Freitag, 3. Juni 2011

Libyen: Größtes Militärunternehmen seit der Invasion des Iraks Auf dem Weg zu einer länger andauernden Militäroperation

Der kanadische Professor Michel Chossudovsky untersucht die Hintergründe der NATOLuftangriffe auf Libyen und kommt zu dem Schluss, dass sie bereits Monate vor Beginn der Protestbewegungen in Nordafrika als Teil einer großanlegten Militäroperation zur Sicherung der globalen Öl- und Gasreserven für die westlichen Ölkonzerne geplant wurden.


Von Michel Chossudovsky
Global Research, 20.05.11

Lügenkampagne der internationalen Medien: Bomben und Raketen werden als Instrumente des Friedens und der Demokratisierung verkauft ...

Das ist keine humanitäre Operation. Mit dem Krieg gegen Libyen wird ein neuer regionaler Kriegsschauplatz eröffnet.

Im Gebiet des Mittleren Ostens und Zentralasiens gibt es bereits drei ausgeprägte Kriegsschauplätze: Palästina, den Irak und Afghanistan.

Jetzt eröffnen die USA und die NATO in Nordafrika einen vierten Kriegsschauplatz, der die Gefahr der Eskalation in sich trägt.

Diese vier Kriegsschauplätze stehen in einem inneren Zusammenhang und sind Teile eines militärischen Gesamtplans der USA und der NATO.

Der ehemalige NATO-Oberkommandierende und US-General Wesley Clark hat bestätigt, dass die Bombardierung Libyens bereits vor Jahren auf den Reißbrettern des Pentagons entworfen wurde.

Die "Operation Odyssey Dawn" (Operation Odyssee Morgenröte, Code-Bezeichnung für den Libyen-Krieg), die sich zur "größten Militäroperation des Westens in der arabischen Welt seit der Invasion des Iraks auswächst, begann vor exakt acht Jahren." [Russland: Stoppt die `rücksichtslose` Bombardierung Libyens – Taiwan News Online].

Auch dieser Krieg ist Teil der Schlacht um das Öl. Libyen gehört mit etwa 3,5 Prozent der verbliebenen globalen Ölreserven zu den größten Ölförderländern der Welt; seine Ölvorräte sind doppelt so groß, wie die der USA.

Das (mit dem Libyen-Krieg) verfolgte Ziel ist die Gewinnung der Kontrolle über Libyens Ölund Gasreserven unter dem Deckmantel einer humanitären Intervention.

Die geopolitischen und wirtschaftlichen Implikationen der Militäraktion der USA und der NATO gegen Libyen sind sehr weitreichend.

Die "Operation Odyssey Dawn" ist Teil eines größeren militärischen Gesamtplans für den Mittleren Osten und Zentralasien, in dem es darum geht, westlichen Ölkonzernen die Kontrolle und die Verfügungsgewalt über mehr als sechzig Prozent der Öl- und Gasreserven der Welt einschließlich der für den Transport notwendigen Pipelines zu sichern.

Nach einem Bericht in der Zeitschrift "Oil and Gas Journal" ist Libyen mit 46,5 Milliarden Barrels an nachgewiesenen Ölreserven – dem Zehnfachen der Ölreserven Ägyptens – das größte Ölförderland auf dem afrikanischen Kontinent, gefolgt von Nigeria und Algerien. Im Gegensatz dazu verfügen die USA nach Angaben der Energy Information Administration nur noch über 20,6 Milliarden Barrels an nachgewiesenen Ölreserven [U.S. Crude Oil, Natural Gas and Natural Gas Liquids Reserves; Artikel hier]


Das größte Militärunternehmen seit der Invasion des Iraks

Eine Militäroperation dieser Größe und dieses Umfangs, an der sich mehrere NATO-Staaten und weitere Partnerländer beteiligen, kann nicht einfach improvisiert werden. Die Planung der "Operation Odyssey Dawn" war bereits vor Beginn der Protestbewegungen in Tunesien und Ägypten sehr weit fortgeschritten.

