Donnerstag, 13. Dezember 2012

Die US-Army steht am Scheideweg und muss sich auf Ausgabenkürzungen und eine ganz neue Rolle einstellen

Die nach ihrem Scheinsieg im Irak und ihrer Niederlage in Afghanistan total demoralisierte US-Army muss mit hohen Ausgabenkürzungen und einer kleinen Nebenrolle in kommenden Konflikten rechnen.

Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de
Von Greg Jaffe, Washington Post
STARS AND STRIPES, 23.11.12

Die meiste Zeit des laufenden Jahres hat Sgt. Maj. (Oberstabsfeldwebel) Raymond F. Chandler III, der höchste Mannschaftsdienstgrad der US-Army, damit verbracht, auf US-Basen in der ganzen Welt die einfache Botschaft zu verkünden: "Wir haben es zugelassen, dass die US-Army außer Kontrolle geraten ist."

Seine Lösung für dieses Problem besteht in einer ganzen Reihe neuer Vorschriften, mit denen zum Beispiel die (Anzahl und Anordnung der) Tattoos, die Länge der Backenbärte und die Farbe der Rucksäcke bei uniformierten Soldaten reglementiert werden sollen. Mit diesen neuen Vorschriften hofft man die nach zehn Jahren Krieg erlahmende Disziplin wieder herstellen zu können.

Einige seiner Kameraden betrachten die neuen Army-Vorschriften eher als weiteren bedenklichen Schritt in eine ungewisse Zukunft. Anstatt die Änderungen zu begrüßen, befürchten einige Offiziere, dass die Army damit wieder in ihren früher üblichen langweiligen und starren Trott zurückfallen wird.

"Wir sind an einem Scheideweg angelangt, und ich werde das Gefühl nicht los, dass wir nicht wissen, was wir tun," gab Maj. (Major) Fernando Lujan von den Special Forces zu bedenken, der viele Kampfeinsätze hinter sich hat. "Die Army macht mir große Sorgen."

Die Army durchlebt gerade eine schwere Zeit. Sie muss sich auf einschneidende Budgetkürzungen und harte Fragen nach ihrer zukünftigen Rolle in der Verteidigungsstrategie des Pentagons einstellen, das künftig stärker auf die US-Air Force und die US-Navy und weniger auf die US-Army bauen will. Noch steht die Army in einem schmutzigen Krieg in Afghanistan und trägt schwer an den mentalen Wunden, die ihr dieser Kampf geschlagen hat. In den zehn Monaten des Jahres 2012 hat die Anzahl vermuteter Selbstmorde aktiver Soldaten schon die 165 aus dem vergangenen Jahr überschritten.

In diesem Monat musste die Army auch noch einen weiteren psychologischen Nackenschlag verkraften; der pensionierte General David H. Petraeus, der angesehenste Offizier der US-Army seit dem Vietnam-Krieg, musste als Direktor der CIA zurücktreten, weil er mit seiner Biografin ein außereheliches Verhältnis hatte.

"Nach Konflikten haben wir unsere Army und ihren Haushalt immer verkleinert," äußerte Lt. Gen. (Generalleutnant) John Campbell, ein hoher Army-Offizier im Pentagon. "Neu ist nur, dass wir das jetzt schon tun, obwohl die Kämpfe (in Afghanistan) noch andauern. Das verursacht natürlich starke Reibungen."

Nach offiziellen Angaben hat die Army diesmal aber nicht so viele Probleme mit Disziplinlosigkeiten und Drogenmissbrauch wie nach dem Vietnam-Krieg. Obwohl die häufigen Kampfeinsätze viele Ehen belastet und zu einer Erhöhung der Selbstmordrate geführt haben, ist es der Army gelungen, ihre jungen kampferprobten Führungskräfte weitgehend zu halten.

"Unsere jungen Anführer haben gelernt, irakische Städte wieder in Gang zu bringen," erklärte Campbell. "Sie sind dadurch sehr anpassungsfähig und flexibel geworden."

Die Army steht vor der großen Aufgabe, die jüngeren Offiziere und Unteroffiziere für den Dienst in US-Garnisonen zu gewinnen, in denen weniger Geld für eine realistische Kampfausbildung zur Verfügung steht und deshalb mehr Wert auf Drill und Formalausbildung gelegt werden muss.

Ein mittlerer Unterführer aus Fort Bragg in North Carolina beklagte sich kürzlich darüber, dass mehrere jüngere Soldaten angepfiffen wurden, weil sie statt der für Patrouillen vorgeschriebenen Baseball-Mützen von der Army ausgegebene Fleece-Kappen trugen. "Es war kalt, und sie haben gefroren. Warum hat man sie nicht tragen lassen, was sie wollten," fragte der Sergeant. "Weil ihre Mützen nicht der Uniformvorschrift entsprachen, erhielten sie einen Anschiss. Wir sind dabei, wieder in den vor dem 11.09. (2001) üblichen Formalismus zurückzufallen."

Das nahe Ende des Krieges in Afghanistan versetzt höhere Offiziere in Unruhe, weil es die Army versäumt hat, mit einer klaren Beschreibung ihrer künftigen Aufgaben zu verhindern, dass ihr Anteil am Haushalt des Pentagons immer geringer wird.

"Ich strebe eine Army an, die unterschiedliche Missionen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, unterschiedlichen Ausmaßen und unter unterschiedlichen Bedingen durchführen kann," kündigte General Raymond T. Odierno, der Chef der US-Army, in einer Rede an, die er in diesem Monat gehalten hat.

Bereits vor einigen Monaten hat die Army einen neuen Plan veröffentlicht, der die Aufstellung speziell ausgebildeter Kampfbrigaden und Divisionen für bestimmte Weltregionen wie Asien, Afrika oder Europa vorsieht. Die Soldaten dieser Einheiten sollen eine besondere sprachliche und kulturelle Schulung erhalten, damit sie in der Lage sind, im Umbruch befindliche verbündete Armeen auszubilden.

Einige Army-Offiziere halten die Ankündigungen Odiernos und seine regionalen Pläne jedoch für zu vage. "Mich nervt, dass bei der Army niemand so richtig weiß, wie es weitergehen soll," klagte ein höherer Army-Offizier im Pentagon.

Andere Offiziere mittlerer Ränge bedauern, dass es die in den Kriegen im Irak und in Afghanistan verschlissene Army versäumt habe, rechtzeitig über ihre zukünftige Rolle neben der Air Force und der Navy nachzudenken. Bei einer im Dezember 2011 in der Army durchgeführten internen Umfrage glaubten nur noch 26 Prozent ihres Führungspersonals, dass sich die Army in die richtige Richtung bewege und den Herausforderungen der nächsten zehn Jahre gewachsen sei; 2006 hatten das noch 38 Prozent geglaubt.

"Wir müssen Prioritäten setzen. Unsere Offiziere der mittleren Ränge und unsere jüngeren Offiziere erwarten das," erklärte Lt. Col. (Oberstleutnant) Paul Larson, der im Irak und in Afghanistan eingesetzt war und kürzlich einen Lehrauftrag an der US-Militärakademie West Point abgeschlossen hat. "Wir warten alle darauf, dass eine Gruppe mittlerer und höherer Offiziere mit dem Setzen von Prioritäten beginnt."

Mittlerweile sind bei vielen Offizieren der mittleren Ränge auch große Zweifel an den kämpferischen Leistungen der Army im Irak und in Afghanistan aufgekommen. Noch vor wenigen Jahren feierten fast alle Army-Offiziere die neu entwickelte Doktrin zur Aufstandsbekämpfung als erfolgreiche neue Art der Kriegsführung. Die USSoldaten, die für Panzerschlachten ausgebildet worden waren, mussten sich plötzlich mit politischen und kulturellen Fragen befassen und die örtlich Bevölkerung vor den Angriffen der Aufständischen schützen.

Der Irak leidet immer noch unter Gewalt, und der Einfluss des Irans wächst; der Ausgang des Irak-Krieges kann (angesichts dieser Entwicklung) kaum noch als Sieg betrachtet werden. In Afghanistan wurde durch eine Truppenverstärkung um mehr als 30.000 US-Soldaten wenigstens ein Patt erreicht, aber die Soldaten zählen bereits die Tage, die bis zum Truppenabzug Ende 2014 noch verbleiben.

"Die Army muss diese beiden Kriege auswerten," forderte der pensionierte Lt. Col. (Oberstleutnant) Douglas Ollivant, der im Irak und Afghanistan gedient hat. "Darf sich die Army das Irak-Desaster auch heute noch als Erfolg schönreden? Kann sie von sich behaupten, die richtigen Lehren und Schlüsse für die Zukunft daraus gezogen zu haben?"

Auch der Kampfeinsatz der Army in Afghanistan ist bei einigen Offizieren auf Kritik gestoßen. "Wir haben viel zu langsam aus unseren Fehlern gelernt," sagte Major Lujan (von den Special Forces), der vor einem weiteren Afghanistan-Einsatz steht. "Auch in einer Million Jahren wird man unser Vorgehen nicht als klug oder geschickt bezeichnen können. Wir haben eine Million Fehler gemacht."

Der Petraeus-Rücktritt hat der Selbstachtung der Army einen schweren Schlag versetzt. Sein Auftreten im Irak hatte das Selbstvertrauen jüngerer Offiziere gestärkt und sie stolz gemacht. "Petraeus hat alle Untergebenen dazu angespornt, bessere Menschen und Offiziere zu sein," urteilte Lt. Col. (Oberstleutnant) Mark Weber, der unter Petraeus im Irak gedient hat, kürzlich in seinem Buch "Tell My Sons" (Erzählt es meinen Söhnen,) über Petraeus, in dem er dessen militärische Erfolge und dessen siegreichen Kampf gegen den Krebs beschreibt. "Er war gleichzeitig Soldat, Staatsmann und Intellektueller und machte einen guten, klugen Job." Ollivant stimmte ihm zu: "Petraeus hat der Army das Gefühl gegeben, im Irak doch noch erfolgreich gewesen zu sein. Wenn das verloren geht, haben wir ein Problem."

Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

(Vermutlich will das Pentagon der US-Army die alleinige Schuld an den teuren Misserfolgen in den völkerrechtswidrigen Angriffskriegen im Irak und in Afghanistan anlasten. Damit ließe sich auch rechtfertigen, dass sie noch weiter schrumpfen und mit viel weniger Geld als die US-Air Force und die US-Navy auskommen muss. Längerfristig dürften wohl nur die Special Forces der Army überleben; für verlustreiche Bodenkämpfe stehen ja noch die Soldaten anderer NATO-Staaten und sonstiger Verbündeter zur Verfügung. Wie sich das auf die vorerst noch in der Bundesrepublik Deutschland verbleibenden Einheiten der US-Army [weitere Infos dazu hier und hier] und auf geplante Baumaßnahmen wie das neue US-Hospital beim westpfälzischen Weilerbach auswirken wird, bleibt abzuwarten.)



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