Donnerstag, 29. November 2012

Militärische Einkreisung und globale Überlegenheit: Russland kontert den US-Raketenabwehrschild auf den Meeren

Von Mahdi Darius Nazemroaya
Global Research, 04.11.12

Das Pentagon will Eurasien und das aus China, Russland und dem Iran bestehende eurasische Dreierbündnis einkreisen. Wie jede Aktion erzeugt auch diese eine Reaktion.

Keine dieser drei eurasischen Mächte wird sich den USA als ideales passives Ziel darbieten. Peking, Moskau und Teheran ergreifen unterschiedliche Gegenmaßnahmen, um die Pentagon-Strategie der militärischen Einkreisung zu durchkreuzen.

Grafik entnommen aus
http://samcheekong.blogspot.de/2012/06/chin
as-string-of-pearls-strategy-for.html
Im Indischen Ozean bauen die Chinesen ihre eigene militärische Infrastruktur auf, die vom Pentagon als "String of Pearls" (Perlenschnur, weitere Informationen hier) bezeichnet wird. Der Iran erweitert gerade den Einsatzbereich seiner Marine über deren Heimatgewässer im Persischen Golf und im Golf von Oman hinaus. Alle drei genannten eurasischen Mächte lassen zusammen mit ihren Verbündeten ihre Kriegsschiffe auch vor den Küsten des Jemen, Dschibutis und Somalias im geostrategisch wichtigen Seegebiet des Golfs von Aden kreuzen.

Der globale US-Raketenschild ist ein wichtiger Bestandteil der Strategie, mit der das Pentagon Eurasien und diese drei Mächte einzukreisen versucht. Mit diesem Raketenabwehrsystem soll in erster Linie die atomare Überlegenheit der USA sichergestellt und jede atomare Reaktion Russlands oder Chinas auf einen atomaren Überfall der USA oder der NATO unterbunden werden. Der globale Raketenabwehrschild soll nach einem atomaren Erstschlag des Pentagons einen Zweitschlag der Russen oder der Chinesen verhindern.

Auch Russland kontert den globalen US-Raketenabwehrschild mit der Verstärkung seiner Marine

Mit sensationell aufgemachten Berichten über einer Ausdehnung des US-Raketenabwehrschildes auf immer neue Weltregionen versuchen die USA dessen geografische Erweiterung als völlig neue Entwicklung darzustellen. Damit soll kaschiert werden, dass der Raketenabwehrschild von Anfang an als globales System konzipiert wurde, dessen Komponenten auf alle strategisch wichtigen Positionen über die ganze Erde verteilt sind. Die Planungen im Pentagon begannen bereits in 1990er Jahren, vermutlich sogar noch früher. Japan und die NATO-Verbündeten des Pentagons waren von Anfang an mehr oder weniger eingeweiht und beteiligt.

Schon vor Jahren haben die Chinesen und die Russen die globalen Bemühungen des Pentagons zur Errichtung eines Raketenabwehrschildes durchschaut und in gemeinsamen Erklärungen die destabilisierende, das strategische Gleichgewicht beseitigende Wirkung dieses Projektes verurteilt. Im Juli 2000 haben China und Russland gemeinsam mit Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan das Pentagon sogar vor der Errichtung eines globalen Raketenabwehrschildes gewarnt, weil er den internationalen Frieden stören und gegen den ABM-Vertrag verstoßen würde. Wiederholt wurde die US-Regierung darauf hingewiesen, dass ihre Absichten die Weltgemeinschaft spalten, alte Feindbilder wiederbeleben und einen neuen Kalten Krieg heraufbeschwören würden. Alle Warnungen stießen aber auf taube Ohren oder arrogante Ablehnung.

Die Russen setzen sich jetzt mit sehr praktischen Schritten gegen den globalen US-Raketenabwehrschild zur Wehr. Diese Schritte schließen die Ausweitung der Präsenz ihrer Flotte auf den Weltmeeren und eine Steigerung der Fähigkeiten ihrer Marine ein. Moskau plant die Errichtung neuer Flottenstützpunkte außerhalb seines Staatsgebietes, auch außerhalb der Küsten des Schwarzen Meeres und des Mittelmeeres.

Die Russische Föderation betreibt bereits zwei Flottenstützpunkte außerhalb ihres Territoriums, den einen im ukrainischen Hafen Sewastopol am Schwarzen Meer und den anderen im syrischen Hafen Tartus am Mittelmeer. Der Kreml möchte auch im Karibischem Meer, im Südchinesischen Meer und an der Ostküste Afrikas – möglichst nahe am Golf von Aden – neue russische Basen errichten. Auch in Kuba, Vietnam und auf den Seychellen könnte es bald neue russische Flottenstützpunkte geben.

