Sonntag, 7. August 2011

Truman log und Hunderttausende starben

David Swanson

Am 6. August 1945 gab Präsident Harry S. Truman bekannt: „Vor 16 Stunden hat ein amerikanisches Flugzeug eine Bombe über Hiroshima abgeworfen, einen wichtigen Stützpunkt der japanischen Armee. Diese Bombe hatte eine Sprengkraft von über 20.000 Tonnen TNT. Sie hatte die zweitausendfache Sprengkraft der britischen ‚Grand Slam,’ der größten Bombe, die in der bisherigen Kriegsgeschichte je eingesetzt worden ist.“

Als Truman Amerika anlog, dass Hiroshima ein Militärstützpunkt war und nicht eine Stadt voller Zivilisten, wollten ihm die Menschen zweifelsohne glauben. Wer wollte mit der Schande leben, einer Nation anzugehören, die eine ganz neue Art von Gräueltaten über die Welt gebracht hat? (Sollte etwa die Bezeichnung von Lower Manhattan als „Ground Zero“ die Schuld auslöschen?) Und als wir die Wahrheit erfuhren, wollten und wollen wir noch immer verzweifelt glauben, dass Krieg Frieden ist, dass Gewalt Erlösung ist, dass unsere Regierung Atombomben abgeworfen hat, um Leben zu retten, oder zumindest um amerikanische Leben zu retten.

Wir reden uns gegenseitig ein, dass die Bomben den Krieg verkürzt haben und mehr Leben gerettet haben als die rund 200.000, die sie gekostet haben. Und doch schickte Japan Wochen, bevor die erste Bombe abgeworfen wurde, nämlich am 13. Juli 1945 ein Telegramm an die Sowjetunion, in dem es seinen Wunsch nach Kapitulation und Beendigung des Krieges zum Ausdruck brachte. Die Vereinigten Staaten von Amerika hatten die japanischen Codes entschlüsselt und lasen das Telegramm. Truman bezog sich in seinem Tagebuch auf „das Telegramm vom Jap-Kaiser, der Frieden haben will.“ Truman war durch Schweizer und portugiesische Kanäle über japanische Friedensangebote schon drei Monate vor Hiroshima informiert worden. Japan wehrte sich nur gegen die bedingungslose Kapitulation und die Absetzung seines Kaisers, aber die Vereinigten Staaten von Amerika bestanden auf diesen Bedingungen bis nach dem Abwurf der Atombomben, und erlaubten Japan erst dann, seinen Kaiser zu behalten.

Präsidentenberater James Byrnes hatte Truman gesagt, dass der Abwurf der Atombomben den Vereinigten Staaten von Amerika erlauben würde, „die Bedingungen für die Beendigung des Krieges zu diktieren.“ Marineminister James Forrestal schrieb in sein Tagebuch, dass Byrnes „sehr bestrebt war, die Angelegenheit Japan zu bereinigen, bevor die Russen ins Spiel kamen.“ Truman schrieb in sein Tagebuch, dass sich die Sowjets darauf vorbereiteten, gegen Japan zu marschieren und „aus mit den Japsen, wenn´s soweit kommt.“ Truman befahl den Abwurf der Bombe auf Hiroshima am 6. August, und einer Bombe eines anderen Typs, nämlich einer Plutoniumbombe, die das Militär ebenfalls testen und vorführen wollte, auf Nagasaki am 9. August. Ebenfalls am 9. August griffen die Sowjets die Japaner an. In den folgenden zwei Wochen töteten die Sowjets 84.000 Japaner, während sie 12.000 ihrer eigenen Soldaten verloren, und die Vereinigten Staaten von Amerika bombardierten Japan weiterhin mit nichtatomaren Waffen. Dann kapitulierten die Japaner.

