen italienischen Zug so viele Partisanen mitreisten. Die beste Erklärung dafür ist eine weitere Familiengeschichte, die Berlusconi später auf einem Empfang erzählte, den ihm der israelische Präsident Schimon Peres in seiner Residenz gab. Dort enthüllte Berlusconi das Geheimnis seines Erfolges: Sein Vater habe ihm geraten, allen Menschen hemmungslos zu schmeicheln und ihnen genau das zu erzählen, was sie gern hören wollen.

Diese Geschichte stinkt gewaltig: sie stinkt nach einer frei erfundenen Mär von angeblichem Mut und angemaßtem ehrenvollem Verhalten; damit wurden nicht nur tatsächlich erfolgte mutige Taten entehrt, sondern auch das Gedenken an die Opfer des Holocaust geschändet – von geltungssüchtigen Politikern, denen es nur um die Inszenierung eines medienwirksamen Auftritts ging.

Der Erbe Mussolinis antwortete auf seine Art: Nur wenige Monate nach seiner Pilgerfahrt nach Jerusalem erzählte Berlusconi einer Gruppe von Bewunderern einen bezeichnenden Witz, der sich ohne die Ausschmückungen des Erzählers, wie folgt, zusammenfassen lässt: Ein Jude verbirgt während der Transporte in die Vernichtungslager einen Mitjuden in seinem Keller und verlangt dafür (umgerechnet) 3.000 Euro. "Pro Monat?" fragte der Schutzsuchende. "Nein, pro Tag," erhält er zur Antwort. Berlusconi fügte hinzu, der (versteckte) Jude habe widerspruchslos bezahlt, weil er genug Geld hatte. Dann lieferte Silvio die Schlusspointe: "Hätte der eine Jude später dem anderen aber nicht sagen müssen, dass Hitler bereits tot und der Krieg schon lange zu Ende ist?"

Vielleicht bin ich ja zu empfindlich. Bereits vor mehr als fünf Jahren habe ich etwas für die meisten Israelis sehr Ungewöhnliches getan: Ich habe ohne Beanspruchung einer Entschädigung die Position eines Kolumnisten für "Globes", die führende Wirtschaftszeitung Israels, aufgegeben, weil die Redakteure unter Terminzwang einige Passagen aus einem von mir verfassten Artikel zum "Shoah Day" (dem Holocaust-Gedenktag am 27. Januar) ohne Rücksprache mit mir gestrichen hatten. Und als Arthur Miller mich anschrieb und mich einlud, ihn in Berlin zu treffen, wo er geehrt und gefeiert wurde, lehnte ich höflich ab; ich tat das, weil ich, als ich Anfang 20 war, einmal nach Deutschland eingereist und nach nur einer Nacht wieder nach Frankreich geflüchtet bin. Mein moralisches Empfinden, das ich nicht erklären kann, hat mich zu diesen und ähnlichen radikalen Entscheidungen gezwungen.

Andererseits hat mich vor Kurzem meine Tochter Naama – die einzige Enkelin meiner verstorbenen Eltern, deren weitverzweigte Großfamilien im Holocaust ermordet wurden – gefragt, ob sie Deutschland besuchen dürfe, und ich habe ihr geantwortet, dass sie das natürlich könne. Das habe ich nicht nur deshalb getan, weil fast alle zur Zeit des Holocaust erwachsenen Deutschen mittlerweile verstorben sind. Deutschland ist heute das Fundament der EU und damit auch ein Eckpfeiler einer neuen und besseren Weltordnung. Außerdem gehören die jungen Deutschen zu den treuesten Anhängern der Anti-Atombewegung und widmen sich damit der wichtigsten Aufgabe in unseren heutigen Welt. Man begeht also kein Unrecht, wenn man Geschäfte in Bayern macht oder in die Kulturszene Berlins eintaucht. Wenn sie fünfzehn wird, möchte ich aber mit Naama über das Für und Wider der Teilnahme an einer Gedenkveranstaltung in einer israelischen Schule am "Shoah Day" reden. Das möchte ich, weil ich vielleicht zu empfindlich bin; aber der oben beschriebene abscheuliche Akt in der Knesset ist nicht nur eine Schändung der aus der Shoah zu ziehenden Lehren, er hat noch dunklere Aspekte als moralisches Fehlverhalten und mangelnde Integrität.

