Dienstag, 28. Juni 2011

Kapitalismus: Endphase?

Von Leonardo Boff
Übersetzt von Michèle Mialane
Ich bin überzeugt, dass die derzeitige Krise des Kapitalismus nicht nur struktur- und konjunkturbedingt ist. Wir befinden uns in dessen Endphase. Die geradezu geniale Fähigkeit des Kapitalismus, sich immer und überall anpassen zu können, neigt sich ihrem Ende zu. Es ist mir klar, dass jene These wenige Verfechter hat. Jedoch habe ich zwei gute Gründe, sie zu verteidigen.
Der erste Grund: die Krise befindet sich in ihrer Endphase, weil wir alle, insbesondere aber der Kapitalismus, die Grenzen unserer Erde überschritten haben. Wir bewohnen unseren ganzen Planeten, plündern ihn aus, zerstören sein empfindliches Gleichgewicht und erschöpfen seine Ressourcen und Dienste, so sehr, dass wir nicht mehr ersetzen können, was wir uns angeeignet haben. Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts schrieb Marx in prophetischer Weise, dass der Kapitalismus dazu neige, die Quelle seines Reichtums und seine produktive Grundlage zu zerstören - Natur und Arbeitskraft. Das erleben wir nun.

Die Natur unterliegt nämlich einem großen, nie da gewesenen Stress, zumindest im vergangenen Jahrhundert, wenn man von den 15 großen Phasen des Aussterbens absieht, die sie in 4 Milliarden Jahren durchgemacht hat. Die extremen Naturerscheinungen in allen Erdregionen, die zu einer globalen Klimaerwärmung tendieren, bekräftigen die Marxsche These. Wie kann sich der Kapitalismus ohne die Natur fortpflanzen? Wir stoßen an eine nicht überschreitbare Grenze.

Kapitalismus macht Arbeit prekär oder ganz überflüssig. Nun ist eine gewaltige Entwicklung ohne Arbeit möglich. Der vollautomatisierte und computergesteuerte Arbeitsapparat produziert mehr und besser, fast ohne Arbeit. Direkte Folge ist die strukturell bedingte Arbeitslosigkeit. Millionen Menschen werden nie zur Arbeitswelt gehören, nicht mal als Reserveheer. Zuerst war die Arbeit vom Kapital abhängig, nun ist sie entbehrlich geworden. In Spanien wird nun 20% der Gesamtbevölkerung und 40% der Jugend von der Arbeitslosigkeit betroffen, in Portugal jeweils 12% und 30%. Das heißt, nun kommt eine ernste soziale Krise, wie sie derzeit in Griechenland wütet. Die ganze Gesellschaft wird einem Wirtschaftssystem geopfert, das nicht auf Befriedigung menschlicher Bedürfnisse ausgerichtet ist, sondern auf die Rückzahlung der Schulden an das Finanzsystem und die Bankiers. Marx hatte Recht: die Ausbeutung der Arbeitskraft schafft keinen Reichtum mehr, sondern die Maschine.

Der zweite Grund hängt mit der humanitären Krise zusammen, die der Kapitalismus erzeugt. Früher wurde sie auf die Länder der Peripherie beschränkt; nun wird auch das Zentrum betroffen. Das wirtschaftliche Problem kann nicht durch den Abbau der Gesellschaft gelöst werden. Die Opfer der Krise , durch neue Kommunikationsmittel vernetzt, revoltieren und dadurch wird die bestehende Ordnung gefährdet. Immer mehr Menschen, insbesondere junge Leute, lehnen nun die perverse Logik der kapitalistischen Volkswirtschaft ab, die über die Finanzwelt die Nationen ihren Interessen und der Profitgier der spekulativen Gelder unterwirft, welche von einer Börse zur andern zirkulieren und Profite kassieren, aber nichts Anderes erzeugen, als immer mehr Geld für die Aktionäre.

Der Kapitalismus hat den Gift, der ihn töten kann, selber erschaffen: indem er von den ArbeiterInnen eine immer bessere technische Ausbildung forderte, damit sie einem beschleunigten Wachstum und einer stets steigenden Wettbewerbsfähigkeit gewachsen sein konnten, hat er unwillkürlich Menschen erschaffen, die denken können. Jene entdecken nun langsam, wie pervers ein System ist, das die Leute schindet im Namen einer rein materiellen Akkumulation, das sich als herzlos erweist, indem es immer mehr Effizienz fordert, mit der Folge, dass die ArbeiterInnen tief gestresst, ja sogar in die Verzweiflung, unter Umständen in den Selbstmord getrieben werden. Das erleben wir nun in mehreren Ländern, auch in Brasilien.

Die Strassen mehrere europäischer und arabischer Länder, die „Empörten“, die in Spanien und Griechenland massiv auf die Strasse gehen, sind Ausdruck einer Rebellion gegen das bestehende politische System, das im Dienste der Märkte und der kapitalistischen Akkumulationslogik steht. Die spanische Jugend ruft: “Wir haben mit keiner Krise, sondern mit Diebstahl zu tun!“ Die Diebe haben sich in Wall Street, im IWF und der Europäischen Zentralbank verschanzt: sie sind die Großpriester des globalisierten ausbeuterischen Kapitals.

Je tiefer die Krise wird, desto zahlreicher werden die Menschenscharen, die die extreme Ausbeutung ihres eigenen Lebens und des Lebens auf Erden überhaupt nicht mehr aushalten können. Und sie werden weiter rebellieren, gegen ein Wirtschaftsystem, das nicht an Altersschwäche, sondern am selbst erzeugten Gift und Widersprüchen dahinsiecht, und dabei die Mutter Erde geißelt und das Leben ihrer Töchter und Söhne verdüstert.


Danke Leonardo Boff
Quelle: http://leonardoboff.wordpress.com/2011/06/22/crise-terminal-do-capitalismo/
Erscheinungsdatum des Originalartikels: 22/06/2011
Artikel in Tlaxcala veröffentlicht: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=5247

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