Montag, 28. Juli 2014

Israel ist in seinem "Vernichtungsprozess" gegen die Palästinenser gefangen

Der US-Journalist Chris Hedges vergleicht den "Vernichtungsprozess" der israelischen Regierung gegen die Palästinenser mit dem Vernichtungsfeldzug der Nazis gegen die europäischen Juden.

Von Chris Hedges
truthdig, 14.07.14
Raul Hilberg hat in seinem monumentalen Werk "The Destruction of the European Jews" (Die Vernichtung der europäischen Juden, weitere Informationen dazu hier) den Verfolgungsprozess nachgezeichnet, der "relativ zurückhaltend" begann, aber Schritt für Schritt zum Holocaust führte. Er fing mit rechtswidrigen Diskriminierungen an und endete mit dem Massenmord. "Der Vernichtungsprozess war eine Entwicklung, die vorsichtig startete und rücksichtslos endete," schrieb Hilberg.

Die Palästinenser haben im Lauf der letzten Jahrzehnte unter einem ähnlichen "Vernichtungsprozess" gelitten. Ihnen wurden nach und nach grundlegende Bürgerrechte entzogen, viele wurden ihres Besitzes beraubt, man hat ihnen ihr Land und häufig auch ihre Häuser genommen, sie wurden vom Handel ausgeschlossen, vor allem, weil ihnen der Verkauf ihrer Produkte unmöglich gemacht wurde, sie verarmten zusehends, und man hat sie hinter den Mauern und Sicherheitszäunen eingesperrt, die um Gaza und um das Westjordanland errichtet wurden.

"Der Prozess der Vernichtung [der europäischen Juden] entfaltete sich nach einem bestimmten Muster," schrieb Hilberg. "Es gab jedoch keinen vorher festgelegten Plan. Kein Bürokrat hätte 1933 vorhersagen können, welche Maßnahmen 1938 ergriffen wurden, und 1938 stand auch noch nicht fest, wie es 1942 weitergehen sollte. Der Vernichtungsprozess erfolgte schrittweise, und die vollziehenden Behörden kannten selten mehr als den nächsten Schritt."

Die Palästinenser sollen sicher nicht in Vernichtungslager transportiert werden, aber durch die zunehmend gegen sie ausgeübte Gewalt werden mehr und mehr von ihnen sterben – bei Luftangriffen, durch gezieltes Morden und bei bewaffneten Angriffen. Außerdem werden sich Hunger und Elend ausbreiten. Die von der israelischen Regierung geforderte "Ausreise" – die erzwungene Ausweisung von Palästinensern aus den besetzten Gebieten in benachbarte Länder – wird größere Ausmaße annehmen.

Israels kollektive Bestrafung von Gaza....Israelische Verbrechen in Gaza
Strom- und Kraftstoffmangel, Lebensmittel- und Medikamentenknappheit,
Luftangriffe, Grenzschließung.... Was kommt als nächstes?!
Gaskammern?

Cartoon: Carlos Latuff
Wikimedia, copyright free

In Gaza leben die Palästinenser unter ähnlichen Bedingungen wie die Juden in den von den Nazis in Osteuropa errichteten Ghettos. Sie können weder ein- noch ausreisen. Es herrscht ständiger Nahrungsmangel – die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass in Gaza und im Westjordanland mehr als 50 Prozent der Kindern unter zwei Jahren wegen Eisenmangels unter Anämie (Blutarmut) leiden und dass Unterernährung und vermindertes Wachstum bei Kindern unter fünf Jahren nicht ab- sondern eher zunehmen [s. hier]. Den Palästinensern mangelt es häufig an sauberem Wasser. Viele leben zusammengedrängt in unhygienischen Behausungen. Sie haben oft keinen Zugang zu elementarer ärztlicher Behandlung.

Weil sie nicht über Pässe oder Reisedokumente verfügen, gelten sie als staatenlos. In den Palästinensergebieten gibt es auch eine hohe Arbeitslosigkeit. Von rassistischen jüdischen Besatzern werden die Palästinenser täglich als Verbrecher, Terroristen und Erzfeinde der Juden verunglimpft.

"Von unseren Feinden trennt uns ein tiefer und breiter moralischer Abgrund," hat der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu kürzlich mit Blick auf die Palästinenser gesagt. "Sie heiligen den Tod, während wir das Leben heiligen. Sie ziehen die Grausamkeit vor, während wir uns vom Mitgefühlt leiten lassen."

Ayelet Shaked, die Mitglied der weit rechts stehenden Jewish Home Party ist, hat am 30. Juni auf ihrer Facebook-Seite einen Artikel gepostet, den der bereits verstorbene Uri Elitzur, der einer der Führer der Siedlerbewegung und Berater Netanjahus war, vor 12 Jahren geschrieben hat. Sie glaubt, dass dieser Artikel "heute noch so aktuell ist, wie er damals war". Darin steht: "Sie [die Palästinenser] sind alle feindliche Kämpfer, deren Blut wir vergießen müssen. Das gilt auch für die Mütter der 'Märtyrer', die ihnen Blumen und Küsse in die Hölle mitgeben. Sie sollten ihren Söhnen folgen, das wäre nur gerecht. Sie sollten vergehen, wie ihre Häuser, in denen sie diese Schlangenbrut aufgezogen haben. Sonst wird dort eine neue Schlangenbrut aufwachsen."

Die Behauptung, eine Rasse oder Klasse sei minderwertig, wird von herrschenden Eliten benutzt, um die Aussonderung dieser Menschengruppe zu rechtfertigen. Die Aussonderung in eine Art Quarantäne ist aber nur der erste Schritt. Die geächtete Gruppe kann niemals rehabilitiert und wieder aufgenommen werden. Hannah Arendt hat festgestellt, dass alle Rassisten die Ächtung als einen Makel nutzen, der nie wieder rückgängig gemacht werden kann. Die Angst vor dem Andersartigen wird von rassistischen Führern wie Netanjahu geschürt, um ein anhaltendes Gefühl des Bedrohtseins zu schaffen. Dieses Gefühl wird von einer korrupten Machtelite zur Zerstörung der demokratischen Zivilgesellschaft ausgenutzt, die alle Bürger trifft; das Schüren der Angst (vor den Palästinensern oder den Terroristen) macht es den Regierungen Israels und der USA leichter, auch die eigenen Bürger ihrer Rechte zu berauben. Max Blumenthal hat in seinem Buch "Goliath: Life and Loathing in Greater Israel" (Goliath: Leben und Hass in Großisrael) diesen furchterregenden Prozess der Entrechtung in Israel selbst meisterlich beschrieben und analysiert.

Der letzte größere militärische Überfall Israels auf Gaza, der sich mit dem jetzigen vergleichen lässt, war die Operation "Cast Lead (Bleigießen, weitere Infos dazu hier und hier), die vom 27. Dezember 2008 bis zum 18. Januar 2009 dauerte. Während der Angriffe wurden 1.455 Palästinenser getötet, darunter 333 Kinder. Außerdem wurden rund 5.000 Palästinenser verletzt. Die jetzige
Strafaktion gegen die Palästinenser [s. dazu auch hier] könnte noch mehr Opfer fordern als die damalige. Die Spirale eskalierender Gewalt, die den "Vernichtungsprozess" der israelischen Regierung gegen die Palästinenser charakterisiert, könnte sich leicht noch ausweiten.

Der verstorbene Jeschajahu Leibowitz, einer der brillantesten Wissenschaftler Israels, warnte: Die Besetzung der Palästinensergebiete könne zur "Errichtung von Konzentrationslagern durch die israelische Regierung" führen; dann erhebe sich die Frage, "ob es Israel überhaupt verdiene, bestehen zu bleiben"? Er fürchtete den Aufstieg rechtsstehender religiöser jüdischer Nationalisten und warnte: "Religiöser Nationalismus hat so wenig mit Religion zu tun wie der Nationalsozialismus mit dem Sozialismus". Leibowitz warnte auch vor den Folgen der Besetzung für Israel:
Die Araber würden die Arbeiter stellen und die Juden die Verwalter, Inspektoren, Aufseher und Polizisten – besonders die Geheimpolizisten. Ein Staat, der über eine feindlich eingestellte Bevölkerung von 1,5 bis 2 Millionen Arabern herrscht, würde zwangsläufig zum Polizeistaat mit allen damit verbundene Einschränkungen für die Bildung, die Redefreiheit und die demokratischen Einrichtungen. Die für jedes Kolonialregime typische Korruption würde auch in Israel blühen. Die israelische Regierung würde einerseits Aufstände der Araber unterdrücken und anderseits arabische Kollaborateure anwerben müssen. Es gibt auch gute Gründe für die Annahme, dass die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte, die bisher eine Armee des Volkes waren, zur Berufsarmee degenerieren würden; ihre Kommandeure könnten sich in Militärgouverneure verwandeln – wie in anderen Kolonialarmeen.
Israel greift wieder einmal die aus 1,8 Millionen Menschen bestehende Bevölkerung (Gazas) an, die kein Heer, keine Marine, keine Luftwaffe, keine mechanisierten Militäreinheiten, kein Oberkommando und keine schwere Artillerie hat. Israel bezeichnet dieses unterschiedslose Abschlachten als (kleinen) Krieg. Damit hält es auch seine verblendetsten Unterstützer zum Narren. Mit den Raketen, die auf die israelische Zivilbevölkerung abgefeuert werden, begeht auch die Hamas Kriegsverbrechen; diese Raketen wirken aber bei Weitem nicht so verheerend, wie die 1.000-Pound-Splitterbomben, die israelische Piloten in großer Anzahl auf übervölkerte Wohngebiete der Palästinenser abwerfen. Bisher wurden in Gaza rund 300.000 Menschen aus ihren Wohnungen vertrieben und über 160 Tote gezählt – von denen nach Schätzungen der Vereinten Nationen 77 Prozent Zivilisten sind. Außerdem werden erneut wichtige Infrastruktureinrichtungen zerstört; die Nahrung und das Trinkwasser werden immer knapper, und an der Grenze sind israelische Truppen für eine erneute Bodenoffensive aufmarschiert.

Wenn sich die Palästinenser auch diesmal wieder nicht einschüchtern lassen, wird Israel beim nächsten Mal noch radikalere Maßnahmen ergreifen. Der "Vernichtungsprozess" (der israelischen Regierung gegen die Palästinenser) kann nur von außen gestoppt werden. Israel ist zum Gefangenen dieses "Vernichtungsprozesses" und unfähig zur Selbstbeschränkung geworden.

Den Palästinensern kann nur noch durch eine Massenbewegung geholfen werden, die einen Boykott (gegen israelische Waren) organisiert, den Abzug von Kapital in Gang bringt und die Verhängung von Sanktionen gegen Israel durchsetzt. Diese Bewegung muss auch für ein Waffenembargo gegen Israel eintreten; darauf sollten vor allem US-Bürger drängen, weil ein Großteil der Waffensysteme und Kampfflugzeuge, die bei den Angriffen auf Gaza eingesetzt werden, aus den USA stammen. Die US-Bürger sollten zusätzlich fordern, dass die US-Militärhilfe von 3,1 Milliarden Dollar, die jährlich nach Israel fließt, endlich eingestellt wird. Sie müssen sich auch für die Suspendierung aller Handels- und sonstigen Abkommen der USA mit Israel einsetzen. Nur wenn Israel alle Unterstützungsleistungen (nicht nur) der USA verliert, kann die israelische Regierung – wie vorher das rassistische Regime in Südafrika – gezwungen werden, den "Vernichtungsprozess" gegen die Palästinenser zu stoppen. Wenn die Unterstützungsleistungen nicht aufhören, sind die Palästinenser verloren. Sollten wir es nicht schaffen, eine Massenbewegung (gegen die rassistische Politik der israelischen Regierung zu organisieren), werden wir zu Komplizen bei der Abschlachtung (der Palästinenser).

Übersetzung Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

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