Der Weltöffentlichkeit wurde suggeriert, die Protestbewegung hätte sich von Tunesien und Ägypten spontan nach Libyen ausgeweitet.

Der bewaffnete Aufstand im Osten Libyens wurde mit Hilfe ausländischer Mächte inszeniert. Die Rebellen in Bengasi kämpften von Anfang an unter der rot-schwarz-grünen Fahne mit Halbmond und Stern, der Fahne der Monarchie des Königs Idris, der von den ehemaligen Kolonialmächten inthronisiert worden war. [s. Manlio Dinucci, Libyen - Wenn historische Erinnerungen verdrängt werden, Global Research, 28.02.11, Artikel s. unter http://globalresearch.ca/index.php?context=va&aid=23414 )

Der Aufstand war genau auf das Timing des Militäreinsatzes abgestimmt. Er wurde Monate vor Beginn der Protestbewegung als Teil einer verdeckten Operation sorgfältig geplant.

Nach zuverlässigen Berichten haben US-amerikanische und britische Spezialtruppen direkt vor Ort "die oppositionellen Kräfte" von Anfang an unterstützt.

Wir befassen uns also mit Ereignissen, die von Militärs und Geheimdienstlern im Voraus genauestens geplant wurden.

Die Komplizenschaft der Vereinten Nationen


Bis jetzt hat die Bombardierungskampagne nur unzählige zivile Opfer gefordert, die von den Medien entweder als "Kollateralschäden" abgetan oder den libyschen Streitkräften angelastet werden. (Nach libyschen Angaben wurden bis zum 01.06.11 mehr als 700 Zivilisten getötet und über 4.000 verletzt.)

Vor diesem Hintergrund wirkt es wie eine bittere Ironie, dass der UN-Sicherheitsrat mit seiner Resolution 1973 die NATO ausdrücklich "mit dem Schutz von Zivilisten" beauftragt hat.
Schutz von Zivilisten

(Der UN-Sicherheitsrat)
4. autorisiert die Mitgliedstaaten, die an den Generalsekretär herangetreten sind, dazu, allein oder in regionalen Zusammenschlüssen in Zusammenarbeit mit dem Generalsekretär – ungeachtet des Absatzes 9 der Resolution 1970/2011 – alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, die erforderlich sind, um Zivilsten und zivile Wohngebiete im Bereich der Libysch-Arabischen Dschamahiriyya (Erläuterungen dazu unter http://de.wikipedia.org/wiki/Dschamahiriyya ), einschließlich Benga- 2/9 sis, vor drohenden Angriffen zu schützen, schließt aber gleichzeitig jede Besetzung libyschen Territoriums durch ausländische Streitkräfte aus und fordert die beteiligten Mitgliedstaaten auf, den Generalsekretär umgehend über alle Maßnahmen zu benachrichtigen, die sie im Rahmen dieses Mandats ergriffen haben, damit er sofort den Sicherheitsrat darüber informieren kann [aus der Resolution des UN-Sicherheitsrates zu Libyen: Errichtung einer Flugverbotszone und andere Maßnahmen vom 18.03.11, s. http://globalresearch.ca/index.php?context=va&aid=23780 ]

Die UN-Resolution gibt den Koalitionsstreitkräften freie Hand für einen uneingeschränkten (Luft-)Krieg gegen einen souveränen Staat und verstößt damit gegen das Völkerrecht und und die Charta der Vereinten Nationen. Sie dient vor allem den Interessen des Großkapitals: Sie erlaubt der Militärkoalition nicht nur, ein souveränes Land zu bombardieren, sie gestattet auch das Einfrieren von Vermögenswerten und gefährdet damit das libysche Finanzsystem.
Das Einfrieren von Anlagen

(Der UN-Sicherheitsrat)
19. beschließt, dass das in den Absätzen 17, 19, 20 und 21 der Resolution 1970/ 2011 verfügte Einfrieren von Anlagen auf alle Konten oder andere Finanz- und sonstigen Rücklagen ausgedehnt wird, die sich auf den Territorien (der Mitgliedsländer) befinden und im Besitz der libyschen Regierung sind, bzw. direkt oder indirekt von ihr kontrolliert werden, ...

