Samstag, 22. Februar 2014

Bosnien bietet ein Horrorbild der Zukunft Europas

Von Igor Štiks
Übersetzt von  Michèle Mialane
Herausgegeben von
Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي
Die gewöhnlichen Menschen in Bosnien-Herzegowina zeigen Europa, wie man es vermeiden kann, auf eine Katastrophe hin schlafzuwandeln, die so ungeheuerlich werden könnte, wie die von 1914.

Genau 30 Jahre, nachdem die Olympische Flamme 1984 in Sarajevo entzündet wurde, stand die Stadt schon wieder in Flammen. In den letzten Wochen haben Demonstranten die Regierungsgebäude überfallen, in einem Zornausbruch gegen ihre soziale Lage, die endemische Armut, die aussterbende Ökonomie und den Morast des sozialen und politischen Lebens. Als 1984 die Flamme entzündet wurde war ich 7, und wohnte direkt gegenüber dem Olympischen Stadion. Zwei Wochen lang konnten wir nicht schlafen, so hell brannte die Flamme. Aber zugleich waren wir sehr glücklich: die Flamme bedeutete Wohlfahrt, Frieden und unbegrenzte Möglichkeiten.


Die Mehmed-Paša-Sokolović-Brücke über die Drina, in der Stadt Višegrad,
in der heutigen Republik Srpska, in Bosnien und Herzegowina

Damals bot Sarajevo ein Bild dessen, was die EU sich für ihre Mitgliedsstaaten wünschte: Wohlfahrt, Vielfalt und Laizität, mit gut höchstleistenden Industriebetrieben, sozialer Gleichheit, einer beneidenswerten sozialen Mobilität und einem unaufhörlichen Wachstum. Wie wir es inzwischen wissen, konnte die EU diesem ehrgeizigen Vorhaben nicht gerecht werden.

Stummer Morgen, von  Mirza Ajanovic, Sarajevo 1992

Ein anderes Bild aus der Vergangenheit gibt es noch. Zehn Jahre nach den Olympischen Spielen lag Sarajevo in Ruinen - gerade das Bild dessen, was Europa für endgültig vorbei hielt: eine belagerte und zerstörte Stadt, Opfer des neu erstandenen Nationalismus und Sektarismus, und Bosnien landweit übersät mit Konzentrationslagern und Massengräbern. Europa schaute tatenlos zu, als würde das Bild, das es auf ewig in ihrer Vergangenheit begraben zu haben, eine allzu hypnotische Wirkung auf den Kontinent haben.

Schritte, eine Installation von Alfredo Pierri, Biennale des Untergrunds, im Atomschutzkeller D-O, ARK Konjic, Bosnien-Herzegowina, 2013.
Der ARK ist ein mächtiger, vorher heimlicher Bunker, der für die jugoslawische kommunistische Führung
im Falle eines Atomkrieges südlich von Sarajevo in Konjic gebaut wurde.

Und schon wieder halten Sarajevo und Bosnien Europa, seiner Gegenwart und seiner Zukunft einen Spiegel vor. Die bosnischen Städte ähneln dem London des Sommers 2011 oder den Pariser Vororten des Jahres 2005: ein Zornausbruch und die wahllose Zerstörung aller Symbole der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Macht. Fast 20 Jahre nach dem Dayton-Friedensabkommen scheinen die lokalen Eliten und internationale Akteure nur über einen Punkt einig sein: wie kann man den Kapitalismus im Lande eilig wieder herstellen. Doch hat eben die Massenprivatisierung zu fast totaler Desindustrialisierung geführt und das Land abhängig gemacht vom Import von Gütern und Dienstleistungen, der über die Versklavung der Bevölkerung und des geschwächten Staates durch Überverschuldung finanziert wird.

Folge dessen ist, dass die ethnisch-nationalistischen Eliten, die am Krieg weitgehend schuldig waren, nach Rückkehr des Friedens belohnt wurden, und zwar nicht nur durch die ethnische Teilung des Landes, sondern auch mit dem ganzen Reichtum der Gebiete, die sie nun im Griff haben. Diese Elite hat die so genannte internationale Gemeinschaft und die Europäische Union über die als „Hohe VertreterInnen“ entsendeten RandpolitikerInnen als ihre Hauptpartner behandelt. Die BürgerInnen sollten ferngehalten werden.

Jedoch gibt es einen großen Unterschied mit den Aufständen, die in anderen europäischen Städten stattgefunden haben, und in diesem Punkt spricht Bosnien die derzeitige Lage in Europa direkt an: hier hat man es nicht mit einer Rebellion diskriminierter und ghettoisierter Gruppen zu tun, die in Randgebieten an der Peripherie der Großstädte abgestellt werden. Hier rebelliert eine ganze Bevölkerung, die wirtschaftlich verarmt, sozial verwüstet und in politische Misere versenkt wurde. Insofern ist Bosnien ein Bild der Zukunft von Europa: unregierbar geworden Bevölkerungen, durch Sparmaßnahmen ausgesaugt und sich selbst überlassen nach dem Zusammenbruch der letzten Überbleibsel des Wohlfahrtstaates - ein Staat ohne jede Aussicht auf Wachstum, der von Eliten mit zweifelhafter, wenn nicht überhaupt fehlender Legitimität regiert wird, die schwer bewaffnete Polizisten loskommandieren, um sich gegen die normalen BürgerInnen zu schützen.

Jedoch bietet Bosnien-Herzegowina heute auch ein anderes Bild. Landesweit wurden Volksversammlungen –Plenen genannt- aufgestellt, und ein besonders lobenswertes Beispiel ist das Plenum von Tuzla, der nun soviel Gewicht errungen hat, dass er im Stande ist, VerantwortungsträgerInnenbei den lokalen Behörden zu ernennen. Hier ist die Rede von gewöhnlichen Menschen, zwar verzweifelt und wütend, aber zugleich fest entschlossen, trotz aller institutionellen Hindernisse für ein besseres Leben zu kämpfen. Sie begnügen sich nicht damit, Parolen auszurufen, wie die Demokratie aussehen sollte, sondern setzen partizipative Demokratie tatsächlich um.


Bosnien bietet uns Szenarien von Unruhen nach dem Bild anderer europäischen Städte, aber auch zugleich einen Ausweg daraus, durch den Kampf seiner BürgerInnen für soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Demokratie. In der Tat bietet Bosnien ein Bild dessen, was Europa werden muss, wenn es nicht wieder auf eine Katastrophe hin schlafwandeln will, wie vor einem Jahrhundert, als die Ermordung des Erzherzogs Franz-Ferdinand in Sarajevo den Ausbruch des ersten Weltkriegs markierte. Damals hat Europa nicht zugehört, gerade so, wie es dem Bild nicht nachgegangen ist, die die olympische Flamme 1984 in Sarajevo vor meinem Fenster warf. Wird es wieder die Botschaft verkennen, welche die bosnischen BürgerInnen ihm heute schicken? Wird Europa sich daran machen, diese Flamme zu ersticken, wobei sie anderswo im Kontinent wieder auflodern wird, sehr bald, wenn es vielleicht zu spät geworden ist?

Das Plenum von Tuzla

Das Plenum von Sarajevo

Quelle: Tlaxcala

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