Die Russen waren bis 2002 schon einmal in der vietnamesischen Cam Ranh Bay präsent. Der vietnamesische Hafen wurde seit 1979 von der Sowjetunion und nach deren Zusammenbruch im Jahr 1991 von Russland benutzt. Bis 2001 betrieb Russland auch die von der Sowjetunion eingerichtete Abhörstation Lourdes auf Kuba weiter, von der aus die USA überwacht wurden.

Der Kreml baut außerdem die militärische Infrastruktur an seiner arktischen Küste aus. Auch im hohen Norden werden neue Marinebasen eröffnet. Sie sind Teil der russischen Gesamtstrategie, die auch den nördlichen Polarkreis einschließt. Die Basen im Norden haben eine doppelte Funktion: Sie sollen die territorialen Ansprüche Russlands auf den Lomonossow-Rücken und die darin vermuteten Energievorkommen gegen die NATO-Staaten sichern und gleichzeitig die maritime Globalstrategie Russlands unterstützen.

Moskau hat erkannt, dass die USA und die NATO seine Seestreitkräfte im Schwarzen Meer und im Mittelmeer einschließen wollen. Die Bemühungen der USA und der EU, Russland aus seinem Stützpunkt in Syrien zu vertreiben, sind ein Beleg für dieses strategische Ziel des Westens. Deshalb bemüht sich der Kreml auch um Flottenstützpunkte in der Karibik, im Südchinesischen Meer und an der Ostküste Afrikas.

Mit dem Ausbau seiner Marineinfrastruktur in der Arktis und der Errichtung russischer Flottenstützpunkte in Kuba, Vietnam und auf den Seychellen möchte Russland die globale Präsenz seiner Seestreitkräfte absichern. Russische Kriegsschiffe könnten von diesen Basen aus in internationale Gewässer vorstoßen und sich auch wieder dorthin in Sicherheit bringen. Diese Basen würden der russischen Flotte eine dauerhafte Präsenz sowohl im Atlantik als auch im Indischen Ozean sichern.

Russische Offizielle bezeichnen ihre künftigen ausländischen Flottenstützpunkte – auch den in Syrien – nicht als "Marinebasen", sondern als "Versorgungshäfen", um sie weniger bedrohlich erscheinen zu lassen. Man sollte sich aber durch die Namensgebung nicht täuschen lassen. Die Marinebasen sollen vor allem militärischen Zwecken dienen.

Gegenwärtig haben die Russen dauerhafte Marinebasen nur an ihren eigenen Küsten am Nordpolarmeer und am Pazifischen Ozean. Von seinen Häfen an der Pazifikküste hat Russland den besten Zugang zu internationalen Gewässern. Moskaus Marineinfrastruktur an der Ostsee ist wie die am Schwarzen Meer zwischen andere Staaten eingezwängt und könnte im Falle einer Konfrontation mit den USA und der NATO leicht blockiert werden. Die Schaffung von Marinestützpunkten in Staaten wie Kuba würde den russischen Seestreitkräften mehr Bewegungs- und Handlungsfreiheit verschaffen, die von den USA und ihren Verbündeten nicht so leicht einzuschränken wäre.

Russlands neue atomare Stärke auf See

Bisher hatten die Seestreitkräfte Russlands nur den Auftrag, die russischen Küsten zu sichern. Wie in der Sowjetunion sollte die Marine auch in Russland nur die Küsten im Falle einer Invasion verteidigen. Aus diesem Grund war die Marine Russlands wie die der Sowjetunion bisher nur darauf ausgerichtet, feindliche Kräfte an einer Invasion zu hindern. Die russische Flotte war also nicht für offensive Angriffshandlungen vorgesehen. Weil sich Moskau aber auf die Einkreisungsstrategie des Pentagons einstellen muss, ändert sich das gerade.

Wie China und der Iran richtet auch Russland seine Seestreitkräfte neu aus.

Russland rüstet seine atomar bewaffneten Schiffe auf und erhöht ihre Anzahl. Die russischen Medien stellen das als Streben nach "maritimer Dominanz" dar. Moskau will durch die Verstärkung seiner atomar bewaffneten Flotte seine Angriffsfähigkeit verbessern und damit seinerseits atomar überlegen werden. Das ist eine direkte Reaktion auf den globalen Raketenabwehrschild des Pentagons und auf die (damit angestrebte) Einkreisung Russlands und seiner Verbündeten.

