Freitag, 11. Oktober 2013

Die radikale christliche Rechte und ihr Krieg gegen die US-Regierung

Autor: Chris Hedges
truthdig
Der US-Journalist Chris Hedges setzt sich mit den Zielen der Christlichen Rechten in den USA auseinander und sieht mit ihnen einen christlich verbrämten Faschismus heraufziehen.

Mehrere zehn Millionen US-Amerikaner sind einer diffusen Bewegung von Unzufriedenen zuzurechnen, die man als Christliche Rechte bezeichnet; sie lehnen alle intellektuellen und wissenschaftlichen Erkenntnisse der Aufklärung ab, wollen die Befugnisse der (gewählten) Regierung radikal einschränken und einen theokratischen Staat errichten, der auf "biblischen Gesetzen" aufgebaut ist; sie möchten die widerspenstige Welt zwingen, sich dem Willen der imperialen "christlichen" USA zu unterwerfen. Ihr wahres Gesicht zeigt diese Bewegung gerade im US-Repräsentantenhaus. Die Ideologie dieser Bewegung, die als treibende Kraft für die derzeitige Zahlungsunfähigkeit der US-Regierung verantwortlich ist, verlangt die Ausmerzung aller "Abweichler", die nicht ihren sozialen Normen entsprechen. Diese Bewegung hält die sexuelle Orientierung der Homosexuellen und Lesben für einen Fluch und eine Krankheit, die nach ihrer Meinung den Staat USA und die US-Familie beschmutzt. Sobald diese sexuellen "Abweichler" beseitigt sind, will man sich auch anderer "Abweichler" entledigen; darunter fallen u. a. Muslime, Liberale, Feministinnen, Intellektuelle, linke Aktivisten, Schwarzarbeiter, arme Afroamerikaner und alle "so genannten Christen", die das doktrinäre Bibelverständnis dieser Bewegung nicht teilen. Die "abweichlerischen" Bürokraten der US-Regierung, die "abweichlerischen" Medien, die "abweichlerischen" Schulen und die "abweichlerischen" Kirchen werden als "Werkzeuge des Satans" diffamiert, die vernichtet oder radikal reformiert werden müssen. Alle "Abweichler" werden als rechtlos betrachtet. Alle Institutionen des neuen theokratische Staates sollen die "christlichen Werte" und die "Werte der Familie" propagieren und schützen. Die Erziehung und Bildung und der Sozialfürsorge sollen der Kirche übertragen werden. Der kritische Umgang mit Fakten soll einer permanenten, bornierten Indoktrination weichen.

US-Senator Ted Cruz – dessen Vater Rafael Cruz, ein fanatischer Prediger der Christlichen Rechten und Direktor der "Purifying Fire Internternational Ministery" [des Internationalen Dienstes des reinigenden Feuers] ist – und seine zahlreichen wohlhabenden Unterstützer, von denen einige auf die Herbeiführung der Zahlungsunfähigkeit bestanden, sind in einer radikalen christlichen Ideologie verwurzelt, die als Dominionismus oder "Christian Reconstructionism" bekannt wurde. Nach dieser Ideologie sollen auserwählte "christliche" Persönlichkeiten die Führung des Staates übernehmen und ihn nach "biblischen" Zielvorstellungen und Gesetzen ausrichten. Die Regierung soll sich um wenig mehr als die Verteidigung, die innere Sicherheit und der Schutz des Eigentums kümmern. Die Christliche Rechte vermengt die christliche Religion mit der Ikonografie und Sprache des amerikanischen Imperialismus und Nationalismus und den rücksichtslosesten Aspekten des Konzern-Kapitalismus. Die intellektuelle und moralische Hohlheit ihrer Ideologie, die schamlose Verzerrung und missbräuchliche Nutzung der biblischen Botschaft, die zahlreichen Widersprüche in ihrer Argumentation – zum Beispiel das Beharren auf einer kleinen Regierung und einer großen Armee, die ja wohl dieser Regierung unterstehen soll – und ihre lächerlichen pseudowissenschaftlichen Thesen sind weder mit den Fakten noch mit der Vernunft vereinbar. Und deshalb ist diese Bewegung so gefährlich.
Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de

Wie bei allen faschistischen Bewegungen durchdringt der Männlichkeitskult auch die Ideologie der Christlichen Rechten. Diese Bewegung missbraucht die Religion, um militärische und heroische "Tugenden" zu verherrlichen, blinden Gehorsam und Einordnung über den Verstand und das Gewissen zu stellen und kollektive Euphorie zu erzeugen. Den Anhängern wird erzählt, der Feminismus und die Homosexualität hätten die Männer der USA körperlich und geistig impotent gemacht. Jesus ist für die Christliche Rechte ein Mann der Tat, der Dämonen austreibt, den Satan bekämpft, Heuchler entlarvt und am Ende alle Ungläubigen vernichtet. Dieser Männlichkeitskult mit seiner Gewaltverherrlichung spricht besonders die Machtlosen an. Er schürt vor allem die Wut vieler weißer verarmter US-Bürger und ermuntert sie dazu, auf die loszugehen, die sie angeblich bedrohen. Die panische Angst vor allem Fremden wird durch bizarre Bedrohungstheorien geschürt, der man sich auch bedient hat, um die Zahlungsunfähigkeit der US-Regierung herbeizuführen. Die Bewegung hat ihre Anhänger dazu aufgerufen, den Kampf gegen den bestehenden weltlichen, von Menschen gemachten Staat zu verstärken. Dieser Kampf wird für unvermeidbar gehalten. Ein globaler Krieg, sogar ein Atomkrieg, ist für die Christliche Rechte das freudig erwartete Vorzeichen der Wiederkunft Christi. Sie hofft darauf, dass ein zorniger Messias ihre Armee der Rächer anführen und allen Abtrünnigen einen gewaltsames Ende bereiten wird.

"Dieses Gesetz bedroht unsere Hauptwerte als US-Amerikaner und Christen, die uns dazu verpflichten, selbst für unsere Armen, Kranken und Behinderten aufzukommen," sagte Ted Cruz während einer 21-stündigen Rede, die er letzten Monat im Senat gehalten hat, als er versuchte, die Finanzierung von "Obamacare" zu blockieren.
"Es ist entmutigend, zu wissen, dass die Nation, die unsere Vorfahren aufgebaut haben, unserem Präsidenten und seinen demokratischen Komplizen nicht mehr wichtig ist. Dabei geht es nicht nur darum, dass wir von unseren christlichen Werten abfallen. Ich weiß nicht, wie Sie das sehen, ich glaube jedenfalls, dass Jesus gestorben ist, um sich selbst zu retten, und nicht, um faule Anhänger von sich abhängig zu machen. Er spazierte nicht umher und versprach wahllos allen Kranken eine kostenlose Krankenversicherung, allen Hungernden Nahrung und allen Bedürftigen Kleidung. Nein, er sagte, steht auf, macht euch auf den Weg in die Stadt und sucht euch einen Job, und als er am Kreuz hing, sagte er: 'Ich sterbe, damit ich in Ewigkeit bei meinem Vater leben kann. Sehe ich vielleicht wie euer Retter aus?' Das ist der Jesus, auf den unsere Nation wieder bauen sollte. Deshalb müssen wir Obamacare ablehnen."
Anhänger des Dominionismus glauben, dass sie an einem langen Kampf gegen die Kräfte des Teufels beteiligt sind. Sie leben in einer Welt, in der es nur schwarz und weiß gibt. Sie fühlen sich als Opfer, die von finsteren Mächten, die sie vernichten wollen, umgeben sind. Sie halten sich selbst für Auserwählte Gottes, die allein seinen Willen kennen. Sie glauben, dass sie der "Heilige Zorn", der das Zentrum ihrer Ideologie bildet, zu allem berechtigt und plappern Unsinn über Obamas von den Konzernen gewollte Krankenversicherung, die Ältere angeblich in den Selbstmord treibt, werfen ihm geheime Verbindungen zu radikalen Muslimen vor und bezichtigen ihn, auf Schleichwegen den "Sozialismus" einführen zu wollen. Sie beschimpfen die Regierungsbürokraten als "säkulare Menschenknechte", die nur die Familie zerstören und Krieg gegen die Reinheit des Glaubens der Christlichen Rechten führen wollen. Sie streben nach totaler Dominanz in der Gesellschaft und in der Politik.

Alle ideologischen, theologischen und politischen Debatten mit der radikalen Christlichen Rechten sind sinnlos. Sie verschließen sich vor vernünftigen Gedanken und Diskussionen. Ihre Anhänger benutzen den Raum, den ihnen eine offene Gesellschaft lässt, um diese offene Gesellschaft zu zerstören. Unsere naiven Versuche, die Anhänger einer Bewegung, die uns beseitigen will, davon zu überzeugen, das auch wir "Werte" haben, bestärkt sie nur in ihrer Entschlossenheit und bestätigt in ihren Augen unsere Schwäche.

Die Jünger des Dominionismus glauben, so handeln zu dürfen, weil sie den "verdorbenen", weltlichen und liberalen Staat beseitigen müssen. Sie arbeiten nur noch so lange mit uns "Ungläubigen" zusammen, bis sie genug Macht haben, um nicht mehr auf Kooperation angewiesen zu sein. Sie unterscheiden sich nicht von der "Avantgarde", die Lenin beschrieben hat, oder von den islamistischen Terroristen, die ihre Bärte abrasierten, westliche Kleidung trugen und in ihren Hotelzimmern kostenpflichtige pornografische Videos ansahen – in der Nacht, bevor sie die Flugzeuge für ihre Selbstmordattentate entführten. (* s. dazu einen Hinweis am Ende der Übersetzung) Nur die Auserwählten und ihr Großinquisitor kennen die Wahrheit. Deshalb haben sie bei der Verfolgung ihrer Ziele auch keine moralischen Skrupel.

Vor dem Erscheinen meines Buches "American Fascists: The Christian Right and the War on America" (US-Faschisten: Die Christliche Rechte und der Krieg gegen die USA, zu beziehen über amazon.de) habe ich mich zwei Jahre lang bei der Christlichen Rechten umgesehen. Ich habe Gottesdienste in großen Kirchen im ganzen Land besucht, viele Vorträge gehört, viele Gespräche geführt, an Seminaren der Kreationisten teilgenommen, Kurse über religiöse Bekehrungen und Konvertierungen absolviert, an Wochenenden über "das Recht auf Leben" diskutiert und Dutzende von Anhängern und Anführern der Bewegung interviewt. Obwohl ich Verständnis für die finanzielle Not, die Probleme von Süchtigen, den Schmerz über häusliche und sexuellen Gewalt und die tiefe Verzweiflung von Menschen habe, die sich zu der Christlichen Rechten hingezogen fühlen, ist mir auch die Gefahr bewusst, die dadurch heraufzieht. Faschistische Bewegungen beginnen häufig mit Vorschlägen zur Verbesserung der Wohnsituation und mit dem Aufgreifen kommunaler Probleme, münden aber schnell in Indoktrination über moralische Reinheit, innere Stärke, nationale Größe und den Wert der Familie. Bewegungen wie die radikale Christliche Rechte ziehen vor allem diejenigen an, die der Zusammenbruch unserer liberalen Demokratie enttäuscht hat. Und unsere liberale Demokratie ist zusammengebrochen.

Wir haben unsere Armen und unsere Arbeiterklasse im Stich gelassen. Wir haben eine Monsterregierung entstehen lassen, die uns das Mark aus den Knochen saugt, damit sich die Oligarchen und die um die Konzerne gescharte Machtelite ungehemmt bereichern können. Die Duldung von Verbrechen – ob im Krieg oder an der Wall Street – hat unseren Rechtsstaat ausgehöhlt und ein System entstehen lassen, in dem nur noch die Macht regiert. Wir haben die riesengroße und wachsende Unterklasse verraten. Die meisten Anhänger der Christlichen Rechten müssen ums nackte Überleben kämpfen. Wir haben zugelassen, dass es dazu gekommen ist. Die zu Recht Verzweifelten werden (von rechten Rattenfängern) manipuliert und von christlichen Faschisten wie dem Senator aus Texas für ihre Zwecke missbraucht. Wenn die verarmte Arbeiterklasse wieder ausreichende Löhne, sichere Arbeitsplätze oder sichere Renten hätte, wäre sie immun gegen diese Bewegung. Wenn wir die Leiden der Armen und der Arbeiterklasse nicht lindern, ebnen wir den christlichen Faschisten den Weg zur Macht.

Die Christliche Rechte braucht nur einen Funken, um einen Flächenbrand zu entfachen. Ein weiterer katastrophaler Terroranschlag in den USA, eine Hyperinflation, neue verheerende Trockenperioden oder Überschwemmungen, Hurrikane oder große Waldbrände oder ein neues Finanzdesaster könnten Zündfunken sein. Dann wird sich unsere blutleere offene Gesellschaft ganz schnell auflösen. Der Aufstieg des christlichen Faschismus wird durch unsere Gleichgültigkeit beschleunigt. Je länger wir zögern, uns von dem bankrotten (Wirtschafts-)Liberalismus zu verabschieden und seine katastrophalen Folgen zu beseitigen, desto länger werden die Konzerne unser Land ausplündern und sein Ökosystem ganz zerstören. Je länger wir tatenlos mit offenen Stadttoren auf die Barbaren warten, desto schneller wird unser Staat in ihre Hände fallen.


* Leser, die – wie wir – nicht daran glauben, dass die Terroranschläge am 11.09.2001 so verlaufen sind, wie sie offiziell dargestellt werden, können sich hier und hier über andere Meinungen dazu informieren.

Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

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