Sonntag, 20. November 2011

So löst man eine Revolution aus!

Der US-Publizist Chris Hedges glaubt, dass die gewaltsame Räumung der Occupy-Zeltlager in verschieden Städten der USA eine Revolution der 99 % auslösen wird.

Chris Hedges

Von Chris Hedges
Truthout, 15.11.11

Sei willkommen, Revolution! Die Hände unserer Eliten sind leer. Sie haben uns nichts zu bieten. Sie können nur zerstören, aber nichts aufbauen. Sie können nur unterdrücken, aber nicht führen. Sie können stehlen, aber nicht teilen. Sie reden nur, haben uns aber nichts zu sagen. Sie sind ebenso kaputt und so unbrauchbar, wie die aufgeweichten Bücher, die (eingerissenen) Zelte, die (feuchten) Schlafsäcke, die Rucksäcke, die Kästen mit den Nahrungsmitteln und die Kleidungsstücke, die am frühen Dienstagmorgen von Männern der Müllabfuhr New Yorks in die Müllautos gestopft wurden. Sie haben keine Ideen, keine Pläne und keine Vision für die Zukunft.

Unser faulendes konzernhöriges Regime hat in Portland, Oakland und New York versucht, sein Paradies der Ruhe und Ordnung, das nur noch Narren für überlebensfähig halten können, von Prügel-Polizisten wieder herstellen zu lassen. Unsere Eliten denken immer noch, sie könnten auch uns unter Berufung auf die Hygiene und die öffentliche Sicherheit einfach wie "Müll" beseitigen lassen. Sie glauben, dass wir jetzt alle wieder nach Hause gehen und ihren Konzernstaat einfach hinnehmen: einen Staat, in dem sich die Politik der Regierung nicht mehr von Verbrechen unterscheiden lässt, einen Staat, in dem die Mächtigen nichts mehr für erhaltens- und schützenswert halten, noch nicht einmal die eigenen Bürger, einen Staat, in dem die Oligarchen, denen die Konzerne gehören und die ohnehin schon in Hunderten von Millionen Dollars schwimmen, auch noch die letzten Reste des Volkseigentums plündern und das menschlichen Kapital und die natürlichen Ressourcen ausbeuten dürfen, einen Staat, in dem die Armen nichts zu essen und die Arbeiter keine Arbeit haben, einen Staat, in dem Kranke sterben und Kinder hungern, einen Staat, in dem über den Willen und das Einverständnis des Volkes nur noch grausame Witze gerissen werden.

Sie wollen uns wieder in unsere Käfige einsperren. Sie wollen, dass wir uns wieder rund um die Uhr von den Lügen, Absurditäten, Trivialitäten und dem Klatsch über Berühmtheiten in ihrem Fernsehen einlullen lassen. Sie wollen, dass wir unsere emotionale Energie mit den von ihrer Unterhaltungsindustrie angebotenen Volksbelustigungen vergeuden. Sie wollen, dass wir unsere Kreditkarten ausreizen und unsere Darlehen abstottern. Sie wollen, dass wir dankbar für die Brosamen sind, die sie für uns vom Tisch fallen lassen. Sie glauben, unsere Schreie nach Demokratie, Menschenwürde und Freiheit mit ihren inszenierten politischen Schaukämpfen zum Schweigen bringen zu können. Sie wollen auch weiterhin junge Frauen und Männer in sinnlose, nicht zu gewinnende Kriege und in den Tod hetzen, damit die Rüstungskonzerne riesige Profite machen können. Sie wollen, dass wir tatenlos zusehen, wenn uns der Supersparausschuss der beiden Parteien entweder im Konsens oder durch zynisches Scheitern auch noch die letzten Sozialleistungen, einschließlich der Arbeitslosenunterstützung, raubt. Und sie wollen, dass wir einfachen USBürger für die Verbrechen der Wall Street bezahlen.