Bis 2020 wir die russische Flotte 50 neue Kriegsschiffe und mehr als 20 neue U-Boote erhalten. Ungefähr 40 Prozent der neuen russischen U-Boote werden mit modernsten Atomwaffen bestückt sein. Mit diesem Schiffsbauprogramm wurde bereits begonnen, als das Weiße Haus unter George W. Bush seine Pläne für einen US-Raketenabwehrschild in Europa ankündigte.

Schon vor einigen Jahren wurde mit der Umsetzung der russischen Gegenmaßnahmen gegen den US-Raketenabwehrschild begonnen. 2011 wurden vom Hafen Archangelsk am Weißen Meer aus erste Testfahrten mit russischen U-Booten der Borei-Klasse durchgeführt. Im gleichen Jahr wurde die Entwicklung einer von U-Booten startenden ballistischen Atomrakete angekündigt, die zur Durchdringung des US-Raketenabwehrschildes fähig sein soll. 2011 führte ein russisches U-Boot in der Barentssee bereits geheime Tests mit dieser Rakete durch.

Kommt es wegen der russischen Raketen zu einer neuen Kubakrise?

Wenn sich die Russen mit Havanna darauf verständigen, könnte auch Russland – wie damals die Sowjetunion – Raketen auf Kuba stationieren. Vermutlich hätten diese Raketen auch wieder Atomsprengköpfe. Vereinfachend könnte man das als das gleiche Szenario ansehen, das 1962 die Raketenkrise zwischen den USA, der Sowjetunion und Kuba auslöste. Die Ursachen und Auswirkungen dieser schwersten Krise des Kalten Krieges waren jedoch komplizierter.

Der Hauptverursacher der Kubakrise war die US-Regierung. Die Aufstellung sowjetischer Atomraketen auf Kuba war eine strategisch bedingte Reaktion, mit der die geheim gehaltene Aufstellung von US-Atomraketen in der Türkei, die auf sowjetische Städte gerichtet waren, ausgeglichen werden sollte. Die US-Regierung hatte die Aufstellung eigener Atomraketen in der Türkei, die auf die sowjetische Bevölkerung zielten, vor ihrer eigenen Bevölkerung verheimlicht, weil sonst in der US-Öffentlichkeit zu viele Fragen nach dem eigentlichen Aggressor und Auslöser der Kubakrise von 1962 aufgekommen wären. Auch die heute drohende Stationierung russischer Atomraketen auf Kuba wäre wieder eine Reaktion auf die Raketen, mit denen das Pentagon Russland und seine Verbündeten einzukreisen versucht. Wie 1962 trüge wieder die US-Regierung die Schuld, wenn es wegen russischer Atomraketen auf Kuba zu einer neuen Krise käme.

Bisher gibt es nur Gespräche über eine erneute Präsenz der Russen auf Kuba. Noch ist es nicht zu konkreten Vereinbarungen zwischen den Regierungen in Havanna und Moskau gekommen, und es wurde auch noch nicht über die erneute Stationierung russischer Raketen auf Kuba gesprochen. Alle Vermutungen über russische Aktivitäten auf Kuba sind reine Spekulation.

Die Verbesserung der Atomwaffen der russischen Marine ist viel wichtiger als eine mögliche russische Raketenbasis auf Kuba oder anderswo. Russlands neue Atom-U-Boote könnten jederzeit rund um die USA aufkreuzen. Mit anderen Worten, mit seinen atomar bewaffneten Kriegsschiffen und U-Booten verfügt Russland über viele "schwimmende Kubas", die auf allen Weltmeeren operieren können. Auch deshalb will Russland seine maritime Infrastruktur im Ausland ausbauen. Russland hätte dann selbst die Möglichkeit, die USA mit seinen Atomwaffen einzukreisen.

Mit seiner klugen Marinestrategie kann Russland den globalen Raketenabwehrschild des Pentagons kontern. Mit einer eigenen Präemptiv-Doktrin kann der Kreml der aus dem Kalten Krieg stammenden aggressiven Präemptiv-Doktrin des Pentagons und der NATO sogar zuvorkommen. Im gleichen Jahr, in dem die Russen ihre neue Interkontinentalrakete getestet haben, sagte Generaloberst Karakayev, der Kommandeur der Strategischen Raketenstreitkräfte der Russischen Föderation, die ballistischen Interkontinentalraketen Russland würden in naher Zukunft "unsichtbar" (für westliche Ortungssysteme) werden.

Die Welt wird zunehmend militarisiert. Initiativen und Aktionen der USA zwingen auch andere internationale Akteure, ihre Militärdoktrinen und Strategien neu zu definieren und auszurichten. Russland ist nur einer dieser anderen Akteure.

Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen