Mittwoch, 16. Oktober 2013

Von Hiroshima bis Syrien: Der Feind, dessen Namen wir nicht auszusprechen wagen

Autor: John Pilger
Übersetzt von Onno Oncken
Herausgegeben von Susanne Schuster سوزان شوستر
An meiner Wand hängt das Titelblatt des Daily Express vom 5. September 1945, dazu die Worte: „Ich schreibe dies als eine Warnung an die Welt.“ Das war die Einleitung von Wilfred Burchetts Bericht über Hiroshima. Es war die Nachricht des Jahrhunderts. Für seine einsame und gefährliche Reise, die sich der US-Besatzungsbehörde widersetzte, wurde Burchett von seinen in das Militär eingebetteten Kollegen an den Pranger gestellt. Er warnte davor, dass mit einem geplanten Massenmord von gigantischen Ausmaßen eine neue Ära des Terrors begonnen hatte.

Dies bewahrheitet sich heute fast täglich. Das verbrecherische Wesen der Atombombenabwürfe bestätigt sich im US-Nationalarchiv und durch die als Demokratie verschleierten Jahrzehnte des Militarismus. Das syrische Psychodrama ist beispielhaft dafür. Wieder werden wir von einer Aussicht auf Terror in Schach gehalten, dessen Wesen und Geschichte sogar von den liberalsten Kritikern geleugnet wird. Das größte Tabu ist, dass der gefährlichste Feind der Menschlichkeit auf der anderen Seite des Atlantiks wohnt.

John Kerrys Farce und Obamas Pirouetten sind zeitlich begrenzt. Das russische Friedensabkommen im Hinblick auf Chemiewaffen wird beizeiten die Geringschätzung erfahren, die alle Militaristen der Diplomatie vorbehalten. Nun da Al-Kaida zu ihren Verbündeten zählt und die von den USA bewaffneten Putschisten in Kairo fest im Sattel sitzen, beabsichtigen die USA, den letzten unabhängigen Staat im Nahen Osten zu zerstören: Erst Syrien, dann Iran. „Diese Operation (in Syrien) geht weit zurück. Sie war vorbereitet, durchdacht und geplant“, sagte der ehemalige französische Minister Roland Dumas im Juni.


Wenn die Öffentlichkeit „psychologisch geschädigt“ ist, wie der Journalist Jonathan Rugnan vom Fernsehsender Channel 4 die überwältigende Opposition des britischen Volkes gegen einen Angriff auf Syrien beschrieb, ,,dann drängt man verstärkt auf das letzte Mittel". Unabhängig davon ob Baschar al-Assad oder die „Rebellen“ den Gaseinsatz in einem Vorort von Damaskus durchgeführt haben: Die USA setzen diese furchtbare Waffe am meisten ein, nicht Syrien. 1970 berichtete der US-Senat: „Die USA haben über Vietnam eine giftige Chemikalie (Dioxin) abgeworfen, und zwar eine Menge von etwa 2,7 kg pro Kopf der Bevölkerung.“ Dies war die Operation Hades, die später den freundlicheren Namen „Ranch Hand“ bekam: Vietnamesische Ärzte bezeichnen diesen Tag als Beginn einer katastrophalen Spirale von missgebildeten Föten. Ich habe Generationen junger Kinder mit den bekannten monströsen Missbildungen gesehen. John Kerry, mit seiner eigenen blutgetränkten Militärlaufbahn, wird sich daran erinnern. Ich habe sie auch im Irak gesehen, wo die USA Uranmunition und weißen Phosphor einsetzte, wie die Israelis in Gaza über UN-Schulen und -Krankenhäusern. Dort gab es keine „rote Linie“ von Obama und kein finales Psychodrama.

Die sich wiederholende Debatte darüber, ob „wir“ gegen ausgewählte Diktatoren „ins Feld ziehen“ müssen ist Teil unserer Gehirnwäsche. Richard Falk, emirierter Professor für internationales Recht und UN-Sonderberichterstatter für Palästina beschreibt sie als „selbstgerechte, einseitige rechtlich/moralische Projektionsfläche für positive Bilder westlicher Werte und Unschuld, die als bedroht dargestellt werden, was eine Kampagne unbegrenzter politischer Gewalt legitimiert.“ Dieses Vorgehen „ist so weitgehend akzeptiert, dass es praktisch unanfechtbar ist.“

Es ist die größte Lüge: Das Produkt „liberaler Realisten“ in der anglo-amerikanischen Politik, der akademischen Forschung und der Medien, die sich als Krisenmanager der Welt ordiniert haben, statt als Ursache der Krise. Indem sie die Untersuchung von Nationen des Humanismus berauben und sie mit einem Jargon verquicken, der westlichen Machtinteressen dient, stempeln sie „böse“, „gescheiterte“ oder „Schurkenstaaten“ für eine „humanitäre Intervention“ ab.

