Samstag, 8. Oktober 2011

Nachdenken über eine Revolution

Von John Spritzler und Dave Stratman
INFORMATION CLEARING HOUSE, 15.09.11
"Was verstehen wir unter einer Revolution? Den Krieg? Der war kein Teil der Revolution; er war nur ein Ergebnis und eine Folge davon. Die Revolution entstand im Laufe der fünfzehn Jahre zwischen 1760 und 1775 in den Köpfen der Menschen, bevor in Lexington der erste Tropfen Blut vergossen wurde." – John Adams am 24. August 1815 in einem Brief an Thomas Jefferson
Es folgt eine kurze Zusammenfassung der Denkschrift "Thinking about Revolution" (Nachdenken über eine Revolution), die komplett hier aufzurufen ist.

Die Zeit ist reif für eine zweite Revolution in den USA. Wir werden nicht mehr vom britischen König, sondern von einer herrschenden Klasse von Bankern und Milliardären unterdrückt, die nicht nur die Regierung, sondern alle wichtigen Institutionen der Gesellschaft kontrolliert. Die Zukunft hält für die meisten nur Elend und nur für wenige Privilegien bereit.

Die Probleme, die uns belasten, sind Teil eines Systems, in dem Geld Macht bedeutet, und die meisten Menschen haben kein Geld. Die mächtigen Männer und Frauen, die unsere Welt regieren, wurden nicht gewählt und können auch nicht abgewählt werden. Sie können nur durch die Kraft einer Revolution entmachtet werden.

Ziel einer demokratischen Revolution ist es, die Macht der herrschenden Elite zu brechen und mit den anderen Menschen eine Gesellschaft für die Menschen zu schaffen. Die drei Grundprinzipien, auf die unserer Meinung nach diese Gesellschaft aufgebaut sein muss, sind Gleichheit, gegenseitige Hilfe und Demokratie.

Unter Gleichheit verstehen wir nicht etwa "Chancengleichheit", die es allen Menschen angeblich ermöglichen soll, in einer Gesellschaft der Ungleichen voranzukommen. Wir verstehen darunter gleiche Lebensbedingungen für alle. Durch gegenseitige Hilfe wollen wir eine Gesellschaft formen, die auf Teilen und Kooperation und nicht auf Konkurrenz aufgebaut ist. Mit Demokratie meinen wir nicht unsere jetzige auf Lügen aufgebaute Pseudo-Demokratie, sondern eine Gesellschaft, in der die Menschen wirklich selbst Entscheidungen treffen.

In einer wirklichen Demokratie ist ein anderer Aufbau der Gesellschaft notwendig. In unserer Denkschrift "Nachdenken über eine Revolution" schlagen wir eine radikale Veränderung unserer Selbsteinschätzung und eine veränderte Ansicht über unsere Gestaltungsmöglichkeiten vor. Uns schwebt eine demokratische Struktur vor, die auf den menschlichen Werten und dem gesunden Menschenverstand beruht.

Einige Elemente dieser Struktur seien hier genannt:
Alle, die zur Gesellschaft beitragen, haben freien und gleichen Zugriff auf deren Waren und Dienstleistungen; diese werden den Bedürfnissen entsprechend aufgeteilt und können nicht gekauft oder verkauft werden. Das Geld wird abgeschafft. Es gibt keine Reichen und keine Armen mehr.

Alles was die Menschen zur Herstellung von Waren brauchen – Fabriken, Rohstoffe und der Boden – gehört allen Menschen. Diese Dinge sind Gemeineigentum der ganzen Gesellschaft und können nicht einzelnen Menschen gehören.

Die Wirtschaft hat nur Waren und Dienstleistungen für die Menschen zu produzieren und keine Profite für die Kapitalisten abzuwerfen.

Politische Macht haben nur die örtlichen Gemeinschaften und die Betriebsversammlungen. Der Kongress, die Parlamente der Bundesstaaten, die Stadt- und Gemeinderäte und alle anderen Herrschaftsinstrumente des bisherigen kapitalistischen Staates werden abgeschafft.

Das Pentagon, das Militär, die Polizei und die sonstigen Machtinstrumente des Kapitalismus werden abgeschafft. Die örtlichen Gemeinschaften sorgen selbst für ihren Schutz und ihre Sicherheit.
Einige Menschen glauben, eine bessere Welt sei nicht möglich, weil Ungleichheit und Habgier zur "menschlichen Natur" gehörten Wir weisen diese Ansicht zurück. Die innere Logik des Raubtierkapitalismus ist die Konkurrenz. Trotz der Brutalität des Kapitalismus versuchen die meisten Menschen in ihrem täglichen Leben ihre Beziehung zu ihren Verwandten auf Liebe und zu ihren Freunden und Arbeitskollegen auf Achtung aufzubauen. Die meisten Menschen führen also eigentlich einen ständigen Kampf gegen das kapitalistische Grundprinzip. Mit persönlichen Akten der Güte und kollektiven revolutionären Taten wird es uns gelingen, die Welt zu humanisieren.

Wenn Menschen mehr Vertrauen zu sich selbst und anderen haben, versuchen sie, die Welt auch eher nach ihren Werten zu gestalten. Sie schauen dann über ihre unmittelbare Umgebung hinaus, bauen Netzwerke und organisieren Streiks und Bewegungen. Wenn sie Vertrauen haben und ihr Beziehungsgeflecht groß genug ist, machen sie Revolutionen.

Viele glauben, die Geschichte des Kommunismus zeige, dass Revolutionen alles nur noch schlimmer machen. Wir behaupten, dass der undemokratische Verlauf kommunistischer Revolutionen in der Weltanschauung von Karl Marx begründet ist. Marx akzeptierte nicht nur die kapitalistische Ansicht, dass Wirtschaftswachstum die Basis der menschlichen Entwicklung ist, sondern auch die kapitalistische Einschätzung der menschlichen Natur, die davon ausgeht, dass Menschen immer nur ihren eigenen Vorteil suchen. Der Marxismus konfrontierte deshalb Lenin mit der Frage: "Wer soll auf die Bedürfnisse der ganzen Gesellschaft achten?" Lenins Antwort war: die kommunistische Partei.

Andere befürchten, die große Macht der herrschenden Elite mache eine Revolution unmöglich. Der Kapitalismus verfügt, was die Taktik angeht, immer noch über sehr viel Macht, hat aber, strategisch gesehen, den entscheidenden Schwachpunkt seiner Geschichte erreicht. Das kapitalistische System konnte keines seiner Versprechen halten und musste vor allem die Illusion von einer besseren Welt für die meisten Menschen aufgeben.

Deshalb bleiben der Menschheit nur zwei Alternativen: Sie kann sich noch tiefer in einen Strudel aus Krieg, Tyrannei, Leiden und Massensterben – also in den geplanten Untergang der "Überbevölkerung", die nicht gebraucht wird – hineinziehen lassen oder neu anfangen und eine Gesellschaft nach einem ganz anderen Modell aufbauen.

Wir sind zu lange in der Defensive gewesen, weil wir immer nur noch Schlimmeres verhindern wollten; das war sehr demoralisierend. Deshalb müssen wir jetzt zur Offensive übergehen.

Wie können wir das tun? Als revolutionäre Strategie schlagen wir vor, das (behauptete) Existenzrecht des Kapitalismus mit der Vision einer alternativen Gesellschaft in Frage zu stellen: Wir müssen die Notwendigkeit und die Möglichkeit einer Revolution in allen privaten und öffentlichen Diskussionen, in allen Auseinandersetzungen und immer dann, wenn gemeinsame Probleme Menschen zusammenführen, zur Sprache bringen. Nur dann kommen wir in die Offensive.

1815 schrieb John Adams, die amerikanische Revolution sei nicht der Unabhängigkeitskrieg gewesen. Der Krieg sei nur "als Ergebnis und Folge der Revolution entstanden, die sich von 1760 bis 1775 in den Köpfen der Menschen ereignete". Das ist genau die Revolution, die wir anstoßen wollen: Eine Revolution in den Köpfen der Menschen in aller Welt, damit sie die Möglichkeiten einer wahrhaft menschlichen Gesellschaft und ihre Fähigkeit, sie aus eigener Kraft durchzusetzen, endlich erkennen. Aus der Revolution in den Köpfen der Menschen wird sich die Transformation der Gesellschaft entwickeln.

Wir hoffen, mit unserer Denkschrift "Nachdenken über eine Revolution" einen kleiner Beitrag zu einer nationalen und internationalen Diskussion geleistet zu haben, die über das Problem geführt werden muss, wie man die Kräfte die unsere Gesellschaft kontrollieren, besiegen und eine neue Welt schaffen kann. Das vollständige Dokument ist hier nachzulesen.

(Wir haben den Aufruf der beiden US-Wissenschaftler John Spritzler und Dave Stratman komplett übersetzt und mit einem Link versehen. Ihre verkürzende Marx-Kritik teilen wir nicht. Außerdem halten wir manche ihrer Erwartungen für zu idealistisch. Wir empfehlen aber trotzdem allen, die Englisch verstehen, die Lektüre der kompletten Denkschrift.)

Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen