Freitag, 31. August 2012

Die zweite Front der westlichen Alliierten im Zweiten Weltkrieg: Warum wurden vor siebzig Jahren, am 19. August 1942, bei Dieppe so viele kanadische Soldaten geopfert?

Dr. Jacques R. Pauwels
Der Sieg der Roten Armee vor Moskau war die eigentliche Zäsur ...

Dr. Jacques R. Pauwels

Der in Belgien geborene Historiker Dr. Jacques R. Pauwels untersucht, warum die westlichen Alliierten am 19. August 1942 bei Dieppe an der französischen Kanalküste so viele kanadische Soldaten für einen Angriff geopfert haben, der nur scheitern konnte.

Von Dr. Jacques R. Pauwels
Global Research, 18.08.12

Der Gezeitenwechsel im Zweiten Weltkrieg fand Anfang Dezember 1941 statt, als Hitlers Blitzkriegsstrategie durch eine Gegenoffensive der Roten Armee vor Moskau gestoppt wurde. Dieser Rückschlag leitete die Niederlage Nazi-Deutschlands ein, weil es den Krieg jetzt ohne das Öl aus dem Kaukasus und ohne die anderen Ressourcen führen musste, die es durch einen schnellen Sieg über die Sowjetunion zu erlangen hoffte. Der Krieg war jedoch noch lange nicht vorbei, denn die Rote Armee stand bei ihrem Abwehrkampf zeitweise mit dem Rücken an der Wand. Die USA und Großbritannien leisteten zwar wichtige Materialhilfe, die Sowjets hätten von ihren (westlichen) Verbündeten aber vor allem wirksame militärische Unterstützung gebraucht. Deshalb forderte Stalin von Churchill und Roosevelt die Eröffnung einer zweiten Front in Westeuropa. Eine Landung englischer und US-amerikanischer Truppen in Frankreich, Belgien oder Holland hätte die Deutschen gezwungen, Truppen von der Ostfront abzuziehen, und damit den Sowjets die dringend benötigte Entlastung gebracht.

Die führenden Politiker und Militärs Großbritanniens und der erst kurz vorher in den Krieg eingetretenen USA waren im Dezember 1941 unterschiedlicher Meinung über die Notwenigkeit und den Nutzen einer zweiten Front. Mehrere britische und US-amerikanische Militärführer – einschließlich des US-amerikanischen Generalstabschefs George Marshall und des Generals Eisenhower – wollten so schnell wie möglich Truppen in Frankreich landen. Sie wurden anfänglich auch von Präsident Roosevelt unterstützt. Er hatte Churchill versprochen, dass die USA dem Krieg gegen Deutschland Priorität einräumen und sich Japan erst später vornehmen würden; diese Entscheidung wurde als das Prinzip "Germany First" (Deutschland zuerst!) bekannt. Folglich war Roosevelt eifrig bestrebt, sich sofort mit Deutschland zu befassen, und wollte deshalb möglichst schnell eine zweite Front. Im Mai 1942 versprach Roosevelt dem sowjetischen Außenminister Molotow, dass die USA noch vor Jahresende eine zweite Front eröffnen würden.

Der britische Premierminister Winston Churchill hingegen lehnte eine zweite Front (in Westeuropa) entschieden ab. Einige Historiker meinen, er könnte befürchtet haben, eine Landung in Frankreich werde zu einer Wiederholung des mörderischen Krieges führen, der im Ersten Weltkrieg auf den Schlachtfeldern in Nordfrankreich getobt hatte. Es ist aber wahrscheinlicher, dass Churchill hoffte, die Armeen Hitlers und Stalins würden beide an der Ostfront ausbluten, und London und Washington könnten aus einem Patt im Osten Nutzen ziehen. Da Churchill schon fast drei Jahre Kriegserfahrung hatte, konnte er starken Einfluss auf Roosevelt ausüben, für den der Krieg in Europa ganz neu war. Es ist deshalb verständlich, dass sich die Meinung des britischen Premierministers durchsetzte und die Pläne für die Eröffnung einer zweiten Front im Jahr 1942 erst einmal stillschweigend begraben wurden. Auch Roosevelt selbst erkannte, dass dieses Tun – oder besser Nichtstun – ihm einige attraktive Aussichten eröffnete.

Zum Beispiel konnte er, wenn er das Prinzips "Germany First" zurückstellte, mehr Soldaten und Ausrüstung für den Krieg im Pazifik verwenden, den er eher als "seinen Krieg" ansah, weil es darin viel ausgeprägter als in Europa um direkte Interessen der USA ging. Er und seine militärischen und politischen Berater erkannten auch, dass ein schneller Sieg über Deutschland riesige Opfer fordern würde, die der US-Bevölkerung nicht zuzumuten waren. Durch eine Landung in Frankreich wäre es zu einer direkten Konfrontation mit dem furchterregenden deutschen Gegner gekommen, die selbst bei einem erfolgreich Ausgang sehr blutig und kostspielig verlaufen wäre. War es nicht viel klüger, vorläufig sicher am Spielfeldrand zu bleiben und den Sowjets die Zermürbung der Nazis zu überlassen?

Wenn die Rote Armee im Kampf gegen die Wehrmacht das Kanonenfutter stellen würde, könnten die US-Amerikaner und ihre britischen Verbündeten ihre eigenen Verluste in Grenzen halten. Außerdem könnten sie dann ihre Kraft aufsparen und im richtigen Moment – wenn ihr Nazi-Feind und ihr sowjetischer Verbündeter erschöpft wären – wie ein "deus ex machina" in den Kampf eingreifen. Mit Großbritannien an ihrer Seite könnten die USA nach dem Krieg die Hauptrolle im Lager der Sieger und den Oberschiedsrichter beim Verteilen der gemeinsam erstrittenen Kriegsbeute spielen; außerdem könnten sie sich bei der Erstellung einer "neuen Ordnung" für Europa Zugang zu diesem Kontinent verschaffen. Als sich die Nazis und die Sowjets im Frühjahr und Sommer 1942 in einer titanischen Schlacht ineinander verkeilten, während die "Angelsachsen" dabei als "tertius gaudens" (lachender Dritter) aus der Ferne zuschauten, sah es tatsächlich so aus, als ginge diese Rechnung auf. [Übrigens wurde damals in zahlreichen US-Zeitungsartikeln die Hoffnung auf einen sich in die Länge ziehenden Konflikt zwischen Berlin und Moskau geäußert, und in einer vielzitierten Bemerkung sagte Senator Harry S. Truman bereits am 24. Juni 1941, nur zwei Tage nach Beginn des Nazi-Überfalls auf die Sowjetunion: "Wenn wir sehen, dass Deutschland siegt, sollten wir Russland helfen, und wenn Russland gewinnt, sollten wir Deutschland helfen, damit auf beiden Seiten möglichst viele krepieren."]

Natürlich konnten die US-Amerikaner und die Briten nicht die wahren Gründe offenlegen, warum sie keine zweite Front eröffnen wollten. Statt dessen gaben sie vor, ihre vereinigten Streitkräfte seien für ein solches Unternehmen noch nicht stark genug. Bis heute wird behauptet, die Briten und die US-Amerikaner hätten 1942 noch keine Großoffensive in Frankreich starten können. Angeblich musste zuerst der Seekrieg gegen die deutschen UBoote gewonnen werden, damit die notwendigen Truppentransporte über den Atlantik sicher abzuwickeln waren. Dabei wurden bereits seit einiger Zeit erfolgreiche Truppentransporte von Nordamerika nach Großbritannien durchgeführt, und im Herbst des gleichen Jahres konnten die USA problemlos eine beträchtliche Streitmacht im noch weiter entfernten Nordafrika landen – das ebenfalls auf der anderen Seite des damals wirklich sehr gefährlichen Atlantiks liegt. [Diese Landung, bekannt als Operation Torch (Fackel), diente der Besetzung französischer Kolonien, zu denen auch Marokko gehörte; sie zwang die Deutschen aber nicht, Truppen von der Ostfront abzuziehen, brachte den Sowjets also keine Entlastung und kann deshalb auch nicht als die Eröffnung einer zweiten Front angesehen werden.]

