Sonntag, 16. Februar 2014

Hamid Karzai: An der US-Präsenz in Afghanistan kann ich nichts Gutes finden

Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de
Hamid Karzai, der Präsident Afghanistans, beklagt, dass er seit sieben Monaten nicht mehr mit Barack Obama geredet hat, und spricht von einem totalen Vertrauensverlust zwischen seinem Land und den USA
Von Harriet Alexander
The Telegraph, 02.02.14

Der Präsident Afghanistans hat seit Juni (2013) nicht mehr mit dem US-Präsidenten gesprochen; das sagte er in einem Interview (mit der Sunday Times), in dem die wachsende Kluft zwischen Kabul und Washington deutlich wurde.

Während sich Afghanistan darauf vorbereitet, im April einen neuen Präsidenten zu wählen, tritt Hamid Karzai, 56, gegenüber Barack Obama immer feindseliger auf. Karzai wird sich nicht wieder zur Wahl stellen, ist aber entschlossen, seine Differenzen mit den USA offenzulegen, bevor er abtritt.

"Während der ganzen 12 Jahre habe ich die USA immer wieder angefleht, das Leben afghanischer Zivilisten zu schonen," klagte er und fügte hinzu, dass er seit Juni nicht mehr mit Obama gesprochen habe.

"Auch als wir uns beim Begräbnis Mandelas in Südafrika trafen, haben wir nicht miteinander gesprochen, wir wechseln nur noch Briefe."

Karzai sagte, er könne "nichts Gutes" an der US-Präsenz in seinem Land finden.

"Die USA haben nicht für mich, sondern gegen mich gearbeitet," äußerte er in einem Interview mit der Sunday Times, in dem er außerdem die Taliban als "Brüder" und die US-Amerikaner als "Gegner" bezeichnete.

(Eine Niederschrift des Interviews ist hier aufzurufen.)

In Washington kommt seine Rhetorik sehr schlecht an, und die US-Politiker sind sehr erbost über Karzais Verhalten.

Die USA haben bisher 648 Milliarden Dollar (394 Milliarden Pfund) für den Krieg in Afghanistan ausgegeben, der schon 2.211 US-Soldaten das Leben gekostet hat.

Letzte Woche hat der Kongress die Entwicklungshilfe für Afghanistan auf 1,1 Milliarden Dollar halbiert.

Das hat Karzais Meinung aber nicht geändert.

"Das Geld, das unsere Polizei hätte erhalten sollen, haben sie privaten Sicherheitsunternehmen gegeben und damit Milizen geschaffen, die nur die Gesetzlosigkeit, die Korruption und den Straßenraub ausgeweitet haben," betonte er.

"Mit ihrer systematischen psychologischen Kriegsführung haben sie die Menschen nur dazu gebracht, ihr Geld aus unserem Land wegzuschaffen.

Sie haben Inseln des Reichtums geschaffen, in ländlichen Gebieten aber nur Armut und Wut hervorgerufen."

Karzais Urteil über Großbritannien fällt etwas besser aus, "weil es sich um einen zivilisierten Umgang bemüht und versucht habe, "bessere Beziehungen zwischen Afghanistan und Pakistan herzustellen".

Er fügte hinzu: "Insgesamt gesehen ist es den US-geführte NATO-Truppen nicht gelungen, Afghanistan mehr Sicherheit zu bringen, besonders nicht in (der Provinz) Helmand."

Der größte Streitpunkt zwischen den USA und Afghanistan ist das bilaterale Sicherheitsabkommen, das vorsieht, dass auch nach dem Abzug der Kampftruppen bis Ende 2014 noch 8.000 bis 12.000 US-Soldaten in Afghanistan bleiben sollen. Die USA bestehen auf dem Verbleib ihrer Truppen, weil sie Afghanistan "nicht verlieren" wollen, und im November (2013) hat die Versammlung der Stammesältesten diesem Plan bereits zugestimmt (s. hier).

Karzai bremst aber noch, mit der Begründung, die Geschichte habe Afghanistan gelehrt, dass bei Abkommen "nichts riskiert" werden dürfe.

"Unter Druck haben unsere Könige viele Verträge unterzeichnet, die sich als sehr nachteilig für Afghanistan herausstellten," gab er zu bedenken. "Deshalb will ich unter Druck kein Abkommen unterschreiben, dessen Folgen ich nicht einschätzen kann."

Der Präsident, der seit 2001 über sein Land herrscht, sagte, er sei stolz auf seine Vermächtnis.

"Afghanistan ist zur Heimat aller Afghanen geworden. Wir haben ein Parlament, in dem Militärs, Vertreter des Klerus, Mudschaheddin und Frauen nebeneinander sitzen.

Zur Präsidentschaftswahl treten 11 Kandidaten an, die alle Volksgruppen und Denkweisen in Afghanistan repräsentieren."

Angesprochen auf die Auswirkungen seines Verhaltens, zuckte er nur mit den Schultern und erwiderte, dass ihn die Wut westlicher Politiker und die Kürzung finanzieller Zuwendungen nicht beunruhigten.

"Geld ist nicht alles," betonte er. "Wenn Sie mich als Person fragen, möchte ich lieber in Armut als in Unsicherheit leben."

Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de



(Ein nüchternes Protokoll vom totalen Scheitern des Krieges als Mittel der Politik, vorgegebene Ziele zu erreichen. FH)

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