Freitag, 5. Oktober 2012

Warum die Herrschaft der USA auf dem Spiel steht

Eric Margolis
Die USA können sich ihr globales Imperium nicht mehr länger leisten

Von Eric Margolis
Information Clearing House, 28.09.12

Die Ermordung des US-Botschafters in Libyen und die überall in der Islamischen Welt gegen ein perfides antiislamisches Hass-Video demonstrierende Muslime haben unsere Medien und Politiker zu der üblichen Flut engstirniger Kommentare veranlasst.

Überall in den USA ertönt wieder der bekannte Aufschrei: "Warum hassen sie uns so?" Dabei besteht die größte Überraschung dieser Tage und dieses Zeitalters doch darin, dass es immer noch so viele US-Amerikaner überrascht, wie sehr die USA von vielen Menschen von Marokko über Nigeria bis nach Indonesien gehasst werden. Wir haben wenig aus den Anschlägen am 11.09.2001 gelernt.

Die wütenden Muslime von Marokko bis Bangladesch gehen nicht deshalb auf die Straße und legen nicht deshalb Brände, weil sie das Christentum, das Fastfood, die Konsumgesellschaft der USA, die Demokratie oder den Feminismus hassen, wie unsere Politiker und Medien uns immer wieder einreden wollen.

Die Wut der Massen ist auch nicht damit zu erklären, dass Muslime irrational, primitiv und gewalttätig seien.

Auch das Hass-Video, das nur eine beschränkte Anzahl der einen Milliarde Muslime, die auf der Welt leben, überhaupt gesehen hat, ist nicht die eigentliche Ursache der gegen uns gerichteten Gewalt: Das war nur der Funken, der die brennbare Wolke des Antiamerikanismus entzündet hat, die schon lange über großen Teilen der Islamischen Welt liegt.

Viele US-Amerikaner glauben immer noch, die USA seien bei den Vorgängen in der Islamischen Welt unbeteiligte Zuschauer; sie erfüllten die selbstlose "Mission", die immer noch im Dunkeln lebenden Muslime zu erhellen, schulterten uneigennützig die erdrückende Last, den unregierbaren Globus (polizeilich) zu überwachen und führten im Ausland einen endlosen Kampf gegen die dunklen Kräfte, die wir als "Terrorismus" bezeichnen.

Sie begreifen überhaupt nicht, dass das US-Imperium eigene strategische, wirtschaftliche und politische Absichten verfolgt und versucht, einen möglichst großen Teil unseres Planeten unter seine Kontrolle zu bringen.

Im letzten Jahrhundert pflegte man dieses Bestreben und das daraus erwachsende Verhalten "Imperialismus" zu nennen und diese Praxis dem Britischen Empire zuzuordnen. Auf dem Höhepunkt seiner Macht herrschte das Britische Weltreich über ein Viertel des Erdballs und die meisten Meere und Ozeane der Welt. Im Herzen dieses riesigen Reiches lag dessen "Juwel" Indien. Die Herrschaft Großbritanniens über Indien wurde als "British Raj" bezeichnet, denn Herrschaft heißt auf Hindi Raj.

Im Jahr 2008 habe ich mein zweites Buch "American Raj" veröffentlicht. Darin habe ich versucht, meine fünfzigjährige Erfahrung mit der Islamischen Welt zu komprimieren, um den US-Amerikanern zu erklären, was in diesem unruhigen Teil der Welt wirklich vorgeht, warum er so gewalttätig und instabil ist und was unsere eigenen Fehler zu diesem Problem beigetragen haben. Ich wollte auf die positive Rolle aufmerksam machen, welche die USA in der Islamischen Welt spielen könnten.

Je intensiver ich mich mit den historischen Parallelen zwischen dem Britischen Empire und der heutigen US-Herrschaft über den größten Teil der Arabischen und der Islamischen Welt beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass die USA 1945 das Britische Empire geerbt haben und seine äußerst erfolgreichen Management-Techniken zu kopieren versuchen.

