Mittwoch, 11. Januar 2012

Der Iran trumpft mit einer zweiten Urananreicherungsanlage auf

Der neue US-Generalstabschef Martin Dempsey lässt gerade die Risiken untersuchen, die aus unterschiedlichen Varianten eines Überfalls auf den Iran erwachsen könnten.

Von David E. Sanger
The New York Times, 08.01.12

KAIRO – Der Hauptverantwortliche für das iranische Atomprogramm erklärte an diesem Wochenende herausfordernd, der Iran werde trotz der neuen internationalen Sanktionen, die seine Einnahmen aus dem Ölexport verringern sollen, sein Atomprogramm fortsetzen und bald die Produktion in seiner zweiten großen Anlage zur
Urananreicherung aufnehmen.

Die Ankündigung, die über offizielle Nachrichtenmedien verbreitet wurde, erfolgte nach einer Woche, in der die Konfrontation zwischen Washington und Teheran durch die Drohung eskalierte, der Iran werde mit militärischer Gewalt reagieren, wenn die USA versuchen sollten, eine Flugzeugträger-Gruppe in der Straße von Hormuz zu stationieren. (Weitere Infos dazu hier).

Die bevorstehende Inbetriebnahme der neuen Anreicherungsanlage bei Fordo in der Nähe der Stadt Qom stellt die USA und ihre Verbündeten vor die schwierige Wahl, wie weit sie gehen können, um das iranische Atomprogramm einzudämmen. Die neue Anlage befindet sich in einem tief unter der Erde liegenden Bunker inmitten einer gut verteidigten Militäranlage und ist viel besser gegen Luftangriffe geschützt, als die bereits in Betrieb befindliche Anlage bei Natanz; besonders israelische Offizielle sind der Meinung, dass es durch die neue Anlage viel schwieriger wird, den atomaren Ehrgeiz des Irans zu zügeln.

Präsident Obama und seine Partner in Frankreich und Großbritannien hatten im Herbst 2009 erstmals auf die Existenz der bei Qom im Bau befindlichen Anlage hingewiesen. (Hier wird erneut der irreführende Eindruck erweckt, der Iran haben versucht, den Bau der neuen Anlage geheim zu halten, weitere Infos hier. Damals zweifelten US-Offizielle an der Fähigkeit des Irans, sie überhaupt betriebsbereit machen zu können. Wenn sie jetzt aber in Betrieb geht, würden sich nach Ansicht eines ehemaligen israelischen Spitzenpolitikers die Chancen, ihren Betrieb wieder zu stoppen, "dramatisch verringern".

Die bevorstehende Inbetriebnahme hat Fereydoun Abbasi am Samstag in einem Interview
mit der offiziellen (iranischen) Nachrichtenagentur Mehr angekündigt; Abbasi wurde 2010 zum Chef des iranischen Atomprogramms berufen – kurz nachdem er einen Mordanschlag überlebt hatte. Die Nachrichtenagentur zitierte ihn mit der Äußerung: "Die Anlage Fordo in der Nähe der Stadt Qom ist betriebsbereit und läuft bald an." Iranische Zeitungen verbreiteten diese Meldung am Sonntag. (Weitere Infos dazu hier.)

Der Iran hat seine Fähigkeiten zwar häufig übertrieben, aber Atomexperten halten die jüngste Ankündigung durchaus für plausibel. Die Inspektoren der International Atomic Energy Agency / IAEA, die im Dezember die Anlage besucht haben, berichteten, bereits während ihres Besuches seien abschließende Arbeiten an den Anreicherungszentrifugen durchgeführt worden, und sie erwarteten, dass sie bald betriebsbereit seien.

Die Iraner behaupten, ihr Atomprogramm sei wichtig für die Sicherheit ihres Staates – nicht zur Entwicklung von Atomwaffen, sondern zur Energieerzeugung ohne Ölverbrauch; außerdem wollen sie selbst Brennstäbe für einen Reaktor herstellen, in dem sie medizinische Isotope erzeugen.

Die schon vier Jahre andauernden Sanktionen haben der iranischen Wirtschaft schweren Schaden zugefügt, den Iran aber nicht zur Aufgabe seine atomaren Ambitionen bewegen können. Mit den neuen US-Sanktionen und dem von der EU erwogenen Ölembargo sollen seine Einnahmen aus den Ölverkauf drastisch verringert und der Druck auf die iranische Regierung noch einmal verstärkt werden. Mit seiner Ankündigung hat der Iran aber bereits signalisiert, dass ihn auch die neuen Sanktionen nicht daran hindern werden, sein Atomprogramm fortzusetzen. Am Sonntag ist Präsident Mahmud Ahmadinedschad zu einer breit angekündigten Reise nach Südamerika aufgebrochen, während der er eine Reihe von Staatsmännern besuchen wird, die den USA sehr kritisch gegenüberstehen; zunächst trifft er Hugo Chávez, den Präsidenten Venezuelas.

Noch beunruhigender ist die Anfang letzter Woche ausgesprochene Drohung des Irans, den Schiffsverkehr in der Straße von Hormuz zu blockieren, was nach Meinung von Experten den Ölpreis explodieren ließe (s. hier). Der Iran führte in der Wasserstraße ein Marinemanöver durch und drohte mit militärischer Gewalt, falls der US-Flugzeugträger "John C. Stennis" und seine Begleitschiffe erneut versuchen sollten, (in das Manövergebiet) in der Straße von Hormuz einzudringen (s. hier).

US-Offizielle und Experten aus anderen Ländern halten die iranische Ankündigung zwar für eine leere Drohung und gehen davon aus, dass der US-Flugzeugträger damit nicht daran gehindert werden kann, weiterhin in diesem Seegebiet zu patrouillieren; es besteht aber auch die Sorge, die Marine der Islamischen Revolutionsgarde könnte Öltanker am Passieren der schmalen Straße zu hindern versuchen oder Minen legen, die hohe Risiken für die Schifffahrt brächten.

Die Inbetriebnahme der Anreicherungsanlage hat keinen großen Einfluss auf Schätzungen, wie viel Zeit der Iran noch braucht, bis er eine Atomwaffe bauen könnte, wenn er tatsächlich die Absicht hätte. Die neue Anlage ist regelmäßig inspiziert worden, und wenn es den Iranern nicht gelungen ist, den IAEA-Inspektoren etwas zu verheimlichen oder sie zu täuschen, wäre jeder Versuch bombenfähiges Uran abzuzweigen, längst entdeckt worden. Vor Inbetriebnahme der neuen Anlage glaubten US-Offizielle mindesten sechs Monate bis zu einem Jahr Zeit zu haben, um nötigenfalls (noch rechtzeitig) eingreifen zu können.

Falls ein Eingreifen nötig wäre, würde die neue Anlage bei Fordo eine Militäraktion außerordentlich erschweren. Satellitenaufnahmen zeigen, dass sie von Flugabwehrgeschützen umgeben und so zwischen Berge eingebettet ist, dass Bombenangriffe fast unmöglich sind. Abbasi sagte am Samstag, in der Anlage seien Zentrifugen einer neuen Generation aufgestellt worden, die sich mit Überschallgeschwindigkeiten drehen und die Herstellung viel reineren Urans ermöglichen würden; die Inspektoren hatten aber noch viele ältere, weniger effiziente Zentrifugen in der Anlage gesehen.

"Niemand weiß genau, was die Iraner dort produzieren wollen," erklärte ein Diplomat, der die wenigen Informationen studiert hat, die der Iran über die Anlage preisgegeben hat. "Und das ist das Problem!"

Der Iran hat nach Meinung von Experten bereits so viel Uran angereichert, dass es zum Bau von etwa vier Atomwaffen reichen würde; es müsste allerdings noch stärker angereichert werden. Nach Auskunft Abbasis soll in Fordo ein Teil des vorhandenen Urans auf 20 Prozent angereichert werden, damit es für einen Forschungsreaktor in Teheran benutzt werden kann. Dieses auf 20 Prozent angereicherte Uran ließe sich viel leichter in atomwaffenfähiges (90-prozentiges) Uran umwandeln (s. hier).

Diese Möglichkeit beunruhigt Israel am meisten. Deshalb waren israelische Politiker sehr erleichtert, als Verteidigungsminister Leon E. Panetta im Dezember auf einer Konferenz in Washington verkündete, dass die USA den Iran nicht nur am Bau einer Atomwaffe, sondern auch am Erwerb der Fähigkeit dazu hindern würden (s. dazu auch hier).

In der am Sonntag ausgestrahlten Sendung "Face the Nation" (Stell dich der Nation,) des TV-Senders CBS legte sich Panetta nicht so genau fest, wie weit der Iran gehen darf. Sanktionen und ein zusätzliches Embargo gegen den Iran würden "die Iraner so unter Druck setzen, dass sie erkennen würden, nicht so weitermachen zu können wie bisher", erklärte Panetta, noch bevor die Ankündigung Abbasis bekannt wurde. "Versuchen sie, eine Atomwaffe zu entwickeln? Nein, wir wissen aber, dass sie versuchen, sich die Fähigkeit dazu anzueignen. Und das macht uns Sorgen. Unsere rote Linie, die der Iran nicht überschreiten darf, ist der Bau einer Atomwaffe. Das werden wir nicht zulassen."

Mit dem Eingeständnis, die USA hätten keine Beweise dafür, dass sich der Iran um die Entwicklung einer Atomwaffe bemüht, liegt Panetta ziemlich genau auf der Linie, auf die sich die häufig zerstrittenen US-Geheimdienste in ihren Einschätzungen von 2007 und 2010 geeinigt haben. In beiden gemeinsamen Einschätzungen wurde festgestellt, dass die iranische Führung sich noch nicht für den Bau einer Atomwaffe entschieden habe. Der Iran unternehme aber Schritte, die ihn in die Lage versetzen würden, schnell einen Atomwaffe bauen zu können, wenn das beschlossen werde.

General Martin Dempsey, Wiki
Als General Martin Dempsey, der neue Chef des US-Generalstabes, in der Sendung "Face the Nation" gefragt wurde, wie schwierig es sei, dem Iran die Fähigkeit zum Bau einer Atomwaffe zu nehmen, erwiderte er: "Ich möchte mich nicht zum Schwierigkeitsgrad äußern, um die Iraner nicht zu irgendwelchen Schlüssen zu ermutigen. Ich kann aber sagen, dass ich für eine Planung verantwortlich bin, die alle Risiken einbezieht, die mit verschiedenen militärischen Optionen verbunden sind; in einigen Fällen müssen auch die Voraussetzungen für die rechtzeitige Durchführung von Optionen geschaffen werden. All das ist in Vorbereitung."






(Wir haben den Artikel, mit dem die New York Times mit Halbwahrheiten und faustdicken Lügen erneut nur leicht kaschierte Kriegshetze gegen den Iran betreibt, komplett übersetzt und mit Ergänzungen und Links in Klammern und Hervorhebungen versehen. Als der Moderator in dem bereits weiter oben verlinkten "Face the Nation"-Interview (s. http://www.cbs.com/daytime/the_price_is_right/video/?pid=i9c6uyKyjEl2V2_1bFaOHDoV2THCAX5E) wissen will, ob die Iraner ohne den Einsatz von US-Atomwaffen am Bau einer eigenen Atombombe gehindert werden könnten, antwortet Dempsey grinsend zweimal: "Wir möchten, dass sie glauben, wir könnten das." Panetta ergänzt lachend: "Sie sollten wissen, dass wir, wenn sie sich zu diesem Schritt entschließen, die Möglichkeit haben, sie zu stoppen." Beide Herren schließen also den Einsatz von Atomwaffen gegen den Iran nicht aus. Mit ihnen hat Obama wohl endlich das Gespann gefunden, das skrupellos genug ist, den Iran auch mit Atomwaffen angreifen zu lassen.)

Übersetzung, Kommentar: Wolfgang Jung, Luftpost-kl.de

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