Dienstag, 30. August 2011

Die NATO wendet ihrer Mission den Rücken zu

von Thierry Meyssan
Voltairenetorg

Nach 150 Tagen Bombenanschlägen hat die NATO zahlreiche Infrastrukturen zerstört, jedoch noch immer nicht den geringsten militärisch bedeutsamen Erfolg verzeichnet. Dieser Fehlschlag muss dem Mangel an vorangehender, strategischer Planung zugeschrieben werden. Die NATO glaubte in Libyen die Standardmethoden anwenden zu können, die sie für andere Fälle konzipiert hatte. Sie ist diesem Sonderfall gegenüber ratlos. Die größte militärische Allianz der Geschichte, die für den Kampf gegen die Sowjetunion gebildet wurde und die geträumt hatte, Weltgendarm zu werden, hat ihre Umstellung nicht geschafft.

Ein Sieg oder eine militärische Niederlage wird gemäß den Kriegszielen, die man sich gesetzt hat beurteilt. In dem Fall der NATO Intervention in Libyen gab es ein UNO Mandat, den Zivilschutz und ein wirkliches, aber nicht im Mandat enthaltenes Ziel, das politische Regime des Landes zu ändern.


Nach fast 150 Tagen Krieg ist es der NATO nicht gelungen, die libyschen Institutionen ins Wanken zu bringen. Wenn man die Unterschiedlichkeit der Kräfte ins Auge nimmt, muss man die militärische Niederlage zugeben und sich Fragen über die gewählte Strategie stellen.

Die Allianz ging von einer falschen Analyse aus, nach der die Muammar Gaddafi feindlich gesinnten Stämme des Ostens und Süden die Hauptstadt Tripolis leicht erobern würden, wenn sie über eine Unterstützung von Luftstreitkräften verfügten. Nun haben diese Stämme im Gegenteil die Bombenanschläge als eine fremdmächtige Aggression betrachtet und sich dem „Bruder Führer“ angeschlossen, um die „Kreuzzugsinvasion“ abzuwehren.

Von da an konnte die Allianz nur mehr mit zwei Komponenten auf dem Boden rechnen: einerseits mit den 3000 kampferprobten Soldaten, die General Abdel Fatah Younes mit sich gebracht hatte, als er von der Regierung abgesprungen ist, und anderseits mit den einigen Hunderten, wenn nicht Tausenden arabischen Kämpfern, die aus dem Netz des saudiarabischen Prinzen Bandar Bin Sultan stammen und unter der Bezeichnung „Al-Qaida“ bekannt sind.

Nach der unter besonders furchtbaren Bedingungen verübten Ermordung des General Younes durch Al-Qaida Djihadisten sind die Rebellen zusammengebrochen: die Soldaten von Younes schlossen sich Oberst Gaddafi an, um Al-Qaida zu bekämpfen und ihren Kommandanten zu rächen. Die Rebellenführung fiel in die Hände von Khalifa Haftar, d.h. unter den Befehl der Spezialtruppen der CIA. Diese hat dann nicht gezögert, sofort neue Kämpfer, woher sie auch kamen, selbst Kindersoldaten anzuheuern.

Diese improvisierte Armee mit schwankender Truppenstärke meldet jeden zweiten Tag einen Sieg, aber erleidet nur Niederlagen. Jede Schlacht hat die gleiche Inszenierung: die NATO Bombenangriffe zwingen die Bevölkerung ihre Häuser zu verlassen. Der Ort wird sofort von den Rebellen besetzt und ihr Vorstoß großartig angekündigt. Der wahre Kampf jedoch beginnt jetzt. Die libysche Armee zieht in die Stadt ein und vernichtet die Rebellen. Dann kommt die Bevölkerung in die teilweise zerstörte Stadt zurück.

