Donnerstag, 14. Juli 2011

Was man sagen kann und was nicht

Von Ran HaCohen

Faschismus oben

Am Montagabend wurde das Anti-Boykott-Gesetz verabschiedet. Viel wurde gesagt über das, was die amerikanische Regierung – blind wie immer gegenüber der Realität im Mittleren Osten – mit dem Etikett „innere Angelegenheit“ versah. Ich möchte dazu sagen, dass meine Leser daran denken sollen, dass es von jetzt an Dinge gibt, die zu sagen mir nicht erlaubt sind. Zum Beispiel habe ich schon einige Male meine Unterstützung für einen Boykott von Produkten aus den Siedlungen ausgedrückt; das darf ich jetzt nicht mehr tun. Ich sage nicht, dass ich bis jetzt alles sagen konnte, was ich sagen wollte: Selbstzensur ist so gut wie unvermeidlich für kritische Schriftsteller, die in Israel leben. Jetzt aber gibt es eine offizielle Bestätigung durch das israelische Parlament: Israelis dürfen nicht frei sagen, was sie denken. Die „einzige Demokratie im Mittleren Osten“ gesellt sich offen zu den umliegenden „Demokratien“ – in einer Zeit, in der einige dieser „Demokratien“ versuchen wirkliche Demokratien zu werden. Wir hinken hinterher. Oder besser: wir bewegen uns zurück. Sehr schnell.


Das Gesetz könnte vom israelischen Höchstgericht außer Kraft gesetzt werden, aber das wird nur die faschistische Koalition in ihrem Bestreben anspornen, die Befugnisse des Höchstgerichts einzuschränken, was sie schon seit Jahren tun möchte. Inzwischen hat Gush Shalom - das den Boykott von Produkten aus den Siedlungen vor vielen Jahren ins Leben gerufen hat – die Liste dieser Produkte von seiner Website genommen. „Wir können es uns nicht leisten, die Liste weiterhin zu veröffentlichen,“ sagen sie. Auf der anderen Seite erkennt das viel gemäßigtere Peace Now, das bisher nie den Boykott unterstützte (zu „kontrovers“), die Empörung bei der Linken und versucht auf diesen Zug aufzuspringen.

Wovor fürchtet sich Gush Shalom? Ein entlarvender Aspekt des neuen Gesetzes ist die Art, in der es angewendet werden soll. Der Staat Israel wird niemanden wegen Aufrufs zu einem Boykott anklagen – das würde ein schlechtes Bild im Ausland machen. Stattdessen kann jeder, der sich durch einen Boykott betroffen fühlt, denjenigen klagen, der dazu aufgerufen hat, wobei dann vor Gericht – das ist das Gesetz – der Kläger nicht den Schaden nachweisen muss, der ihm zugefügt worden ist.

Anders gesagt, jeder israelische Produzent mit Standort in den okkupierten Territorien kann jeden klagen, der zu einem Boykott aufruft. Wenn ich dazu aufrufe, alle Produkte aus den Siedlungen zu boykottieren – ich sage nicht, dass ich das mache, ich sage „wenn“ – kann mich jede einzelne Firma mit Standort in den okkupierten Territorien klagen, und es gibt hunderte von solchen Firmen. Diese arbeiten nicht nur auf gestohlenem palästinensischem Land, erfreuen sich nicht nur großzügiger staatlicher Subventionen von meinem Steuergeld (das ist in erster Linie der Grund, warum sie in die Territorien gezogen sind) – sondern können mich jetzt klagen und auch Geld von mir kassieren für den Aufruf zu einem Boykott (wenn ich einen solchen jemals machen würde). Was als eine Enteignung der Palästinenser begonnen hat, entwickelt sich jetzt weiter zur Enteignung eines jeden Israelis, der gegen diese Enteignung aufzutreten wagt. Was als Versklavung der Palästinenser begann, kann enden in der Versklavung ihrer Unterstützer in Israel.