Die Untersuchung der Vereinigten Staaten von Amerika über strategische Bombardierungen kam zum Ergebnis, dass „ ... Japan sicher vor dem 31. Dezember 1945, höchstwahrscheinlich vor dem 1. November 1945 kapituliert hätte, auch wenn die Atombomben nicht abgeworfen worden wären, sogar wenn Russland nicht in den Krieg eingetreten und keine Invasion geplant oder in Erwägung gezogen worden wäre.“ Ein Andersdenkender, der genau diese Ansicht dem Kriegsminister vor den Bombenabwürfen zur Kenntnis gebracht hatte, war General Dwight Eisenhower. Der Vorsitzende des Generalstabs Admiral William D. Leahy stimmte zu: „Der Einsatz dieser barbarischen Waffe in Hiroshima und Nagasaki brachte keine wesentlichen Vorteile in unserem Krieg gegen Japan. Die Japaner waren bereits besiegt und bereit zu kapitulieren.“

Was auch immer der Abwurf der Atombomben zur Beendigung des Krieges möglicherweise beigetragen haben mag, ist es eigenartig, dass der Ansatz, mit ihrem Abwurf zu drohen, der Ansatz, der während des folgenden ein halbes Jahrhundert lang dauernden Kalten Krieges benutzt wurde, niemals versucht worden ist. Eine Erklärung kann vielleicht in Trumans Bemerkungen gefunden werden, in denen er auf das Motiv der Rache eingeht:

„Nachdem wir die Bombe erfunden haben, haben wir sie benützt. Wir haben sie eingesetzt gegen diejenigen, die uns ohne Warnung in Pearl Harbor angegriffen haben, gegen diejenigen, die amerikanische Kriegsgefangene hungern ließen, sie geschlagen und hingerichtet haben, gegen diejenigen, die jeden Anspruch aufgegeben haben, sich an das Internationale Kriegsrecht zu halten.“

Übrigens konnte Truman Tokio nicht als Ziel wählen – nicht weil es eine Stadt war, sondern weil wir es bereits in Schutt und Asche gelegt hatten.

Die nuklearen Katastrophen waren vielleicht nicht das Ende eines Weltkriegs, sondern die theatralische Eröffnung des Kalten Kriegs und zielten darauf ab, den Sowjets eine Botschaft zu vermitteln. Viele niedere und höherrangige Funktionäre im Militär der Vereinigten Staaten von Amerika einschließlich Oberbefehlshabern waren versucht, seither Atombomben auf Städte zu werfen, beginnend mit Truman, welcher 1950 drohte, Atombomben auf China abzuwerfen. Es entwickelte sich der Mythos, dass Eisenhowers Enthusiasmus für die Bombardierung Chinas mit Atombomben zum raschen Ende des Koreakrieges führte. Der Glaube an diesen Mythos brachte Präsident Nixon Jahrzehnte danach zur Vorstellung, er könne den Vietnamkrieg beenden, indem er vorgab, verrückt genug zu sein, um Atombomben einzusetzen. Noch beunruhigender ist, dass er wirklich verrückt genug war. „Die Atombombe, macht sie dir etwas aus? ... ich möchte nur, dass du groß denkst, Henry, Herrgott noch,“ sagte Nixon zu Henry Kissinger bei der Besprechung möglicher Vorgangsweisen in Vietnam.

Präsident George W. Bush managte die Entwicklung kleinerer nuklearer Waffen, die leichter eingesetzt werden konnten, wie auch die von viel größeren nicht-nuklearen Bomben, wodurch er die Grenzlinie zwischen den beiden verwischte. Präsident Obama stellte 2010 fest, dass die Vereinigten Staaten von Amerika einen Erstschlag mit Atomwaffen führen könnten, aber nur gegen den Iran oder Nordkorea. Die Vereinigten Staaten von Amerika behaupteten ohne jeden Beweis, dass der Iran sich nicht an den Atomwaffensperrvertrag (NPT) halte, obwohl die eindeutigste Verletzung dieses Vertrags das Versagen der Vereinigten Staaten von Amerika ist, an der Abrüstung zu arbeiten, sowie das gegenseitige Verteidigungsabkommen zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und dem Vereinigten Königreich, in dessen Rahmen die beiden Länder Atomwaffen in Verletzung des Artikels 1 des NPT gemeinsam teilen, und obwohl die Politik des atomaren Erstschlags der Vereinigten Staaten von Amerika gegen ein weiteres Abkommen verstößt: die Charta der Vereinten Nationen.

