Freitag, 10. August 2012

Der geheime Krieg der NATO gegen die Kurden: Wie im Irak will die Türkei die Kurden jetzt auch in Syrien angreifen

Rick Rozoff
Rick Rozoff glaubt, mit der Bekämpfung kurdischer "Terroristen" in Syrien durch türkische Truppen wolle die NATO ein militärisches Eingreifen in Syrien erzwingen.

Von Rick Rozoff
Stop NATO, 01.08.12

Nach jüngsten Berichten hat die Türkei nur zwei Kilometer von der türkisch-syrischen Grenze entfernt mit Panzern, gepanzerten Transportfahrzeugen und Raketenbatterien ausgerüstete Truppen aufmarschieren lassen, und ihre in Mardin stationierte 70. Motorisierte Brigade führt mit 25 Kampfpanzern entlang der Grenze ein Manöver durch.

Diese militärische Eskalation begründet die Türkei damit, dass Kräfte der Demokratic Union Party der syrischen Kurden, die nach Meinung Ankaras mit der türkischen Kurdischen Arbeiterpartei PKK paktieren, die Kontrolle über die syrischen Städte Efrin, Kobane und Amude in der Nähe der Grenze zur Türkei übernommen haben.

Die weltlich orientierte und linksgerichtete Kurdische Arbeiterpartei / PKK setzt sich seit 1978 für die Autonomie der Kurden in der Türkei ein und wird von der Türkei, den USA, der NATO und der Europäischen Union als Terrororganisation eingestuft.

Die türkische Regierung bekämpft die PKK seit 28 Jahren nicht nur in der Türkei, sondern im letzten Jahrzehnt auch im Norden des Iraks – und zwar mit aktiver Unterstützung des Pentagons und der NATO. Die Bekämpfung der kurdischen Oppositionsgruppen kann durchaus als ein weiterer insgeheim geführter Krieg der USA und der NATO angesehen und der ständig wachsenden Liste der NATO-Kriege in Jugoslawien, Afghanistan, Pakistan, im Irak, in Somalia, in Libyen und jetzt in Syrien hinzugefügt werden.

In den letzten Jahren haben sich die NATO und das EUCOM und das CENTCOM des Pentagons zunehmend am militärischen Vorgehen der Türkei gegen die PKK und andere kurdische Oppositionsgruppen in der Türkei und im Irak beteiligt. Die Türkei gehört zum Befehlsbereich des EUCOM, der Irak zu dem des CENTCOM. (s. hier)

Im September 2005 hat sich James Jones, ein General des U.S. Marine Corps, der damals Chef des EUCOM und NATO-Oberkommandierender in Europa war und später der erste Sicherheitsberater der Obama-Regierung wurde, mit Mitgliedern des türkischen Generalstabs getroffen und eine Vereinbarung über die Errichtung eines NATO-Zentrums zur Terrorbekämpfung in der Türkei unterzeichnet.

Das kommentierte General Jones damals so:
"Wir haben über das spezifisch türkische Problem mit der PKK gesprochen. Die Türkei ist ein idealer Standort für unser Zentrum zur Bekämpfung des Terrors. Sie verfügt über die zweitgrößten Armee der NATO, liegt strategisch sehr günstig und hat mehr als 30 Jahre Erfahrung in der Bekämpfung von Terroristen."
Das NATO Centre of Excellence Defence Against Terrorism (das führende NATO-Zentrum zur Terrorbekämpfung) wurde am 28. Juni 2005 in Ankara gegründet. (Weitere Infos dazu
sind hier aufzurufen.)

Im Juli 2006 forderte der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan die NATO auf, sich offen an der Bekämpfung der PKK-Aufständischen zu beteiligen; er sagte damals:
"Die NATO führt Krieg gegen den Terrorismus in Afghanistan und sollte das auch hier tun. Es wäre gut wenn sich die Türkei, die NATO und die USA zusammentäten, um gemeinsam zum Erfolg zu kommen."
Seine Forderung wurde einen Monat später teilweise erfüllt, als die USA Joseph Ralston, einen ehemaligen EUCOM-Chef und NATO-Oberkommandierenden, zum Sonderbeauftragten für die Bekämpfung der PKK ernannten, was er auch heute noch ist.