Nirgendwo in der UN-Resolution wird ein Regimewechsel erwähnt oder gefordert. Trotzdem wird zugestanden, dass die oppositionellen Kräfte einen Teil des nach Absatz 19 der Resolution 1973 beschlagnahmten Geldes erhalten sollen. Tatsächlich wurden mit Oppositionsführern bereits diesbezügliche Gespräche geführt. Das könnte man auch als angemaßte Verfügungsgewalt oder Finanzbetrug bezeichnen.
(Der UN-Sicherheitsrat)
20. bestätigt seine Bereitschaft, sicherzustellen, dass nach Artikel 17 der Resolution 1970/2011 eingefrorene Geldmittel später, aber möglichst bald den Menschen im Bereich der Libysch-Arabischen Dschamahiriyya zur Verfügung gestellt werden;
Unter Berufung auf Absatz 13 der Resolution werden die Koalitionsstreitkräfte die "Erzwingung eines Waffenembargos" gegen Libyen durchsetzen, obwohl sie selbst durch Waffenlieferungen an die oppositionellen Kräfte in Bengasi den Absatz 13 von Anfang an verletzt haben.

Ein länger andauernder Militäreinsatz?

Erklärte Absichten werden ins Gegenteil verkehrt. Nach einer äußerst seltsamen Logik sollen Frieden, Sicherheit und Schutz für die libysche Bevölkerung durch Raketen- und Bombenangriffe durchgesetzt werden.

Das Ziel des Militäreinsatzes ist nicht der Schutz von Zivilisten, sondern ein Regimewechsel und die Aufsplitterung eines Staates, wie das bereits mit Jugoslawien geschehen ist; Libyen soll in verschiedene Teilstaaten gespalten werden. In Washington wird schon seit vielen Jahren über die Bildung eines selbständigen Staates im ölreichen Osten Libyens nachgedacht.

Kaum eine Woche vor Beginn der Bombenangriffe betonte James Clapper, der Koordinator aller US-Geheimdienste, in einem Hearing vor dem Verteidigungsausschuss des US- 3/9 Senates, Libyen verfüge über eine leistungsfähige Luftverteidigung, und die angestrebte Errichtung einer Flugverbotszone könne deshalb auf einen längeren Militäreinsatz hinauslaufen.

Der Nationale Sicherheitsberater (der USA) wiederholt ständig, die Politik Obamas "ziele darauf, dass Gaddafi sein Amt niederlege".

Durch Clappers Aussagen wurde deutlich, wie schwierig das werden könnte.

Vor dem Senats-Ausschuss äußerte Clapper, weil "Gaddafi fest im Sattel" sitze, rechne er "nicht mit dessen baldigem Rücktritt".

Als er begründete, warum er glaube, dass Gaddafi lange durchhalten werde, sagte Clapper, das Regime habe militärisch gut vorgesorgt, und die am besten ausgebildeten und ausgestatteten Einheiten der Armee hielten treu zu Gaddafi; dazu gehörten auch die von Gaddafis Sohn Khamis kommandierte 32. Brigade und die 9. Brigade.

Der Großteil der militärischen Ausrüstung Libyens bestehe aus in Russland hergestellten Luftabwehr-Raketen, Artillerie-Geschützen, Panzern und anderen Fahrzeugen, "und die libysche Armee könne sie sehr gut handhaben und in Stand halten".

Clapper widersprach Behauptungen, eine Flugverbotszone über Libyen sei schnell und ohne Probleme einzurichten, denn Gaddafi verfüge über das zweitgrößte Luftverteidigungssystem in Nordafrika nach Ägypten.

"Sie haben eine Menge russischer Raketen, die sicher lange vorhalten, obwohl ein Teil davon in die Hände der Oppositionellen gefallen ist," fuhr Clapper fort.

