Dienstag, 13. Januar 2015

Moralische Klarheit

Adam Shatz, der Herausgeber und Autor der London Review of Books, untersucht Ursachen der Terroranschläge in Paris.

Von Adam Shatz
LRB blog, 09.01.15

Nach den Anschlägen am 11.09.2001 titelte die französische Zeitung Le Monde: "Wir sind alle US-Amerikaner!" Die Liebschaft war aber nur von kurzer Dauer: Als sich die Franzosen nicht am Krieg gegen den Irak beteiligten, wurden sie von US-Meinungsmachern als "käsefressende feige Affen" bezeichnet, und die in den USA als "French Fries" bekannten Pommes frites wurden in "Freedom Fries" (Freiheitsfritten) umbenannt. Als Obama sein Amt antrat, verbesserten sich die Beziehungen wieder, aber der Spieß wurde bald danach umgedreht: Washington warnte vor Auslandsabenteuern, während der Elysée-Palast in Libyen und Mali die Muskeln spielen ließ und eine aggressivere Antwort auf Baschar al-Assads Angriffe auf syrische Aufständische forderte. US-Neokonservative, die Franzosen als "feige Affen" geschmäht hatten, blickten jetzt voller Neid auf sie.

In diesen Tagen tönen auch viele US-Intellektuelle: "Je suis Charlie" (Ich bin Charlie). Das ist ein seltsamer Slogan, vor allem deshalb, weil nur wenige der US-Amerikaner, die dieses Bekenntnis ablegen, vor dem Massaker am 7. Januar überhaupt etwas von dem Satiremagazin Charlie Hebdo gehört, geschweige denn darin gelesen hatten. Was meinen sie also damit? Bestenfalls wollen sie damit ausdrücken, dass sie Gewalt gegen Menschen, die nur von ihrem demokratischen Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen, verabscheuen. Es könnte aber auch – wie bei vielen Franzosen – nur eine Verwechslung zwischen den Absichten des Magazins Charlie Hebdo und der offenen Gesellschaft des Westens sein. In diesem Sinn ist der Slogan "Je suis Charlie" weniger ein Ausdruck der Empörung und der Sympathie, als eine Loyalitätserklärung mit der Konsequenz, dass allen, die sich nicht mit Charlie Hebdo solidarisieren, unterstellt wird, gemeinsame Sache mit den Mördern und dem "islamistischen Feind" zu machen, der den modernen, demokratischen Westen (angeblich) von außen und innen bedroht.

Bild: Rainer Ostendorf,
Freidenker Galerie
"Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde."
Ludwig Feuerbach
Schon wird jeder, der es wagt, die Ursachen des Massakers und die Gründe für das Abdriften der Kouachi-Brüder in die dschihadistische Gewalt zu untersuchen, verdächtigt, damit den eigentlichen Täter, den radikalen Islam zu entschuldigen – "eine Ideologie, die seit Jahrzehnten versuche, durch Terror an die Macht zu kommen" – wie George Packer in der Zeitschrift The New Yorker schrieb. Packer erklärte, jetzt sei nicht die Zeit, über das Integrationsproblem in Frankreich oder über die Kriege zu sprechen, die der Westen seit zwei Jahrzehnten im Mittleren Osten führt. Der radikale Islam – und nur der radikale Islam – sei für die Gräueltaten verantwortlich zu machen. Das ist genau die Herangehensweise, die George Trow in einem Artikel im New Yorker einmal den "context of no context" (das Leugnen von Zusammenhängen) nannte. Damit lassen sich alle dschihadistischen Gräueltaten einer bösen Ideologie anlasten und jedes Erinnern an Präemptivkriege, Folter und Rassismus als Versuch zur Entschuldigung von Gräueltaten abtun.

Das gab es schon einmal: Die Anschläge am 11. September machten viele liberale Intellektuelle zu Laptop-Kriegern, die warnende Stimmen wie Susan Sontag (s. hier und hier) angriffen, weil die ihre Leser daran erinnerte, dass sich die USA mit ihrer Politik im Nahen und Mittleren Osten nicht viele Freunde gemacht hatten. Der Slogan "Je suis Charlie" wirkt wie eine nostalgische Erinnerung an den 11. September; die Erinnerung daran wurde immer wieder hervorgeholt, wenn es galt, US-Gräueltaten zu rechtfertigen und die Frontlinien zu verwischen – während der Kriege in Afghanistan und im Irak und als die Folterungen von Abu Ghuraib und die illegalen Verschleppungen in Foltergefängnisse (s. hier) bekannt wurden. Auch mit dem Slogan "Je suis Charlie" können wir uns von eigener Schuld freisprechen. Mit der Empörung über das Massaker in Paris lassen sich der Folterbericht des Senats (die Drohnenmorde, der MH17-Abschuss, die wachsende Gefahr eines Krieges mit Russland und anderes) aus dem Gedächtnis (und aus den Schlagzeilen) verdrängen, damit man sich wieder "guten Gewissens" der Verteidigung des Westens zuwenden kann.

Packers Artikel ist keine Überraschung, aber symptomatisch. Nach dem 11.09 hat er die Invasion des Iraks unterstützt. Später hat er zwar den Krieg oder wenigstens die Kriegsführung kritisiert. Auf das Pariser Massaker reagiert er aber wieder mit der gleichen Rhetorik über den "islamischen Totalitarismus", der er sich schon nach dem 11.09. bediente. Er spricht sogar von einem möglichen Krieg der Zivilisationen zwischen Uns und den Muslimen – oder wenigstens "einer bedeutenden Minderheit gläubiger Muslime, die ein Ausmaß von Gewalt zur Durchsetzung ihrer Überzeugungen billige, das derzeit einzigartig" sei. Dass er mit dieser Rhetorik schon geholfen hat, die Desaster in Afghanistan und im Irak zu rechtfertigen, scheint ihn nicht zu kümmern – in seiner "moralischen Klarheit", mit der er sich wie alle liberalen Kriegsfalken brüstet. Wer "moralische Klarheit" für sich beansprucht, glaubt sich auf der richtigen Seite zu befinden und in diesem Glauben auf die sorgfältige Analyse von Zusammenhängen und die Auseinandersetzung mit einem Problem verzichten zu können, das schon Christopher Hitchens als "Islamfaschismus" verkürzte (s. hier). Packers Artikel im New Yorker ist ein Beispiel für diesen Glauben, den er mit Liberalismus verwechselt.

Indem sie die Schuld an dem Massaker in Paris allein der "totalitären Ideologie des radikalen Islamismus" anlasten, verleugnen liberale Intellektuelle wie Packer gleichzeitig eine der größten Stärken des Liberalismus. Der moderne Liberalismus hat immer darauf bestanden, dass sich mit Ideologie nur das Verhalten erklären lässt. Wer verstehen will, warum Menschen einer Ideologie verfallen, muss nach den sozialen Ursachen suchen. Die Kouachi-Brüder wurden vom Westen geprägt und traumatisiert – durch Eingriffe westlicher Mächte in die islamische Welt, die durch die Militärinterventionen des Westens und dadurch geschürte interne Konflikte zerrissen wurde. Sie waren vor allem französische Bürger arabischer Herkunft, die in einer Banlieue (in der Randzone einer Großstadt) aufwuchsen – als Pariser nordafrikanischer Herkunft. Es ist unwahrscheinlich, dass sie mehr vom Islam wussten, als die wenigen Hadithe (überlieferte Aussprüche des Propheten, s. hier), die ihnen der vorher als Hausmeister tätige Imam beibrachte, der sie indoktrinierte. Sie kamen aus einer zerbrochenen Familie und hatten kleinere Straftaten begangen – wie Mohamed Merah, der 2012 in Montauban und Toulouse 7 Menschen, darunter 3 jüdische Schulkinder, umbrachte (weitere Infos dazu s. hier). Vor ihrer Beschäftigung mit dem Islam waren sie hauptsächlich an Fußball, Mädchen, Musikhören und Kiffen interessiert. Der radikale Islam hat ihrem Leben den Sinn gegeben, den sie vorher in Frankreich nicht finden konnten. Er nahm ihnen das Gefühl der Ohnmacht und verschaffte ihnen Machtgefühle, er beseitigte ihre Ziellosigkeit und gab ihnen ein heroisches geschichtliches Ziel. Sie waren plötzlich keine Kriminellen mehr, sondern Heilige Krieger. Ihre Morde dem Islam anzulasten, wäre aber genau so falsch, wie die Morde der Baader-Meinhof-Bande dem Historischen Materialismus zuzuschreiben. Mit dieser Feststellung wird den Attentätern von Paris keinesfalls die Verantwortung für ihre Verbrechen abgesprochen oder der Anspruch auf "moralische Klarheit" aufgegeben.

Gestern Abend habe ich mit einer Freundin gesprochen, die auch in einer Banlieue aufgewachsen ist. Assia – das ist nicht ihr richtiger Name – ist eine linke, atheistische Französin algerischer Herkunft, die viele Jahre lang in den USA unterrichtet hat und den Islamismus verabscheut. Als Teenager hat sie selbst Charlie Hebdo gelesen und sich für die darin abgedruckten respektlosen Karikaturen begeistert. Sie ist entsetzt über die Anschläge, auch weil sie sich noch gut an die Tatorte und an Charlie Hebdo erinnert. Sie findet es absurd und verstörend, wenn US-Amerikaner jetzt mit Schildern herumlaufen, auf denen "Je suis Charlie" steht. "Hat irgendeiner von denen die Zeitung jemals zu Gesicht bekommen?" fragte sie. " Charlie dürfte in den USA überhaupt nicht erscheinen – nicht mit den Karikaturen über den Propheten und auch nicht mit den Bildern von Päpsten, die in den Arsch gefickt werden." Früher habe Charlie Hebdo über alle hergezogen, in den letzten Jahren seien aber vermehrt Witze über Muslime gemacht worden, die ohnehin die am leichtesten zu verletzenden Bürger Frankreichs seien. Assia lehnt jede Zensur ab, fragt aber: "Ist es bei der misslichen Lage, in der sich die meisten Nordafrikaner in Frankreich befinden, notwendig, auch noch den Propheten zu verspotten?"

Sie spricht von "Nordafrikanern", nicht von "Muslimen". "Wenn ich höre, dass in Frankreich 5 Millionen Muslime leben," regt sich Assia auf, "weiß ich nicht, was das überhaupt soll. Ich kenne viele Leute in Frankreich, die, wie ich, aus Nordafrika stammen, aber weder beten, noch an Gott glauben, also gar keine Muslime sind. Als Heranwachsende sind wir nicht in die Moschee gegangen, haben uns höchstens darüber gewundert, dass unsere Väter am Ramadan fasteten. Trotzdem werden wir immer noch Muslime genannt, wie früher, als Algerien noch eine französische Kolonie war." Sie gesteht zu, dass immer mehr jüngere nordafrikanische Männer sich für den Islam interessieren, das täten sie aber eher zur Steigerung ihres Selbstwertgefühls als aus Religiosität. Die Franzosen nordafrikanischer Herkunft stünden mit dem Rücken an der Wand. Dass sie sich einer – aus der Golfregion importierten – radikalen Form des Islams zuwenden, dürfe eigentlich niemand überraschen; in ihrer Situation habe ihnen der friedfertige, tolerante Islam ihrer nordafrikanischen Vorfahren nichts zu bieten. Es sei auch nicht überraschend, das unter den aus dem Maghreb stammenden Franzosen in den Banlieus der Antisemitismus zunehme. Sie sähen die heutigen Juden nicht mehr als eine früher in Europa verfolgte Minderheit, sondern als privilegierte Elite, deren Verfolgung offiziell verurteilt und in den Schulen behandelt werde, während die bei der Kolonialisierung Algeriens begangenen Verbrechen verdrängt würden.

Assia ist eine typische Pariserin – was ihre Kleidung, ihren Akzent und ihre Lebensart angeht. Trotzdem werde sie ständig an ihre Herkunft erinnert. Schon als Kind sei sie immer wieder gefragt worden, warum sie den seltsamen Namen Assia habe. Wegen seiner zentralisierenden Traditionen sei in Frankreich die Hervorhebung von Unterschieden, zum Beispiel durch Tragen eines Hidschab unerwünscht. Französinnen muslimischer Herkunft würden immer noch als Ausländerinnen behandelt. Aus Nordafrika stammende Franzosen würden auch in der zweiten und dritten Generation immer noch als "Einwanderer" betrachtet. Einerseits heiße es: "Französinnen tragen keinen Schleier (oder kein Kopftuch)." Andererseits werde gesagt: "Weil du Mohammed heißt, brauchst du dich um diesen Job erst gar nicht zu bewerben." Assia berichtete: "Meine heranwachsenden Brüder wurden am Tag 10 bis 15 mal von der Polizei kontrolliert – wenn sie aus dem Bus ausstiegen, auf dem Schulweg und auf dem Weg nach Hause. Mädchen wurden nicht angehalten, nur Jungen. "Fatimas" sind in Frankreich willkommener als "Mohammeds". Frauen nordafrikanischer Herkunft hätten weniger Probleme als Männer, das erkläre auch, warum viele arbeitslose nordafrikanische Männer ihrer Mütter und Schwestern behandeln, als seien sie ihr Eigentum – ihr einziges Eigentum. Assia ist eine von vielen Französinnen aus dem Maghreb, die deshalb nicht in Frankreich geblieben sind.

Wer darauf hinweist, dass Frankreich ein Integrationsproblem hat, das dringend angegangen werden muss, spricht nicht die Mörder – oder nach Packers Argumentation – ihre Ideologie frei. Er zeigt nur die vollständige moralische und politische Dimension des zu lösenden Problems auf und redet sich nicht nur mit angeblicher "moralischen Klarheit" heraus. Wenn Frankreich junge Franzosen nordafrikanischer Herkunft weiterhin so behandelt, als bedrohten sie "unsere Zivilisation", werden vermutlich noch mehr von ihnen dem (schlechten) Beispiel der Kouachi-Brüder folgen. Darüber würden sich sowohl Marine Le Pen als auch die Dschihadisten freuen, weil beide von der gleichen (falschen) Prämisse ausgehen, zwischen Europa und dem Islam müsse ein apokalyptischer Krieg ausgetragen werden. Wir sind noch weit von diesem Krieg entfernt, die Ereignisse vom 7. Januar haben ihn aber ein wenig näher rücken lassen.

Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost kl.-de

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