Donnerstag, 29. August 2013

Präsident al-Assad: Syrien wird nie ein Marionettenstaat des Westens werden, wir werden den Terrorismus bekämpfen und unsere Beziehungen zu anderen Staaten so gestalten, dass sie den Interessen der Syrer am besten dienen

Präsident Baschar al-Assad
Bild: Wiki, public domain
Syrian Radio & TV, 26.08.13

Präsident Baschar al-Assad betonte, dass Syrien ein souveräner Staat sei, der den Terrorismus bekämpfen und seine Beziehungen zu anderen Staaten so gestalten werde, dass sie den Interessen der Syrer am besten dienen.

In einem Interview mit der russischen Zeitung Iswestia betonte Präsident al-Assad, "die Mehrheit derjenigen, die von der syrischen Regierung bekämpft werden, seien "Takfiris" (Abtrünnige), die der Doktrin der Al-Qaida anhängen; sie würden von einer kleineren Anzahl Banditen unterstützt".

Zum angeblichen Einsatz von Chemiewaffen (durch seine Truppen) sagte Präsident al-Assad, die diesbezüglichen Behauptungen der US-Regierung, des gesamten Westens und anderer Staaten stünden in krassem Widerspruch zur öffentlichen Meinung in diesen Staaten und fügte hinzu: "Kein Staat dieser Welt, auch keine Supermacht, sollte Anschuldigungen verbreiten und erst dann nach Beweisen für solche Unterstellungen zu suchen beginnen."

Seine Exzellenz betonte, diese Anschuldigungen seien politisch motiviert und würden nur deshalb erhoben, weil die syrische Armee Fortschritte im Kampf gegen die Terroristen erzielt habe.

Es folgt das vollständige Interview:

1. Frage des Interviewers: Herr Präsident, die drängendste Frage zur gegenwärtige Situation in Syrien lautet: Welche Teile Ihres Landes stehen noch unter Kontrolle der Rebellen?

Präsident al-Assad: Aus unserer Perspektive können wir nicht unterscheiden zwischen Gebieten, die von den Terroristen oder von der Regierung kontrolliert werden; weil es nicht um eine Besetzung im üblichen Sinne geht, ist diese Frage unangemessen. Wir kämpfen gegen Terroristen, die immer wieder in bestimmte Gebiete, Orte oder städtische Randbezirke eindringen. Sie richten sinnlose Verwüstungen an, zerstören die Infrastruktur und töten unschuldige Bürger, die sie nicht willkommen heißen. Unterstützt von Sicherheitskräften und der Polizei versucht die Armee, die Terroristen in diesen Gebieten unschädlich zu machen; die überlebenden Terroristen ziehen dann in andere Gebiete um. Deshalb müssen wir den Terrorismus immer wieder an anderen Orten bekämpfen. Unser Hauptproblem dabei ist, dass sich die Situation durch ständigen Zulauf vieler Terroristen aus anderen Ländern immer wieder verschärft – wir schätzen, dass es inzwischen mehrere 10.000 Eindringlinge sind. So lange sie finanzielle und militärische Hilfe (aus dem Ausland) erhalten, werden wir sie weiter bekämpfen. Ich kann versichern, dass es der syrischen Armee bisher immer und überall, wo sie das wollte, gelungen ist, die Terroristen zu vertreiben. Die Mehrheit derjenigen, die wir bekämpfen, sind "Takfiris" (Abtrünnige), die der Doktrin der Al-Qaida anhängen; sie werden von einer kleineren Anzahl Banditen unterstützt. Es geht also, wie ich schon sagte, nicht darum, wer größere Gebiete unseres Landes kontrolliert. Wo auch immer die Terroristen zuschlagen, schlagen wir zurück.

2. Frage: Die westlichen Mainstream-Medien behaupten aber, dass die Terroristen 40 bis 70 Prozent des syrischen Territoriums kontrollieren; wie sieht die Realität aus?

Präsident al-Assad: Keine Armee in der Welt kann mit den jeweils erforderlichen Waffen gleichzeitig überall in einem Land präsent sein. Die Terroristen nutzen das aus und dringen in Gebiete ein, in denen sich die Armee gerade nicht aufhält. Wenn die Armee gegen sie vorgeht, fliehen die überlebenden Terroristen in ein anderes Gebiet, bis wir sie auch dort wieder vertreiben. Deshalb wiederhole ich noch einmal: Das Problem ist nicht die Größe der Gebiete, die von Terroristen infiltriert sind, sondern der anhaltende Zustrom von Terroristen aus dem angrenzenden Ausland.

Das wichtigere Kriterium zur Beurteilung unserer Erfolge ist die Beantwortung der Frage: Konnte die syrische Arme die Terroristen in allen Gebieten, in die sie eingedrungen waren, besiegen? Diese Frage ist mit einem uneingeschränkten Ja zu beantworten. Die Armee war bisher immer erfolgreich und setzt ihren erfolgreichen Kampf fort. Dazu brauchen wir aber Zeit. Solche Kriege gehen nicht plötzlich zu Ende, sie flackern für eine lange Zeit immer wieder auf und fordern einen hohen Preis. Um alle Terroristen auszuschalten, werden wir einen hohen Preis bezahlen müssen.

3. Frage: Herr Präsident, Sie haben von abtrünnigen, extremistischen, islamistischen Kämpfern gesprochen, die in Syrien eingesickert sind. Sind das einzelne Splittergruppen, die nur sporadisch kämpfen? Oder gehören sie einer geschlossenen Streitmacht an, die versucht, die Sicherheit und Stabilität in Syrien und im ganzen Mittleren Osten zu zerrütten?

Präsident al-Assad: Beides trifft auf sie zu. Sie sind sich ähnlich, weil sie alle der gleichen extremistischen Doktrin von Abtrünnigen wie Zawahiri (des Nachfolgers Osama bin Ladens) folgen; sie erhalten auch alle finanzielle und militärische Unterstützung von ausländischen Mächten. Trotzdem agieren sie weitgehend selbständig und voneinander unabhängig; jede Gruppe hat einen eigenen Anführer und verfolgt eigene Ziele. Natürlich ist weithin bekannt, dass sie von Staaten wie Saudi-Arabien Geld bekommen und von diesen auch für deren eigene Zwecke manipuliert werden. Diese Staaten bedienen sich der Ideologie der Islamisten, um sie direkt oder indirekt als ihre extremistischen Werkzeuge einzusetzen. Wenn sie die Muslime zum Dschihad (zum Heiligen Krieg) in Syrien aufrufen, werden Tausende von Kämpfern ihrem Ruf folgen. Wer die Gruppen finanziert und bewaffnet, kann sie auch beauftragen, Terrorakte zu begehen und Anarchie herbeizuführen. Der Einfluss auf sie wird natürlich noch verstärkt, wenn ein Staat wie Saudi-Arabien sie sowohl durch die wahhabitische Ideologie als auch durch Geld an der Leine führt.

4. Frage: Die syrische Regierung behauptet, es bestehe eine enge Verbindung zwischen Israel und den Terroristen. Wie können Sie das belegen? Allgemein wird doch angenommen, dass extremistische Islamisten Israel verabscheuen und schon hysterisch reagieren, wenn sie nur seinen Namen hören.

Präsident al-Assad: Würden israelische Truppen, um Terroristen zu schützen, die wir bis an die israelische Grenze verfolgt haben, auf unsere Soldaten schießen, wenn diese Annahme zuträfe? Warum lässt Israel Terroristen, die wir an der Grenze eingeschlossen haben, seine Grenzbefestigungen passieren und erlaubt ihnen, an anderer Stelle erneut anzugreifen? Warum hat Israel in den letzten Monaten schon wiederholt direkte Angriffe gegen die syrische Armee geführt? Deshalb trifft die zitierte Annahme nicht zu. Israel hat doch öffentlich erklärt, dass es mit den Terroristen kooperiert und sie in israelischen Krankenhäusern behandeln lässt. Wenn diese Terroristengruppen Israel tatsächlich feindlich gesinnt wären und – wie Sie gesagt haben – schon auf die Erwähnung seines Namens hysterisch reagieren würden, warum haben sie dann früher gegen die Sowjetunion gekämpft und kämpfen heute gegen Syrien und Ägypten, haben aber bisher keinen einzigen Angriff gegen Israel geführt? Wer hat denn diese Terroristengruppen ursprünglich geschaffen? Diese Gruppen wurden Anfang der 80er Jahre von den USA und vom Westen initiiert und von Saudi-Arabien finanziert, damit sie die sowjetische Armee aus Afghanistan vertreiben. Wäre das logisch, wenn diese von den USA und vom Westen geschaffenen Gruppen jemals gegen Israel kämpfen würden?

