Mittwoch, 28. September 2011

Der Niedergang der USA

Von John Atcheson
Common Dreams.org, 15.09.11

Wir haben die Verpflichtung, Bigotte und Ignoranten daran zu hindern, … die Vereinigten Staaten unter ihre Kontrolle zu bringen. – Clarence Darrow im Skopes-Prozess
Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de

Herzlich willkommen in den untergehenden, ehemals großen USA, in einem Staat, der sich wirtschaftlich und moralisch im freien Fall befindet, in einem Staat, der einem Kult aus Habgier, Selbstsucht und Ignoranz verfallen ist.

Dieser Staat versucht zwar an dem Glauben an seine eigene "Einzigartigkeit" festzuhalten, lässt aber gerade alles verkommen, was ihn einmal einzigartig gemacht hat.

Die USA waren einmal führend in den Naturwissenschaften. Heute aber sind die meisten US-Amerikaner naturwissenschaftliche Analphabeten [Informationen dazu hier, und eine der großen politischen Parteien – die Republikaner – lehnen die Wissenschaft und die Wissenschaftler als zu "elitär" ab. Viele Forschungsbudgets werden gekürzt. Die Raumfähre hat ihren letzten Flug absolviert. Wissenschaftler, die sich mit dem Klimawandel befassen, werden verteufelt oder nicht ernst genommen, obwohl Stürme bisher ungekannter Stärke, Hitzewellen und Dürreperioden unser Land verwüsten und eine Schneise der Zerstörung auf unserem Planeten hinterlassen.

Einst hat uns alle Welt um unsere Infrastruktur beneidet. Unsere Flugzeuge, unsere Eisenbahnen, unsere Highways, unsere Dämme und Brücken, unsere Wolkenkratzer und Kommunikationssysteme setzten die Maßstäbe, an denen sich andere Länder orientierten. Die dazu notwendigen Investitionen schufen gut bezahlte Jobs und verhalfen vielen US-Bürgern zu Wohlstand. Jetzt zerbröckelt die US-Infrastruktur und liefert nur noch Pointen für traurige Witze.

Die in den USA geltenden Gesetze und Vorschriften wurden einmal als Voraussetzungen für eine zivilisierte und prosperierende Gesellschaft anerkannt. Auf ihrer Grundlage entstanden transparente Märkte, verlässliche Wertpapierbörsen und sichere Spielfelder für alle Mitspieler: Der erwirtschaftete Reichtum wurde gerechter zwischen Arbeitern und Managern aufgeteilt, die Arbeitsplätze waren sicher und die Arbeitsbedingungen human, sogar die Umwelt wurde geschont, damit man gut darin leben konnte. Heute glauben die meisten US-Amerikaner, dass Auflagen der Regierung die Wirtschaft zerstören. Sie glauben sogar, die Plutokraten, die alle Regularien außer Kraft gesetzt und damit den erfolgreichsten, Wohlstand erzeugenden Wirtschaftsmotor der Welt zerstört haben, seien die "Schöpfer von Arbeitsplätzen" und die Quelle des früher geteilten Wohlstandes, der jetzt aus den Brieftaschen der vielen in die Tresore weniger verschwindet.

Das US-Bildungssystem war einmal ein hervorragendes Instrument zur Volksbildung. Während es unsere Universitäten schaffen, ihre Spitzenplätze – teilweise auch durch die Anlockung talentierter ausländischer Studenten (und Professoren) zu behaupten, sind unsere K-12-Programme (die Erziehung vom Kindergarten bis zum 12. Schuljahr wenig erfolgreich.

Was verbindet alle genanten Bereiche miteinander?

Sie bildeten gemeinsam die Quelle unseres nationalen Wohlstands, und sie wurden ganz oder teilweise von der Regierung finanziert.

Aus der von der Regierung finanzierten Forschung entsprang ein Strom von Neuerungen: die landwirtschaftliche Revolution, die Raumfahrtindustrie, die Computerindustrie, das Internet, die wichtigsten Entwicklungen bei den Arzneimitteln und in der Gesundheitsfürsorge und das GIS-System. Als die Investitionen flossen, gab es genug Jobs, und der Wohlstand wuchs. Aber heute werden die Geldhähne zugedreht, und das Saatgut wird aufgegessen.

Die Investitionen der Regierung in Washington, der Regierungen der Einzelstaaten und der Kommunalverwaltungen in die Energieversorgung, die öffentlichen Verkehrsmittel, die Kommunikationsnetze und die Wasserversorgung flossen durch daraus erlöste Einnahmen wieder zurück. Jetzt verrottet unsere Infrastruktur, während die Arbeiter, die sie instand hielten, arbeitslos sind und halb leere Lastwagen den Schlaglöchern auf unseren Highways ausweichen.

Aus der ganzen Welt flossen Investitionen in die USA, angelockt von der Gewissheit, dass unsere geordneten Finanzmärkte nicht nur vertrauenswürdig und transparent waren, sondern auch vernünftig und verantwortungsbewusst mit dem Geld anderer Leute umgingen. Jetzt gilt auf unseren Märkten – wie einst im Wilden Westen – nur noch das Faustrecht; wenige Gewinner zocken viele Verlierer ab, und Anlagen sind so sicher wie Einsätze an einem manipulierten Roulette-Tisch in Las Vegas.

Und was ist mit der Bildung? Schauen wir uns Kalifornien an, das seit vierzig Jahren einen Glaubenskrieg gegen die Besteuerung führt. Bevor Reagan dort Gouverneur wurde, nahm der Staat den Spitzenplatz bei den Bildungsausgaben ein, und das Studium an Colleges und Universitäten war kostenlos. Jetzt befinden sich die Kindergärten und Schulen dieses Staates bei Rankings ziemlich weit unten in der Liste, und die College-Kosten sind explodiert. Seit Reagan seinen "Regierungsstil" nach Washington verpflanzt hat, sind auch die anderen Einzelstaaten seinem Beispiel gefolgt.

In dieser Woche haben sich zwei wichtige Vorkommnisse ereignet, die bezeichnend für den Niedergang der USA sind. Auf einer Versammlung der republikanischen "Tea Party" bejubelte eine johlende Menge den Vorschlag, dass man einen kranken Menschen, der sich keine Krankenversicherung leisten kann, einfach sterben lassen sollte. Außerdem berichtete die Volkszählungsbehörde, dass die Armut in den USA ihr höchstes Niveau seit 1993 erreicht hat. In absoluten Zahlen leben jetzt mehr US-Amerikaner unter der Armutsgrenze als jemals zuvor in unserer Geschichte.

Diese beiden Ereignisse hängen miteinander zusammen. Wenn Habgier unser moralischer Kompass wird, dann sterben Toleranz und Mitmenschlichkeit, und das Wohlergehen aller beleibt auf der Strecke. Alan Grayson verglich die Anhänger der Tea-Party in Florida am Montagabend mit den Römern im Kolosseum, die forderten, die Christen den Löwen zum Fraß vorzuwerfen.

Das ist eine passender Vergleich. Die Patrizier, die alle Plutokraten waren, haben die aufregenden Spiele (in römischen Arenen) organisiert und bezahlt, um die Menschen mit grausamen Vorführungen von sich abzulenken. Heutzutage haben die Plutokraten die Medien gekauft und hetzten das Volk mit einem nie abreißenden Strom von "Reality-Shows" auf, damit es den Tod der Regierung (in Washington) fordert, die einmal den meisten US-Bürgern zu Wohlstand verholfen und alle – nicht nur ein paar fette Kater – repräsentiert hat.

Jubelt nur weiter, ihr US-Bürger! Ihr solltet aber auch bedenken, dass ihr euren eigenen Untergang bejubelt, wenn nicht ein Wunder geschieht und ihr euch gegen die Direktoren erhebt, die den Zirkus managen, zu dem unsere Politik verkommen ist.

Artikel von John Atcheson sind auch schon der New York Times, der Washington Post, der Baltimorer Sun, den San José Mercury News, dem Memphis Commercial Appeal und in verschiedenen Fachzeitschriften erschienen. Er arbeitet zur Zeit an einer Roman Trilogie zum Klimawandel. Buchbesprechungen, die John Atcheson verfasst hat, werden auf Climateprogress.org veröffentlicht und sind aufzurufen über http://thinkprogress.org/?s=John+Atcheson&x=4&y=5. Seine E-Mail-Adresse lautet: jbatcheson@gmail.com

Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

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