In Wirklichkeit wäre es bereits im Sommer 1942 möglich gewesen, eine beträchtliche Streitmacht in Frankreich oder anderswo in Westeuropa zu landen und eine zweite Front zu eröffnen. Die britische Armee hatte sich von den Niederlage im Jahr 1940 erholt, und eine große Anzahl US-amerikanischer und kanadischer Soldaten war bereits auf der Britischen Insel eingetroffen und einsatzbereit. Außerdem war es kein Geheimnis, dass die Deutschen nur relativ wenige Truppen zur Verteidigung der Tausende von Kilometern langen Atlantikküste zur Verfügung hatten, und dass diese Truppen, verglichen mit den an der Ostfront eingesetzten, über eine deutlich geringere Kampfkraft verfügten. Entlang der Atlantikküste standen Hitler rund 60 Divisionen zur Verfügung, die als zweitrangig einzustufen waren, während an der Ostfront nicht weniger als 260 gut ausgerüstete deutsche Divisionen kämpften. Außerdem waren die deutschen Befestigungen an der französischen Küste 1942 noch nicht so stark ausgebaut wie im Juni 1944, als in der Normandie schließlich doch noch eine Landung erfolgte; den Auftrag zur Errichtung des berühmten Atlantikwalles erteilte Hitler erst im August 1942, und die Bauarbeiten zogen sich vom Herbst 1942 bis zum Frühjahr 1944 hin.

Stalin, der wusste, dass die zur Verteidigung Westeuropas vorgesehenen deutschen Truppen schwach waren, setzte London und Washington wegen einer Landung in Frankreich weiterhin unter Druck. Churchill wurde auch von Richard Stafford Cripps und anderen Mitgliedern seines eigenen Kabinetts und von den britischen Gewerkschaften, die viel Verständnis für die Notlage der Sowjets hatten, zur Errichtung einer zweiten Front gedrängt. Mit einer (absichtlich herbeigeführten) Tragödie, die beweisen sollte, dass die westlichen Alliierten noch nicht in der Lage waren, eine zweite Front zu eröffnen, befreite sich der britische Premierminister von diesem hartnäckigen Druck: Eine (viele zu kleine) alliierte Landungstruppe, die am 19. August 1942 von England aus losgeschickt wurde, um mit der Eroberung des französischen Hafens Dieppe so etwas wie den Grundstein für die Errichtung einer zweiten Front zu legen, wurde (erwartungsgemäß) von den Deutschen vernichtend geschlagen.

Canadian prisoners of war being led through Dieppe by German soldiers
Von den 6.086 alliierten Soldaten, die es schafften, an Land zu kommen, wurden 3.623 – fast 60 Prozent – entweder getötet, verwundet oder gefangen genommen. Die britische Armee und Marine büßte etwa 800 Mann ein, und die Royal Air Force / RAF verlor (an einem Tag) 106 Flugzeuge. Von den 50 US-Rangers, die an der Landeoperation teilnahmen, fielen drei aus. Die höchsten Verluste erlitten die kanadischen Truppen; von ihren fast 5.000 Soldaten waren 3.367 – also rund 68 Prozent – nicht mehr einsatzfähig; rund 900 wurden getötet, fast 600 verwundet und der Rest geriet in Gefangenschaft. Derart hohe Verluste werden immer als "nicht vergebens" beschönigt; trotzdem wollten die Medien und vor allem die kanadische Bevölkerung wissen, welche Ziele man mit dieser Aktion verfolgt hatte und welche erreicht wurden. Die politisch und militärisch Verantwortlichen lieferten jedoch nur wenig überzeugende Erklärungen, die aber trotzdem ihren Weg in die Geschichtsbücher fanden. Churchill stellte die Operation als notwendige "gewaltsame Aufklärung" dar, mit der die Stärke der deutschen Küstenverteidigung getestet werden sollte. Musste man wirklich Tausende von Männern opfern, um festzustellen, dass die Deutschen einen von hohen Klippen eingerahmten Seehafen in eine Festung verwandelt hatten? Wichtige Informationen über die Lage von Stellungen und Geschütz- oder Maschinengewehrständen hätte man sich auch durch Luftaufklärung oder mit Hilfe der örtlichen Résistance verschaffen können.

Was die Résistance angeht, versuchte man den Scheinangriff sogar als Aktion zur Stärkung der Moral der französischen Partisanen und der französischen Bevölkerung zu verkaufen, obwohl er wegen seines (beabsichtigten) Scheiterns eher kontraproduktiv wirkte. Die Operation, die mit einem kläglichen Rückzug von einem mit zurückgelassener Ausrüstung und Leichen übersäten Strand und dem Marsch erschöpfter und demoralisierter kanadischen Soldaten in ein Kriegsgefangenenlager endete, konnte die Franzosen kaum aufmuntern. Nutzen aus dieser Scheinaktion zog nur die Propagandamaschinerie der Deutschen; sie verspottete die Unfähigkeit der Alliierten und prahlte mit eigenen militärischen Heldentaten, um die Franzosen zu entmutigen und den Deutschen Mut zu machen, die nach den vielen schlechten Nachrichten aus dem Osten dringend neue Siegesmeldungen brauchten.

Nicht zuletzt wurde auch behauptet, diese Operation Jubilee (Jubiläum) sei ein Versuch gewesen, den Sowjets etwas Erleichterung zu verschaffen. Dabei war Dieppe ganz offensichtlich nur ein Nadelstich, der keinerlei Auswirkungen auf die Kämpfe an der Ostfront hatte. Die Deutschen waren nicht gezwungen, Truppen aus dem Osten nach Westen zu verlegen; nach Dieppe konnten sie sich sogar ziemlich sicher sein, dass es in nächster Zeit nicht zur Errichtung einer zweiten Front kommen würde, und sogar Truppen aus dem Westen für den Osten abziehen, wo sie dringend gebraucht wurden. Für die Rote Armee brachte Dieppe also überhaupt keine Entlastung.

Viele Historiker haben die offiziellen Begründungen für die Operation Jubilee einfach kritiklos übernommen und sogar welche dazu erfunden. Erst kürzlich wurde zum Beispiel in einer Veröffentlichung behauptet, die Aktion bei Dieppe habe hauptsächlich stattgefunden, weil man sich die geheimnisumwitterte deutsche Verschlüsselungsmaschine Enigma und die dazugehörenden Handbücher verschaffen wollte. Hätten die Deutschen ihre Codierung nicht einfach sofort ändern können, wenn dieses Ziel erreicht worden wäre? [Das Argument, es sei geplant gewesen, sämtliches über die Enigma verfügbare Material zu stehlen und vor dem Rückzug aus Dieppe alle damit in Zusammenhang stehenden Einrichtungen zu zerstören, ist nicht überzeugend, weil es den Deutschen einen hohen Grad an Naivität unterstellt.]

Nach der Invasion der Alliierten, die im Juni 1944 unter dem Decknamen Operation Overlord in der Normandie stattfand, wurde nachträglich ein scheinbar überzeugendes Argument für die Operation Jubilee vorgebracht. Die Dieppe-Aktion wurde jetzt triumphierend als "Generalprobe" für die erfolgreiche Landung in der Normandie ausgegeben. In Dieppe habe man zur Vorbereitung der bereits geplanten großen Landeoperation die deutsche Küstenverteidigung testen wollen. Lord Mountbatten, der Architekt der Operation Jubilee, den viele immer noch für das Desaster von Dieppe verantwortlich machen, behauptete sogar, "die Schlacht um die Normandie sei eigentlich am Strand von Dieppe gewonnen worden" und "für jeden Mann, der 1942 in Dieppe starb, hätten 1944 bei der Landung in der Normandie mindestens zehn überlebt". Damit schuf er einen neuen Mythos: Die Tragödie der Operation Jubilee sei die "conditio sine qua non" (die unerlässliche Voraussetzung,) für den Triumph der Operation Overlord gewesen.