5. Frage: Herr Präsident, dieses Interview wird in mehrere internationale Sprachen übersetzt, und wird vermutlich auch von einigen führenden Politikern der Welt gelesen, die derzeit gegen Sie arbeiten. Was würden Sie denen gern sagen?

Präsident al-Assad: Der Westen hat zwar viele Politiker, aber nur sehr wenige Staatsmänner. Einige dieser Politiker kennen die Geschichte nicht oder wollen nichts aus ihr lernen, andere erinnern sich noch nicht einmal mehr an Ereignisse aus jüngerer Zeit. Warum ziehen diese Politiker nicht wenigstens aus den letzten 50 Jahren ihre Lehren? Haben sie nicht begriffen, dass seit dem Vietnam-Krieg alle Kriege, die ihre Vorgänger geführt haben, verloren wurden? Haben sie nicht begriffen, dass ihnen diese Kriegen nichts eingebracht haben – außer der Zerstörung der Staaten, in denen sie geführt wurden, und der Destabilisierung des Mittleren Ostens und anderer Teile der Welt? Haben sie nicht erkannt, dass die Menschen der Länder, in denen sie Krieg geführt haben, heute von ihnen und ihrer Politik nichts mehr wissen wollen?

Oder aus einer anderen Perspektive betrachtet, sollten diese Politiker immer noch nicht begriffen haben, dass Terrorismus keine Spielkarte ist, die man nur ausgespielt, wenn sie sticht, und anschließend wieder wegstecken kann? Der Terrorismus kann wie ein Skorpion jederzeit und unerwartet jeden stechen. Man kann den Terrorismus nicht in Syrien unterstützen und gleichzeitig in Mali bekämpfen; man kann ihn auch nicht in Tschetschenien fördern und in Afghanistan bekriegen.

Damit wir uns richtig verstehen, ich beziehe mich nur auf westliche Politiker, nicht auf die Politiker der ganzen Welt. Wenn die führenden Politiker des Westens ihre Interessen durchsetzen wollen, sollten sie besser auf ihre eigenen Wähler und die Bürger der Länder hören (in denen sie intervenieren möchten), anstatt immer wieder zu versuchen, Marionetten zu installieren, die ihnen helfen könnten, schneller ans Ziel zu kommen. Wenn die westlichen Politiker auf die Menschen hören würden, könnte ihre Politik realistischer werden.

Wir sagen der Welt ganz offen: Syrien wird niemals ein Marionettenstaat des Westens werden. Wir sind ein unabhängiger Staat; wir werden den Terrorismus bekämpfen und unsere Beziehungen zu anderen Staaten so gestalten, dass sie den Interessen der Syrer am besten dienen.

6. Frage: Am Mittwoch haben die Rebellen die syrische Regierung beschuldigt, Chemiewaffen eingesetzt zu haben; einige führende Politiker des Westens haben sich diesen Beschuldigungen sofort angeschlossen. Was sagen Sie dazu? Werden Sie zulassen, dass Inspektoren der Vereinten Nationen das Vorkommnis vor Ort untersuchen?

Präsident al-Assad: Die diesbezüglichen Behauptungen der US-Regierung, des gesamten Westens und anderer Staaten stehen in krassem Widerspruch zur öffentlichen Meinung in diesen Staaten. Kein Staat dieser Welt, auch keine Supermacht, sollte Anschuldigungen erheben und erst dann nach Beweisen für solche Unterstellungen zu suchen beginnen.

Die US-Regierung hat ihre Beschuldigung am Mittwoch erhoben und erst zwei Tage später bekannt gegeben, dass sie jetzt anfangen werde, Beweise zu sammeln – welche Beweise will sie aus der Ferne sammeln?!

Sie behaupten, das fragliche Gebiet sei unter Kontrolle der Rebellen, und die syrische Armee habe Chemiewaffen eingesetzt. In Wirklichkeit liegt es in unmittelbarer Nähe von Stellungen der syrischen Armee. Würde irgendein Staat Giftgas oder andere Massenvernichtungswaffen in einem Gebiet einsetzen, in dem sich seine eigenen Truppen befinden? Das ist doch absurd! Diese Anschuldigungen sind politisch motiviert und werden nur deshalb erhoben, weil die syrische Armee Fortschritte im Kampf gegen die Terroristen erzielt hat.

Was die UN-Untersuchungskommission angeht – wir haben doch schon eine Untersuchung der Vereinten Nationen gefordert, als die Terroristen Raketen mit Giftgas auf die Außenbezirke von Aleppo abfeuerten. Bereits mehrere Monate vor diesem Angriff wurde die Öffentlichkeit in den USA und anderen westlichen Staaten vor einem angeblich drohenden Einsatz von Chemiewaffen durch Truppen der syrischen Regierung gewarnt. Das hat unseren Verdacht genährt, dass man im Westen schon damals von der Absicht der Terroristen wusste, selbst Chemiewaffen zu benutzen und die syrische Regierung dafür verantwortlich zu machen.

Auf Anraten Russlands haben wir uns damals entschieden, eine UN-Kommission zur Untersuchung des Vorkommnisses anzufordern. Während wir eine auf Tatsachen beruhende Untersuchung vor Ort erwarteten, waren die USA, Großbritannien und Frankreich überhaupt nicht an einer Untersuchung der Fakten interessiert und haben den Angriff benutzt, um weiterhin unwahre Anschuldigungen zu verbreiten.

In den letzten Wochen haben wir uns mit der Kommission auf Richtlinien für die Zusammenarbeit verständigt. Erstens wollen wir, dass unsere nationale Souveränität als rote Linie beachtet wird und die Kommission während ihrer Untersuchung mit uns zusammenarbeitet. Zweitens kommt es nicht nur darauf an, wie die Untersuchung geführt wird, sondern auch darauf, wie die Ergebnisse interpretiert werden. Wir wissen alle, dass Untersuchungsergebnisse nicht nur objektiv, sondern auch so interpretiert werden können, dass sie den Absichten bestimmter Großmächte nutzen. Wir erwarten von Russland, dass es jede Interpretation blockiert, die nur den politischen Zielen der USA und des Westens dient. Dabei ist es am wichtigsten, dass bei der Untersuchung zwischen westlichen Anschuldigungen, die auf Unterstellungen und Gerüchten beruhen, und konkreten Beweisen und Tatsachen unterschieden wird.

7. Frage: Jüngsten Erklärungen der Regierungen der USA und anderer westlicher Staaten ist zu entnehmen, dass die USA ein militärisches Eingreifen in Syrien nicht ausschließen. Ist zu vermuten, dass sich die USA wieder genau so verhalten, wie sie das vor dem Irak-Krieg getan haben – mit anderen Worten, nur nach einem Vorwand für ein militärisches Eingreifen suchen?

Präsident al-Assad: Das ist nicht das erste Mal, dass die Möglichkeit eines militärischen Eingreifens erwogen wird. Von Anfang an wollten die USA zusammen mit Frankreich und Großbritannien in Syrien militärisch intervenieren. Leider ist manches anders gekommen, als sie wollten, vor allem weil sich Russland und China im Sicherheitsrat nicht auf einen Kuhhandel mit ihnen einließen. Auch in Libyen und Ägypten haben sich die Dinge nicht zu ihren Gunsten entwickelt.

Aus all diesen Gründen konnten sie ihre Wähler und die Welt nicht davon überzeugen, dass sie eine vernünftige oder erfolgreiche Politik verfolgen.

Die Lage in Libyen unterscheidet sich von der in Ägypten und Tunesien, und in Syrien ist sie – wie ich schon ausgeführt habe – noch einmal ganz anders als in jedem der drei genannten Staaten. Weil sich jedes Land in einer einzigartigen Situation befindet, ist die immer gleiche Inszenierung (von Konflikten) keine empfehlenswerte Option. Zweifellos können die westlichen Staaten jederzeit und überall Kriege anzetteln, aber sie können nicht mehr voraussehen, wohin sich diese Kriege ausbreiten und wie sie enden werden. Der Westen musste einsehen, dass auch bewährte Inszenierungen schnell außer Kontrolle geraten können.

