Mittwoch, 6. August 2014

Ein Arzt aus Tokio, der in den Westen Japans umgezogen ist, drängt seine Kollegen, sich um Strahlenschutz zu kümmern: Eine Botschaft von Dr. Mita an seine Kollegen in Kodaira in der Präfektur Tokio

Japan, Wikimedia, Creative Commons
Zum Hiroshima-Tag: Der japanische Arzt Dr. Shigeru Mita warnt vor zunehmenden Strahlenschäden in Tokio und rät zur Räumung der japanischen Hauptstadt.

World Network for Saving Children from Radiation / WNSCR, 16.07.14

Dr. Shigeru Mita, der kürzlich in die Stadt Okayama (östlich von Hiroshima) in der Präfektur Okayama umgezogen ist, um dort eine neue Klinik zu eröffnen, hat in einem Rundbrief, der von der Vereinigung der Ärzte in Kodaira, einer Stadt in der Präfektur Tokio, verbreitet wird, einen kurzen Aufsatz veröffentlicht.

Dieser Aufsatz war zwar nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt, wurde aber über eine wöchentlich erscheinende E-Mail-Zeitung des Journalisten Kota Kinoshita weit verbreitet. Kinoshita drängt seit dem 03.11.2011 darauf, dass die Bewohner verstrahlter Gebiete – auch in Tokio – diese verlassen.

Bei vielen Gelegenheiten, in Gesprächskreisen und Versammlungen haben sowohl Dr. Mita als auch der Journalist Kinoshita vor der Verstrahlungsgefahr gewarnt und sofortige Strahlenschutzmaßnahmen gefordert.

Im November 2013 hat das World Network for Saving Children from Radiation / WNSCR einen Aufsatz übersetzt, den Dr. Mita für besorgte Eltern geschrieben hat [s. hier]. Trotz der Besorgnis vieler Eltern gibt es in Japan nur sehr wenige Ärzte, die sich um die Verstrahlungsgefahr kümmern, und öffentliche Äußerungen darüber sind noch seltener.

Das WNSCR ist der Meinung, dass Dr. Mitas Ansichten auch für die breite Öffentlichkeit bedeutsam sind, besonders für alle Menschen, die sich für die Auswirkungen der (bei der Fukushima-Katstrophe) freigesetzten Radioaktivität auf die Bevölkerung interessieren. Wir haben die Erlaubnis, den (nachfolgend abgedruckten) neuen Aufsatz von Dr. Mita, den Herr Kinoshita (ins Englische) übersetzt hat, zu verbreiten.

Warum habe ich Tokio verlassen?
Shigeru Mita (Mita-Klinik)

Liebe Arztkollegen,
Im März 2014 habe ich eine vor mehr als 50 Jahren von meinem Vater gegründete Klinik in Kodaira geschlossen und am 21. April die neue Mita-Klinik in der Stadt Okayama eröffnet.

Ich gehörte seit den 1990er Jahren, seit ich an der Klinik meines Vaters zu praktizieren begann, dem Vorstand der Vereinigung der Ärzte von Kodaira an. In den letzten 10 Jahren habe ich an einem Plan für Katastrophenfälle in dieser Stadt mitgearbeitet.

In der Präfektur Tokio denkt man bei möglichen Katastrophen immer zuerst an ein Erdbeben.

Am ehesten war ein Erdbeben im Südosten zu erwarten, wobei im Kernkraftwerk Hamaoka in der Präfektur Shizuoka mit einer Kernschmelze gerechnet werden musste, deren radioaktiver Fallout auch Tokio erreichen würde.

Weil ich befürchtete, dass auch Tokio radioaktiv kontaminiert werden könnte, habe ich die Vereinigung der Ärzte, die Stadtverwaltung und das örtliche Gesundheitsamt wiederholt ersucht, einen Vorrat an Jodtabletten anzulegen. Mein Antrag wurde aber jedes Mal abgelehnt; die Ablehnung wurde damit begründet, dass in Tokio nicht mit einer solchen Katastrophe zu rechnen sei. Deshalb gab es auch keinen Plan für diesen Fall.

Am Nachmittag des 11. März 2011 waren auch in Tokio die Auswirkungen eines schweren Erdbebens in einiger Entfernung zu spüren. Ich glaubte, das sei das schon lange von mir erwartete Erdbeben im südöstlichen Meer und erwartete einen schweren Unfall im Kernkraftwerk Hamaoka. Das Zentrum des Erdbebens lag aber (nicht südöstlich, sondern nordöstlich von Tokio) in der Region Tohoku. (Weil die Kühlung ausfiel,) stieg die Temperatur in den Reaktoren des Kernkraftwerkes in Fukushima Daiichi so stark an, dass es zu starken Explosionen, zu Kernschmelzen und schließlich sogar zum Durchschmelzen der Reaktorbehälter kam.

