Montag, 18. August 2014

Obama soll Beweise zum Abschuss über der Ukraine vorlegen

Ehemals führende US-Geheimdienstler fordern den US-Präsidenten Obama in einem – hier in kompletter Übersetzung abgedruckten – Memorandum auf, Beweise für eine russische Beteiligung am Abschuss von Flug MH17 vorzulegen oder die Propaganda gegen Russland einzustellen.


Weil der Abschuss des Fluges 17 der Malaysia Airlines über der Ukraine einen lokalen Bürgerkrieg in eine Konfrontation der USA mit Russland ausweiten könnte, fordern ehemalige US-Geheimdienstler den Präsidenten Obama auf, die Beweise zu der Tragödie, die ihm vorliegen sollen, zu veröffentlichen und die übertreibenden Medien zum Schweigen zu bringen.

Memorandum an den Präsidenten

Von den Veteran Intelligence Professionals for Sanity / VIPS (den ehemaligen Geheimdienstlern für Vernunft)

Thema: Die Geheimdienste und der Abschuss des malaysischen Flugzeuges

Kurzfassung

(Die kursiv gehaltenen Passagen haben wir unverändert aus dem Artikel "Empfehlen Ihnen, die Propaganda einzustellen" von Rainer Rupp in der "jungen Welt" vom 09.08.14 übernommen, der hier aufzurufen ist.)

Die wegen der Ukraine entstandenen amerikanisch-russischen Spannungen sind dabei, sich in einer gefährlichen Weise weiter zu verschärfen. Wir sind nicht sicher, ob Ihre Berater in vollem Umfang die Gefahr der Eskalation erkennen. Die New York Times und andere Medien präsentieren sensible, noch vollkommen offene Fragen als unumstößliche Tatsachen, weil diese aus US-Regierungsquellen kamen.

Zwölf Tage nach dem Abschuß von Malaysian-Airlines-Flug17 (am 17. Juli) hat Ihre Regierung immer noch keine einheitliche Einschätzung vorgelegt, die die geheimdienstlichen Erkenntnisse und Beweise zusammenfaßt und auf deren Basis die Schuldfrage geklärt werden könnte. Noch viel weniger haben sie getan, um überzeugend die ständig wiederholten Behauptungen zu untermauern, daß das Flugzeug von ukrainischen Separatisten mit einer von Rußland gelieferten Rakete abgeschossen wurde.

Ihre Regierung hat keine Satellitenbilder vorgelegt, die zeigen, daß die Separatisten über solche Waffen verfügen, und es gibt einige ›andere Hunde, die nicht gebellt haben‹ (womit die Machthaber in Kiew gemeint sind, Anm. Verfasser). Washingtons Glaubwürdigkeit, und Ihre eigene, werden weiter erodieren, falls Sie nicht bereit sind – oder es nicht können – mit konkreten Beweisen die Behauptungen Ihrer Regierung zu belegen. Dies werden wir im Folgenden aus der Perspektive ehemaliger Geheimdienstprofis mit einer Gesamtsumme von 260 Jahren Berufserfahrung in verschiedenen Branchen der US-Geheimdienste untersuchen.


Wir, die ehemaligen Geheimdienstoffiziere, die dieses Memorandum unterzeichnet haben, möchten Ihnen unsere Betroffenheit über die bisher vorgelegten Beweise mitteilen, mit denen Russland für den Abschuss des Fluges MH17 der Malaysia Airlines am 17. Juni verantwortlich gemacht werden soll. Wir sind alle im Ruhestand, also nicht mehr in Diensten der Regierung, und stehen auch nicht auf der Gehaltsliste (der US-TV-Sender) CNN, Fox News oder anderer Medien. Mit diesem Memorandum möchten wir eine andere, unvoreingenommene Perspektive aufzeigen.

Bild: John Kerry,
Wikimedia, GNU Free Documentation License
Als ehemalige Geheimdienst-Analysten sind wir daran gewöhnt – außer in dringenden Fällen – erst einmal abzuwarten und keine voreiligen Bewertungen vorzunehmen, bis uns schlüssige Informationen vorliegen; deshalb sind wir der Meinung, dass die Anschuldigungen gegen Russland durch eindeutige, überzeugende Beweise hätten untermauert werden müssen. Das gilt ganz besonders für Ereignisse, die so viel Aufsehen erregen, wie der Abschuss eines Verkehrsflugzeuges. Wir sind auch beunruhigt über die amateurhafte Art und Weise, mit der die nichtssagenden, fadenscheinigen "Beweise" – zum Teil sogar über soziale Medien – präsentiert wurden.

Als Geheimdienst-Profis sind wir entsetzt über die unprofessionelle Benutzung partieller geheimdienstlicher Erkenntnisse. Als Amerikaner finden wir nur in der Hoffnung Trost, daß Sie tatsächlich schlüssigere Belege haben und diese ohne weitere Verzögerung öffentlich machen, zumal US-Außenminister John Kerry besonders unmißverständlich erklärt hat, daß Rußland direkt oder indirekt schuldig ist. Die Beweislage aber sieht anders aus. Kerrys Aussagen sind verfrüht und zielen darauf ab, bei der Öffentlichkeit eine Vorverurteilung Rußlands zu erreichen.

Russland wird angeschwärzt

Wir sehen eine unheimliche Ähnlichkeit mit der "Öffentlichkeitsarbeit der US-Regierung" in einem früheren Fall, der all denen als wertvolle Lektion dienen könnte, die stärker an der Wahrheit, als an der Ausnutzung tragischer Ereignisse zur Erzielung eines propagandistischen Vorteils interessiert sind. Wir beziehen uns auf das Verhalten der Reagan-Regierung – unmittelbar nach dem Abschuss des Fluges 007 der Korean Airlines am 30. August 1983 über Sibirien. Es folgt eine kurze Zusammenfassung dieses tragischen Vorkommnisses, da wir vermuten, dass Sie noch nicht darauf aufmerksam gemacht wurden. Sicher werden Sie die offensichtlichen Parallelen erkennen.

Ein Vorteil unserer langen Dienstzeit als Geheimdienstoffiziere besteht darin, dass wir uns gut daran erinnern, was wir selbst miterlebt haben; nur selten vergessen wir Schlüsselereignisse, an denen wir als Analysten oder in anderer Form beteiligt waren. Um es anders auszudrücken, die meisten von uns wissen noch, "was vor 30 Jahren abging", als ein sowjetisches Kampfflugzeug den Flug 007 der Korean Airlines am 30. August 1983 über Sibirien abrupt beendete. Wir waren damals "aktive Geheimdienstoffiziere". Sie waren 21 Jahre alt, und viele, die Sie heute umgeben, waren damals noch wesentlich jünger.

Es könnte also sein, dass Sie von uns erstmals erfahren, wie sich die Affäre KAL 007 wirklich abgespielt hat. Sie können dann vielleicht auch besser verstehen, welche ernsten Folgen die Anschuldigungen im Zusammenhang mit dem Absturz des Fluges (MH)17 für die Beziehungen zwischen den USA und Russland haben könnten; Sie werden vielleicht sogar einsehen, dass es von Vorteil für Sie wäre, das Verhältnis zu Moskau nicht unreparierbar zu beschädigen. Nach unserer Ansicht muss diese strategische Gefahr Vorrang vor allen anderen Betrachtungen haben.

Bereits wenige Stunden nach dem tragischen Abschuß von KAL007 am 30. August 1983 setzte die Reagan-Regierung ihre hocheffiziente Propagandamaschine ein, um die wenigen verfügbaren Erkenntnisse so zu verdrehen, daß in der Öffentlichkeit an der sowjetischen Schuld am Tod von 269 Menschen an Bord kein Zweifel mehr bestand.