Alle haben doch jetzt kristallklar erkannt, dass in Syrien kein Volksaufstand stattfindet, der politische Reformen will, es geht den Terroristen doch nur darum, den syrischen Staat zu zerstören. Will der Westen ein militärisches Eingreifen in Syrien vor der Weltöffentlichkeit etwa so begründen: Wir intervenieren in Syrien, um den Kampf der Terroristen gegen den Staat zu unterstützen?!

Interviewer: Was erwartet die USA, wenn sie sich für eine Militärintervention oder einen Krieg gegen Syrien entscheiden?

Präsident al-Assad: Das gleiche Ergebnis wie in jedem Krieg seit Vietnam – ein Misserfolg. Die USA haben schon viele Kriege geführt, in keinem ihrer Kriege ist es ihnen aber bisher gelungen, ihre politischen Ziele durchzusetzen. Sie werden die US-Bürger auch nicht davon überzeugen können, dass ihnen ausgerechnet ein Krieg gegen Syrien Vorteile
bringt, und sie werden auch die Bewohner dieser Region nicht mit ihrer Politik und ihren Plänen beeindrucken können. Weltmächte können immer neue Kriege anfangen, aber können sie diese Kriege auch noch gewinnen?

8. Frage: Herr Präsident, wie ist Ihre Beziehung zu Präsident Wladimir Putin? Telefonieren Sie mit ihm? Wenn ja, was besprechen Sie mit ihm?

Präsident al-Assad: Ich habe seit vielen Jahren eine enge Beziehung zu Präsident Putin, die lange vor der gegenwärtigen Krise begonnen hat. Wir setzen uns von Zeit zu Zeit miteinander in Verbindung, wobei die komplizierten Ereignissen in Syrien nicht am Telefon besprochen werden können. Unsere Kontakte pflegen wir vor allem über russische und syrische Diplomaten, deren jeweilige Besuche nicht in den Medien breitgetreten werden.

9. Frage: Herr Präsident, planen Sie, Russland zu besuchen oder den Präsidenten Putin zu einem Besuch nach Syrien einzuladen?

Präsident al-Assad: Beides wäre natürlich möglich; gegenwärtig geht es aber vor allem darum, die Gewalt in Syrien zu beenden, so lange täglich Menschen sterben oder verwundet werden. Wenn sich die Verhältnisse bessern, werden Besuche notwendig sein; derzeit pflegen Diplomaten unsere Beziehungen sehr gut.

10. Frage: Herr Präsident, Russland widersetzt sich der Syrien-Politik der USA und der EU. Was würde geschehen, wenn Russland einen Kompromiss einginge? Halten Sie ein solches Szenario für möglich?

Präsident al-Assad: Die Beziehungen zwischen Russland und den USA werden nicht nur durch die syrische Krise bestimmt; man sollte sie in einem größeren, umfassenderen Zusammenhang sehen. Die USA haben angenommen, dass nach dem Zerfall der Sowjetunion auch Russland dauerhaft zerrüttet bliebe. Als Präsident Putin gegen Ende der 90er Jahre sein Amt antrat, begann Russland sich zu erholen und seine internationale Position allmählich wieder zu erlangen; daraufhin begann ein neuer Kalter Krieg, der aber auf eine andere subtilere Art und Weise geführt wird.

Die USA versuchen Russlands Interessen an vielen Fronten auf der ganzen Welt einzudämmen und die Russen für die westliche Kultur und die westliche Lebensart einzunehmen. Die US-Regierungen haben eifrig daran gearbeitet, Russlands wichtige und einflussreiche Rolle in vielen Frontstaaten, zu denen auch Syrien gehört, zu unterminieren. Sie werden sich wie viele Russen fragen, warum die russische Regierung immer noch zu Syrien steht? Es ist wichtig, einer breiteren Öffentlichkeit den Grund dafür zu erklären: Russland verteidigt nicht den Präsidenten Baschar al-Assad oder die syrische Regierung, da die Syrer selbst entscheiden müssen, welchen Präsidenten und welches politische System sie haben wollen. Russland verteidigt die fundamentalen Prinzipien, für die es seit mehr als einhundert Jahren einsteht. Zuerst sind da die Unabhängigkeit (eines Staates) und die Nichteinmischung in seine internen Angelegenheiten zu nennen. Auch Russland hat schon unter der Einmischung (andere Staaten) gelitten und leidet auch heute noch darunter.

Außerdem verteidigt Russland seine legitimen Interessen in dieser Region. Einige oberflächliche Analysten haben da nur (den von der russischen Flotte mitgenutzten syrischen) Hafen Tartus im Blick. In Wirklichkeit sind die Interessen Russlands viel umfassender. Russland sieht vor allem die politischen Gefahren; wenn Syrien, ein Schlüsselstaat dieser Region, in die Hände von Terroristen fiele, hätte das schwerwiegende Auswirkungen auf die Stabilität im ganzen Mittleren Osten und beträfe auch Russland. Im Gegensatz zu vielen westlichen Regierungen sieht die russische Führung das ganze Ausmaß der drohenden Gefahren. Außerdem gibt es soziale und kulturelle Aspekte. Einige zehntausend syrisch-russische Familien haben eine soziale, kulturelle und humanitäre Brücke zwischen unseren beiden Staaten geschaffen.

Wenn Russland einen (faulen) Kompromiss eingehen wollte, wie Sie angedeutet haben, wäre das schon vor einem oder zwei Jahren geschehen, als selbst einige russische Offizielle noch nicht klar sahen. Heute zeichnet sich ein kristallklares Bild ab. Da sich Russland vorher nicht auf einen Kompromiss eingelassen hat, wird es das ganz sicher heute auch nicht mehr tun.

11. Frage: Herr Präsident, finden zur Zeit irgendwelche Verhandlungen mit Russland über die Lieferung von Treibstoff und militärischer Hardware an Syrien statt? Wurden zum Beispiel, wie vertraglich vereinbart, die Luftabwehrraketen S-300 geliefert?

Präsident al-Assad: Natürlich würde kein Staat (vor einem drohenden Angriff) öffentlich erklären, über welche Ausrüstung und welche Waffen er verfügt, oder welche diesbezüglichen Verträge er geschlossen hat. Diese streng vertraulichen Informationen gehen nur unsere Streitkräfte etwas an. Ich kann Ihnen aber sagen, dass alle mit Russland geschlossenen Verträge eingehalten werden und weder die Krise noch der von den USA, Europa oder den Golfstaaten ausgeübte Druck deren Erfüllung beeinträchtigt. Russland beliefert Syrien mit allem, was es braucht, um sich und seine Bevölkerung zu verteidigen.

12. Frage: Herr Präsident, welche Art Hilfe erhält Syrien heute von Russland? Geht es nur um Geld oder auch um militärische Ausrüstung? Würde Syrien Russland zum Beispiel um ein Darlehen bitten?

Präsident al-Assad: Ohne Sicherheit im Land ist es unmöglich, eine funktionierende und stabile Wirtschaft zu betreiben. Erstens hilft Russland dadurch, dass es geschlossene militärische Verträge erfüllt und den Syrern hilft, sich selbst zu verteidigen, damit sie wieder in Sicherheit leben können; dadurch unterstützt es auch die Wiederbelebung unserer Wirtschaft. Zweitens spielt auch Russlands politische Unterstützung für die Bewahrung unserer Unabhängigkeit und Souveränität eine bedeutende Rolle. Viele andere Staaten bekämpfen uns politisch dadurch, dass sie ihre Wirtschaftsbeziehungen zu uns abgebrochen und ihre Märkte für unsere Waren verschlossen haben. Russland hat das genaue Gegenteil getan, indem es seine guten Handelsbeziehungen zu uns fortgesetzt und geholfen hat, unsere Wirtschaft am Laufen zu halten. Zur Beantwortung Ihrer Frage kann ich also sagen, weil Russland uns politisch unterstützt, die geschlossenen militärischen Verträge erfüllt und sich dem Druck der USA nicht beugt, hat es geholfen, unsere Wirtschaft am Leben zu erhalten und die negativen Auswirkungen abzumildern, die das von anderen gegen uns verhängte Wirtschaftsembargo auf das Leben der Syrer hat.

Was die Wirtschaft angeht, gibt es mehrere Verträge zwischen Syrien und Russland über den Austausch verschiedener Waren und Rohstoffe. Ein russisches Darlehen für uns hat Vorteile für beide Seiten: Russland hat damit seiner Industrie und seinem Handel die Möglichkeit verschafft, sich in Syrien neue Märkte zu erschließen, und Syrien kann mit dem Geld den Wiederaufbau seiner Infrastruktur in Gang setzen und seine Wirtschaft stimulieren. Ich kann nur wiederholen, dass Russlands politische Haltung und Unterstützung entscheidend für die Wiederherstellung der Sicherheit und die Befriedigung der elementaren Bedürfnisse der Syrer ist.

13. Frage: Herr Präsident, schließen die Handelsverträge auch die Lieferung von Treibstoff und Grundnahrungsmitteln ein?

Präsident al-Assad: Die Versorgung der Bürger Syriens mit Nahrungsmitteln, medizinischem Bedarf und Treibstoff ist gefährdet. Durch Handelsverträge mit Russland und anderen befreundeten Staaten versucht die syrische Regierung die Grundversorgung aller Syrer sicherzustellen.

14. Frage: Kehren wir zur Situation in Syrien und zur gegenwärtigen Krise zurück. Uns ist aufgefallen, dass Sie begonnen haben, Gegner zu amnestieren. Gilt die Amnestie auch für Rebellen? Werden einige von ihnen überlaufen und künftig an der Seite der syrische Armee kämpfen?

Präsident al-Assad: Ja, das ist tatsächlich der Fall. Seit kurzem zeichnet sich ein deutlicher Gesinnungswandel ab – nachdem vielen klar geworden ist, das in Syrien Terroristen am Werk sind. Viele wollen zurück in ihr normales Leben und haben ihre Waffen abgegeben. Sie nutzen die Amnestie und nehmen ihr geregeltes Leben wieder auf. Besonders bemerkenswert ist, dass bestimmte Gruppen nicht mehr gegen die syrische Armee, sondern an ihrer Seite kämpfen; diese Menschen wurden entweder durch die Hetze in den (westlichen) Medien verführt oder durch Drohungen von den Terroristen rekrutiert. Deshalb verfolgt die syrische Regierung seit Beginn der Krise eine Politik der offenen Tür gegenüber allen, die umkehren und vom Kampf gegen ihr eigenes Land ablassen wollen. Obwohl viele Syrer diese Politik abgelehnt haben, hat sie sich als sehr wirksam erwiesen und geholfen, die Krise etwas zu entspannen.

15. Frage: Herr Präsident, Syriens Beziehungen zu mehreren Staaten sind zusammengebrochen – zum Beispiel zu Katar, Saudi-Arabien und der Türkei. Welche Staaten betrachten sie als treue Verbündete und welche als Feinde?

Präsident al-Assad: Jeder kennt die Staaten, die uns unterstützen: International sind es Russland und China, regional ist es der Iran. International beginnt sich jedoch eine positive Veränderung abzuzeichnen. Bestimmte Staaten, die Syrien feindlich gesonnen waren, haben begonnen, ihre Haltung zu ändern; andere haben angefangen, ihre Beziehungen zu uns wiederzubeleben. Natürlich haben diese Veränderungen noch nicht dazu geführt, dass wir mehr direkte Unterstützung erhalten.

Es gibt aber auch bestimmte Staaten, die Terroristen nach Syrien entsandt haben und sie direkt unterstützen. In den ersten beiden Jahren waren es vor allem Katar und die Türkei; Die Terroristen haben von Katar finanzielle und von der Türkei logistische Unterstützung durch Trainingslager und Möglichkeiten zum Einsickern nach Syrien erhalten. Erst kürzlich hat Saudi-Arabien die Rolle des Geldgebers von Katar übernommen. Ich will mich ganz klar und unmissverständlich ausdrücken: Saudi-Arabien hat nichts zu bieten als Geld; wer nur Geld hat, kann keine Zivilisation aufbauen und erhalten. Saudi-Arabien kann sich nur da einmischen, wo sein Geld genommen wird.

Die Türkei ist ein anderer Fall. Es ist bedauerlich, dass sich ein so großer Staat wie die Türkei, der eine wichtige strategische Position und eine liberale Gesellschaft hat, durch ein paar lumpige Dollars aus einem rückschrittlichen Golfstaat manipulieren lässt. Natürlich trägt nur der türkische Premierminister die Verantwortung für diese Situation und nicht das türkische Volk, mit dem wir einen großen Teil unseres kulturellen Erbes und unserer Traditionen teilen.

(Die 16. Frage und die Antwort darauf fehlen auch im Originaltext.)

17. Frage: Herr Präsident, was macht die russisch-syrischen Beziehungen so stabil? Sind es geopolitische Interessen? Oder ist es der gemeinsame Kampf gegen den Terrorismus?

Präsident al-Assad: Die syrisch-russischen Beziehungen werden durch mehrere Faktoren gefestigt. Erstens hat ein großer Teil Russlands während des Zweiten Weltkrieges unter einer Besatzung gelitten, und auch Syrien war schon wiederholt besetzt. Zweitens hat Russland seit Beginn des sowjetischen Zeitalters immer wieder unter der Einmischung ausländischer Staaten in seine inneren Angelegenheit gelitten, und das trifft auch auf Syrien zu.

Drittens ist auch der (gemeinsame) Kampf gegen den Terrorismus nicht weniger bedeutsam. Wir Syrer verstehen sehr gut, was es bedeutet, wenn Extremisten aus Tschetschenien unschuldige Bürger töten und was es bedeutet, wenn Kinder und Lehrer in Beslan oder unschuldige Menschen in einem Moskauer Theater als Geiseln genommen werden. Ebenso verstehen die Menschen in Russland, wenn wir uns gegen terroristische Akte zur Wehr setzen, die auch sie erlitten haben. Aus diesem Grund können die Russen auch nicht nachvollziehen, dass der Westen einen Unterschied zwischen "guten" und "bösen" Terroristen macht.

Zusätzlich zu diesen Gemeinsamkeiten gibt es auch noch die familiären syrisch-russischen Beziehungen, die ich bereits erwähnt habe; die hätten sich ohne gemeinsame kulturelle, soziale und intellektuelle Wurzeln und geopolitischen Interessen, über die wir auch schon gesprochen haben, nicht entwickeln können. Die Russen sind sich – anders als die Europäer und der gesamte Westen – sehr wohl der Folgen bewusst, die eintreten, wenn Syrien und die gesamte Region destabilisiert werden und der Terrorismus sich infolgedessen ungehindert ausbreiten kann.

Die Gesamtheit dieser Faktoren kennzeichnet die politische Einstellung des großartigen Staates Russland. Seine Haltung basiert nicht nur auf einem oder zwei Elementen, sondern auf einer breit angelegten historischen, kulturellen und intellektuellen Perspektive.

18. Frage: Herr Präsident, wird es zu Genf 2 kommen, und was erwarten Sie von dieser Konferenz?

Präsident al-Assad: Das Ziel der Genfer Konferenz ist es, den politischen Prozess zu unterstützen und eine politische Lösung der Syrien-Krise zu erleichtern. Das ist aber nicht möglich, wenn die Unterstützung der Terroristen aus dem Ausland nicht aufhört. Wir hoffen, dass durch die Genfer Konferenz Druck auf die Staaten ausgeübt werden kann, die den Terrorismus in Syrien unterstützen, damit das Einschmuggeln von Waffen und die Einschleusung ausländischer Terroristen nach Syrien aufhört. Wenn das erreicht wird, können leicht politische Schritte eingeleitet werden; vordringlich muss es zu einem Dialog zwischen den Syrern über das zukünftige politische System, über dessen Verfassung, die Gesetzgebung und andere Fragen kommen.

Interviewer: Vielen Dank für Ihr Entgegenkommen und Ihre Offenheit während dieses Interviews.


Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

(Der deutschsprachige Leser hat durch die exzellente Übersetzung des Interviews, vielen Dank dafür, die Möglichkeit, den Syrien-Konflikt aus der Sicht des syrischen Präsidenten al-Assad zu verstehen. In den Berichterstattungen der westlichen Mainstream-Medien werden in der Regel nur verfälschende Auszüge aus dem langen Interview wiedergegeben.)

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