In Dieppe hat man angeblich die wichtige militärische Erfahrung gemacht, dass die deutschen Küstenbefestigungen in den Seehäfen und ihrer Umgebung besonders stark waren. Deshalb sei die alliierte Invasion in der Normandie an dem hafenlosen Küstenstreifen nördlich von Caen über zwei unter dem Decknamen Mulberry (Maulbeere) angelegte künstliche Häfen erfolgt. War es nicht selbstverständlich, dass die Deutschen die Seehäfen stärker befestigen würden als unbedeutende kleine Seebäder? War es wirklich notwendig, Tausende von Männern zu opfern, um das herauszukriegen? Konnten die bei dem "Test" im Sommer 1942 gewonnenen Erkenntnisse über die deutschen Küstenbefestigungen überhaupt noch relevant für die Invasion im Jahr 1944 sein? Die stärksten Verteidigungsanlagen des furchterregenden Atlantikwalls wurden doch erst im Jahr 1943 gebaut. Warum fand die eigentliche Aufführung erst zwei Jahre nach der "Generalprobe" in Dieppe statt? Ist es nicht absurd, Jubilee als Generalprobe für ein Ereignis zu verkaufen, das überhaupt noch nicht konzipiert war? Aus Dieppe konnten die Deutschen weit nützlichere Lehren ziehen, weil sie jetzt einschätzen konnten, wie die Alliierten – wenn überhaupt – ihre Truppen landen würden.

Bis heute wird die Tragödie von Dieppe durch Desinformation und Propaganda verschleiert. Vielleicht können wir der Wahrheit über Dieppe näher kommen, wenn wir uns von einer alten philosophischen Rätselfrage inspirieren lassen: Wenn man scheitern will und tatsächlich scheitert, muss man das dann als Scheitern oder als Erfolg verbuchen? Wenn man in Dieppe einen militärischen Erfolg anstrebte, war die Operation sicher ein Misserfolg; wenn man aber ein militärischer Misserfolg wollte, war die Operation sehr erfolgreich. Im zweiten Fall sollten wir nach dem eigentlichen Ziel der Operation suchen, nach ihren "latenten", verborgenen Absichten fragen und uns nicht von vorgeschobenen Begründungen täuschen lassen.

Vieles deutet daraufhin, dass ein militärischer Fehlschlag beabsichtigt war. Zunächst war bekannt, dass die Stadt Dieppe gut zu verteidigen und deshalb zwangsläufig auch einer der am schwersten zu erobernden deutschen Stützpunkte an der französischen Kanalküste war. Jeder, der mit einem Fährschiff aus England dort ankommt, ahnt sofort, dass dieser Hafen, der von hohen und steilen Klippen umgeben ist, damals ziemlich sicher mit Maschinengewehren und Geschützen gespickt und damit eine tödliche Falle für die Angreifer war. Die Deutschen trauten wohl kaum ihren Augen, als sie gerade dort angegriffen wurden. Einer ihrer Kriegskorrespondenten, der das unvermeidliche Blutbad miterlebte, beschrieb den Überfall als "eine Operation, die alle Regeln der militärischen Logik und Strategie verletzte". Andere Faktoren – die schlechte Planung, die unzulängliche Vorbereitung, eine ungeeignete Ausrüstung [zum Beispiel Panzer, die in den Kieselsteinen des Strandes von Dieppe stecken blieben] – lassen darauf schließen, dass das Ziel dieser Operation eher ein militärischer Fehlschlag als ein militärischer Erfolg war.

Andererseits waren die Operation von Dieppe und ihr blutiges Misslingen durchaus sinnvoll, wenn damit eine "latente" nichtmilitärische Absicht verfolgt wurde. Militäreinsätze wer - den häufig durchgeführt, wenn ein bestimmtes politisches Ziel erreicht werden soll, und das scheint im August 1942 in Dieppe der Fall gewesen zu sein. Die gesamte politische Führung der westlichen Alliierten und besonders die politische Führung Großbritanniens unter Premierminister Churchill waren nicht bereit, dem ständigen Drängen nach der Eröffnung einer zweiten Front nachzugeben, hatten aber keine überzeugende Rechtfertigung für ihre Untätigkeit. Der Fehlschlag einer Aktion, die man als vorbereitenden Versuch zur Eröffnung einer zweiten Front ausgeben konnte, lieferte diese Rechtfertigung. In diesem Licht besehen, war die Tragödie von Dieppe tatsächlich ein großer Erfolg, sogar ein doppelter Erfolg. Erstens konnte man diese Operation als selbstlosen und heroischer Versuch ausgeben, den Sowjets helfen zu wollen. Zweitens schien der Misserfolg dieser Operation nur zu deutlich zu beweisen, dass die westlichen Alliierten tatsächlich noch nicht in der Lage waren, eine zweite Front zu eröffnen. Wenn die Operation Jubilee nur die Stimmen zum Schweigen bringen sollte, die nach der Eröffnung einer zweiten Front schrien, war sie tatsächlich ein großer Erfolg. Das Desaster von Dieppe ließ die populäre Forderung nach einer zweiten Front verstummen, und machte es Churchill und Roosevelt sehr einfach, sich untätig zurückzulehnen und dabei zuzusehen, wie sich die Nazis und die Sowjets im Osten gegenseitig abschlachteten.