Das Flugzeug war abgeschossen worden, weil es Hunderte von Meilen vom Kurs abgewichen, tief in den russischen Luftraum eingedrungen und über sensible Militäranlagen auf (der Halbinsel) Kamtschatka und der Insel Sachalin geflogen war (s. dazu auch hier). Der sowjetische Pilot hatte versucht, das Passagierflugzeug zur Landung zu veranlassen, die KAL-Piloten reagierten aber nicht auf seine wiederholten Warnungen. Inmitten der Verwirrung über die Identität des Flugzeugs – ein US-Spionageflugzeug vom Typ RC-135 war Stunden zuvor in seiner Nähe gesichtet worden – befahl die sowjetische Bodenkontrolle dem Piloten, (auf das Flugzeug) zu feuern.

Die Sowjets begriffen bald, dass sie einen entsetzlichen Fehler gemacht hatten. Auch die US-Geheimdienste wussten aus abgehörten Funksprüchen, dass sich die Tragödie wegen eines Fehlers ereignet hatte und keinesfalls als vorsätzlicher Mord zu werten war – wie das auch bei dem am 3. Juli 1988 über dem Persischen Golf von dem Kreuzer "USS Vincennes" abgeschossenen zivilen iranischen Verkehrsflugzeug der Fall war (s. hier); obwohl auch dabei 290 Menschen getötet wurden, sprach Präsident Ronald Reagan damals abwiegelnd von einem "verständlichen Unfall".

Um Moskau für den Abschuss des Flugzeuges der KAL verurteilen zu können, unterdrückte die Reagan-Administration die entlastenden Erkenntnisse aus ihrer elektronischen Funkaufklärung. Das von Washington verbreitete Mantra lautete: "Moskau hat vorsätzlich ein ziviles Passagierflugzeug abgeschossen", und Newsweek erschien damals mit dem reißerischen Titel "Mord am Himmel". Offensichtlich hat sich kaum etwas geändert: Time wählte diese Woche die Schlagzeilen "Der Zweite Kalte Krieg" und "Putins gefährliches Spiel". Simon Shuster erhielt für seine Titelgeschichte "In Russland werden Verbrechen nicht bestraft" in einem von William Randolph Hearst gehaltenen Seminar zum Thema "Yellow Journalism 101" sicher die Note 1+.

Als KAL 007 abgeschossen wurde, erhielt Alvin A. Snyder, der damalige Direktor der Abteilung "Fernsehen und Film" der U.S. Information Agency den Auftrag, in einer konzertierten Aktion "so viele Verunglimpfungen wie möglich über die Sowjetunion auszugießen", wie er in seinem 1995 veröffentlichten Buch "Krieger der Desinformation" schrieb.

Auch er und seine Kollegen haben die Note 1+ verdient, weil sie die Mainstream-Medien so gut auf Vordermann gebracht haben. Ted Koppel von ABC stellte damals mit patriotischem Stolz fest: "Das war eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen es kaum Unterschiede zwischen der Propaganda der US-Regierung und der Berichterstattung der kommerziellen Rundfunkanstalten gab."

Die Geheimdienste haben die von der Regierung gewünschten "Beweise" zu liefern

"Wir sollten die Botschaft einhämmern, dass die Sowjets diese barbarische Tat kaltblütig und vorsätzlich begangen haben," schrieb Snyder und fügte hinzu, die Reagan-Administration habe dem UN-Sicherheitsrat am 6. September 1983 deshalb sogar eine manipulierte Niederschrift des abgehörten Funkverkehrs vorgelegt.

Nur ein Jahrzehnt später, als Snyder die kompletten Niederschriften einsehen konnte – einschließlich der von der Reagan-Administration unterschlagenen Teile – begriff er, wie grundfalsch wichtige Elemente der US-Darstellung (des KAL 007-Abschusses) waren.

Aus den Abhörprotokollen ging hervor, dass der Pilot des sowjetischen Kampfjets glaubte, ein US-Spionage-Flugzeug zu verfolgen, und in der Dunkelheit Schwierigkeiten mit der Identifizierung der Maschine hatte. Auf Anweisung der Bodenkontrolle hatte der Pilot das KAL-Verkehrsflugzeug umkreist und mit den Tragflächen gewackelt, um es zum Landen aufzufordern. Der Pilot meldete, er habe auch Warnschüsse abgefeuert. "Diese Informationen waren nicht auf dem Band enthalten, das uns zur Verfügung gestellt wurde," schrieb Snyder.

Damit war Snyder vollkommen klar, dass die Reagan-Administration, um die Sowjets anschwärzen zu können, den Vereinten Nationen, der US-Bevölkerung und der Welt gefälschte Beschuldigungen präsentiert hatte. In seinem Buch bekannte sich Snyder auch zu seiner eigenen Rolle bei dem Betrug, zog aber einen zynischen Schluss daraus. Er schrieb: "Die Moral von der Geschichte ist, dass alle Regierungen – auch unsere eigene – lügen, wenn es ihnen nützt. Dabei kommt es vor allem darauf an, zuerst zu lügen."

Die verzweifelten Versuche Ihrer Regierung und Ihrer Helfershelfer in den Medien, Russland die Schuld für den Absturz des Fluges 17 anzuhängen, und John Kerrys undankbare Aufgabe, Ihre Behauptungen glaubwürdig erscheinen zu lassen, drängen uns den Schluss auf, das von Snyder beschriebene Verhalten könnte auch die Arbeit Ihrer eigenen Regierung bestimmen; wir befürchten, dass es Ihnen nicht mehr um das "Herausfinden der Wahrheit" geht, sondern nur noch darum "Ihre eigenen Lügen zuerst zu verbreiten".

Wir werfen Außenminister Kerry zumindest vor, dass er in seinem Bemühen, als Erster zu starten, zu voreilig mit seiner Schuldzuweisung gewesen ist.

Beide Seiten können nicht die Wahrheit sagen

Wir waren immer stolz darauf, nicht sofort aus der Hüfte zu schießen, sondern auf Beweisen basierende geheimdienstliche Erkenntnisgewinnung zu betreiben. Was den Flug MH17 betrifft, so halten die von Ihrer Regierung veröffentlichten Beweise einer genauen Prüfung nicht stand. Und sie erlauben schon gar nicht, ein Urteil zu fällen. Auf Grund unseres Berufslebens neigen wir fast instinktiv dazu, die Russen zu verdächtigen. Unsere jüngsten Erfahrungen aber, insbesondere die Art und Weise in der Außenminister Kerry sich vollkommen uneinsichtig an einen falschen Bericht nach dem anderen als ›Beweis‹ geklammert hat, hat uns dazu gebracht, unsere bisherige Neigung (nämlich instinktiv den Russen die Schuld zu geben) gehörig zu revidieren.

Wann immer Kerry vermeintliche ›Beweise‹ vorgelegt hat, die unabhängig überprüft werden konnten – wie z.B. die gefälschten antisemitischen Flugblätter im Osten der Ukraine oder die Fotos der Soldaten von angeblichen russischen Spezialeinheiten in der Ukraine – haben sich diese ›Beweise‹ als Luftnummern entpuppt. Doch das waren kleine Kavaliersdelikte im Vergleich zu der faustdicken Lüge, die Kerry am 30. August 2013 nicht weniger als 35mal wiederholt hat, nämlich: ›Wir wissen, daß die Regierung von Bashar Al-Assad in Syrien für den Chemiewaffeneinsatz vor neun Tagen in der Nähe von Damaskus verantwortlich war.‹

Am 3. September 2013 – nach Ihrer Entscheidung, den Angriff auf Syrien abzublasen und die Ermächtigung durch den Kongress abzuwarten – drängte Kerry in einer Anhörung vor dem verständnisvollen Außenpolitischen Ausschuss des Senats immer noch auf ein Eingreifen. Am folgenden Tag wurde Kerry von dem Präsidenten Putin – was äußerst ungewöhnlich ist – persönlich kritisiert. Putin sagte: "Er lügt, und er weiß, dass er lügt. Das ist schändlich."

Während der ersten Septemberwoche 2013, als Sie und Präsident Wladimir Putin der Vereinbarung über die Zerstörung der syrischen Chemiewaffen den letzten Schliff gaben, sagte John Kerry etwas ebenso Verstörendes, was uns bis heute verwirrt. Am 9. September 2013 sprach Kerry in London immer noch über einen US-Angriff auf Syrien, weil mit dem Einsatz chemischer Waffen die "Rote Linie" überschritten worden sei, die Sie Syrien gezogen hätten.

In einer offiziellen Pressekonferenz schloss Kerry die Möglichkeit aus, dass Bashar al- Assad jemals seine Chemiewaffen aufgeben würde, und erklärte: "Er hat überhaupt nicht vor, sich darauf einzulassen; deshalb kann es auch nicht geschehen." Nur wenige Stunden später gaben die Russen und die Syrer die Vereinbarung bekannt, die genau das enthielt, was Kerry noch kurz zuvor als unmöglich ausgeschlossen hatte. Sie schickten ihn zurück nach Genf, wo er am 14. September den damit auch formell abgeschlossen Vertrag unterschrieben hat.

Hinsichtlich des MH17 Abschusses vom 17. Juli glauben wir, daß Kerry in der für ihn typischen Art ein vorschnelles Urteil abgegeben hat und daß seine unglaubliche Unglaubwürdigkeit einen großen Nachteil in den diplomatischen Initiativen und Propagandamanövern der USA gegenüber Rußland darstellt. Wir empfehlen Ihnen daher, sofort die fehlgeleitete diplomatische Offensive Kerrys (gegen Rußland) einzustellen, wenn Sie die Russen aber weiterhin unter Druck setzen wollen, sollten Sie wenigstens einen weniger angeschlagenen Staatsmann oder eine Frau für den Posten finden.

Sie haben die Wahl

Wenn die Beweislage über den Abschuß von MH17 tatsächlich so schwach ist, wie sie nach dem bisher veröffentlichten
wertlosen Müll zu sein scheint, dann empfehlen wir Ihnen dringend, den Propagandakrieg einzustellen und die Ergebnisse der Untersuchung abzuwarten. Wenn aber andererseits Ihre Regierung konkrete Beweise hat, dann schlagen wir ebenso dringend vor, diese unverzüglich zu veröffentlichen, selbst auf das Risiko hin, daß dadurch die Gegenseite Erkenntnisse über unsere Quellen und Methoden gewinnen könnte. Allzu oft wird diese Ausrede benutzt, um zu verhindern, dass wichtige Informationen in die Öffentlichkeit gelangen, in die sie besonders in diesem Fall gehören.

Es hat auch in der Vergangenheit schon kritische Situationen gegeben, in denen Präsidenten auf Geheimhaltung verzichtet haben, um so etwas wie "Respekt vor dem Aufklärungsbedürfnis der Menschen" zu zeigen, oder um Militäraktionen zu rechtfertigen.

Der ehemals führende CIA-Veteran Milton Bearden hat einmal gesagt, es gebe Gelegenheiten, bei denen durch den "Schutz" von Quellen und Methoden die Sicherheit der USA mehr gefährdet werde, als durch deren Offenlegung. Bearden nannte als Beispiel Ronald Reagan, der eine sensible geheimdienstliche Quelle offengelegt hat, um einer skeptischen Welt den Grund für den US-Angriff auf Libyen aufzuzeigen, der als Vergeltung für den am 5. April 1986 durchgeführten Bombenanschlag auf die Diskothek La Belle in Westberlin erfolgte. Dabei waren zwei US-Soldaten und eine türkische Frau getötet und mehr als 200 Menschen, darunter 79 US-Soldaten, verletzt worden.

Abgefangene Nachrichten zwischen Tripolis und Agenten in Europa belegten, dass Libyen hinter diesem Anschlag steckte. Hier ist ein Auszug (aus dem Abhörprotokoll): "Um 1:30 morgens wurde eine der Aktionen mit Erfolg durchgeführt, ohne eine Spur zu hinterlassen."

Zehn Tage nach dem Bombenanschlag rächten sich die USA, indem sie mit über 60 Kampfjets die libysche Hauptstadt Tripolis und die Stadt Bengasi bombardierten. Diese Operation wurde von vielen als Versuch gesehen, den Obersten Muammar Gaddafi zu töten; der überlebte, aber seine 15-Monate alte Adoptivtochter und mindestens 15 weitere Zivilisten starben bei dem Angriff.

Vor drei Jahrzehnten regte sich die Welt noch mehr über die Tötung von Kindern auf. Weil der US-Bombenangriff auf der ganzen Welt Abscheu hervorrief, veröffentlichte die Reagan-Regierung die abgefangene, entschlüsselte Nachricht der libyschen Botschaft in Ostberlin, die den "Erfolg" des Angriffs auf die Disko meldete – mit dem prahlerischen Zusatz "ohne eine Spur zu hinterlassen", der sich als falsch erwies.

Die Reagan-Regierung entschied sich dafür, eine sensible geheimdienstliche Quelle preiszugeben und einzuräumen, dass sie die diplomatische Kommunikation Libyens nicht nur abgehört hat, sondern auch dechiffrieren konnte. Als der Welt dieser Beweis vorlag, beruhigte sich die internationale Kritik, und viele Kritiker sahen den Vergeltungsschlag gegen Tripolis jetzt sogar als gerechtfertigt an.

Wenn Sie Beweise haben ...

Wenn die USA tatsächlich Beweise dafür haben, wer für den Abschuss des Fluges 17 verantwortlich ist, die allerdings überzeugender als die bisher vorgebrachten sein müssen, halten wir es für das Beste, diese Beweise auch zu veröffentlichen – sogar auf die Gefahr hin, dass dadurch geheimdienstliche "Quellen und Methoden" preisgegeben werden müssten. Außerdem schlagen wir Ihnen vor, Ihre Untergebenen anzuweisen, die Glaubwürdigkeit der USA nicht weiterhin dadurch aufs Spiel zu setzen, dass sie Schlüsselinformationen über soziale Medien wie Twitter und Facebook verbreiten

Der Ruf des Boten ist ausschlaggebend für die Glaubwürdigkeit seiner Botschaft; das gilt ganz besonders für die Öffentlichkeitsarbeit einer Regierung. Inzwischen dürfte Ihnen wie uns klar sein, dass Außenminister Kerry in dieser Hinsicht eher eine Belastung als ein Gewinn für Sie ist. Ähnliches gilt auch für James Clapper, den Nationalen Geheimdienstdirektor; die Tatsache, dass der am 12. März 2013 in einer Anhörung vor dem Kongress unter Eid "eindeutig falsche Angaben" über die Datensammlung der NSA gemacht hat, sollte ihn für dieses Amt disqualifizieren. Clapper darf deshalb auch keinesfalls irgendwelche Angaben zum Flug 17 machen.

Wenn Sie tatsächlich Beweise haben, dann sollten diese im Rahmen der bewährten Methode einer »Interagency Intelligence Assessment«, einer gemeinsamen Einschätzung aller mit Flug MH17 beschäftigten US-Geheimdienste, präsentiert werden. Allerdings hören wir indirekt von einigen unserer ehemaligen Kollegen, daß die Version vom Absturz von MH17, mit der Minister Kerry hausieren geht, sich überhaupt nicht mit den wirklichen Erkenntnissen der Geheimdienste deckt. Gleiches war der Fall Ende August letzten Jahres, als Kerry ein neues, einzigartiges Instrument erfand, nämlich eine ›Regierungseinschätzung‹ – im Gegensatz zur gemeinsamen Einschätzung der Geheimdienste. Damit konnte er dann ohne jegliche überprüfbaren Beweise den syrischen Präsidenten Bashar Al-Assad für die Chemiewaffenangriffe in der Nähe von Damaskus verantwortlich machen. Alle ehrlichen Geheimdienstanalysten haben sich geweigert, dabei mitzumachen, und hielten sich statt dessen die Nasen zu.

Wir meinen, dass Sie sich endlich von ehrlichen Analysten der nachrichtendienstlichen Aufklärung ins Bild setzen lassen sollten. Die könnten Sie auch dazu bringen, die dringend notwendigen Schritte einzuleiten, um die Gefahr einzudämmen, daß die Beziehungen zu Rußland von einem neuen Kalten Krieg zu einer bewaffneten Konfrontation eskalieren. In aller Offenheit, wir sehen wenig Grund zu glauben, daß Minister Kerry und Ihre anderen Berater die Ungeheuerlichkeit dieser Gefahr richtig einschätzen.


In unserem letzten Memorandum, das Ihnen, Herr Präsident, am 4. Mai zugegangen ist, [s. hier] haben wir darauf hingewiesen, dass die USA, wenn sie "einen blutigen Bürgerkrieg zwischen der Ost- und der Westukraine und ein militärisches Eingreifen Russlands in der Ostukraine verhindern wollen, schnell vermitteln müssen, bevor die Gewalt völlig außer Kontrolle gerät". Am 18. Juli haben Sie gemeinsam mit den führenden Politikern Deutschlands, Frankreichs und Russlands eine sofortige Waffenruhe gefordert. Gut informierte Beobachter glauben, dass es in Ihrer Macht gestanden hätte, die ukrainische Führung zum Einlenken zu bewegen. Je länger Kiew seine Offensive gegen die Separatisten in der Ostukraine fortsetzt, desto heuchlerischer erscheinen Beteuerungen aus den USA (auch an einer Beilegung des Konfliktes interessiert zu sein).

Wir wiederholen unsere Empfehlungen vom 4. Mai, die Ursache dieser Konfrontation zu beseitigen, indem Sie öffentlich erklären, dass es nicht mehr wünschenswert ist, die Ukraine in die NATO aufzunehmen und mitteilen, dass Sie bereit sind, sich umgehend und persönlich mit dem russischen Präsidenten Putin zu treffen, um zu besprechen, wie die Krise zu entschärfen ist und wie die legitimen Interessen aller Beteiligten gewahrt werden können. Der Vorschlag eines baldigen Gipfels hat in (staatlich) kontrollierten und unabhängigen russischen Medien große Zustimmung gefunden – leider nicht in den Mainstream-Medien der USA. Auch Sie haben sich bisher nicht zu unserer Empfehlung (vom 4. Mai) geäußert.

Wir bitten höflich um eine Antwort.

Für den VIPS-Vorstand:

William Binney, früherer Technischer Direktor der NSA, zuständig für die Abteilung »World Geopolitical and Military Analysis«, im Ruhestand (i.R.)

Larry Johnson, CIA und US-Außenministerium, i.R.

Edward Loomis, NSA, Verschlüsselungsexperte, i.R.

David MacMichael, National Intelligence Council (ein Gremium der United States Intelligence Comunity, des Zusammenschlusses der 17 Nachrichtendienste der USA), i.R.

Ray McGovern, früherer US-Armee- bzw. Geheimdientsoffizier und CIA-Analyst, i.R.

Elizabeth Murray, Geheimdienstoffizierin im National Intelligence Council, zuständig für den Mittleren Osten, i.R.

Todd E. Pierce, Major des US Army Judge Advocate General’s Corps, der Justizinstanz des US-Heeres, i.R.

Coleen Rowley, Sonderbevollmächtigte (Special Agent) des FBI, i.R.

Peter Van Buren, Foreign Service Officer im US-Außenministerium, i.R.
Ann Wright, Oberst der US-Armee, i.R.; Foreign Service Officer im US-Außenministerium,
gekündigt

(Wir haben die von Rainer Rupp übersetzten Passagen des Memorandums der ehemaligen US-Geheimdienstler unverändert in kursiver Schrift übernommen; die fehlenden Passagen hat Luftpost selbst übersetzt, mit Links und Ergänzungen in runden Klammern versehen und in Steilschrift eingefügt. Der Link in eckigen Klammern war bereits im Originaltext des Memorandums enthalten, den wir nachfolgend komplett abdrucken.)

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