Der daraus aufsteigende Gestank ist vergiftet. Die ganze Szene in der Knesset ist Teil des nationalen (israelischen) Projektes "Opferrolle". Dieses Projekt soll den uneingeschränkten, nahezu global ausgerichteten Einsatz der strategischen Macht Israels legitimieren. Das Opferrolle-Projekt dient hauptsächlich zur Beeinflussung der Machtzentren in den USA und – in geringerem Ausmaß – in Europa. Als der Weltsystem-Theorie verpflichteter Wissenschaftler und Stratege bin ich davon überzeugt, dass der Versuch Israels, seine – sowohl wegen des eingegangenen Risikos als auch wegen seiner Machtausübung – einzigartige geopolitische Situation durch ständige Betonung (vergangener und) angeblicher aktueller existenzieller Bedrohungen abzusichern, die gesamte Welt in große Gefahr bringt. Indem Israel das tut und das Gedenken an die Holocaust-Katastrophe missbraucht, leistet es sich ein Verhalten, das von "Shiflut" (Niedertracht) geprägt ist – einer der schändlichsten moralischen Verfehlungen unserer Zeit. [Das hebräisches Wort "Shiflut" kennzeichnet das genaue Gegenteil von integrem Verhalten.]

Wie ist es zu erklären, dass die Weltgemeinschaft nichts (Wesentliches) über das außergewöhnliche Zusammentreffen dieser beiden "Heroen der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens" in Jerusalem erfahren hat? Die wichtigsten Medien, die über Israel berichten, sind ganz einfach instrumentalisiert und eingeschüchtert durch die ständige Jagd (der israelischen Regierung) nach Holocaust-Tätern und Antisemiten. So sind zum Beispiel die Chancen eines Korrespondenten der New York Times, über die empörenden Fakten des Berlusconi-Auftritts in der Knesset berichten zu können, genau so gering, wie die Chancen, in der gleichen Zeitung einen kritischen Bericht über die atomare Panikmache Israels (wegen des angeblichen iranischen Strebens nach Atomwaffen) zu veröffentlichen – nämlich geringer als Null.

Ende Mai dieses Jahres hat Netanjahu eine seiner berühmten, an Churchill erinnernden Reden vor beiden Häusern des US-Kongresses gehalten. Dieses Mal hat er zwar nicht seine Lieblings-Nummer abgezogen, bei der er "Niemals wieder!" brüllt und eine Karte von Auschwitz schwenkt. Routinemäßig hat er aber wieder die Shoah-Karte ausgespielt, um emotionale Wirkung zu erzielen und Beifall einzuheimsen. Immerhin hat er wieder den "Ahmadinedschad-Hitler-Vergleich" bemüht, den niemand mit so großer Ausdauer und so großem Erfolg verwendet wie Netanjahu. Er hat ihm wieder diesmal wieder die massive moralische und strategische Unterstützung der USA eingebracht – und vorzügliche wirtschaftlich Zusagen obendrein.

Was ist dagegen zu tun? Ich hoffe, dass dieser Artikel weite Verbreitung im Internet findet und zu weiteren Überlegungen anregt. Außerdem fordere ich dazu auf, alle Minister und anderen Bittsteller aus Israel, die nach Washington kommen, immer wieder mit der Aussage zu konfrontieren: "Die Israelis missbrauchen das Gedenken an den Holocaust; Herr Präsident, lassen Sie sich nicht zu ihrem Komplizen machen!"

Dr. Meir Stieglitz machte seinen Doktor für Internationale Beziehungen an der Hebrew University in Jerusalem, seinen M.A (Magister Artium) in Politikwissenschaft an der University of California in Berkeley und seinen B.A. (Bachelor of Arts) in Volkswirtschaft ebenfalls an der Hebrew University. Dr. Stieglitz forschte als Post-Doktorand zur Atomstrategie an der Kennedy School of Government in Harvard. Er ist Philohttp://www.blogger.com/img/blank.gifsoph und unabhängiger Referent und berät zur Zeit internationale Investitionsgruppen in geopolitischen, strategischen und makroökonomischen Fragen.

Wir haben den sehr erhellenden Artikel des Dr. Meir Stieglitz, der Klarheit in die unsägliche "Antisemitismus"-Debatte der LINKEN bringeAnn könnte, komplett übersetzt und mit Ergänzungen und Links in runden Klammern versehen. Die Anmerkungen in eckigen Klammern stammen vom Autor selbst. Er betreibt unter http://blog.meirstieglitz.net/?p=11 einen eigenen Blog.


Übersetzung: Wolfgang Jung, Luftpost-kl.de

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