Das System bestehe wahrscheinlich aus 31 Abschussvorrichtungen für Boden- Luft-Raketen und einem Radarkomplex und sei "auf den Schutz der Mittelmeerküste ausgerichtet, wo 80 bis 85 Prozent der Bevölkerung leben," ergänzte Clapper. Die Streitkräfte Gaddafis hätten auch "eine sehr große Anzahl von Luftabwehrraketen", die von der Schulter abgefeuert werden könnten.

Army-General Ronald Burgess, der Direktor des (Militärgeheimdienstes) Defense Intelligence Agency, bestätigte Clappers Einschätzung und teilte mit, Gaddafis Armee habe sich nach Anfangserfolgen der Oppositionellen wieder stabilisiert.

"Ob Gaddafi am Ende siegen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abzuschätzen," sagte Burgess. "Wir haben jetzt einen Zustand des Gleichgewichts erreicht, ... aber das Regime könnte auch wieder die Initiative ergreifen."

Wenige Stunden nach Clappers Aussage lieferte Thomas Donilon, der Nationale Sicherheitsberater Obamas, eine völlig konträre Bewertung, und machte damit deutlich, dass große Meinungsunterschiede zwischen dem Weißen Haus und den US-Geheimdiensten bestehen.

Er sagte, die Analyse der Geheimdienst-Chefs sei "statisch" und "eindimensional" gewesen und habe nur das derzeitige militärische Gleichgewicht, aber nicht die wachsende Isolierung Gaddafis und die internationale Unterstützung für seine Gegner in Betracht gezogen. (Das Weiße Haus und die Geheimdienste schätzen die Lage in Libyen ganz unterschiedlich ein, McClatchy, 11.03.11. Dieser Artikel ist hier aufzurufen .)

Die vorhergehenden Einschätzungen deuten darauf hin, dass die "Operation Odyssey Dawn" in einen länger andauernden Krieg ausarten könnte, in dem auch den USA und der NATO größere Verluste drohen.

Libysche Quellen haben von Anfang an über Rückschläge bei den NATO-Luftangriffen berichtet.

In den ersten Stunden nach Beginn der Luftangriffe sollen nach unbestätigten libyschen Angaben bereits drei französische Kampfjets abgeschossen worden sein. [s. Mahdi Darius Nazemroaya, Sondermeldung: Libysche Krankenhäuser angegriffen. Nach libyschen Angaben wurden drei französische Kampfjets abgeschossen, Global Research, 19.03.11, s. http://globalresearch.ca/index.php?context=va&aid=23801 ].

Das libysche Fernsehen berichtete, bei Tripolis sei ein französischer Kampfjet abgeschossen worden. Die französische Armee bestritt diese Meldung.

"Wir weisen die Behauptung zurück, in Libyen sei ein französisches Jagdflugzeug abgeschossen worden. Alle heute im Einsatz befindlichen Flugzeuge sind wieder zurückgekehrt," wird Oberst Thierry Burkhard, der Sprecher der französischen Armee, in der Zeitung "Le Figaro" zitiert. "[Libyen: Ein französisches Jagdflugzeug wurde abgeschossen! Die französische Armee bestreitet diese Information, xiannet.net, 20.03.11, Artikel s. http://www.xianet.net/2011/03/libya-a-french-fighter-plane-wasshot- down-the-french-army-denies-this-information/ ]
Noch nicht bestätigte interne libysche Quellen meldeten am Sonntag auch den Abschuss von zwei Kampfjets aus Katar. Nach nicht bestätigten libyschen Berichten wurden bisher insgesamt fünf französische Kampfjets abgeschossen. Drei dieser angreifenden französischen Flugzeuge sollen bei Tripolis abgeschossen worden sein. Die anderen beiden französischen Kampfjets seien bei einem Angriff auf Surt abgeschossen worden. [Mahdi Darius Nazemroaya, Libysche Quellen berichten über die Gefangennahme von Italienern. Weitere Jets der Koalition abgeschossen, Global Research, 20.03.11, Artikel s. unter http://globalresearch.ca/index.php?context=va&aid=23807 ]

Quelle, Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost kl.de

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