Mittwoch, 18. September 2013

ADÉ FDP - Die Freiheit nehm´ ich mir!

Von Ulrich Gellermann

Wer das Dreiköngstreffen der FDP beobachtet hat, der kann glauben, die Bundesrepublik stünde kurz vor der Besetzung durch eine fremde Macht: Freiheit war das Kern-Thema, eine Freiheit, deren Flamme langsam erlösche, so der FDP-Vorsitzende Rösler, wenn man der FDP nicht folge. Als "einzige Partei" stünde die seine für das hehre Ziel. Zwar sei die "Botschaft der Freiheit unbequem" und "wir müssen uns wehren gegen das langsame Erlöschen der Flamme der Freiheit", denn "Wenn wir es nicht tun, wird niemand es tun. Und dann stirbt die Flamme der Freiheit in Deutschland." Schon vor dem Bundeswehrstabsarzt Rösler hatte der FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle den Kampf für die Freiheit ausgerufen. Während seiner Büttenrede peitschte er mit dicken Fingern die Luft und schrie: "Keiner kämpft härter für Frieden, Freiheit und Menschenrechte!" als wären die Besatzer bereits im Land, um am Ende seiner Rede in den Saal zu kreischen: "Auf in den Kampf, Ihr Freiheitskämpferinnen und Freiheitskämpfer, für Deutschland, für die Freiheit, für die freien Demokraten!"

Was mag das für eine Freiheit sein, die von der FDP so tapfer verteidigt wird? Die Meinungsfreiheit, die Freiheit der Rede? Das sind Freiheiten, die längst den Springers, Bertelsmanns und Burdas gehören. Denn eine Meinung darf ja natürlich immer noch jeder haben, und sagen darf er sie auch. Wenn er sie allerdings verbreiten möchte, stösst er an die Grenzen der Verlegermacht, die Grenzen der großen Meinungsapparate, die, lange bevor der Einzelne etwas hat sagen können, den öffentlichen Diskurs mit ihren Themen und Meinungen besetzt haben: Merkel lieb, Terror böse, Deutsche fleißig, Südländer faul, Banken retten, Soziales kürzen. Und wenn es mal keine knallharten Meinungen sind, dann übertönen die Gefühlsmaschinen, die Geschwätzapparate jeden klaren Gedanken: Alle sollen den Superstar suchen, wenn sie nicht gerade selbst Top-Modell werden wollen. Hier findet die FDP ihre Freiheitsbedingungen, in der Freiheit jeden Unsinn zu konsumieren den die Medien auf den Markt werfen.

Doch vielleicht meint die FDP auch die Reisefreiheit? Jene Freiheit der Flucht aus dem Alltag, die, von Herrn TUI organisiert, von Air Berlin beflügelt, dem Menschen eine geregelte Freizeit bietet: Paläste der Urlaubslust erwarten die Massen der freien Reisenden, Animateure der gezügelten Unterhaltung sichern den Tagesablauf, unlimitierte Mengen Alkohol befeuern die Freizügigkeit: Wer jetzt noch nicht gebucht hat, der wird so bald nichts zu erzählen und kaum ein Foto zu zeigen haben. Hier kann jeder hinfahren wo er will, im Rahmen der freiheitlich demokratischen Grundordnung versteht sich. Und deren Grenzen liegen ausschließlich im Einkommen.

Sicher kämpft die FDP auch für die Freiheit der Kunst, die in tausenden Galerien ihren Platz gefunden hat und die unerbittlich eine neue Form nach der anderen auf die Agenda setzt. Ihren musikalischen Gipfel erreicht die Kunst in der Freiheit der Hitparaden. Während die Film-Blockbuster ihre Liberalität mit Tonnen von Popcorn feiern. Längst kommt Kunst von Künstlichkeit und hat so alle Fesseln gesellschaftlicher Bezüge gesprengt, um der reinen Kunst ihre Freiheit wiederzugeben: Vogelfreiheit, die ich meine.

Doch könnte die FDP auch die Wahlfreiheit meinen, jene unermessliche politische Freiheit aus immer gleicher werdenden Parteien die gleichste zu wählen. Jene freiheitliche Berechenbarkeit, die bei Themen wie der Banken-Rettung oder der Auslandskriege für eine Einstimmigkeit sorgt, um die so mancher diktatorischer Chorleiter das deutsche Parlament beneidet. Es ist diese Wahlfreiheit, die Rohstoff-Freiheit mit Reise-Freiheit verbindet: Seit Jahrzehnten durften unseres Soldaten sich nicht mehr so weit und so unkontrolliert bewegen wie unter der neuen, vom Parlament verordneten Freiheit.

Schließlich wird die FDP auch für jene Marktfreiheit bis zum letzten Blutstropfen kämpfen, die sich unter dem Namen Shoppingfreiheit einen neuen Platz im Katalog der Grundrechte erobert hat. Glühende Kreditkarten beherrschen die eleganten Shops der H & M-Läden, der ZARA-Mexiko-Massen-Textilien, und der Massimo-Dutti-Angebote. In den Flagship-Stores von Adidas und Nike kommt mit der hundertsten Variation des Turnschuhs auch die Auswahlfreiheit zum Zuge, während in den Tempeln von Apple das heilige Weiss durch das gesegnete Aluminium ersetzt wird und die ersten Käufer Tränen der Kauffreiheit über das neue iPhone 5 vergießen: Mehr Applikationsfreiheit war nie.

Nun werden bald in Niedersachsen freie Wahlen sein und jeder sollte daran denken, dass es die FDP war, die der Bundesrepublik den ersten Freiheitspräsidenten beschert hat: "Joachim Gauck haben wir durchgesetzt!" skandierte Rainer Brüderle unter dem Jubel der FDP-Mitgliedermassen und Recht hatte er. Und mit dem drohenden Wegfall der FDP würde auch ihr Präsidenten-Trick in der Geschichte politischer Banalität verschwinden, bangt das Brüderle. Wenn also die Niedersachsen, was zu vermuten steht, die FDP unter fünf Prozent halten, wenn also die Freisetzung der FDP-Erosion auch die Bundestagswahlen erreichen sollte, dann wird der ganze Freiheitskampf, wie die FDP ihn versteht, vergebens sein. Und so könnte mit dem Ende der FDP nicht nur eine überflüssige Partei verschwinden sondern auch der Anfang einer Debatte um Herrschaftsfreiheit beginnen. Das, liebe Niedersachsen, würde Euch als historisches Verdienst angerechnet werden. Deshalb nehmt Euch die Freiheit und sagt adé zur FDP.

Dieser Artikel erschien am 07. Januar 2013 auf Ulrich Gellermanns Plattform für Nachdenker und Vorläufer, RATIONALGALERIE, wovon ich ihn, mit seinem Einverständnis, übernommen habe. Danke.

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