Die wichtigsten Prinzipien (der Briten) waren "Teile und Herrsche", die Einsetzung willfähriger Prinzen und Herrscher als Statthalter, der Aufbau von Hilfsarmeen aus einheimischen Soldaten, den so genannten "Sepoys" und die Verwandlung des (indischen) Subkontinents in einen völlig vereinnahmten, wirtschaftlich abhängigen Markt.

Die Genialität Großbritanniens bestand darin, sein riesiges Reich mit sehr wenigen eigenen Soldaten und Beamten in Schach zu halten. Deshalb erhielt mein Buch den Titel "American Raj". Darin untersuchte ich, wie Washington die meisten Regime der Arabischen Welt kontrolliert, wie es sich mit Diktaturen und deren Herrschaftsinstrument Korruption arrangiert und wie es mit Hilfe heimischer Armeen Kontrolle ausübt.

Ich warnte davor, dass sich der Antiamerikanismus im Mittleren Osten aus Wut über die Notlage der Palästinenser, die Kriege in Afghanistan und im Irak und die von den USA, Großbritannien und Frankreich gestützten brutalen Herrscher immer weiter ausbreiten würden. In meinem Buch "American Raj" empfahl ich den USA, die Werte, die sie predigen, auch umzusetzen und beim Aufbau wirklicher Demokratien in der Arabischen Welt zu helfen, bevor es zu spät sei. Als ersten und wichtigsten Schritt nannte ich die Durchsetzung eines gerechten (Friedens-)abkommens mit den Palästinensern; das Palästina-Problem bezeichnete ich damals als "Sand in den Augen der Islamischen Welt".

Kein einziger US-Verleger war bereit, "American Raj" zu veröffentlichen. Das Buch war einfach zu ketzerisch im Hinblick auf die Mythen, die über die angeblich so verständnisvolle US-Außenpolitik kursierten, oder wegen der darin für die nahe Zukunft vorhergesagten Explosion. Mein Buch wurde in Kanada und in Europa verlegt, aber nicht in meinem eigenen Heimatland.

Im Dezember 2010, zwei Jahre, nachdem "American Raj" erschienen war, brachen in der Arabischen Welt die Aufstände gegen die Diktatoren, die Korruption und die Unterdrückung los. Die Revolte begann im kleinen Tunesien, breitete sich aber bald nach Ägypten, in die stärkste US-Festung im Mittleren Osten, aus; dort gelang es, den außergewöhnlich brutalen, korrupten, von den USA gestützten Diktator Husni Mubarak zu stürzen. 40 Jahren lang hatte Washington die Militärdiktatur in Ägypten an der Macht gehalten, hauptsächlich, um Israel vor der störrischen ägyptischen Bevölkerung zu schützen.

Die wütenden Demonstrationen, die durch die gesamte Islamische Welt ziehen, sind vulkanartige Ausbrüche der Wut auf die USA. Sie werden nicht von Terroristen oder religiösen Fanatikern allein getragen, obwohl – besonders in Pakistan – auch viele religiöse Fanatiker daran beteiligt sind. Es sind flammende Zeichen des Antiamerikanismus.

Schon in "American Raj" habe ich zu erklären versucht, dass hinter dem, was wir als "Terrorismus" bezeichnen, in vielen Fällen nur blanker Antiamerikanismus steckt, den wir selbst durch Unterdrückung der Muslime verschuldet haben, die in den letzten zwei Jahrhunderten erst von den Europäer ausging und jetzt von den US-Amerikanern ausgeht. Fast alle Muslime glauben, dass ihnen die westlichen Mächte mit Hilfe korrupter Marionettenregime ihre Öl- und Gasvorräte stehlen wollen.

Auch jetzt beginnen sich die Muslime wieder zu wehren, wie sie das unter britischer Herrschaft schon einmal getan haben. Heute regen sich die USA über die Angriffe unserer "undankbaren afghanischen Sepoys" auf ihre US-amerikanischen und britischen Berater, also auf ihre "weißen Offiziere", auf; wer die Geschichte Indiens kennt, wird sich an den großen Aufstand im Jahr 1857 erinnern, in dem bisher "loyale" indische Sepoy-Regimenter gegen ihre britischen Offiziere und deren Familien meuterten.

