Mittwoch, 27. Juli 2011

Die US-Strategie in Afghanistan: Sinn- und erbarmungslos!

Rick Rozoff äußert sich in einem Interview mit der Voice of Russia zu den eigentlichen Zielen und der heimtückischen Strategie, die von den USA und der NATO in Afghanistan verfolgt werden.


Voice of Russia, 22.07.11
John Robbles interviewt Rick Rozoff, den Herausgeber der Website Stop NATO, der auch zu den Autoren der in Montreal, Kanada, angesiedelten Website Global Research gehört
Ich möchte Ihnen einige Fragen zur Kommandoübergabe in Afghanistan stellen, die von General Petraeus an General Allen erfolgt ist. Erwarten Sie in naher Zukunft eine grundlegende Änderung der Situation in Afghanistan?

Nein, die erwarte ich nicht. Das ist nur die bisher letzte Auswechslung des militärischen Oberbefehlshabers in Afghanistan, der in Personalunion sowohl die US-Truppen der so genannten Operation Enduring Freedom / OEF als auch die International Security Assistance Force / ISAF der NATO kommandiert. Vor zwei Jahren wurde General David McKiernan (wegen Erfolglosigkeit) seines Amtes enthoben (s. hier) und durch General Stanley McChrystal ersetzt; aber auch dieser musste schon bald darauf General David Petraeus weichen (s. hier und hier).

Auf Petraeus folgt nun John Allen, ein General der Marineinfanterie. Unter den genannten Oberkommandierenden hat sich die Lage nur immer weiter verschlechtert, und nach den jüngsten Ereignissen in Afghanistan gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass sich das ändern wird – ganz sicher nicht zum Besseren. Es ist bekannt, dass jeder neu ernannte Kommandeur die Brutalität und die Intensität der militärischen Aktionen gesteigert hat, und dass unter Petraeus vor allem die so genannten "Night Raids", die nächtlichen Überfälle der Special Forces (der US-Killertrupps) stark ausgeweitet wurden; bei diesen Aktionen wurden nicht nur viele Zivilisten umgebracht, sie lösten meistens auch noch zusätzliche Luftangriffe aus.

Wir wissen zum Beispiel, dass in der ersten Jahreshälfte bis Ende Juni 2011 fast 1.500 afghanische Zivilisten getötet wurden; in diesem Krieg sind das die bisher meisten zivilen Toten in sechs Monaten, und es sind sehr viel mehr Tote als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Nach einer neueren Untersuchung mussten in den letzten beiden Jahren 250.000 Afghanen wegen heftiger Kämpfe aus ihren Städten und Dörfern fliehen. Auch das ist ein neuer Rekord. Das sind sichere Anzeichen dafür, dass sich die Situation in Afghanistan keinesfalls verbessert hat.

Warum sind die US-Truppen in Afghanistan?

Dazu kann ich Ihnen nur meine persönliche Einschätzung mitteilen, und die hat sich seit dem Überfall auf Afghanistan vor fast zehn Jahren nicht geändert; dieser Überfall fand damals weniger als drei Monate nach der im Sommer 2001 erfolgten Gründung der Shanghai Cooperation Organization / SCO statt. (Der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit gehören die Volksrepublik China, Russland, Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan an; s. hier.) Unabhängig von der (vorgeschobenen) Jagd auf Osama bin Laden oder irgendwelchen anderen Gründen, die für den nun bald zehn Jahre andauernden Krieg in Afghanistan geltend gemacht werden, gehe ich davon aus, dass es den USA und ihren westlichen Verbündeten in Wirklichkeit nur darauf ankam, sich in dem Land festzusetzen, das zwischen Russland, China, dem Iran, Indien, Pakistan und anderen Staaten liegt, die in der Lage sein könnten, eine multipolare Alternative zu der unipolaren Welt zu bilden, die von den USA beherrscht wird. Wir müssen auch daran denken, dass die USA und ihre NATO-Verbündeten in Kirgisistan, Tadschikistan, Usbekistan und Pakistan bereits militärische Stützpunkte errichtet haben; Pakistan hat erst kürzlich die Schließung der US-Basis (auf seinem Territorium) gefordert (s. hier), von der aus die Drohnen gestartet werden, deren Raketen schon rund 2.500 Pakistaner getötet haben – wobei die Zahl der Opfer im letzten Jahr mit etwa 1.000 ihren bisherigen Höchststand erreicht hat. Im Januar 2010 zitierte (der pakistanische TVSender) Dawn News Aussagen aus dem Verteidigungsministerium Pakistans, nach denen von 714 im Jahr 2009 in Pakistan durch US-Drohnen getöteten Menschen nur fünf Al Qaida- oder Taliban-Kämpfer waren.