Die operative und logistische Unterstützung der türkischen Streitkräfte in ihrem jahrzehntelangen Krieg gegen die PKK und mit ihr verbündete Gruppen blieb nicht nur auf die Türkei beschränkt.

Ankara hat auch regelmäßig groß angelegte Einsätze von Bodentruppen und tödliche Luftangriffe im Irak durchgeführt. Da der Irak von 2003 bis zum Ende des letzten Jahres von Truppen der USA, Großbritanniens und der multinationalen Streitkräfte, die von anderen NATO-Staaten, Beitrittskandidaten oder Bündnispartnern gestellt wurden, besetzt war, konnten die türkischen Offensiven innerhalb des Iraks nur im Einverständnis und in Zusammenarbeit mit den USA und der NATO durchgeführt werden.

Die militärischen Übergriffe der Türkei im Norden des Iraks stellen natürlich eine grobe Verletzung der Souveränität und der territorialen Integrität dieses Staates dar und liefern ein genaues Modell und die Vorlage für das, was sich jetzt im benachbarten Syrien abspielen soll.

Damit die Leser eine Vorstellung vom Umfang der beabsichtigten Operation erhalten, sei daran erinnert, dass die Türkei im April 2006 rund 40.000 Soldaten in die Nähe der irakischen Grenze verlegte, um die 250.000 Soldaten zu verstärken, die bereits im Südosten der Türkei stationiert waren.

Ankara hat seither wiederholt Angriffe mit Bodentruppen, Artillerie oder Flugzeugen auf irakischem Gebiet durchgeführt.

Als bei einen PKK-Angriff im August 2011 neun türkische Soldaten getötet wurden, hat die Türkei nach einer längeren Pause im September 2011 die Luftangriffe auf ihren arabischen Nachbarn wieder aufgenommen. Am 21. September gab der türkische Generalstab bekannt, türkische F-16 hätten in den Qandil-Bergen im Nordirak 152 Ziele bombardiert.

Victoria Nuland, die Sprecherin des US-Außenministeriums und ehemalige US-Botschafterin bei der NATO, sagte zu den türkischen Luftangriffen:
"Die Hoffnung bleibt. Sie wissen, wie sich die PKK verhält. Wir glauben, dass die Türkei das Recht hat, sich zu verteidigen, weil die PKK eine Terrororganisation ist, und wir drängen auf die Fortsetzung eines ernsthaften Dialoges zwischen der Türkei und dem Irak."
Die USA sind also der Meinung, dass der Irak die bewaffneten Angriffe auf sein Territorium durch einen ihrer NATO-Verbündeten dulden muss.

Im Oktober 2011 wurden 15.000 türkische Elitesoldaten an die irakische Grenze verlegt, um Bodenoperationen gegen kurdische Schlupfwinkel durchzuführen. Am 24. Oktober drangen sie mit Panzern und gepanzerten Transportfahrzeugen, unterstützt von Kampfflugzeugen, in den Norden des Iraks ein.

Im darauf folgenden Monat versprach die Obama-Regierung dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, US-amerikanische Predator-Drohnen vom Irak in die Türkei zu verlegen und sie dort gegen die Kurden einzusetzen. Damals berichtete Radio Free Europe: "Ankara betrachtet die Drohnen als entscheidende Waffe im Kampf gegen die PKK, eine kurdische Rebellengruppe."

Eine türkische Zeitung hat bestätigt, dass die USA Ende Oktober 2011 vier Predator- Drohnen auf der Air Base Incirlik stationiert haben, auf der das Pentagon bereits rund 90 Atombomben des Typs B61 eingelagert hat.

Die Türkei will in den USA auch hochmoderne Reaper-Drohnen kaufen, welche die im Kampf gegen die PKK eingesetzten israelischen Drohnen vom Typ Heron ersetzen sollen.

Radio Free Europe hat auch berichtet: "Obama will die Türkei für ihre Unterstützung bei der Errichtung des Raketenabwehrschildes der NATO belohnen, der nach Angaben Washingtons vor Bedrohungen durch Schurkenstaaten wie den Iran schützen soll."

Zur gleichen Zeit bestätigte das Pentagon, dass es den Kongress über den beabsichtigten Verkauf von drei Kampfhubschraubern des Typs AH-1 Super Cobra an die Türkei informiert habe; in einer Pressemitteilung stellt das US-Verteidigungsministerium dazu fest, die Hubschrauber würden "der Türkei helfen, ihre Selbstverteidigung zu verstärken und ihre Streitkräfte zu modernisieren, und die regionale Sicherheit und die Zusammenarbeit mit den USA und anderen NATO-Mitgliedern verbessern".

Im Dezember 2011 traf sich der US-Vizepräsident Joseph Biden in Ankara mit dem türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gul, und Gul versicherte für beide Staaten: "Wir werden unseren gemeinsamen Kampf gegen die PKK verstärkt fortsetzen."

Zwei Wochen später versprach US-Verteidigungsminister Leon Panetta bei seinem Türkei-Besuch Hilfe bei der Überwachung des Iraks nach dem Abzug der US-Bodentruppen aus dem Nachbarland; bezugnehmend auf die Bedenken Russlands und des Irans gegen die Errichtung einer Radarlage für den Raketenabwehrschild der NATO in der Türkei, sagte er: "Ob sie das nun mögen oder nicht, andere Staaten werden das akzeptieren müssen." Er versicherte außerdem, die USA würden den Kampf gegen die PKK auch weiterhin und verstärkt unterstützen:
"Wir helfen im Kampf gegen die PKK mit unserer Technologie. Wir versuchen, unsere diesbezüglichen Kapazitäten zu erweitern und erwägen weitere Schritte."
Die von der Air Base in Incirlik aus operierenden Predator-Drohnen, werden von einer USEinheit am Boden betreut und von der Creech Air Force Base in Nevada aus gesteuert.

Ende Dezember 2011 wurden bei einem türkischen Luftangriff auf ein kurdisches Dorf in der Nähe der Grenze zur Türkei 35 Zivilisten getötet, von denen der Älteste erst 20 Jahre alt war; das ist die größte Anzahl von Zivilisten, die in der 28-jähriger Bekämpfung der aufständischen Kurden jemals an einem Tag getötet wurden. Die Opfer waren von einer Drohne ausgespäht und umgebracht worden.

Das türkische Militär hat die Drohnenangriffe auf irakischem Territorium auch in diesem Jahr fortgesetzt.

Es ist offensichtlich, dass die Türkei kurz davor steht, ihr Vorgehen gegen die Kurden im Irak jetzt auch auf Syrien auszudehnen. Anders als im Irak werden Luftangriffe auf Dörfer in Syrien und das Eindringen von Truppen und Panzern nach Syrien aber nicht folgenlos bleiben. Sie werden auf Gegenwehr stoßen.

Das zeigte sich bereits bei dem im Juni erfolgten Abschuss eines türkischen F-4-Kampfjets über syrischem Territorium; schon damals hat die Türkei unter Berufung auf Artikel 4 des Nordatlantikvertrages die NATO zum Beistand aufgefordert. (s. dazu hier).

Das erste türkische Kampfflugzeug, das über syrischem Gebiet eine Bombe abwirft oder eine Rakete abfeuert, wird eine viel stärkere Reaktion provozieren als die Verletzung des syrischen Luftraums im Juni.

Nachdem es durch "humanitäre Eingriffe" und "Storys über den drohenden Einsatz von "Massenvernichtungswaffen" nicht gelungen ist, Syrien zu einem Krieg gegen die Türkei und damit gegen die NATO zu provozieren, könnte das unter dem Vorwand, kurdische Terroristen in Syrien bekämpfen zu müssen, vielleicht doch noch gelingen.

Übersetzung; Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

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