Ist es ein Wunder, dass die Muslime auf der ganzen Welt so wütend auf uns sind? Die Leiden der Palästinenser werden ja auch weitergehen, wenn Mitt Romney der neue US-Präsident wird; er hat bereits eine offen gegen die Palästinenser gerichtete Politik angekündigt. Seine zynische Aussage, er werde sich nicht mit dem Palästinenser-Problem befassen, und die betont antiislamischen Statements der anderen republikanischer Präsidentschaftskandidaten Newt Gingrich, Michele Bachmann und Rick Santorum, haben die ganze islamische Welt verärgert. Auch das ständige Eindreschen des TV-Senders Fox News, des Wall Street Journals und der übrigen Medien des Murdoch-Imperiums und der sich immer stärker ausbreitenden Nachrichten-, Film- und Printmedien der Evangelikalen auf die Muslime ruft deren Zorn hervor.

Die US-Streitkräfte und die CIA morden jetzt in fünf islamischen Staaten: in Afghanistan, in Pakistan, im Jemen, in Somalia, und seit Kurzem auch in Libyen. US-Truppen sickern auch schon in Ost- und Nordafrika ein, und Mali steht als nächstes Land auf der (Interventions-)liste. Die irakische Gesellschaft wurde zerstört, und der Irak hat aufgehört, ein funktionierender Staat zu sein. Der Sudan, das größte Land Afrikas, wurde gerade in zwei miteinander verfeindete Staaten aufgespalten, und in dem von den USA unterstützten Teil liegen "zufällig" die Ölvorkommen.

Es gibt neun Millionen palästinensische Flüchtlinge, zwei Millionen afghanische Flüchtlinge, zwei Millionen irakische Flüchtlinge, und jetzt soll auch noch Syrien durch einen von den USA und Saudi-Arabien unterstützten Aufstand zerschlagen werden. Mubarak musste zwar gehen, aber Washington stützt immer noch einige der reaktionärsten und verhasstesten Regime der Welt, vor allem die mittelalterlichen Monarchien in Arabien und die üble Militärdiktatur, die über Algerien herrscht. Wir dürfen auch nicht die schlimmen, kleinen Tyrannen in Zentralasien vergessen, die von Washington unterstützt und finanziert werden.

Kurz gesagt, die Menschen in der Islamischen Welt haben eine Menge Gründe, auf die USA wütend zu sein. Dazu gehören auch die hohe Jugendarbeitslosigkeit, die wirtschaftliche, soziale und politische Rückständigkeit, die landesübliche Korruption, die fehlende Gerechtigkeit, die Ohnmacht und die Hoffnungslosigkeit in vielen islamischen Staaten. Unser so genannter Verbündeter Pakistan bietet ein erschreckendes Beispiel einer zerbrochenen Gesellschaft, in der diebische Beamte und gesetzlose Feudalherren herrschen, die von Washington ausgehalten werden.

Die USA können zwar nicht für alle drängenden sozialen und politischen Probleme in der Islamischen Welt verantwortlich gemacht werden, aber sie tun auf jeden Fall nicht genug, um sie zu lindern. Statt dessen klammert sich Washington mit der gleichen Verbissenheit an sein überseeisches Imperium wie die Briten nach dem Zweiten Weltkrieg an ihr Empire, als die Wirtschaft Großbritanniens in Trümmern lag und in Schulden zu versinken drohte. Großbritannien konnte sich damals sein weltumspannendes Empire einfach nicht mehr leisten, und heute können sich die USA ihr globales Imperium nicht mehr leisten. Das eine Reich stand und das andere steht auf tönernen Füßen.

Eric S. Margolis ist ein mehrfach ausgezeichneter, international anerkannter Kolumnist. Seine Artikel erscheinen in der New York Times, der International Herald Tribune, der Los Angeles Times, der Times of London, der Gulf Times, der Khaleej Times und in anderen Zeitungen in Asien. Er betreibt die Website www.ericmargolis.com.

Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

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