Image Carlos Latuff
Die Betrüger von der Wall Street – zum Beispiel Lloyd Blankfein von Goldman Sachs, Howard Milstein von New York Private Bank & Trust und Jamie Dimon von JPMorgan Chase & Co – der Medienmogul Rupert Murdoch und die Koch Brothers (von Koch Industries,) glauben zweifellos, jetzt werde wieder Ruhe einkehren. Sie denken, jetzt könnten sie auch noch die letzten Früchte abernten, die vom Wohlstand der US-Bevölkerung übrig geblieben sind, um ihren persönlichen Reichtum und das Vermögen ihrer Konzerne zu mehren. Aber sie haben das, was um sie herum passiert, nicht mehr unter Kontrolle. Sie sind ebenso verblüfft und ratlos über die Volkserhebung, wie es die Höflinge in Versailles oder in der Verbotenen Stadt (in Peking) waren, die bis zum Schluss auch nicht kapieren wollten, dass ihre Welt vor dem Zusammenbruch stand. Der Milliardär, der Bürgermeister von New York ist und seinen Reichtum der deregulierten Wall Street verdankt, ist außer Stande, zu begreifen, warum Menschen zwei Monate in einem öffentlichen Park schlafen und gegen die Banken marschieren. Er hält die Proteste der Occupy-Bewegung für "reinigend" und "unterhaltsam", als sei das Demonstrieren gegen die Not, obdach- und arbeitslos zu sein, eine Form der Selbsttherapie oder Ablenkung; (er hat nicht begriffen), dass jetzt die Zeit angebrochen ist, in der die Menschen die öffentlichen Angelegenheiten wieder selbst regeln werden. Die Demokraten und die Republikaner und die Bürgermeister, die beide Parteien stellen, haben uns verraten und verkauft. Für sie ist jetzt der Anfang ihres Endes gekommen.


Lt. John Pike sprüht Pfefferspray auf friedliche Studenten. Weltweite Proteste gegen brutalen US-Polizeieinsatz. Schande über euch!


Eine Gesellschaft bricht zusammen. Fäulnisprozess der USA im fortgeschrittenen Stadium. Die Gewalt eskaliert von Tag zu Tag. Selbst brutalste Gewaltorgien durch die herrschende Klasse der Wall-Street-Ausbeuter werden den Sieg der 99% nicht verhindern können. Wir haben eine Vision. Ihr könnt nur stehlen.

Der Historiker Crane Brinton hat in seinem Buch "Anatomy of a Revolution" (Anatomie einer Revolution,) untersucht, wie Revolutionen entstehen. Als Vorbedingungen für eine erfolgreiche Revolution nennt Brinton die Unzufriedenheit fast aller sozialen Klassen, ein weit verbreitetes Gefühl von Ausweglosigkeit und Verzweiflung, unerfüllte Erwartungen, die wachsende Solidarität der Enttäuschten gegen eine winzige Machtelite, die Weigerung von Wissenschaftlern und Denkern, das Handeln der herrschenden Klasse weiter zu rechtfertigen, die Unfähigkeit der Regierung, die grundlegenden Bedürfnisse der Bürger zu befriedigen, einen unaufhaltsam fortschreitenden Machtverlust der herrschenden Elite durch die Lossagung der Unterstützer vom inneren Kreis, eine fortschreitende Isolierung der Machtelite durch den Verlust von Verbündeten und Unterstützern und zuletzt eine Finanzkrise. Nach Brinton hat unsere herrschende Konzern-Elite sämtliche Vorbedingungen (für eine Revolution) geschaffen. Die folgende Beobachtung Brintons ist aber am wichtigsten. In seinem Buch schreibt er, dass Revolutionen immer dann beginnen, wenn (von den Unterdrückten) Forderungen gestellt werden, welche die Regierung nicht erfüllen kann, weil dann das bisherige Machtgefüge zusammenbräche. Wir befinden uns jetzt bereits auf der dann folgenden Stufe, auf der die Machtelite erfolglos versucht, die Unruhe und die Unzufriedenheit durch physische Gewalt zu unterdrücken.

Ich habe schon manche Revolten, Aufstände und Revolutionen miterlebt, von den Guerillakämpfen in Mittelamerika in den 1980er Jahren über die Bürgerkriege in Algerien, im Sudan und im Jemen bis zum Aufstand der Palästinenser und den Revolutionen in Ostdeutschland, in der Tschechoslowakei und Rumänien und den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien. George Orwell schrieb, dass alle Diktaturen auf Betrug und Gewalt aufgebaut sind, und dass sie – wenn der Betrug auffliegt – nur noch auf Gewalt setzen können. Wir sind jetzt ins Zeitalter der nackten Gewalt eingetreten. Unser Polizeistaat braucht seine Millionen von Bürokraten, die für die innere Sicherheit und die Überwachung zuständig sind, nicht um den Terrorismus zu stoppen, mit ihrer Hilfe will er uns stoppen.