Das ist vielleicht eine Innovation, aber die Siedler selbst zu benutzen, um die Okkupation voranzutreiben, ist eine typische alte israelische Strategie. Der Staat überlässt einige der Funktionen, die ihn in Verlegenheit bringen könnten, den Siedlern. Es ist nicht immer der Staat Israel, der den Palästinensern Land und Wasser stiehlt. Es sind nicht immer die israelischen Soldaten, die palästinensische Männer, Frauen, Kinder und Vieh drangsalieren, die ihnen Steine nachwerfen, ihre Felder anzünden, ihre Bäume umschneiden, ihre Oliven rauben und das Öl verkaufen. Manchmal ist es der Staat oder seine Soldaten, aber immer öfter sind es die Siedler, die angeblichen Zivilisten, die insgeheim (oder offen) vom Staat gedeckt werden. Die Siedler machen die Drecksarbeit, die der Staat eher nicht machen will. Der Staat gibt ihnen dafür das Werkzeug – Geld, Waffen, Gesetze, Wegschauen, Straflosigkeit – während die Siedler die Arbeit machen. Das ist die typische Funktion einer Miliz in einem faschistischen System: bisher hat sie die Palästinenser terrorisiert, jetzt bekommt sie eine gesetzliche Lizenz, um ihre israelischen Gegner zu terrorisieren. Denken Sie daran, wenn Sie Shimon Peres das nächste Mal über „die Extremisten auf beiden Seiten“ sprechen hören. Der israelische Extremist hat eine Regierung, die hinter ihm steht.

Rassismus unten

Aus dem Ausland nach Israel zurückzukehren ist immer eine kritische Sache. Ich wundere mich immer, wie lange es dauern wird, bis ich seufze und zu mir selbst sage: „Schon gut, ich bin in Israel.“ Letztes Jahr geschah das, als ich den Frühzug vom Flughafen um 05.00 nahm, und etwas verwirrt nach einem Nachtflug eine Sekunde zögerte, ob es wohl der richtige Zug sei. Plötzlich schrie mich ein junger Mann in Uniform an: „Mach schon weiter, steig doch endlich ein! Siehst du nicht, dass wir schon Verspätung haben?!“ Schon gut, ich bin in Israel. Ich war gerade zwei Wochen lang in Äthiopien gewesen und niemand, jung oder alt, schwarz oder weiß, wagte es, mit mir zu schreien.

Dieses Mal, vielleicht noch unbewusst traumatisiert durch dieses Erlebnis, vielleicht auch nur wegen der lausigen Bahnverbindung vom Flughafen spät in der Nacht, entschied ich mich, für die Fahrt nach Hause ein Taxi zu nehmen. Ich setzte mich neben den älteren Fahrer, der so freundlich war, mir beim Verstauen des Gepäcks behilflich zu sein. Er fuhr los, erblickte einen Passanten auf dem Gehsteig des Flughafens und begann unvermittelt unflätig zu fluchen, stieß Schimpfwörter aller Art aus, die hier nicht wiederholt werden können, erwies sich aber als extrem versiert angesichts seines schlechten Hebräisch. Ich war schockiert. Ich blickte zurück: Es war ein unschuldiger Passant, ein Moslem, mit Bart und sauber gekleidet in ein weißes Gewand. Er stand dort nur, vielleicht wartete er auf ein Taxi.

Der Fahrer sah mein Befremden und begann sofort, sich zu entschuldigen. Indem er seine Hand auf mein Knie legte schwor er, dass er es nicht so gemeint habe. Er wollte nicht mich beleidigen oder mich verfluchen, sondern nur diesen verfluchten dreckigen Araber, der dort stand; es gehöre verboten, dass sie sich überhaupt dort befinden dürfen!

Ich überlegte, ob ich aussteigen sollte, aber ich war zu müde. Ich fragte also den Fahrer, ob er diesen Mann kenne und was ihm dieser getan habe. Er antwortete, dass er diesen speziellen Araber nicht kenne, dass aber alle Araber gleich sind und dass sie alle der Teufel holen soll.

Ich sagte ihm, dass ich gerade aus Antwerpen komme und kein Taxifahrer dort auch nur auf die Idee käme, in dieser Art über die dort ansässigen Juden zu sprechen, die (die meisten sind orthodox) auch Bärte tragen und sich anders? kleiden.

