Dienstag, 6. November 2012

Apartheid ohne Scham und Schuldgefühle

Wir sind Rassisten, sagen die Israelis, wir praktizieren Apartheid und wir wollen sogar in einem Apartheid leben. Ja, das ist Israel.

Von Gideon Levy **

Da die Wahlen näher kommen, ist die Saison der öffentlichen Umfragen. Aber hier ist eine Umfrage, die in dem, was sie offenbart, beunruhigender und bedeutsamer ist, als dass Yair Lapid sein Amt aufgibt oder Ehud Barak bei den Wahlen abstürzt.

Sie offenbart ein Bild der israelischen Gesellschaft, und das Bild ist sehr, sehr makaber. Diesmal sind es nicht die Kritiker zu Hause oder im Ausland, sondern die Israelis, die sich selbst offen, scham- und schuldlos als nationalistische Rassisten erklären.

Wir sind Rassisten, sagen die Israelis, wir praktizieren Apartheid und wie wollen sogar in einem Apartheidstaat leben. Ja, das ist Israel.

Unter ihren erschreckenden Ergebnissen entdeckt die Umfrage eine gewisse unschuldige Ehrlichkeit. Die Israelis geben dies zu, was sie sind und sie schämen sich nicht. Solche Umfragen sind schon früher abgehalten worden, aber die Israelis erschienen nie so zufrieden mit sich selbst, selbst wenn sie ihren Rassismus zugaben. Die meisten von ihnen denken, Israel ist ein guter Platz, um darin zu leben, und die meisten von ihnen denken, dies ist ein rassistischer Staat.

Es ist gut, in diesem Land zu leben, sagen die meisten Israelis, nicht trotz seines Rassismus , sondern vielleicht gerade deswegen. Wenn solch eine Umfrage über die Haltung der Juden in einem europäischen Staat gehalten würde, würde Israel einen Höllenspektakel machen. Wenn es um uns geht, gelten die Regeln nicht.

Der „jüdische“ Teil der „jüdischen Demokratie“ hat gewonnen. Das Jüdische hat der „Demokratie“ einen Knockout verpasst …Die Israelis wollen immer mehr Jüdischkeit und immer weniger eine Demokratie. Sagt ab jetzt nicht mehr jüdische Demokratie. So etwas gibt es natürlich nicht. Es kann nicht sein. Von jetzt an sagt man jüdischer Staat, nur jüdisch, für Juden allein. Eine Demokratie – sicher, warum nicht. Aber nur für Juden.

Weil die Mehrheit es wünscht; weil die Mehrheit so ihren Staat definiert. Die Mehrheit will nicht, dass Araber für die Knesset abstimmen, keine arabischen Nachbarn oder arabische Schüler in der Schule. Lasst unser Lager rein sein – so sauber von Arabern wie möglich und vielleicht sogar noch mehr.

Die Mehrheit wünscht getrennte Straßen in der Westbank und schreckt nicht vor den Auswirkungen zurück. Selbst die historische Assoziation stört sie nicht im geringsten. Sie will Diskriminierung am Arbeitsplatz und wünscht Transfer. Genug der Augenwischerei und Vorspiegelei falscher Tatsachen. Das ist es, was wir wollen – weil wir nun mal so sind.

Die Rechte wird wahrscheinlich den New Israel Fond angreifen, weil er die Umfrage in Auftrag gegeben hat. Gewalt! Wird sie schreien. Linke, Israelhasser. Aber das Schreien der Rechten wird das Ergebnis nicht verändern. Es wurde von einer verlässlichen, wohl bekannten Umfrage-Firma ausgeführt. Übrigens, was stimmt nicht mit der Umfrage? Was haben wir vorher nicht gewusst – außer dem Nicht-vorhanden-seins der Scham? Lasst die Rechte beweisen, dass wir nicht so sind, dass die meisten Israelis mit Arabern zusammen leben wollen. Die meisten sehen die Araber als Menschen wie sie selbst, dass sie gleiche Rechte und Chancengleichheit haben. Sollen sie das Gegenteil beweisen. Das würde ein wirklicher Grund zum Feiern sein.

Die Umfrage konfrontiert die Israelis nicht nur mit ihrer Gegenwart, sondern auch mit ihrer Zukunft. Dies scheint das Hauptziel der Leiter dieser Umfrage zu sein. Sie sagt ihnen: Ihr wollt Siedlungen, Besatzung; ihr wollt Netanjahu und ihr habt nichts getan für die Zwei-Staatenlösung, und die ist tot. Lasst uns sehen, was es für eine Alternative gibt.

Wie jedes Kind weiß, ist die Alternative ein Staat. Ein Staat? die meisten Israelis sagen, es wird ein Apartheidstaat, doch tun nichts, um ihn zu verhindern. Einige von ihnen wünschen zwar. Sie fragen aber nicht einmal, wohin wir gehen? Wohin werden wir geführt? Wie sieht die Vision für die nächsten 10, 20 Jahre aus? Nun wenn alles gut geht, wenn alles so weiter geht wie bisher, wissen die Israelis die Antwort und es ist tatsächlich eine bittere.

Bis dahin ist das Image von Israel 2012 folgendes: Wir wollen keine Araber, keine Palästinenser, keine Gleichheit - und der Rest soll zur Hölle gehen.

Werte – schmerte, Moral schmoral (das „Schm“ vor dem Wort bedeutet, es hat keinen Wert) Demokratie und Völkerrecht – das ist etwas für Antisemiten, nicht für uns. Wir werden wieder Netanjahu wählen, davon sprechen, dass wir die einzige Demokratie im Nahen Osten sind und klagen, dass die ganze Welt gegen uns ist.

[Übersetzung aus dem Englischen: Ellen Rohlfs]

** Originalartikel: "Apartheid without shame or guilt". In Haaretz, 23.10.2012; http://www.haaretz.com/news/national/apartheid-without-shame-or-guilt.premium-1.471650

Mehr zum Thema:
Nachtwandler: Israels "Recht auf Selbstverteidigung": Ein überragender Propagandasieg.....

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen