Mittwoch, 25. Juli 2012

Der Antisemitismus, über den man nicht berichtet

Autorin Amira Hass עמירה הס
Übersetzt von Ellen Rohlfs
Die tägliche Dosis Terrorisieren, die diesen Semiten zugefügt wird, wird von den meisten Juden nicht wahrgenommen, obwohl diese Vorfälle sehr den Geschichten ähneln, die unsere Großeltern erzählten.

Zehntausende leben im Schatten des Terrors.

Hier ist eine Statistik, die man nicht bei Untersuchungen über Antisemitismus sieht, egal, wie sorgfältig die Studie ist. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres ist über 154 antisemitische Angriffe berichtet worden, 45 allein auf ein einziges Dorf. Einige fürchten, dass der Rekord des letzten Jahres von 411 Angriffen - bedeutend mehr als 2010 (312) und 2009 ( 168) in diesem Jahr gebrochen werden könnte.

Allein im Juni wurden 58 Vorfälle registriert, einschließlich Steine-werfen gegen Bauern und Hirten, eingeschlagene Fenster, Brandanschlag, zerstörte Wasserleitungen und Wassertanks, ausgerissene Fruchtbäume und ein beschädigtes Gebäude in dem Gottesdienste abgehalten werden. Die Angreifer sind manchmal maskiert, manchmal auch nicht, manchmal greifen sie heimlich an, manchmal am hellerlichten Tage.

Zwei gewalttätige Angriffe pro Tag gab es an verschiedenen Orten am 13., 14., und 15. Juli. Die Wörter „Tod“ und „Rache“ war in verschiedenen Gebieten an die Mauern geschmiert worden; eine originellere Botschaft verspricht: „Wir werden (euch) fertig machen.“

Es ist kein Zufall, dass die sorgfältigen Antisemitismus- Forscher diese Daten ausgelassen haben. Weil sie dies nicht als relevant ansehen, da die Semiten, die angegriffen wurden, in Dörfern leben, die Jalud, Mughayer und At-Tuwani, Yanun und Beitilu heißen. Die tägliche Dosis Terrorisieren ( sonst als Terrorismus bekannt), die diesen Semiten zugefügt wird, wird nicht in einem ordentlichen statistischen Bericht gesammelt und vom größten Teil der jüdischen Bevölkerung in Israel und rund um die Welt nicht wahrgenommen, obwohl diese Vorfälle sehr den Geschichten ähneln, die unsere Großeltern erzählten.

Siedlerangriff in Atarot, Oktober 2011. Foto Ahmad Garabli
Der Tag, den unsere Großeltern fürchteten war der Sonntag, der christliche Sabbat; die Semiten, für die die Antisemitismusforscher kein Interesse haben, fürchten den jüdischen Sabbat. Unsere Großeltern wussten, dass keiner der staatlichen Behörden intervenieren würde, um einer angegriffenen jüdischen Familie zu helfen; wir wissen, dass die IDF, die israelische Polizei, die Zivilverwaltung oder die Grenzpolizei und die Gerichte abseits stehen, ihre Augen schließen, sanfte Untersuchungen durchführen, Beweise ignorieren, die Ernsthaftigkeit der Handlungen herunterspielen, die Angreifer schützen und so den Progromtschiken Auftrieb geben. Die Hand hinter diesen Angriffen gehört israelischen Juden, die das Völkerrecht verletzen, indem sie in der Westbank leben. Aber das Ziel hinter den Angriffen ist das Fleisch und Blut der israelischen „Nicht-Besatzung“. Diese systemische Gewalt ist Teil der bestehenden Ordnung. Sie vervollständigt und erleichtert die Gewalt des Regimes und was seine Vertreter – die Brigadekommandeure, die Bataillonskommandeure, die Generäle und die Offiziere der Zivilverwaltung – tun, während sie „die Bürde“ des Militärdienstes tragen.

Sie grabschen nach so viel Land wie möglich, benützen Vorwände und Tricks, die vom Obersten Gerichtshof koscher gemacht werden; sie beschränken die einheimische Bevölkerung auf dicht bevölkerte Reservate. Das ist das Wesentliche des enormen Erfolges, bekannt als Zone C: ein absichtliches Verdünnen der palästinensischen Bevölkerung in mehr als 62% der Westbank als Vorbereitung für die offizielle Annektierung.

Tag für Tag leben Zehntausende Menschen im Schatten des Terrors. Wird es heute einen Angriff auf die Häuser am Rand des Dorfes geben? Werden wir in der Lage sein, zum Brunnen, zum Obsthain, zum Weizenfeld zu gehen? Werden unsere Kinder unversehrt zur Schule kommen oder zum Haus ihrer Cousins ? Wie viele Olivenbäume wurden über Nacht beschädigt?

In Ausnahmefällen - wenn man Glück hat – dokumentiert eine von B’tselem–Mitarbeitern operierende Kamera den Vorfall und durchstößt die vorsätzliche Ignoranz, die der einzigen Demokratie im Nahen Osten durch die Bürger verliehen wird. Wenn es keine Kamera gibt, ist es von geringfügiger Bedeutung, weil man schließlich den Palästinensern nicht trauen kann. Doch diese Routine ist sehr real, auch wenn sie nicht berichtet wird.

Für die Menschenrechtsorganisation Al-Haq erinnert die Eskalation an das, was 1993/94 geschah, als sie warnten, dass die zunehmende Gewalt, verbunden mit dem Scheitern der Behörden, etwas dagegen zu tun, zu Massentötungen führen würde. Und dann kam Dr. Baruch Goldstein aus Kiryat Arba und schoss 29 betende Muslime in der Ibrahim/Abraham-Moschee nieder. Das Massaker bereitete den Weg für eine konsequente israelische Politik der ethnischen Säuberung der Altstadt Hebrons von seinen palästinensischen Bewohnern mit der Hilfe von israelisch-jüdischen Pogromtschiken.

Gibt es jemanden unter den Entscheidungsträgern und -vollstreckern des Landes, der auf eine zweite Runde hofft?

Tlaxcala

Quelle: Haaretz 18.07.2012

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen