Freitag, 9. September 2011

Gebt Karl Marx die Chance, die kapitalistische Weltwirtschaft zu retten

George Magnus, der Chefberater der Großbank UBS, bestätigt Karl Marx, die weltweite Krise des Kapitalismus richtig vorhergesagt zu haben, bietet zu ihrer Überwindung aber nur kapitalistische Rezepte an, die sich längst als unwirksam erwiesen haben.

Von George Magnus
Bloomberg.com, 28.08.11

Politiker, die sich damit plagen, die Horrornachrichten aus der Finanzwelt, die Proteste (der Betroffenen) und andere Übel zu verstehen, unter denen die Welt leidet, täten gut daran, die Werke des schon lange toten Wirtschaftswissenschaftlers Karl Marx zu studieren. Je eher sie begreifen, dass der Kapitalismus in eine Krise geraten ist, wie sie jeder nur einmal miterleben kann, desto besser gerüstet werden sie wieder aus ihr herausfinden.

Der Geist des Karl Marx, der auf einem Friedhof in der Nähe meiner Wohnung im Norden Londons begraben wurde, hat sich inmitten der Finanzkrise und des nachfolgenden wirtschaftlichen Niedergangs aus dem Grab erhoben. Die Kapitalismus- Analyse des scharfsinnigen Philosophen hat zwar einige Schwächen, aber der heutige Zustand der Weltwirtschaft hat eine unheimliche Ähnlichkeit mit der Entwicklung, die er vorausgesehen hat.

Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de
Da ist zum Beispiel der Grundwiderspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital, dessen Zuspitzung Marx vorhergesagt hat. Wie er in seinem Hauptwerk "Das Kapital" ausführte, brauchen Unternehmen zur Erzielung von Profiten und zur Erhöhung der Produktivität immer weniger Arbeiter; deshalb entsteht eine "industrielle Reservearmee" aus verarmten und arbeitslosen Arbeitern: "Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol (auf der einen Seite) ist also zugleich Akkumulation von Elend, [Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation] auf dem Gegenpol … ." (Wir haben das verkürzte Zitat aus "Das Kapital", Bd. 1, Kap. 23 anhand des Originaltextes durch den Zusatz in eckigen Klammern ergänzt; s. http://www.mlwerke.de/me/me23/me23_640.htm.)

Der Prozess, den er beschreibt, zeigt sich überall in der entwickelten Welt, vor allem in den USA, wo die US-Konzerne durch Personalabbau und Senkung der sonstigen Kosten ihre Profite und ihren Anteil am Produktionsergebnis auf das höchste Niveau seit mehr als sechs Jahrzehnten gesteigert haben, während sich gleichzeitig die Arbeitslosenquote auf 9,1 Prozent erhöht hat und die Reallöhne stagnieren.

In den USA hat die ungleiche Einkommensverteilung aufgrund verschiedener Maßnahmen (z. B. wegen der Steuersenkung für die Reichen) ihr größtes Ausmaß seit den 1920er Jahren erreicht. Vor 2008 wurden die Einkommensunterschiede durch Faktoren wie leicht zu erhaltende Kredite verwischt, weil Haushalte mit geringem Einkommen ihre Lebensstil dadurch aufbessern konnten. Jetzt rächt sich sich diese Flucht (in eine immer höhere Verschuldung).

Das Paradoxon der Überproduktion

Marx wies auch auf das Paradoxon der Überproduktion bei gleichzeitiger Unterkonsumtion (d. h. nachlassendem Konsum) hin: Wenn die Menschen immer ärmer werden, können sie auch immer weniger der von den Konzernen produzierten Waren und Dienstleistungen konsumieren. Wenn nur ein Konzern seine (Arbeits-)Kosten senkt, um seinen Profit zu steigern, ist das clever, wenn es aber alle tun, reduzieren sie damit den Einkommenserwerb und die daraus erwachsende Nachfrage, aus der sie ihre Erträge und Profite schöpfen.

Auch dieses Problem zeichnet sich in der heutigen entwickelten Welt ab. Wir verfügen über eine sehr hohe Produktionskapazität, aber in Schichten mit mittleren oder niedrigen Einkommen geht wegen zunehmender finanzieller Engpässe der Konsum ständig zurück. In den USA hat das dazu geführt, dass im Vergleich mit den Spitzenwerten im Jahr 2006 die Errichtung neuer Häuser um rund 75 Prozent und der Verkauf neuer Autos um etwa 30 Prozent zurückgegangen sind. Marx hat das in seinem Werk "Das Kapital" (Bd. 3, S. 501) so beschrieben: "Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumptionsbeschränkung der Massen …."

Bewältigung der Krise

Wie können wir diese Krise bewältigen? Um den Geist des Karl Marx (und das von ihm beschriebene Gespenst des Kommunismus, das nicht nur in Europa umgeht) in sein Grab zurückzutreiben, müssen die Politiker der Schaffung von Jobs den Spitzenplatz in ihrer Wirtschaftspolitik einräumen und andere unorthodoxe Maßnahmen in Betracht ziehen. Die Krise wird nicht von alleine vorübergehen und ist sicher nicht durch das ideologisch bedingte Beharren auf Sparmaßnahmen der Regierung zu überwinden.

Ich empfehle fünf zentrale strategische Maßnahmen, auch wenn die Zeit dafür leider noch nicht reif zu sein scheint.

Erstens müssen wir durch Einkommenssteigerungen die Nachfrage erhöhen, sonst könnten wir in eine Schuldenfalle mit ernsten sozialen Konsequenzen geraten. Regierungen, die noch nicht in einer Schuldenkrise stecken – zu denen auch die USA (?), Deutschland und Großbritannien gehören – müssen die Schaffung von Arbeitsplätzen zum Lackmus-Test ihrer (Wirtschafts-)Politik machen. In den USA ist das Verhältnis zwischen Gesamtbevölkerung und Beschäftigten jetzt wieder so niedrig wie in den 1980er Jahren. Die Aufwendungen für Arbeitslose haben fast überall Rekordhöhen erreicht. Mit (weiteren) Steuersenkungen für Unternehmen und Steuervergünstigungen für Firmen, die zusätzliche Leute einstellen und investieren, könnte begonnen werden.

Rückzahlungserleichterungen

Zweitens, um die Schuldenlast der (Privat-)Haushalte zu verringern, sollte man ihnen die Möglichkeit geben, die Rückzahlung der Hypotheken (für ihre Häuser) umzustrukturieren, oder ihnen eine Teil der Schulden erlassen, wenn sie sich verpflichten, zukünftige Wertsteigerungen ihrer Häuser an die Kreditgeber abzutreten.

Drittens, um den Kreditfluss zu erhöhen, sollten mit genügend Eigenkapital ausgestattete, gut strukturierte Banken vorübergehend die Möglichkeit erhalten, mehr Kredite zu vergeben, als ihr Eigenkapitalanteil eigentlich zulässt, damit sie vor allem kleineren Unternehmen mehr Kredite gewähren können. Regierungen und Zentralbanken sollten sich mit eigenen Ausgaben oder indirekter Finanzierung von Investitions- und Strukturprogrammen (an der Ankurbelung der Wirtschaft) beteiligen.

Viertens, um weiteren Staaten in der Eurozone die Rückzahlung ihrer Schulden zu erleichtern, müssen europäische Gläubiger die niedrigeren Zinssätze und längeren Laufzeiten, die sie kürzlich Griechenland eingeräumt haben, auch anderen (europäischen Staaten) zukommen lassen. Wenn den Deutschen die Einführung von Eurobonds, für die alle Staaten der Eurozone gemeinsam haften müssten, zu weit geht, muss sich Deutschland an der schnellen Ausstattung europäischer Banken mit neuem Kapital beteiligen, um deren unvermeidlichen Verluste abzumildern, die durch ständige Ausweitung der Eurozone aufgelaufen sind – nur dann wird die Krise auf dem Markt für Staatsanleihen zu lösen sein.

Aufbau einer Verteidigungslinie

Fünftens, zur Errichtung einer Verteidigungslinie gegen die heraufziehende Gefahr der Deflation und Stagnation, sollten die Zentralbanken das Aufkaufen von Staatsanleihen einstellen und stattdessen das Wachstum des nominellen Bruttoinlandsproduktes fördern. Das würde vorübergehend zu einer leicht ansteigenden Inflationsrate führen; die inflationsbereinigten Zinsen (für Kredite) würden dann aber unter Null absinken und die Schuldenlast würde erträglicher.

Wir können nicht vorhersagen, ob sich mit diesen Maßnahmen der erhoffte Erfolg erzielen lässt, oder welche unbeabsichtigten Folgen sie haben könnten. Die derzeitige Tatenlosigkeit der Politik ist aber auch nicht akzeptabel. Wenn nichts geschieht, könnten die USA in eine Lage geraten, die noch instabiler als die Japans wäre, und die Eurozone könnte mit unabsehbaren politischen Folgen zerbrechen. Bis 2013 könnte die Krise des westlichen Kapitalismus sogar auf China übergreifen, das ist aber ein anderes Thema.

George Magnus ist der führende Wirtschaftsberater der UBS (Schweizer Großbank,) und Autor des Buches “Uprising: Will Emerging Markets Shape or Shake the World Economy?” (Aufruhr: Werden die ausufernden Märkte die Weltwirtschaft stabilisieren oder erschüttern?) Der Autor vertritt nur seine eigene Meinung. (Weitere Informationen über den Autor, der viel bessere Ratschläge geben könnte, wenn er "Das Kapital" von Karl Marx nicht nur auszugsweise richtig fände, sind hier aufzurufen)

Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

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