Samstag, 1. September 2012

Plant Israel, den Iran "noch vor den US-Wahlen" anzugreifen?

Prof. Michel Chossudovsky
Michel Chossudovsky hält das von israelischen Medien verbreitete Gerücht, Netanjahu werde den Iran auch gegen den Willen der US-Regierung angreifen, für ein Täuschungsmanöver, mit dem vertuscht werden soll, dass der Krieg gegen den Iran schon seit 2003 von den USA, der NATO und Israel gemeinsam vorbereitet wird.

Von Michel Chossudovsky
Global Research, 21.08.12

Der israelische Rundfunk- und Fernsehsender Channel 10 behauptet, Premierminister Benjamin Netanjahu sei "fest entschlossen, den Iran noch vor den US-Wahlen anzugreifen", und die "Zeit zum Handeln rücke näher".

"Israel ist einem Schlag zur Durchkreuzung des iranischen Atomprogramms näher als jemals zuvor."

Nach diesem gerade veröffentlichten Bericht glauben Netanjahu und Verteidigungsminister Ehud Barak fest daran, dass Präsident Obama "keine Wahl habe und einen israelischen Angriff unterstützen müsse", wenn er noch vor der Präsidentschaftswahl im November erfolge:
Alon Ben-David, ein für Militärfragen zuständiger Reporter des TV-Senders, der im Frühjahr dieses Jahres umfassend über die Vorbereitung der israelischen Luftwaffe auf einen möglichen Angriff (auf den Iran) informiert wurde, berichtete, weil es auch mit den vor zwei Monaten noch einmal verschärften Sanktionen nicht gelungen sei, den Iran zur Aufgabe seines Atomprogramms zu bewegen, "rücke der Zeitpunkt zum Handeln aus Sicht des (israelischen) Premierministers immer näher".

Als ihn der Moderator des in Hebräisch gesendeten TV-Berichts fragte, wie nahe Israel "einer Entscheidung oder vielleicht sogar einem Angriff" sei, antwortete Ben-David: "Vermutlich näher als jemals zuvor."

Netanjahu scheine nicht auf das viel diskutierte, im Rahmen der UN-Generalversammlung Ende September in New York mögliche Treffen mit dem US-Präsidenten Barack Obama warten zu wollen – es sei noch nicht einmal klar, "ob es überhaupt ein Treffen geben werde". Ben-David erklärte: "Ich bezweifle, dass Obama irgendetwas vorbringen kann, was Netanjahu veranlassen könnte, den möglichen Angriff noch länger aufzuschieben."

In dem Bericht wurde auch festgestellt, in Israel gebe es eine starke Opposition gegen einen Angriff auf die Atomanlagen des Irans; neben Präsident Shimon Peres seien auch der Generalstabschef der Armee, mehrere führende Generäle, die Geheimdienste und Oppositionsführer Shaul Mofaz – "wie die USA" – gegen einen israelischen Angriff zum jetzigen Zeitpunkt.

Fishbowl - Starfish Prime (400 km Höhe, Sprengkraft: 1450 kT).
Der Test erzeugte eine künstliche Aurora, die noch auf Hawaii zu sehen war.
Die Entscheidung habe aber die israelische Regierung zu treffen, gab Ben-David zu bedenken, und in der habe Netanjahu "eine fast sichere Mehrheit". Andere in Hebräisch erscheinende Medien berichteten am Dienstag, Netanjahu habe seinen Nationalen Sicherheitsberater Yaakov Amidror beauftragt, Rabbi Ovadja Josef, den betagten geistlichen Führer der seiner Regierungskoalition angehörenden ultraorthodoxen Schas-Partei über den neuesten Stand des iranischen Atomprogramms zu informieren, um die von des Schas-Partei gestellten Minister für einen Angriff auf den Iran zu gewinnen. [Times of Israel; die Hervorhebungen hat der Autor vorgenommen]
Einem schon früher von Richard Silverstein veröffentlichten Bericht sind Details aus einem durchgesickerten, aus dem Hebräischen übersetzten militärischen Dokument zu entnehmen, aus denen hervorgeht, wie der von Netanjahu geplante Angriff auf den Iran aussehen soll, damit er "Schock und Entsetzen" hervorruft:
Der israelische Angriff wird aus mehreren koordinierten Komponenten bestehen und auch einen beispiellosen Cyberangriff einschließen, der das iranische Regime total lähmen und ihm die Fähigkeit nehmen soll, zu erkennen, was innerhalb seiner Grenzen geschieht. Das Internet, das Telefonnetz, der Rundfunk und das Fernsehen, die Nachrichtensatelliten und die Glasfaser-Kabel, die zu wichtigen Einrichtungen wie den unterirdischen Raketenbasen in Khorramabad und Isfahan führen, werden außer Betrieb gesetzt. Das Stromnetz des Iran wird dadurch stillgelegt, dass Transformatorenstationen mit Geschossen zerstört werden, die Kohlefasern enthalten, die feiner als Menschenhaare sind und Kurzschlüsse verursachen, die nur zu reparieren sind, wenn die Transformatoren komplett ausgetauscht werden. Das wäre eine Sisyphusaufgabe, weil gleichzeitig Clusterbomben abgeworfen werden sollen, die teilweise zeitverzögert explodieren oder erst durch ein Satellitensignal aktiviert werden sollen.

Einige Dutzend ballistischer Raketen würden von Israel aus auf den Iran abgefeuert. Ballistische Raketen mit einer Reichweite von 300 km sollen von israelischen U-Booten im Persischen Golf aus starten. Die Raketen wären nicht mit Atomsprengköpfen, aber mit hochexplosiver Sprengmunition bestückt, die auch gehärtete, verbunkerte Ziele zerstören kann.

Ein Teil der Raketen soll oberirdische Ziele zerstören: den Atomreaktor in Arak, der Plutonium und Tritium produzieren soll, und die in seiner Nähe liegende Produktionsstätte für schweres Wasser, die Fabrik zur Herstellung von Kernbrennstäben in Isfahan und die Anlagen zur Anreicherung von Uranhexafluorid. Andere sollen in unterirdischen Anlagen, zum Beispiel in der bei Fordo, explodieren.

Hunderte von Marschflugkörpern sollen Kommando- und Kontrollanlagen, Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen und die Wohnsitze von führenden Atomund Raketenforschern treffen. Mit Hilfe geheimdienstlicher Erkenntnisse, die im Lauf von Jahren gesammelt wurden, sollen die für diese Bereiche wichtigsten Forscher und Militärs des Irans ausgelöscht werden.

Nach der ersten, auf die Sekunde abgestimmten Angriffswelle wird ein über den Iran fliegender "blau-weißer" (israelischer) Radarsatellit die angerichteten Schäden erfassen. Nach der schnellen Auswertung der Satellitendaten sollen mit den Ergebnissen versorgte israelische Tarnkappenbomber das Zerstörungswerk vollenden. Diese Flugzeuge werden mit modernsten Geräten zur Ausschaltung des feindlichen Radars ausgestattet sein, die bisher auch vor den verbündeten USA geheim gehalten wurden. Diese Ausrüstung wird die israelischen Flugzeuge "unsichtbar" machen. Jedes der an der zweiten Angriffswelle beteiligten Flugzeuge wird eine Liste mit Zielen erhalten, die noch nicht völlig zerstört sind.

Zu den Zielen, die angegriffen werden sollen, gehören auch die Silos der ballistischen Raketen vom Typ Shihab 3 und Sejil, Lagertanks für chemische Komponenten des Raketentreibstoffs, Fabriken für Raketenkontrollsysteme und Produktionsstätten für Zentrifugen (zur Urananreicherung).

Richard Silverstein unterstreicht die Tatsache, dass es in Israel eine bedeutende Opposition gegen den Netanjahu-Barak-Plan zur Bombardierung des Irans gibt, der angeblich die "Sicherheit Israels" vergrößern soll.

Wird es der israelischen Opposition noch gelingen, Netanjahu und seinen Verteidigungsminister an der Verwirklichung ihres Angriffsplanes zu hindern?

Ist Netanjahu ein politischer Strohmann der USA?

Wer unterstützt Netanjahu? Es gibt starke wirtschaftliche Interessengruppen in den USA die einen Angriff auf den Iran wollen.

Würde ein Krieg gegen den Iran wirklich Israel nützen, oder ist der israelische Premiermi - nister nur ein Strohmann der USA, der im Auftrag des Pentagons handelt?

Was geschieht, wenn Netanjahu den Befehl zum Angriff gibt? Wird ihn das israelische Oberkommando trotz der starken Opposition in den israelischen Streitkräften ausführen?

Das Problem ist nicht, ob Washington Israel noch vor den US-Wahlen "grünes Licht" für einen Angriff gibt, wie die israelischen Medien behaupten.

Die zu beantwortende Frage hat zwei Komponenten:

1. Wo wird politisch darüber entschieden, ob es zu einem Krieg gegen den Iran kommt? In Washington oder in Tel Aviv? Welche wirtschaftlichen Kräfte stecken hinter der in Washington oder in Tel Aviv gefällten politischen Entscheidung?

2. Wer führt eigentlich das Kommando und übt die militärische Kontrolle aus, wenn es zu einem großen Krieg im Mittleren Osten kommt: Washington oder Tel Aviv? Israel ist de facto nur ein Vorposten der USA im Mittleren Osten. Die Kommandostrukturen der USA und Israels sind integriert, und zwischen dem Pentagon und dem israelischen Verteidigungsministerium finden regelmäßig Konsultationen statt. Im Januar wurde bereits berichtet, das eine große Anzahl von US-Soldaten nach Israel verlegt wird. Auch gemeinsame Manöver von Truppen der USA und Israels sind geplant. (Weitere Infos dazu sind aufzurufen hier und hier.)

Seit 2003 bereiten die USA, Israel und die NATO einen gemeinsamen Krieg gegen den Iran vor, einschließlich der Bereitstellung und Einlagerung modernster Waffensysteme.

Deshalb sind die Berichte israelischer Medien irreführend. Israel kann unter keinen Umständen allein und ohne militärische Unterstützung der USA und der NATO einen Krieg gegen den Iran führen.

Modernste Waffensysteme sind schon einsatzbereit. Spezialkräfte der USA und der NATO und verschiedene Geheimdienste operieren bereits im Innern des Irans. Militärische Drohnen der USA betreiben Spionage und Aufklärung (über iranischem Territorium).

Taktische Atomsprengköpfe des Typs B61 sollen gegen das angeblich betriebene iranische Atomwaffenprogramm eingesetzt werden.

Die Militäraktionen gegen den Iran und gegen Syrien sollen koordiniert werden.

Wir haben es mit einer globalen militärischen Agenda zu tun, die zentral vom US Strategic Command / USSTRATCOM koordiniert wird, einer komplizierten Logistik bedarf und an der Streitkräfte und Geheimdienste verschiedener Länder beteiligt sind. 2005 wurde das USSTRATCOM als "führendes Kampfkommando für die Integration und Synchronisation des Einsatzes aller Massenvernichtungswaffen des US-Verteidigungsministeriums" bestimmt. Diesem Kampfkommando obliegt auch die Abstimmung mit den Verbündeten der USA – mit der NATO, mit Israel und mit mehreren arabischen Frontstaaten, die Mitglieder des Medtiterranean Dialogue der NATO sind.

Mediterranean Dialogue
  NATO member states
  Partnership for Peace countries
  Mediterranean Dialogue countries
Weil die imperialistische Kriegsführung in Wirklichkeit vom USSTRATCOM in Zusammenarbeit mit dem US Central Command / USCENTCOM (dem für den Mittleren Osten zuständigen US-Regionalkommando) koordiniert wird, soll mit der Verbreitung des Netanjahu zugeschriebenen Angriffsplans nur die Öffentlichkeit getäuscht und die falsche Botschaft verbreitet werden, Tel Aviv und nicht Washington ziehe die Fäden im Krieg gegen den Iran.

Die oben zitierten Berichte aus israelischen Medien sollen auch den Eindruck erwecken, Netanjahu und sein Verteidigungsminister Ehud Barak seien in der Lage, unabhängig von Washington zu handeln und Obama zur Unterstützung eines israelischen Angriffs auf den Iran zu zwingen.

Die Behauptung, Israel könnte allein und gegen die Interessen der USA handeln, ist Teil einer raffinierten Desinformationskampagne. Es gehört seit Langem zur außenpolitischen Praxis der USA, enge Verbündete einen Krieg anzetteln zu lassen, den das Pentagon im Hintergrund vorbereitet hat.

Lassen wir uns nicht täuschen, die gegen den Iran geschmiedeten Kriegspläne liegen seit 2003 auf dem Reißbrett des Pentagons und werden von der höchsten Ebene in Washington mit Tel Aviv und dem NATO-Hauptquartier in Brüssel beraten und abgestimmt.

Israel wird zwar an dem Krieg gegen den Iran teilnehmen, spielt aber keinesfalls eine zentrale Rolle bei den militärischen Planungen.
(Hervorhebung LUFTPOST)


luftpost-kl.de hat den Artikel komplett übersetzt und mit Ergänzungen und Links in runden Klammern versehen. Die Links in eckigen Klammern und die Hervorhebungen am Anfang hat der Autor selbst eingefügt. Wir haben diesen Chossudovsky-Artikel bewusst am Antikriegstag eingestellt, weil er sich mit der Vorbereitung des Dritten und vermutlich letzten Weltkriegs beschäftigt. In der Bundesrepublik Deutschland wird am 1. September allzu oft nur an den Beginn des Zweiten Weltkrieges erinnert. Die Gefahren eines finalen Atomkrieges, der sich sehr schnell aus dem Zündeln des Westens in Syrien und im Iran entwickeln könnte, werden in unseren Mainstream-Medien bewusst nicht thematisiert.

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