Nur fünf?

Nur fünf. Wir können aber annehmen, dass durch die Drohnen-Angriffe mehrere hundert, wenn nicht sogar über tausend Zivilisten getötet wurden; und diese Angriffe werden in Afghanistan und Pakistan – wie früher schon im Irak – noch zunehmen, ebenso im Jemen, seit kurzem auch in Somalia und natürlich nach der Verlegung von US-Predator-Drohnen nach Libyen auch in diesem Land. Die USA führen also schon in sechs Ländern ihren Drohnen-Krieg. Ich glaube, dass sich der Drohnen- Einsatz in Afghanistan noch erhöhen wird, nachdem General Allen den Befehl über die Truppen der USA und der NATO in Afghanistan übernommen hat. Nicht das Pentagon, sondern die CIA ist für die meisten Drohnen-Angriffe verantwortlich. Und wer wurde gerade – und nicht erst im September – zum Chef der CIA gemacht?

Petraeus?

Ja. Deshalb wird sich auch nichts ändern, denn der bisherige militärische Oberbefehlshaber in Afghanistan ist ja jetzt als Chef dieses US-Geheimdienstes für die Drohnen-Angriffe zuständig. Es ist daher gerechtfertigt, von einer Zunahme der Drohnen-Angriffe in Pakistan auszugehen. Und das Blutbad, das die Hellfire-Raketen der Drohnen in Afghanistan anrichten, wird sich nicht von dem Gemetzel in Pakistan unterscheiden.

Wie würden Sie den Krieg, den die USA und die NATO in Afghanistan führen, insgesamt charakterisieren? Als kompletten Fehlschlag, oder wurden bleibende Erfolge erzielt?


Kürzlich hat der American Forces Press Service, die Presseagentur des Pentagons – also eigentlich das US-Verteidigungsministerium – einen Artikel veröffentlicht, in dem ganz beiläufig erwähnt wurde, dass sich die Fläche der Shindand Air Base in der Provinz Herat verdreifacht hat, und dass sie damit zum zweitgrößten Militärflugplatz in Afghanistan nach Bagram geworden ist. Im vergangenen Jahr haben die USA und ihre NATO-Verbündeten weitere Flugplätze in Afghanistan erweitert – neben Bagram und Shindand auch Kandahar, Mazar e Sharif und Dschalalabad; jetzt verfügen sie also über genügend (ausgebaute und befestigte) Militärflughäfen, um nicht nur ganz Afghanistan, sondern auch große Teile des Mittleren Ostens kontrollieren zu können, zusätzlich zu den sonstigen Möglichkeiten zum dauernden Truppen-Transit.

Sie haben auch ein Northern Distribution Network (ein nördliches Verbindungsnetz) aufgebaut, über das Transporte in der Luft, auf Schienen und auf Straßen bis in den Norden Afghanistans abgewickelt werden können; es schließt 13 der 15 ehemaligen Sowjetrepubliken ein – alle außer Moldawien und der Ukraine.

Über dieses erstaunliche Verbindungsnetz können jederzeit Menschen und Material hin und her transportiert werden; erst kürzlich wurde der erste Flug von den USA über den Nordpol und Kasachstan nach Afghanistan durchgeführt. Es wurde also ein militärisches Netzwerk aufgebaut, das die ganze Welt umspannt. Außerdem sollten wir daran denken, dass in Afghanistan Truppen aus über 50 Staaten unter dem Kommando der NATO stehen; das ist die größte Anzahl von Ländern, die jemals einem zentralen Kommando Truppen für den Krieg gegen ein einziges Land zur Verfügung gestellt haben. Wir sollten auch bedenken, dass Afghanistan als riesiger Truppenübungsplatz genutzt wird, auf dem die US-Streitkräfte mit Truppen ihrer NATO-Verbündeten und anderer Partner in echten Kampfsituationen üben können, wie Streitkräfte aus mindestens 50 Staaten unter einem einheitlichen, von den USA dominierten Oberkommando mit Englisch als gemeinsamer Befehlssprache kooperieren können. Ich behaupte, dass Afghanistan auch als Laboratorium zur Integration der Streitkräfte der verschiedenen Länder dient.

Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

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