Die Amerikaner werden vielleicht niemals eingestehen, was sie in Hiroshima und Nagasaki gemacht haben, aber unser Land war in einem gewissen Ausmaß darauf vorbereitet. Nachdem Deutschland Polen überfallen hatte, erklärten das Vereinigte Königreich und Frankreich Deutschland den Krieg. 1940 brach das Vereinigte Königreich ein Abkommen mit Deutschland, keine Zivilisten zu bombardieren, ehe Deutschland in der selben Weise gegen England vorging – obwohl Deutschland selbst 1937 Guernica in Spanien und 1939 Warschau in Polen bombardiert hatte und Japan mittlerweile Zivilisten in China bombardierte. Danach bombardierten Großbritannien und Deutschland Jahre lang gegenseitig ihre Städte, ehe die Vereinigten Staaten von Amerika dazu kamen und deutsche und japanische Städte in einer Orgie der Vernichtung bombardierten, die alles bisherige in den Schatten stellte. Als wir japanische Städte mit Brandbomben in Flammen aufgehen ließen, brachte die Zeitschrift Life das Foto eines japanischen Menschen, der zu Tode verbrannte, und kommentierte „das ist die einzige Möglichkeit.“

In der Zeit des Krieges gegen Vietnam waren derartige Bilder sehr umstritten. In der Zeit des Krieges gegen den Irak 2003 wurden derartige Bilder nicht gezeigt, auch die Leichen der Gegner wurden nicht mehr gezählt. Diese Entwicklung, wohl eine Art Fortschritt, hält uns noch immer weit weg von dem Tag, an dem Gräuel dann doch gezeigt werden mit dem Bildtext „Es muss eine andere Möglichkeit geben.“

Die Bekämpfung des Bösen ist das, was Friedensaktivisten tun. Kriege tun das nicht. Und das ist es nicht, was die Kriegsherren motiviert, die die Kriege planen und ins Leben rufen. Man ist allerdings versucht, so zu denken. Es ist sehr edel, tapfer Opfer zu bringen, auch das ultimative Opfer des eigenen Lebens, um das Böse zu beenden. Es ist vielleicht sogar edel, die Kinder anderer Leute zu benützen, um stellvertretend dem Bösen ein Ende zu bereiten, wie es die meisten Kriegsbetreiber machen. Es ist rechtschaffen, Teil eines Größeren zu werden als man selbst ist. Es kann aufregend sein, in Patriotismus zu schwelgen. Es kann zeitweise vergnüglich sein, da bin ich mir sicher, wenn auch weniger rechtschaffen und edel, Hass, Rassismus und anderen gruppenspezifischen Vorurteilen zu frönen. Es ist nett, sich vorzustellen, dass deine eigene Gruppe der von anderen überlegen ist. Und der Patriotismus, Rassismus und andere –ismen, die dich vom Feind unterscheiden, können dich erregend mit einem Schlag eins werden lassen mit deinen Nachbarn und Mitbürgern über die jetzt bedeutungslosen Grenzen hinweg, die uns üblicherweise beherrschen.

Wenn du frustriert und verärgert bist, wenn du dich wichtig fühlen willst, mächtig und beherrschend, wenn du die Freiheit begehrst, in Vergeltung verbal oder physisch zuzuschlagen, wirst du vielleicht einer Regierung zujubeln, die einen Urlaub von der Moral und die offene Genehmigung ankündigt, zu hassen und zu töten. Du wirst draufkommen, dass die eifrigsten Kriegsbefürworter gelegentlich dafür sind, gewaltlose Kriegsgegner in einer Reihe mit dem bösartigen und gefürchteten Feind zu töten und zu foltern; der Hass ist viel wichtiger als sein Objekt. Wenn dir deine religiöse Überzeugung sagt, dass Krieg gut ist, dann bist du wirklich schon weit gekommen. Du bist jetzt Teil des göttlichen Plans. Du wirst nach dem Tod leben, und vielleicht ist es besser für uns, wenn du den Tod über uns alle bringst.

Aber einfacher Glauben an Gut und Böse passt nicht gut mit der wirklichen Welt zusammen, egal wieviele Menschen ihm unhinterfragt anhängen. Er macht dich nicht zu einem Beherrscher des Universums. Im Gegenteil, er legt die Bestimmung über dein Schicksal in die Hände von Leuten, die dich zynisch mit Kriegslügen manipulieren.

Und Hass und Bigotterie bringen keine anhaltende Befriedigung, sondern führen statt dessen zu herber Verbitterung.

Quelle: antikrieg.com

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