Diese politische Motivation für Dieppe würde auch erklären, warum von den Lämmern, die dort zur Schlachtbank geführt wurden, nur wenige US-Amerikaner oder Briten, die meisten aber Kanadier waren. Die Kanadier waren tatsächlich das ideale Kanonenfutter für dieses Unternehmen, weil ihre politischen und militärischen Führer nicht zu dem exklusiven Club gehörten, den die britischen und US-amerikanischen Kommandeure bildeten, die diese Operation planten; Kanadier hätten sich ganz sicher dagegen gesträubt, dass ihre Landsleute geopfert werden sollten. Unsere Hypothese erklärt auch, warum vergleichsweise wenige Briten und kaum US-Amerikaner an der Aktion beteiligt waren.

Nach der Tragödie von Dieppe hörte sogar Stalin auf, eine zweite Front zu fordern. Die Sowjets bekamen sie 1944 dann doch noch, als Stalin dieses Entgegenkommen eigentlich nicht mehr brauchte. Zu diesem Zeitpunkt hatten die US-Amerikaner und die Briten jedoch dringende eigene Gründe für eine Landung an der Küste Frankreichs. Weil sich die sowjetischen Truppen nach den Schlachten von Stalingrad und Kursk unaufhaltsam den Weg nach Berlin bahnten, "mussten die US-amerikanischen und britischen Strategen unbedingt Truppen in Frankreich landen und nach Deutschland vorstoßen, um zu verhindern, dass der größte Teile dieses Staates den Sowjets in die Hände fiel", wie die zwei US-amerikanischen Historiker Peter N. Carroll und David W. Noble schrieben. Als im Juni 1944 in der Normandie endlich eine zweite Front eröffnet wurde, geschah das nicht um den Sowjets zu helfen, sondern um zu verhindern, dass sie den Krieg (gegen die Nazis) allein gewannen.

Die Sowjets bekamen schließlich doch noch ihre zweite Front, als sie diese nicht mehr brauchten und sie eigentlich auch nicht mehr wollten. [Das bedeutet nicht, dass sie die Landung in der Normandie nicht begrüßten oder aus der verspäteten Eröffnung der zweiten Front keinen Nutzen mehr ziehen konnten; schließlich blieben die Deutschen bis zum Kriegsende ein äußerst zäher Gegner.] Auch die Kanadier, die in Dieppe geopfert worden waren, erhielten etwas – nämlich viel Lob von den Männern an der Spitze der militärischen und politischen Hierarchie (der westlichen Alliierten). Churchill selbst erklärte zum Beispiel feierlich, Jubilee sei "der Schlüssel zum Erfolg der Landung in der Normandie" und "ein äußerst bedeutsamer kanadischer Beitrag zum Endsieg" gewesen. Die Kanadier wurden mit vielen hohen Orden überschüttet, darunter nicht weniger als drei Victoria Crosses. Mit den überschwänglichen Lobeshymnen und den ungewöhnlich vielen hohen Orden wollten die Verantwortlichen wahrscheinlich ihr schlechtes Gewissen beruhigen, weil sie so viele Männer in eine selbstmörderischen Einsatz geschickt hatten, um äußerst fragwürdige politische Ziele zu erreichen.


Jacques R. Pauwels ist der Autor des Buches "Der Mythos vom guten Krieg: Die USA und der 2. Weltkrieg", erschienen bei James Lorimer in Toronto 2002 (und als Übersetzung bei PapyRossa in Köln 2006).

(Luftpost-kl.de hat den sehr aufschlussreichen Artikel, der zeigt, dass auch schon im Zweiten Weltkrieg eigene Soldaten aus politischen Gründen absichtlich geopfert wurden, komplett übersetzt und mit Ergänzungen und Links in runden Klammern versehen. Die Ausführungen in eckigen Klammern hat der Autor Dr. Jacques R. Pauwels selbst eingefügt.)

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