Samstag, 5. Januar 2013

1932 ist schon hier

Von Daniel Blatman דניאל בלטמן
Übersetzt von Ellen Rohlfs
Ein Nicht-Jude, der vor der Nazi-Besatzung aus Deutschland floh, würde sich gewiss an diese schwere Zeit in seiner Heimat erinnern, wenn er jetzt Bat Yam, Safed, Bnei Brak oder den Süden von Tel Aviv besucht.

Sebastian Haffner war 1932 ein junger Anwalt im Deutschland. Als Nicht-Jude hätte er seine Karriere im zivilen Dienst fortsetzen können. Er beschreibt die Atmosphäre in seinem Land, bevor die Nazi-Diktatur dies übernahm. Er schrieb: das Spiel zog sich langweilig und trübe dahin, ohne Höhepunkte, ohne Drama, ohne deutlich entscheidende Momente … es gab im Leben kein Vergnügen mehr, keine Liebenswürdigkeit, keinen Spaß, kein verständnisvolles Wohlwollen, keine Großzügigkeit und keinen Sinn für Humor …die Luft in Deutschland war schnell erdrückend geworden.

Haffner entschied sich, Deutschland zu verlassen. Wenn er den Süden von Tel Aviv, Bnei Brak, Safed, Jerusalem oder Bat Yam Ende 2010 besuchen würde, würde er sich sicher an die schwere Zeit in seiner Heimat erinnern. Er würde Rabbiner finden, die rassistische Manifeste gegen ethnische Minderheiten unterschreiben und nach einer Politik der Apartheid rufen würden und hitzköpfige Demonstrationen gegen Flüchtlinge aus Afrika, Banden von Teenagern, die Araber angreifen, Gesetze, die Trennung und Diskriminierung im rassistischen und ethnischen Kontext, eine unterdrückerische öffentliche Atmosphäre, wie auch Gewalt und ein Mangel an Mitgefühl gegenüber Menschen, die anders und fremd sind.

Haffner würde hauptsächlich vor der anämischen, [blutarmen], Antwort politischer Institutionen warnen, deren Schwäche und Ängste 1933 zu einer politischen Umkehr führte, die hätte vermieden werden können. Natürlich sehen sich die meisten Israelis nicht als Rassisten. Für die Tatsache, dass die Hälfte von Israels jüdischer Bevölkerung nicht neben Arabern leben möchte, gibt es verschiedene Entschuldigungen, wie die populäre und pauschale Unterstützung von Initiativen, die dafür bestimmt sind, Araber oder Afrikaner davon abzuhalten, neben Juden zu leben. Aber nur ein paar Leute, die diese Entschuldigungen vorbringen, wären bereit, offen zuzugeben, dass sie ethnische und rassistische Trennung unterstützen.

Diese entsetzliche Propaganda erschreckt arme Bevölkerungsgruppen, die schon mit unzähligen Problemen des Überlebens zu kämpfen haben. Und die Leute, die diese Propaganda befürworten, sind davon überzeugt, dass das Fernhalten der Fremden und die rassistische Trennung Hoffnung für eine Lösung ihres Problems gibt. Der Historiker Saul Friedländer definiert diese Einstellung im Deutschland der 30er-Jahre als „rettenden Antisemitismus“. Eine Gesellschaft, die in existentiellen Nöten steckt und der eine politische Führung fehlt, die ihr Hoffnung gibt, wurde von einer apokalyptischen Idee hochgerissen, in deren Kern die Notwendigkeit steckte, die Juden los zu werden; wenn dies nicht gelingen würde, würde das Ende der Nation eintreten.

Millionen Menschen in Deutschland, die sich nie für Antisemiten und sicherlich auch nicht für Nazis hielten, wurden in die messianische und pseudo-religiöse Atmosphäre gerissen. Das Israel von heute wird langsam und zunehmend in diese „rettende Xenophobie,[Fremdenfeindlichkeit],“ gerissen. Von einer wachsenden Zahl von Israelis werden Araber, afrikanische Flüchtlinge und Leute, die ihrer Religion fremd sind oder eine andere Hautfarbe oder Nationalität haben, als das ernsteste Problem der Gesellschaft angesehen, das gelöst werden muss, damit Ruhe einkehrt.

Keine Gesellschaft ist gegenüber einem gewalttätigen Rassismus immun. Im heutigen Israel beobachten wir nur ein paar Bedingungen, deren Präsenz in anderen Gesellschaften und unter andern Völkern zu rassischer Trennung, ethnischer Säuberung und sogar zu Genozid führten. Es gibt Minderheitsgruppen (Araber und Fremde), die von der Mehrheit geächtet werden, eine wachsende rassistische Ideologie, Versuche, die politischen Aktivitäten und die Bürgerrechte der Minderheit einzugrenzen, eine angespannte Sicherheitssituation und starke politische Elemente mit großem Interesse an territorialer Expansion.

Aber das ist kein himmlischer Erlass. Die Aufgabe der verantwortlichen Führung ist es, diesen gefährlichen Prozess zu stoppen. Benjamin Netanjahu benützt/missbraucht die Symbolik von 1938 und die internationale Haltung gegenüber der iranischen Atombombendrohung. Zurück zum letzten Augenblick damals, bevor die Welt in einen entsetzlichen, blutigen Krieg schlidderte, hätten die demokratischen Mächte Hitler stoppen können, aber sie zögerten.

Netanjahu muss verstehen, dass die interne Realität im Israel von heute wie 1932 ( in Deutschland) ist, und seine blasse Rede, die Leute sollten das Gesetz nicht in die eigenen Hände nehmen, kann die israelische Gesellschaft nicht von der Xenophobie und intoleranten weit verbreiteten Atmosphäre befreien. Dafür ist eine ganz andere Größe erforderlich.

Der Autor Daniel Blatman ist Holocaust-Forscher und Direktor des Avraham-Harman-Instituts für zeitgenössisches Judentum an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Bibliographie.

Quelle
Danke Tlaxcala

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