Despotische Regime brechen am Ende immer durch innere Konflikte zusammen. Sobald die Fußsoldaten, denen befohlen wird, Gewaltakte, wie das Räumen von Parks und die Vertreibung oder sogar Erschießung von Demonstranten durchzuführen, den Befehlen nicht mehr folgen, zerbröckelt das alte Regime schnell. Als der alternde ostdeutsche Diktator Erich Honecker seine Fallschirmjäger nicht dazu bringen konnte, in die protestierende Menschenmenge in Leipzig zu schießen, war sein Regime am Ende. Weil die Sicherheitskräfte den Einsatz von Gewalt verweigerten, mussten auch die kommunistischen Regierungen in Prag und Bukarest aufgeben. Im Dezember 1989 habe ich am ersten Weihnachtstag miterlebt, wie der Armeegeneral, den Nicolae Ceausescu mit der Niederschlagung der Proteste beauftragt hatte, den Diktator selbst zum Tod verurteilte. Ben Ali in Tunesien und Husni Mubarak in Ägypten verloren ihre Macht, als sie sich nicht mehr darauf verlassen konnten, dass ihre Sicherheitskräfte in die Menge schießen.

Der Prozess der Lossagung der Sicherheitskräfte von der herrschenden Klasse vollzieht sich langsam und häufig kaum wahrnehmbar. Er kann beschleunigt werden, wenn die Demonstranten strikt an ihrer Gewaltlosigkeit festhalten, sich nicht von der Polizei provozieren lassen und sich auch dann noch korrekt gegenüber den Blauuniformierten verhalten, wenn diese gewaltsam in die Menge eindringen und mit ihren Knüppeln auf die Menschen einprügeln. Die aus Protest gegen die Räumung des Occupy-Zeltlagers in Oakland erfolgten Rücktritte von Frau Sharon Cornu, der Stellvertreterin des Bürgermeisters von Oakland, Jean Quan, und seines Rechtsberaters und langjährigen Freundes Dan Siegel zeigen erste Risse im Machtgefüge. "Unterstützt Occupy Oakland und nicht das 1 % und seine Komplizen in der Stadtverwaltung," twitterte Siegel nach seinem Rücktritt.

Es gab Zeiten, in denen ich mich als Boxer im Ring versuchte, und genau wie die Zuschauer wusste, dass ich eigentlich keine Chance hatte. Erfahrene Boxer, die sich nur ein kostenloses Training und etwas Praxis verschaffen wollten, kamen in die Boxklubs, in denen wir Amateure uns tummelten, um mit ihrer Erfahrung, die sie in vielen professionellen Boxkämpfen gesammelt hatten, mit uns zu spielen. In diesen Kämpfen ging es nicht ums Gewinnen. Es ging um Würde und Selbstachtung. Man kämpfte, um zu beweisen, dass man ein ganzer Kerl war. Jede Runde war eine Strafe, brutal für den Körper und demoralisierend (für die Psyche). Man wurde niedergeschlagen und rappelte sich wieder auf. Man taumelte rückwärts nach einem Treffer, der wirkte, als sei man gegen einen Betonklotz gerannt. Man schmeckte sein salziges Blut auf den Lippen. Man sah alles nur noch verschwommen. Die Rippen, der Rücken, das Genick und der Bauch schmerzten. Die Beine wurden schwer wie Blei. Aber je länger man durchhielt, desto mehr Zuschauer feuerten einem an. Weder die Zuschauer noch man selbst rechnete noch mit einem Sieg (des Schwächeren). Aber manchmal wurde der Profi zu überheblich. Er vernachlässigte seine Deckung. Er wurde zum Opfer seiner eigenen Hybris. Man spürte tief in sich einen neuen Energieschub, ungeahnte Kräfte wurden freigesetzt, und mit der Wut des Unterlegenen gelang es einem plötzlich, ihn auszuknocken. Ich habe seit 30 Jahren keine Boxhandschuhe mehr angefasst. Aber heute Morgen habe ich tief in meinem Innern wieder das gleiche Glücksgefühl und die absolute Gewissheit gespürt: Das Unmögliche ist möglich, die Mächtigen werden fallen.

Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

Chris Hedges ist Pulitzer-Preisträger, hat zwei Jahrzehnte lang aus Kriegen in Lateinamerika, Afrika, Europa und dem Nahen Osten berichtet und ist der Autor des Buches "War Is a Force that Gives Us Meaning" (Krieg ist eine Kraft, die uns Bedeutung verleiht). Sein letztes Buch heißt "“Empire of Illusion: The End of Literacy and the Triumph of Spectacle" (Das Reich der Illusion: Das Ende der Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, und der Triumph der Schauspielerei). Seine wöchentliche Kolumne erscheint montags bei Truthdig.
Raised Fist
The revolution continues worldwide!

Mehr zum Thema:

Hamburg - NeoCon-Cowboys schießen auf Occupy-Indianer
Geht nach Pittsburgh, ihr jungen Männer, und bietet dem Imperium die Stirn!
Internierungslager in den USA als Antwort auf die Krise
Memoranden des US-Justizministeriums beschwören das Gespenst einer Militärdiktatur
Drei Dinge müssen geschehen, damit wir uns erheben und die Herrschaft der Konzerne abschütteln können

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen