Donnerstag, 24. November 2011

Wer hat den Irakkrieg gewonnen?

Jetzt, wo die Truppen heimkommen, ist es Zeit, die Kosten zu berechnen.

Eric S. Margolis

Eric S. Margolis

Im Oktober 2002 schrieb ich für die erste Nummer von The American Conservative eine Analyse des bevorstehenden Irakkrieges unter dem Titel „Der Weg in den Wahnwitz.“

Ich bemerkte: „Ein Krieg, der keine klaren politischen Vorgaben erreichen kann, ist bloß eine Übung in Gewalt und Zwecklosigkeit.“ In den 14 Konflikten, aus denen ich als Kriegskorrespondent berichtet habe, habe ich eine Menge über Gewalt und Zwecklosigkeit mitbekommen.

Das Weiße Haus begann eine lautstarke, durch und durch schamlose Propagandakampagne über angebliche Bedrohungen von Amerika und der Welt durch Präsident Saddam Husseins nicht existierende Massenvernichtungswaffen. Und wie gerufen marschierten Kräfte der Vereinigten Staaten von Amerika im März 2003 in den Irak ein.

In Amerika schwoll der “Leibwächter der Lügen”, von dem Churchill sagte, dass er jeden Krieg begleite, an zu einer Armee von Lügnern. Die Neokonservativen der Regierung Bush spielten eine führende Rolle bei der Entwicklung des Irakkonflikts. Medien agierten als Megaphone für die Kriegspartei. Aufgrund des Trommelfeuers von Lügen und Halbwahrheiten glaubten über 80% der Amerikaner, dass Saddam Hussein hinter dem 9/11 steckte.

Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de
Ein paar Beobachter, die George W. Bushs Drängen zum Krieg zu kritisieren wagten, darunter der Verfasser dieses Artikels, wurden denunziert als „unamerikanisch,“ „Verräter“ oder Apologeten Saddams – in meinem Fall reichlich überzogen, nachdem 1991 die irakische Geheimpolizei gedroht hatte, mich als israelischen Spion zu hängen.

In den Irak einzumarschieren würde für alle Beteiligten eine Katastrophe sein, sagte ich voraus, außer für Israel, das zuschauen konnte, wie ein potentieller nuklearer Rivale und die technisch am höchsten entwickelte arabische Nation von der Macht der Vereinigten Staaten von Amerika zermalmt wurde. Der Iran würde sich freuen über die Vernichtung des verhassten Saddam, der die islamische Republik mit Unterstützung der Vereinigten Staaten von Amerika und deren arabischen Ölverbündeten überfallen hatte.

„Bush täuscht sich, wenn er meint, dass der Irak zu einem weiteren unterwürfigen amerikanischen Protektorat gemacht werden kann wie Kuwait oder Bahrain. Er treibt es zu weit mit dem Imperium,“ schrieb ich. Ich blieb auch dabei, dass der Irak über keine Massenvernichtungswaffen verfügte.

In dem Ereignis wurde der Irak, ein Land mit nur 24 Millionen Einwohnern, von der militärischen Gewalt der Vereinigten Staaten von Amerika zerschmettert. Der Krieg vernichtete große Teile dieses ehemals fortgeschrittenen Landes, das bereits durch ein 12 Jahre dauerndes Wirtschaftsembargo unter Führung der Vereinigten Staaten von Amerika und tägliche Bombardierungen verwüstet worden war.

Absurderweise durfte der Irak nicht einmal Bleistifte für seine Schulen bekommen, da diese irgendwie zu Massenvernichtungswaffen hätten gemacht werden können. Während des Golfkriegs 1990-91 zerstörte die Luftwaffe der Vereinigten Staaten von Amerika die meisten irakischen Wasseraufbereitungsanlagen und Abwassersysteme. Dem Irak wurden Importe von Chlor verwehrt, um das verschmutzte Wasser zu reinigen. Laut einem UNO-Bericht war das Ergebnis wirkliche Massenvernichtung: 500.000 Kinder starben an Krankheiten, die durch verschmutztes Wasser übertragen werden und an dem Mangel an Medikamenten.

Der Sturz von Saddams sunnitisch geführtem Regime öffnete eine religiös-ethnische Büchse der Pandora im Irak, einem vom imperialen Britannien künstlich geschaffenen Staat aus Sunniten, Schiiten, Juden und Kurden, der seine neu entdeckten mesopotamischen Erdölfelder umfassen sollte.

In einem höchstgradig idiotischen Akt feuerte der amerikanische Prokonsul Paul Bremer alle militärischen und zivilen Funktionäre der Baath-Partei und demontierte damit die irakischen Regierungsorgane. Als die Streitkräfte der Vereinigten Staaten von Amerika es nicht schafften, den heftigen Widerstand der sunnitischen Kämpfer zu brechen, zerschlug angeblich eine lautstark angepriesene Truppen„aufstockung“ den Aufstand. Das ist ein politisches Märchen der Republikaner.

Die Römer pflegten zu sagen divide et impera. Teile und herrsche. In Wirklichkeit wurde der sunnitische Widerstand gebrochen durch ethnische Säuberungen: der Einsatz von schiitischen Todesschwadronen, die unsägliche Barbareien gegen die Sunniten verübten und zu vier Millionen Flüchtlingen führten, die Hälfte davon wurde ins Ausland vertrieben. Millionen Dollars amerikanischer Bestechungsgelder erkauften zeitweise ein Stillhalten anderer sunnitischer Kämpfer.

Die Rechnung des Schlächters für die Eroberung des Irak und dessen riesiger Erdölfelder: mindestens 4.483 getötete Soldaten der Vereinigten Staaten von Amerika und über 33.000 schwer verwundeter, viele mit Gehirnverletzungen. Schätzungen getöteter Iraker reichen von 112.000 bis über eine Million. Das Pentagon kennt die Zahlen, gibt sie aber nicht heraus.

Erinnern Sie sich an den schmutzigen Funktionär des Pentagon Paul Wolfowitz, einen führenden Architekten des Krieges? Er sagte schlagfertig voraus, dass der Einmarsch in den Irak blosse $40 Milliarden kosten und durch die Ausbeutung von dessen Erdöl bezahlt werden würde.

Falsch. Wolfies netter kleiner Krieg hat bisher $ 1 Billion gekostet. Trotz der Verminderung der Soldaten der Vereinigten Staaten von Amerika im Irak bleibt die Finanzierung der verbleibenden Besatzung und des von Amerika installierten Regimes in Bagdad enorm teuer. Ein großer Teil der Kosten steckt verborgen im $54,1 Milliarden schweren „schwarzen“ Budget der CIA.

Die Regierungen Bush und jetzt Obama haben die Kriegskosten vor den Amerikanern verborgen gehalten, indem sie sich weigerten, diese mit Steuergeldern zu bestreiten. Statt dessen wurden die gesamten Kosten dieses Konflikts in die steigenden Staatsschulden übernommen, was es kommenden Generationen überlässt, für Bushs Wahnwitz zu bezahlen.

Mittlerweile schafften vom Iran unterstützte schiitische Milizen den Aufstieg in Bagdad. Gefälschte Wahlen erbrachten ein gefügiges schiitisches Regime und erlaubten Washington, die Einführung der Demokratie im Irak auszuposaunen – die selbe Art von „Demokratie,“ die es lange in Mubaraks Ägypten gefördert hatte.

Im Norden errichteten die von den Vereinigten Staaten von Amerika und von Israel unterstützten Kurden einen praktisch unabhängigen Erdölstaat, der Washingtons Alliierten Türkei in Rage brachte. Der irakische Humpty Dumpty ist zerbrochen und wird nicht leicht wieder zusammengefügt werden können.

Zu der erwarteten irakischen Erdölbonanza ist es nie gekommen. Heute fördert der Irak weniger Erdöl als unter Saddam. Dieser hatte die großen Erdölkonzerne hinausgeworfen, jetzt schleichen die großen Ölkonzerne der Vereinigten Staaten von Amerika und andere ausländische Ölfirmen zurück und hoffen, die Reichtümer des Irak auszubeuten. Rund 34.000 Wachleute sind angestellt, um die irakischen Pipelines zu schützen. Vielleicht kann Libyens „befreites“ Erdöl einigen Ärger über irakisches Erdöl besänftigen.

Präsident Obama hat versprochen, dass alle Kampftruppen der Vereinigten Staaten von Amerika den Irak mit Ende 2011 verlassen werden. Wir haben es hier allerdings mit einem Hütchenspiel zu tun. Zwei oder mehr schwer bewaffnete Kampfbrigaden bewegen sich nur ein paar Stunden nach Süden in neue Stützpunkte in Kuwait, wo sie bereit stehen, um dem lahmen Malikiregime in Bagdad falls erforderlich auf die Beine zu helfen.

Washington versucht, 10.000 – 20.000 Kampfsoldaten im Irak zu behalten, umgetauft zu „Ausbildnern” und „Antiterrorkräften.” Der Irak hat sich quergelegt, kann aber noch klein beigeben. Die neue riesige, schwer gesicherte Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in Bagdad wird 16.000 Beschäftigte aufweisen und eine eigene Söldner-Privatarmee. Was mit den weiteren 100.000 bezahlten Söldnern im Irak geschieht, ist noch ungewiss. Sicher ist: $34 Milliarden Hilfsgelder, die durch Betrug in Irak und Afghanistan verschwunden sind, werden nie wieder auftauchen.

Im ebenen ausgetrockneten Mittleren Osten ist die Lufthoheit von entscheidender Bedeutung. Der wichtigste Hinweis auf die Zukunft des Iraks wird sein, wer seinen Luftraum kontrolliert. Die Vereinigten Staaten von Amerika werden das weiterhin tun von Kuwait und anderen Stützpunkten am Golf, gerade wie das imperiale Britannien Irak mit der Luftwaffe ihrer Majestät RAF beherrschte. Bagdad wird nicht wirklich unabhängig sein, ehe es seinen eigenen Luftraum beherrscht und wieder eine eigene Luftwaffe besitzt.

Was kommt also unter dem Strich heraus von der „Befreiung des Irak“?

$1 Billion ausgegeben. Brennender Hass auf Amerika in der muslimischen Welt. Animosität in Europa, das vor Bushs modernem Kreuzzug gewarnt hat. Riesige Ausgaben in der Zukunft, um ein gefügiges irakisches Regime an der Macht zu halten, während die antiamerikanische Stimmung dort kocht. Ein riesiger Aufschwung für den regionalen Einfluss des Iran. Tod und Verwundungen von tausenden amerikanischen Soldaten.

Der ursprüngliche Plan, das Erdöl des Iraks zu beherrschen und Stützpunkte einzurichten, um den Mittleren Osten zu beherrschen, ist bisher daneben gegangen, zu titanischen Kosten. Wenn wir zurückblicken auf diesen epischen Wahnwitz, und wieder die Rufe nach einem Krieg gegen den Iran hören, fallen uns die berühmten Worte des Königs Pyrrhus von Epirus ein: „Noch so ein Sieg, und wir sind verloren.“

erschienen am 21. November 2011 auf > The American Conservative > Artikel

Übersetzung: antikrieg.com

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