Ein Angriff auf Syrien oder den Iran oder andere Dämonen der USA würde verpackt in die modische Variante„Schutzverantwortung” oder „R2P“ (responsibility to protect), dessen größter Mobilmacher der frühere australische Außenminister Gareth Evans ist, Ko-Vorsitzender des “Global Centre” in New York. Evans und seine spendablen Lobbyisten spielen eine wesentliche Propagandarolle dabei, die „internationale Gemeinschaft“ auf militärische Einsätze zu drängen, wo „der UN-Sicherheitsrat einen Vorschlag ablehnt oder nicht zeitnah genug handelt“.

Evans ist ein erfahrener Taktiker. Er taucht in meinem Film von 1994 Tod einer Nation (Death of a Nation) auf, der das Ausmaß des Völkermordes in Ost-Timor enthüllt. Canberras lächelnder Mann hebt sein Champagnerglas auf seinen indonesischen Amtskollegen, als sie in einem australischen Flugzeug über Ost-Timor fliegen. Er hatte soeben einen Vertrag unterzeichnet über den Raub von Öl und Gas aus dem angeschlagenen Land unter ihnen, wo der indonesische Tyrann Suharto ein Drittel der Bevölkerung tötete oder verhungern ließ.

Unter dem „schwachen” Obama ist der Militarismus gewachsen wie vielleicht nie zuvor. Ohne einen einzigen Panzer auf dem Rasen des weißen Hauses hat ein Putsch stattgefunden.

Während sich seine liberalen Anhänger die Augen trockneten, hatte Obama 2008 das gesamte US-Verteidigungsministerium seines Vorgängers George Bush übernommen – mit all seinen Kriegen und Kriegsverbrechen. Während die Verfassung durch einen im Entstehen begriffenen Polizeistaat ersetzt wird, machen diejenigen, die den Irak mit Schock und Ehrfurcht zerstörten, Afghanistan in Schutt und Asche legten und Libyen zu einem sich um das nackte Überleben drehenden Alptraum reduzierten, in der US-Regierung Karriere. Hinter ihrer Fassade aus Orden und Auszeichnungen töten sich mehr ehemalige US-Soldaten selbst, als auf dem Schlachtfeld fallen. Letztes Jahr nahmen sich 6.500 Veteranen ihr Leben. Packt mehr Fahnen aus.

Der Historiker Norman Pollack nennt das „liberalen Faschismus”. „Faschisten”, schrieb er, „werden durch die scheinbar harmlosere Militarisierung der gesamten Kultur ersetzt. Und für den bombastischen Führer haben wir den verhinderten, ständig lächelnden Reformer, munter bei der Arbeit, am Planen und Durchführen von Tötungen.” Jeden Dienstag kümmert sich der „Humanist“ Obama persönlich um ein weltweites Terrornetzwerk aus Drohnen, die Menschen, ihre Retter und die Trauergemeinde platt machen wie Ungeziefer. In den Komfortzonen des Westens fühlt sich der erste schwarze Präsident im Land der Sklaverei immer noch wohl, als ob seine bloße Existenz einen sozialen Fortschritt darstellte, ohne die Blutspur zu beachten, die er hinterlässt. Diese Huldigung eines Symbols hat die Anti-Kriegsbewegung fast zerstört: Obamas einziger Erfolg.

In Großbritannien ist die Ablenkung durch gefälschte Bilder und Persönlichkeitspolitik noch nicht ganz gelungen, es bewegt sich langsam etwas, doch Menschen mit einem Gewissen müssen sich beeilen. Die Richter in Nürnberg sagten es knapp: „Einzelne Bürger haben die Pflicht, das Recht des Landes zu brechen, um Verbrechen gegen Frieden und Menschlichkeit zu verhindern.”

Das ist das Mindeste, was gewöhnliche Menschen in Syrien, und unzählige andere, wie auch unser Respekt vor uns selbst, verdienen.


Dieser Artikel erschien zuerst im Guardian unter dem Titel "Der stille Putsch, der Washington übernahm" (The silent military coup that took over Washington)

Quelle: http://johnpilger.com/articles/from-hiroshima-to-syria-the-enemy-whose-name-we-dare-not-speak

Tlaxcala

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