Wie zu erwarten war, wurden dadurch Ostjapan und die Hauptstadt Tokio radioaktiv verseucht.

Die Strahlenbelastung des Bodens kann in Becquerel pro Kilogramm (Bq/kg, s. hier) gemessen werden. Die 23 Bezirke der Hauptstadt Tokio sind im Osten mit 1000-4000 Bq/kg und im Westen mit 300-1000 Bq/kg belastet. Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl lag die Strahlenbelastung in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine, bei 500 Bq/kg (bezogen auf Ce137, s. hier), in der Bundesrepublik Deutschland durchschnittlich bei 90 Bq/kg, in Italien durchschnittlich bei 100 und in Frankreich durchschnittlich bei 30 Bq/kg. In Deutschland und Italien wurden zahlreiche (durch diese relativ geringe Strahlenbelastung verursachte) gesundheitliche Probleme registriert. In Shinjuku, dem Bezirk, in dem sich die Verwaltung der Stadt Tokio befindet, wurden vor 2011 nur 0,5-1,5 Bq/kg gemessen. Kodaira hat derzeit eine Strahlenbelastung von 200-300 Bq/kg.

Ich empfehle Ihnen dringend, die Sendung "ETV Special: Chernobyl nuclear accident – Report from a contaminated land" (ETV-Spezial: Atomunglück in Tschernobyl – Bericht aus einem verstrahlten Land) des TV-Kanals NHK anzuschauen (aufzurufen unter http://www.dailymotion.com/video/xy9rfx), die im Internet verfügbar ist. Ich halte es für wichtig, zur Kenntnis zu nehmen, was die Menschen in Weißrussland und in der Ukraine den Reportern über ihr Leben und auch über ihre Teilnahme an Rettungsmaßnahmen erzählt haben, die in den vergangenen 20 Jahren in Tschernobyl unternommen wurden.

Aus den Erfahrungen (nach der Tschernobyl-Katastrophe) müssten wir eigentlich die Lehre ziehen, dass Tokio nicht mehr bewohnt werden kann, und dass diejenigen, die unbedingt weiter in Tokio leben wollen, regelmäßige Erholungsphasen in sicheren Gebieten verbringen müssen.

Probleme wie Entvölkerung und zerfallende staatliche Strukturen belasten auch heute noch das Leben der zweiten und dritten Generation der (von der Tschernobyl-Katastrophe betroffenen) Ukrainer und Weißrussen, und ich befürchte, dass diese in Zukunft auch im Osten Japans auftreten werden.


Seit Dezember 2011 habe ich Ultraschall-Untersuchungen der Schilddrüse, Schilddrüsen-Funktionstests, allgemeine Blutuntersuchungen und biochemische Tests bei rund 2.000 Patienten durchgeführt, die größtenteils aus in der Hauptstadt Tokio lebenden Familien stammten und besorgt über mögliche Strahlenfolgen waren. Ich habe dabei festgestellt, dass bei Kindern unter 10 Jahren die Anzahl der Leukozyten (der weißen Blutkörperchen) – und zwar besonders die der neutrophilen (der spezialisierten Immunzellen, s. hier) – viel zu niedrig war. Bei Kindern im Alter bis 1 Jahr, die nach dem Erdbeben 2011 geboren wurden, lag die Anzahl der neutrophilen weißen Blutkörperchen unter 1000. Beim Umzug nach Westjapan stieg die Anzahl der Leukozyten wieder an, die der neutrophilen zum Beispiel auf bis zu 4.500. Die Patienten klagten über Nasenbluten, Haarausfall, Müdigkeit, subkutane Blutungen (Einblutungen unter der Haut), Blut im Harn, Hautentzündungen, Husten und andere unspezifische Symptome.

Die Stadt Kodaira im Westen der Präfektur Tokio, ist eines der am wenigsten verseuchten Gebiete in der Region Kanto; ab Mitte 2013 konnten wir aber auch hier die beschriebenen Veränderungen im Blut von Kindern feststellen. Die Kontamination schreitet also auch in Tokio weiter fort und die Strahlenbelastung erhöht sich durch die Kanalisation, die Müllabfuhr und die Müllverbrennung sogar immer schneller, weil auch verstrahlter Müll gesammelt und weiterverarbeitet wird. Die Untersuchung von Patienten, die in den Stadtteilen Higashiyamato und Higashimurayama in Tokio an den Ufern des Flusses Kawabori leben, hat ergeben, dass die Verstrahlung in den letzten 1 bis 2 Jahren drastisch zugenommen hat.

Sorgen machen mir auch Symptome wie hartnäckiges Asthma und Sinusitis (Nasennebenhöhlenentzündung), die ich zunehmend bei allen Patienten feststellte. Bei Patienten, die wegzogen, war eine spürbare Besserung festzustellen.

Ich hatte auch Fälle von Polymyalgia rheumatica (einer entzündlichen rheumatischen Erkrankung, s. hier) mit Beschwerden wie "Schwierigkeiten beim Umdrehen", "Probleme beim An- und Ausziehen" und "Unfähigkeit aufzustehen", über die vor allem Patienten mittleren und höheren Alters klagten. Könnten das nicht die gleichen Symptome wie bei dem Muskelrheumasein, das in den Nähe von Tschernobyl registriert wurde?

Auch Infektionskrankheiten wie Grippe und Entzündungen an Hand, Fuß und Mund und die Gürtelrose treten häufiger auf.

Viele Patienten berichteten auch über ungewohnte Symptome oder seltsame Veränderungen in ihren Körpern. Vielleicht wollten sie auch nur mit mir sprechen, weil sie wussten, dass in meiner Klinik sofort nach der Havarie im Kernkraftwerk nach Symptomen für eine mögliche Verstrahlung gesucht wurde. Viele junge Paare mit kleinen Kindern und Großmütter, die sich um ihre Enkel sorgten, kamen in meine Klinik, um sich zu informieren, und es gab keinen einzigen Patienten, den meine Warnungen vor den Folgen der Verstrahlung nicht beeindruckten.

Seit dem 11. März 2011 kann jeder, der in Ostjapan und in Tokio lebt, zum Opfer (der Strahlenkrankheit) werden, buchstäblich jeder ist bedroht.

Wir mussten einsehen, dass unsere bisherigen Kenntnisse über die Strahlenkrankheit angesichts einer Atomkatastrophe dieses Ausmaßes nahezu nutzlos sind. Das Schlüsselwort ist dabei die "langfristig von innen heraus wirkende Strahlung niedriger Intensität". Sie unterscheidet sich grundlegend von der Wirkung medizinischer Bestrahlungen oder von der Radioaktivität, die von außen auf den Körper einwirkt. Ich möchte mich nicht an politischen Diskussionen beteiligen, muss aber feststellen, dass den Angaben der Weltgesundheitsorganisation / WHO, der Internationalen Atomenergiebehörde / IAEA oder der japanischen Regierung nicht vertraut werden kann. Deren Vorhersagen sind viel zu weit entfernt von der harten Realität, der die Menschen in Tschernobyl auch noch heute ausgesetzt sind.


Die Patienten aus dem Osten Japans, die ich hier in Okayama behandle, haben den Eindruck bestätigt, den ich selbst hatte, als ich noch in der Nähe Tokios praktizierte. Die Menschen leiden am meisten unter dem völligen Mangel an Verständnis und Unterstützung. Seit dem 11. März beschäftigen sich viele Mütter verzweifelt mit der Radioaktivität, um ihre Kinder zu schützen. Sie stellten in Tokio inmitten einer feindlichen Umgebung eigene Nachforschungen an, weil sie weder den Behörden noch den Schulen, in die ihre Kinder gingen, trauten. Die Hausärzte gingen gern auf alle möglichen vorgetragenen Symptome ein, bekamen aber bei der geringsten Erwähnung von möglichen Strahlungsfolgen rote Köpfe und ignorierten einfach die Fragen der Mütter. Die besorgten Mütter konnten auch mit ihren Freunden nicht mehr offen über die Radioaktivität reden, weil ihr Problem in Tokio tabu war und immer noch ist.

Ich bin der Meinung, dass es unsere ärztliche Pflicht ist, die japanische Bevölkerung über die drohende Gefahr aufzuklären. Als Gesundheitsexperten müssen wir das tun, weil wir Kenntnisse haben, die in der breiten Öffentlichkeit nicht vorhanden sind. Die drei Jahre seit der Katastrophe sind schnell vergangen. Bisher hat sich noch keine medizinische Fakultät und kein Buchautor gründlich mit der Strahlenkrankheit befasst. Wenn es unsere Regierung und unsere akademische Forschung versäumt, etwas für die Rettung der heute Lebenden und künftiger Generationen zu tun, dann müssen wir Klinikärzte uns selbst darum kümmern.

Die Einwohner Tokios sind leider nicht in der Lage, sich um die noch schwerer betroffenen Bewohner der Gebiete in der Region Tohoku zu kümmern, weil sie selbst Opfer sind. Die Zeit läuft uns davon. Ich habe mich früh entschlossen, in den Westen Japans umzuziehen. Liebe Kollegen, ich erwarte auch Sie bald hier. Ich hoffe, dass sich die Menschen in Ostjapan, die noch zögern, auch bald zum Umzug entschließen, und werde alles tun, um sie dabei zu unterstützen. Wenn die Menschen das nicht wollen oder können, sollten sie sich wenigstens häufiger in Westjapan erholen.

Luftpost kl.de hat diese Mahnung komplett übersetzt und bewusst zum Hiroshima-Tag veröffentlicht, weil sie zeigt, dass nicht nur die militärische, sondern auch die zivile Nutzung der Atomenergie unbeherrschbar ist.

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