Dienstag, 15. Januar 2013

Die Macht der USA vor dem endgültigen Verfall

In einer auf Erkenntnissen der US-Geheimdienste basierenden Studie wird vor einem unaufhaltsamen Verfall der Macht der USA gewarnt.

Von Dave Lindorff
Press-TV, 12.12.12
Die USA werden ihre Vorherrschaft verlieren.

Das ist die wichtigste Aussage in einem neuen Report des National Intelligence Council – einer Regierungsorganisation, die auf der Basis von Erkenntnissen der US-Geheimdienste mittel- und langfristige Prognosen erstellt.

In der 140-seitigen Studie mit dem Titel "Global Trends 2030: Alternative Worlds" wird "eine spürbare Abnahme" der Macht der USA für "unvermeidlich" gehalten; die zukünftige Rolle (der USA) im internationalen Machtgefüge sei "sehr schwer vorherzusagen" und das Ausmaß der US-Dominanz könne stark variieren.

Zu den Faktoren, die bewirken könnten, dass der Einfluss der USA auf globale Angelegenheiten in zwei Jahrzehnten geringer als heute ist, gehören der US-Dollar, der seine Rolle als Weltreservewährung verlieren könnte, und die weitere Entwicklung Chinas, das den Übergang von einem Staat armer Arbeiter und Bauern zu einem Staat mit einer breiten Mittelschicht bewältigen muss; außerdem wird es darauf ankommen, ob es die USA "mit neuen Partnern schaffen werden, das internationale Machtgefüge umzustrukturieren".

Die Studie ist auch deshalb interessant, weil sie die Thesen verwirft, die das berüchtigte Project for a New American Century / PNAC, ein privater neokonservativer Think-Tank, vertreten hat; das PNAC hatte eine langfristige Hegemonie der USA über den Rest der Welt propagiert und die Richtschnur für die Innen- und Außenpolitik der Bush-Cheney-Administration im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts geliefert. Nach den Vorstellungen des PNAC sollten die USA eine unanfechtbare globale Überlegenheit erringen und alles Erforderliche tun, um jede andere Nation daran zu "hindern", ihr diese Position streitig zu machen.

Die Autoren dieser neuen Studie sehen es als erwiesen an, dass die Blütezeit der USA vorbei ist. Nach ihrer Ansicht werden der "unipolare Zustand der Welt und die Pax Americana" – die Ära der US-Dominanz in der internationalen Politik, die 1945 begonnen hat – langsam zu Ende gehen. Einigermaßen optimistisch glauben sie, die USA könnten "wegen ihrer Überlegenheit auf machtpolitischem (und militärischem) Gebiet und ihrer bisherigen Führungsrolle" noch bis mindestens 2030 "Erster unter Gleichen" bleiben. Damit geben sie aber auch zu, dass die USA schon bald nicht mehr in der Lage sein werden, der übrigen Welt ihren Willen aufzuzwingen.

Die Studie bietet vier mögliche Szenarien für die Zukunft an. Als "plausibelstes Worst Case-Szenario" wird die Beschränkung der USA auf ihre inneren Angelegenheiten bei gleichzeitigem Verzicht auf globale Machtansprüche angesehen. Viele Menschen in anderen Ländern würden diese Entwicklung sehr begrüßen und keineswegs als "Schlimmsten Fall" betrachten, weil die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs dominierende Weltmacht USA meistens eine überwiegend destruktive Rolle gespielt hat; die Autoren der Studie befürchten hingegen, ein Rückzug der USA in die Isolation werde die Welt instabiler machen und neue Konflikte aufbrechen lassen.

In einem zweiten Szenario, das die Autoren der Studie als "Fusion" oder "plausibelstes Best-Case-Szenario" bezeichnen," wird angenommen, dass sich ein wirtschaftlich noch deutlicher dominierendes und militärisch erstarktes China zur Zusammenarbeit mit den USA entschließt. Durch eine solche Zusammenarbeit ließen sich (nach Meinung der Autoren) "globale Probleme wie der Klimawandel eher lösen und das globale Zusammenwirken insgesamt verbessern". Andere Staaten könnten die enge Kooperation zwischen den Volkswirtschaften und Streitkräften der beiden stärksten Mächte der Welt aber für wenig wünschenswert halten.

Nach einem dritten für weniger wahrscheinlich gehaltenen "Geist-aus-der-Flasche- Szenario" könnte die wachsende Ungleichheit in vielen Staaten neue Aufstände ausbrechen lassen, und der Klimawandel, die Überbevölkerung und die Verknappung des Trinkwassers, der Nahrung und der Energie könnten zu vermehrten internationalen Konflikten führen, wenn die USA nicht mehr den "Weltpolizisten" spielen können.

In einem vierten Szenario, das eher in den Bereich der Science Fiction gehört, wird mit einer fortschreitenden Schwächung der Nationalstaaten, also einer Situation gerechnet, in der nichtstaatliche Akteure wie Megastädte oder wechselnde Koalitionen nichtstaatlicher Organisationen mit Hilfe neuer Technologien die Führung bei der Lösung globaler Probleme übernehmen könnten – zum Beispiel bei Maßnahmen gegen den Klimawandel und bei der Schlichtung internationaler Konflikte.

Was den Mittleren Osten angeht, schlägt die obsessive Ablehnung des iranischen Atomprogramms durch die USA auch bei den Autoren der Studie voll durch; besorgt äußern sie: "Wenn die Islamische Republik bestehen bleibt … und im Stande ist, Atomwaffen zu entwickeln, geht der Mittlere Osten einer sehr instabilen Zukunft entgegen." Das ist eine seltsame Befürchtung – in Anbetracht des bereits heute sehr instabilen Zustands der gesamten Region, der durch Bürgerkriege in Syrien und im Jemen, durch öffentliche Proteste in Bahrain und Ägypten, durch unkontrollierte Gewalt in Libyen, durch andauernde Gewalt im Irak und natürlich durch dem Krieg in Afghanistan gekennzeichnet ist; außerdem verfügt zur Zeit nur Israel über Atomwaffen und weigert sich hartnäckig, das zuzugeben oder sich einer internationalen Kontrolle zu unterwerfen.

Offensichtlich kann niemand zuverlässig vorherzusagen, wie die Welt wegen der katastrophalen Veränderungen, die durch den dramatischen Klimawandel zu erwarten sind, im Jahr 2030 aussehen wird; auch schon vorher könnte die globale Durchschnittstemperatur stark ansteigen – mit verheerenden Folgen für Küstenbewohner und für Länder, die bereits jetzt unter Dürreperioden und Wasserknappheit leiden. Sogar die USA selbst werden nach Einschätzung ihrer Geheimdienst-Analysten in ihren trockeneren Regionen im Süden und Mittleren Westen den Klimawandel zu spüren bekommen; die dort liegenden Anbaugebiete für Getreide werden sich auf beispiellose Dürreperioden einstellen müssen. Wenn sich auch andere Tendenzen fortsetzen – besonders der Verfall des Dollars als Weltreservewährung und die immer weiter wachsende US-Staatsverschuldung – könnten die USA tatsächlich gezwungen sein, sich auf die Lösung ihrer eigenen inneren Probleme zu beschränken, wie es die Autoren der Studie befürchten.

Die guten Nachricht ist, dass in dieser vorausblickenden Studie kein Szenario beschrieben wird, in dem die USA weiterhin den "selbsternannten Weltpolizisten" oder die allein dominierende Weltmacht spielen können.

Bei einigem Nachdenken könnte man sich sogar fast über den in der Studie beklagten Klimawandel und die erwartete Bevölkerungsexplosion freuen.

Übersetzung, Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

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