Mittwoch, 24. August 2011

Nouriel "Dr. Doom" Roubini: "Karl Marx hatte recht"

Von Joseph Lazzaro, Redakteur der US-Ausgabe
International Business Times, 14.08.11

Ein alter Grundsatz besagt: "Weise ist ein Mensch, der Aufrichtigkeit fast so schätzt wie gute Nachrichten." Nach dieser Vorgabe muss man das Nachfolgende eindeutig der Kategorie Aufrichtigkeit zuordnen.

Wirtschaftswissenschaftler Nouriel "Dr. Doom" Roubini, der Ordentlicher Professor an der New York University ist und vor vier Jahren die globale Finanzkrise richtig vorhergesagt hat, erklärte, eine der kritischen Vorhersagen des Wirtschaftswissenschaftlers Karl Marx zur Entwicklung des Kapitalismus habe sich in der gegenwärtigen globalen Finanzkrise erfüllt.

Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de
Erweist sich die Marx-Kritik am Kapitalismus gerade als zutreffend?

Marx hat in seiner Theorie u. a. behauptet, die inneren Widersprüche des Kapitalismus riefen immer wieder zyklische Krisen hervor, die zumindest Druck auf das Wirtschaftssystem ausübten.

Roubini stellte fest, die Konzerne seien bestrebt, ihre Kosten zu minimieren und möglichst hohe Gewinne zu erzielen; dadurch bliebe immer weniger Geld in den Händen ihrer Beschäftigten zurück, was dazu führe, dass die auch weniger Geld (für von den Konzernen angebotene Güter) ausgeben könnten, wodurch sich der Rückfluss des Geldes zu den Konzernen vermindere.

In der gegenwärtigen Finanzkrise hätten die Konsumenten ohnehin weniger Geld zum Kauf von Gütern zur Verfügung und müssten deshalb ihre Ausgaben verringern und möglichst noch Geld (für Notfälle) sparen; dadurch flösse noch weniger Geld zu den Konzernen zurück.

"Karl Marx hatte also recht," sagte Roubini in einem TV-Interview mit dem Wall Street Journal. (Die Aussage stammt aus dem zweiten Teil des Interviews, der über das zweite kleine Bild von links unter dem oberen großen angeklickt werden kann.) "Der Kapitalismus hat einen Punkt erreicht, an dem er sich selbst zu zerstören droht. Man kann das Einkommen der Arbeitenden nicht ständig verkleinern, um die Gewinne der Kapitalisten zu vergrößern, ohne Überkapazitäten (in der Produktion) zu schaffen und die Nachfrage immer weiter abzusenken. Wir dachten, die Märkte würden das schon richten. Die Märkte haben das aber nicht getan. Was individuell vernünftig erscheint ... ist zu einem Prozess der Selbstzerstörung geworden."

Roubini fügte hinzu, es fehle ein starkes organisches Wachstum des Bruttoinlandsproduktes / BIP, das notwendig wäre, um die Löhne und Ausgaben der Privathaushalte ansteigen zu lassen. Mit einem anderen angesehenen Wirtschaftswissenschaftler, dem Nobelpreisträger Paul Krugman, stimmt er darin überein, dass das 2009 vom US-Kongress beschlossene Konjunkturprogramm von 786 Milliarden Dollar zu klein war, um die Nachfragesteigerung zu schaffen, die notwendig gewesen wäre, um das Wachstum der US-Wirtschaft wieder in Gang zu setzen.

Da kein neues Konjunkturprogramm und damit auch kein starkes BIP-Wachstum zu erwarten ist, bleibe als einzige Lösung eine umfassende Umschuldung für die Banken, für die Hausbesitzer [besonders für Privathaushalte und Familien] und für die Regierungen, erklärte Roubini. Eine solche umfassende Umschuldung sei bisher aber nicht in Angriff genommen worden.

Weil es kein zusätzliches Konjunkturprogramm und keine Umschuldung gegeben habe, gebe es jetzt nur noch "Zombie-Häuser, Zombie-Banken und Zombie-Regierungen".

Es gibt keine vernünftige Alternative zu einem Konjunkturprogramm oder zur Umschuldung

Roubini erläuterte, die USA könnten sich theoretisch aus der gegenwärtigen Misere retten, wenn sie
a) das Wirtschaftswachstum wieder ankurbeln [weil das Wirtschaftswachstum zur Zeit aber stagniere, sei dazu ein neues Konjunkturprogramm notwendig].

b) sparen [Marx habe bereits erkannt, dass sich die Probleme nur vergrößern wenn die Konzerne die Löhne noch stärker kürzen und die Arbeitenden noch mehr sparen müssen] oder

c) die Inflation forcieren [sich damit aber gewaltige Kollateralschäden einhandeln].
Roubini glaubt nicht, dass die USA oder die Welt schon an dem Punkt angelangt sind, an dem sich der Kapitalismus selbst zerstört.

"Wir haben diesen Punkt noch nicht ganz erreicht," sagte Roubini, fügte dann aber hinzu, wenn sich der gegenwärtige Trend fortsetze, bestehe "die Gefahr, dass sich die zweite Phase der Weltwirtschaftskrise, der Fehler von 1937" wiederhole. (Weitere Infos dazu sind hier aufzurufen.)

Ungeachtet der Tatsache, dass durch die Konjunkturprogramme in den ersten vier Jahren des New Deal die Arbeitslosigkeit in den USA von 20,6 Prozent, die zu Beginn der Weltwirtschaftskrise unter der Hoover-Regierung zu beklagen waren, auf 9,1 Prozent absank, musste Präsident Franklin D. Roosevelt 1937 auf Druck der Republikaner im Kongress die Regierungsausgaben kürzen. Das hatte zur Folge, dass die Arbeitslosigkeit in den USA im Jahr 1938 wieder auf 12,5 Prozent anstieg. Auch Präsident Obama wurde gerade von der in der Republikanischen Partei den Ton angebenden Tea Party gezwungen, die Ausgaben zu kürzen.

1937 wurde der US-Wirtschaft durch die voreilige Kürzung der Regierungsausgaben und den dadurch bewirkten Rückgang der Nachfrage schwerer Schaden zugefügt. Roubini befürchtet, dass die bei der Anhebung der Verschuldungsgrenze vereinbarten Ausgabenkürzungen die gleiche Wirkung haben werden.

Meinung des Autors (dieses Artikels) zu den wirtschaftlichen Thesen Roubinis: Im ersten Teil des Interviews, analysiert Roubini messerscharf das gegenwärtige Kernproblem US-Wirtschaft.

Roubini behauptet außerdem, die Volksaufstände in Ägypten und anderen arabischen Staaten und die Unruhen in Griechenland und Großbritannien hätten wirtschaftliche Gründe. [Verursacht seien sie in erster Linie durch die Arbeitslosigkeit und in Ägypten auch durch die steigenden Lebenshaltungskosten.]

Ich bin der Meinung, dass nicht mit dem "baldigen Zusammenbruch des Kapitalismus" oder dem "Zusammenbruch der US-Variante der Konzern-Kapitalismus" zu rechnen ist, weil der Kapitalismus und die freien Märkte viel zu schnell und zu anpassungsfähig (auf Krisen) reagieren. Es wäre aber vermessen zu behaupten, dass die herrschende Wirtschaftsordnung nicht in eine Krise geraten ist.

Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost kl.de

Gegenmeinung: An die Weltöffentlcihekit: die Wahrheit über Griechenland

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