Die Atlantische Allianz könnte die Resolution 1973 in erweiterter Weise interpretieren und annehmen, dass trotz des expliziten Verbots, ausländische Truppen auf dem Boden zu entfalten, dies legitim wäre, wenn das Ziel der „Zivilbevölkerungsschutz“ wäre. Die NATO müsste dann der bis zu den Zähnen bewaffneten Bevölkerung begegnen und einen Kampf riskieren. Die Jamahiriya hat tatsächlich an jeden Erwachsenen eine Kalaschnikow verteilt und ein populäres System für die Munitionsverteilung eingerichtet. Selbst wenn die libysche Bevölkerung kein Militärtraining im Vergleich zu den Soldaten der Allianz besitzt, hat sie einen Vorteil ihnen gegenüber, indem sie bereit ist, große Verluste in Kauf zu nehmen, während die NATO Soldaten nicht bereit sind für Tripolis zu sterben.

Seit dem Anfang des Konflikts haben die Strategen aus Washington gedacht, dass alles dies ohne Bedeutung wäre, da sie die höchste Macht besitzen: die Luftherrschaft.

Diese in den USA unbefragte Doktrin verbreitet sich in den Militärakademien der Allianzmitglieder, obwohl sie bis jetzt stark kritisiert wurde. Sie stammt ursprünglich aus den Lehren von General Giulio Douhet des italienisch- ottomanischen Krieges, d.h. aus dem Libyenkrieg von 1911. Damals experimentierten die Italiener den ersten Bombenanschlag der Geschichte auf Tripolis. Durch diese neue Waffe verschreckt, gab das Ottomanische Reich den Widerstand auf. Die italienischen Truppen nahmen ohne einen einzigen Schuss zu vergeuden Tripolis ein. Douhet schloss daraus, dass es möglich ist, einen Krieg allein mit der Luftwaffe gewinnen zu können. Diese Folgerung ist falsch, weil sie die Tatsache, den Ottomanen die libyschen Besitzungen zu entreißen, mit jener, Libyen zu kontrollieren, verwechselt. Die wirklichen Schlachten spielten sich erst später ab, mit dem populären libyschen Aufstand.

Manche Leute werden glauben, dass es einen libyschen Fluch gibt. Auf alle Fälle ist es genau in diesem Land, wo hundert Jahre später der gleiche Irrtum begangen wird. Die Luftvorherrschaft konnte wohl der Jamahiriya die legale Autorität entreißen und sie dem Nationalen Übergangsrat übergeben, aber es hat überhaupt keinen Einfluss auf dem Boden. Um das Land zu kontrollieren müsste die NATO Bodentruppen einsetzen, wie die Italiener in 1912 -14, mehr als die Hälfte der Tripoliseinwohner niedermetzelten, was nicht genau dem Sinn der Resolution 1973 entspricht.

Die Atlantische Allianz hatte bis jetzt die Bombenangriffe im Sinne der Douhet-Doktrin konzipiert, mit den Verfeinerungen, speziell der Theorie der fünf Kreise von John A. Warden III, die im Irak ausprobiert wurde. Die Idee davon ist, dass die Ziele nicht gewählt werden dürfen um die feindlichen Truppen zu zerstören, sondern um die Kommandozentren lahm zu legen und besonders um die Nachrichtenmittel und Verbindungen zu unterbinden.

Die NATO entdeckt dann, dass die Jamahiriya kein Slogan ist, sondern eine Realität. Das Land wird durch Volkskomitees geführt und Muammar Gaddafi hat den größten Teil der Verwaltungen auf das Minimum reduziert. Keine zentralstaatlichen Ministerien mehr, nur einfache kleine Ämter. Die Minister sind nicht hohe Persönlichkeiten sondern eher Mannschaftsführer. Es sind die Ratgeber, die sie für ihr Fachwissen um sich sammeln, die bedeutend sind. Die Macht ist verteilt, unfassbar. Was den nach Libyen gekommenen Geschäftsmännern den Kopf zerbrochen hatte, den richtigen Ansprecher zu finden, wird für die NATO Strategen ein Rätsel: wen auswählen? Fünf Monate Bombardierung haben es nicht erlaubt die Antwort zu finden.