Er erklärte, dass Araber Lügner sind: vor kurzem beförderte er einen Araber nach Kfar Saba, und als sie ankamen, wollte der Fahrgast die Fahrt ins nahe gelegene Qalqilya [-so in Wikipedia] fortsetzen, das nur wenige Minuten entfernt liegt.

War der Fahrer nicht froh, ein paar Cents mehr zu verdienen? Nein, überhaupt nicht, denn er fährt nicht nach Qalqilya. Das liegt in der West Bank. Er weigerte sich. „Wir fahren nicht in die Territorien.“ Zu gefährlich. Ein paar Geschichten über berüchtigte palästinensische Autodiebe folgten.

Ich fragte den Fahrer, was er machen würde, wenn ich ihn ersuchte, mich nach Ariel oder Tapuach zu bringen, illegale Siedlungen in der West Bank.

„Das mache ich gerne, mein Freund,“ sagte der Fahrer. „Gerne bringe ich Sie dorthin.“

„Es ist also nicht so, dass ihr nicht in die Territorien fahrt, sondern ihr fahrt in die jüdischen Siedlungen in den Territorien, fahrt aber nicht in die arabischen Orte, stimmt´s?“

„Wir fahren in arabische Orte,“ sagte er. „Ich kann Sie nach Umm-el-Fahm oder Nazareth bringen [gehören zu Israel] – aber nicht in die Territorien. Und dieser dreckige Palästinenser hätte mir gleich schon sagen sollen, dass er nach Qalqilya fahren will.“

„Aber wenn er Ihnen die Wahrheit gesagt hätte, dann hätten Sie sich geweigert, ihn zu befördern, stimmt´s?“

Der Fahrer gab zu, dass das stimmte.

„Was hätten dann Sie an seiner Stelle getan? Was würden Sie tun, wenn sie nachhause nach Qalqilya fahren müssten, wohin keine Züge noch Busse fahren?“

Der Fahrer gestand schließlich ein, dass er keine Lösung für den Palästinenser wüsste, dessen einzige Sünde es war, in Qalqilya zu wohnen.

Ich kam zurück auf den anderen Araber, den am Flughafen: Was hat er dem Fahrer getan? Der Fahrer antwortete mir mit einem Satz, den ich zuvor gesagt hatte: „Man kann das nicht verallgemeinern, jeder Mensch ist anders.“ Und: „Bitte missverstehen Sie mich nicht, mein Herr, ich bin kein schlechter Mensch.“

Er erzählte mir dann, dass er vor 21 Jahren aus Taschkent, Usbekistan, ausgewandert ist. Wo 90 Prozent der Bevölkerung Moslems sind, füge ich jetzt hinzu. Er kehrt jedes Jahr zurück, um alte Freunde zu besuchen.

Ich denke nicht, dass der Taxifahrer ein schlechter Mensch ist. Er ist nur ein Symptom. Er hat aus Erfahrung gelernt, dass es in Israel im Jahr 2011 in Ordnung ist, einen Menschen mit einem Schwall schmutziger Wörter zum Teufel zu schicken, nur weil er Araber ist. Oder besser: dass es in Ordnung ist, in Anwesenheit eines Fahrgastes einen Schwall schmutziger Wörter gegen einen unschuldigen Araber loszulassen, vorausgesetzt, dass der Fahrgast jüdisch aussieht. Er wollte nicht unhöflich mit mir sein: im Gegenteil, das war seine Art, freundlich zu sein, indem er sich auf unseren gemeinsamen Nenner berief: den Hass gegen die Araber.

Die Historiker sprechen vom Antisemitismus in Deutschland vor der Nazidiktatur als von einem allgemeinen System von Glauben und Äußerungen, das für die durchschnittliche (nicht jüdische) Person als normal, salonfähig, respektabel, ja sogar als tatsächlich gegeben betrachtet wurde. Jedermann hasste Juden, so wie jedermann Küchenschaben hasst – was ist daran besonderes? Der Taxifahrer gibt die gängige Meinung in Israel wieder. Angesichts einer solchen Regierung und einer solchen öffentlichen Atmosphäre ist der alte Taxifahrer der letzte, dem ich eine Schuld zuweisen kann.

erschienen am 13. Juli 2011 auf > www.antiwar.com > Artikel

Übersetzung: antikrieg.com

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen