Sonntag, 15. April 2012

Wie behandelt Israel die Christen wirklich

Fida Jiryis فدى جريس
Vor kurzem stand in einem Artikel des The Wall Street Journal „Israel und die Misere der Nahost-Christen.“ Der Botschafter Oren stellt Israel als eine tolerante, sanftmütige friedliche Demokratie dar. Dem widersprechen die Fakten.
Ich bin eine jener palästinensischen Christen, die innerhalb Israels leben und die Oren meint.

Zu keiner Zeit in meinem Leben spürte ich „Respekt und Anerkennung“ von Seiten des jüdischen Staates, was Oren so überschwänglich lobt.

Israels christliche Minderheit wird an den Rand gedrückt, etwa in derselben Weise wie seine Muslime, oder wenigstens still geduldet. Wir leiden unter derselben Diskriminierung, wenn wir versuchen, einen Job zu finden, wenn wir in Krankenhäuser gehen, wenn wir einen Bankkredit beantragen und wenn wir in einen Bus steigen – in genau derselben Weise wie palästinensische Muslime.

Israels fundamentale Basis ist die eines rassistischen Staates, allein für Juden – und die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung kümmert sich nicht, welche Religion wir haben, wenn wir nicht-jüdisch sind. Bei meiner täglichen Beschäftigung mit dem Staat empfand ich nur Unhöflichkeit und offene Verachtung.

Orens Statement, dass die „Auslöschung der christlichen Gemeinden im Nahen Osten eine Ungerechtigkeit von historischer Bedeutung“ sei, ist für jeden erschreckend, der mit der Geschichte der israelischen Staatsgründung auch nur ein wenig vertraut ist.

Ich möchte Oren und andere daran erinnern, dass diese Gründung Israels Tausende von palästinensischen Christen 1948 aus ihren Häusern und Orten vertrieb und sie zwang, über die Grenze zu fliehen oder sie zu internen Flüchtlingen machte. Die ethnische Säuberung der Palästinensers, die auch zur Gründung Israels gehört, ist eine Ungerechtigkeit von historischer Größe. Der Mann, der im Glashaus sitzt oder in einem gestohlenen Haus von Palästinensern, sollte sehr vorsichtig sein, bevor er Steine wirft.

Der Cousin meines Mannes, Maher, kommt aus Iqrit, einem Dorf nur wenige Meilen von meinem in Galiläa entfernt. Seine Familie und alle Bewohner aus Iqrit wurden 1948 vertrieben und das Dorf vom israelischen Militär am Weihnachtsabend 1950 dem Erdboden gleichgemacht, es war ein besonderes „Weihnachtsgeschenk“ für die Dorfbewohner. Der Zeitpunkt der Zerstörung lässt einen nach der beabsichtigten Botschaft fragen.

Maher wurde Jahre später geboren, als die Familie in Rama in Galiläa Unterkunft gefunden hatte. Heute kämpft er darum, einen Platz zu finden, um ein Haus für sich und seine Familie zu bauen. Die israelische Politik schränkt die Baugebiete in arabischen Städten und Dörfern sehr ein und behindert das natürliche Wachstum der Bevölkerung. Begrenztes Land für Bewohner derselben Stadt oder desselben Dorfes bedeutet, dass interne palästinensische Flüchtlinge einer schweren Diskriminierung in Bezug auf Hausbau gegenüberstehen.

Die Rückkehr von Leuten wie Maher ist von Israel unmöglich gemacht worden. Es weigert sich, über das Rückkehrecht von Flüchtlingen in ihr Heimatland zu verhandeln.Wenn Oren so besorgt ist über palästinensische Christen, sollte er so freundlich sein, grünes Licht für die Rückkehr nach Iqrit, Birim, Tarshiba, Shmata, Haifa, Jaffa und zig anderen palästinensischen Städten und Dörfern geben, von denen sie 1948 vertrieben wurden.

Ich bin sicher, dass seine Antwort ein Nein ist. Viele dieser Flüchtlinge leben in Flüchtlingslagern in benachbarten Ländern, wo Israel und Oren sie gerne bleiben lässt.

In Bezug auf Terroristen in Orens Statement sagt er „Israel erlaubt trotz der Notwendigkeit, seine Grenzen vor Terroristen zu schützen, an Feiertagen den Christen aus der Westbank und dem Gazastreifen den Zugang zu die Kirchen Jerusalems.“ Tatsächlich sind dies palästinesische Christen, die auf dem Land leben, das von Israel besetzt ist – unter schamloser Verletzung sämtlicher Menschenrechtsgesetze – und von dem es sich weigert, seine Soldaten und Siedler zurückzuziehen.

Israel dafür zu loben, dass es den Menschen erlaubt, die Grenze (der besetzten Gebiete) zu passieren, das nach dem Gesetz ihr Land ist, ist die Höhe von Anmaßung.

Seine Behauptung, dass in Jerusalem die Zahl der Araber – darunter Christen – sich seit der Vereinigung der Stadt durch Israel 1967 verdreifacht hat, erwähnt nicht Israels unaufhaltsame Politik des harten Durchgreifens in Jerusalem: unendliches Bauen von Siedlungen; Bau der Trennungsmauer mitten durch die Stadt, die Familien, Stadtviertel und Geschäfte trennt und somit die arabische Wirtschaft hart trifft; arabisches Land an sich reißt und Familien vertreibt, die seit Generationen dort leben; die Bürgerschaft von jedem palästinensischen Bewohner zurücknimmt, der zu lange im Ausland war.

Man stelle sich den Aufschrei vor, wenn ein US-Bürger für zwei Jahre ins Ausland fahren würde und bei der Rückkehr entdeckt, dass seine Staatsbürgerschaft widerrufen wurde und er entdeckt, dass sein US-amerikanischer Pass und Ausweis nicht mehr gültig sind.

Israelischen Beamten ist es völlig gleichgültig, ob die von ihnen diskriminierten Palästinenser Christen oder Muslime sind. Es stimmt, dass interreligiöse Auseinandersetzungen sich in einer Region häufen, die von erbärmlichen Lebensbedingungen gequält wird, für die der Westen vor allem die Verantwortung trägt, weil er den vielen Diktatoren der Region geholfen hat.

Orens falsche Toleranz und Krokodilstränen über das Elend der Christen täuschen niemanden. Wäre er ernsthaft, würde ich ihn drängen, sich Israels Besatzungspolitik und rassistische Diskriminierung näher anzusehen.

Wie Jesus bei Math.7,3 sagte: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders und nicht den Balken im eigenen Auge?“

Übersetzt von Ellen Rohlfs

Herausgegeben von Susanne Schuster

Danke Tlaxcala

Quelle, Originalartikel: Analysis: How Israel really treats Christians [Analyse: Wie Israel wirklich Christen behandelt] http://www.maannews.net/eng/ViewDetails.aspx?ID=468381

Erscheinungsdatum des Originalartikels: 15/03/2012

Artikel in Tlaxcala veröffentlicht: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=7155


Solidaritätsgrüße an Günter Grass

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hohsoling@steidl.de

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