Der einzige Kopf der hervorragt ist Muammar Kadhafi. Die Atlantische Allianz ist auf ihn fixiert. Ist er nicht der Vater der Nation? Ihn eliminieren, bedeutete das Autoritätsprinzip der libyschen Gesellschaft zu zerstören. Diese wäre sofort „irakisiert“, und stürzte ins Chaos. Aber im Gegensatz zum irakischen Präzedenzfall würden die Stammordnung und die horizontale Organisation der Macht bestehen bleiben. Selbst durch innere Konflikte verwirrt, würde die libysche Bevölkerung eine organische Einheit gegenüber der ausländischen Aggression behalten. Kein militärisches Problem würde so gelöst werden und nichts würde das Operationstheater mehr abgrenzen; der Krieg würde über die Grenzen bis nach Nordafrika und Südeuropa sich ausbreiten. Schließlich, wäre nicht Gaddafis Tod das Ärgste?

Bei Abwesenheit jeglicher, der Situation angemessenen Strategie kommt die NATO auf die alten Reflexe der US-Militär Kultur zurück, jene des Korea- und Vietnamkrieges: das Leben der Bevölkerung unmöglich machen, damit sie sich von ihrem „Führer“ abwendet und ihn umstürzt. Seit dem Anfang des Ramadan hat die NATO die Seeblockade verstärkt, um die Versorgung mit Sprit und Nahrungsmitteln zu unterbinden; sie bombardiert elektrische Kraftwerke und Trinkwassereinrichtungen; sie zerstört landwirtschaftliche Kooperativen, kleine Fischerhäfen und Markthallen.

Kurz gesagt macht die Atlantische Allianz genau das Gegenteil ihres Mandats, welches der Sicherheitsrat und die verschiedenen Regierungen der Mitgliedsstaaten ihr gegeben hatten: statt die Bevölkerung gegen ihren Tyrannen zu beschützen, terrorisiert sie die Zivilisten, um sie zur Revolte gegen ihren Leader, den sie unterstützen, aufzustacheln.

Diese Strategie dürfte bis zum Ende des Ramadan dauern. Es werden dann für die Allianz drei Wochen bleiben, um einen bedeutenden Sieg davonzutragen, bevor der Gong schlägt: am 19. September wird sich die Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York abhalten. Sie könnte Erklärungen für die aktuelle Operation verlangen, die Unfähigkeit des Sicherheitsrates Frieden wiederherzustellen, feststellen, und ihre eigenen Vorschläge durchbringen.

En vue de la reprise des combats au sol, début septembre, l’OTAN arme les rebelles de Misrata et nettoie la route qu’ils devront utiliser pour prendre Zlitan. La France ayant refusé de livrer une fois de plus des armes, c’est le Qatar qui a envoyé un avion pour opérer les livraisons, malgré l’embargo onusien. Dans la nuit du 8 au 9 août, l’Alliance a nettoyé la colline de Majer qui pourrait servir d’avant-poste pour défendre Zlitan. Elle a bombardé des fermes et des tentes qui abritaient une vingtaine de famille de déplacés, tuant 85 personnes dont 33 enfants.

Mit Voraussicht auf neue Bodenkämpfe Anfang September, bewaffnet die NATO die Rebellen von Misrata und „reinigt“ die Strasse, die sie benützen werden um Zlitan zu nehmen. Da Frankreich sich noch einmal geweigert hat, Waffen zu liefern, ist es der Katar, der ein Flugzeug trotz des UNO-Embargos für diese Lieferung geschickt hat. In der Nacht vom 8. zum 9. August hat die Allianz den Hügel von Majer „gereinigt“, der als Vorposten dienen könnte um Zlitan zu verteidigen. Sie hat Landwirtschaften und Zelte bombardiert, die ungefähr zwanzig vertriebene Familien beherbergte und 85 Personen getötet, wovon 33 Kinder waren.

Übersetzung
Horst Frohlich

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