Dienstag, 10. Februar 2015

Der wirkliche Grund dafür, dass sich Washington von Moskau bedroht sieht. Wird die Ostukraine das neue Falludscha?

“Ich möchte an die ukrainische Bevölkerung, an die Mütter, Väter, Schwestern und Großeltern appellieren. Schickt eure Söhne und Brüder nicht länger in dieses sinn- und gnadenlose Gemetzel. Die Interessen der ukrainischen Regierung sind nicht eure Interessen. Ich bitte euch darum: Nehmt Vernunft an! Lasst die Erde des Donezbeckens nicht länger mit ukrainischem Blut tränken. Es lohnt sich nicht.” – Alexander Sachartschenko, Premierminister der Volksrepublik Donezk
Von Mike Whitney, counterpunch
Washington braucht den Krieg in der Ukraine, um seine strategischen Ziele durchsetzen zu können. Dieser Aspekt muss unbedingt beachtet werden.

Die USA wollen die NATO bis zur Westgrenze Russlands ausdehnen. Sie wollen sich damit eine Landbrücke nach Asien verschaffen, um US-Militärbasen auch über diesen Kontinent ausbreiten zu können. Sie wollen die Pipelines von Russland nach Europa und damit die Einnahmen Moskaus kontrollieren, um sicherzustellen, dass Gas (und Öl) auch weiterhin in Dollars gehandelt werden. Sie wollen vor allem ein schwächeres, weniger stabiles Russland, das durch einen Regimewechsel und eine fortschreitende Aufsplitterung leichter aus dem Ausland zu kontrollieren ist. Diese Ziele sind nicht mit friedlichen Mitteln zu erreichen. Wenn es gelänge, die Kämpfe in der Ukraine schnell zu stoppen, würden vermutlich bald danach auch die (von der EU) gegen Russland verhängten Sanktionen aufgehoben, und die russische Wirtschaft könnte sich in absehbarer Zeit wieder erholen. Könnte Washington das wollen?

Natürlich will es das nicht. Damit würde der Plan Washingtons untergraben, Russland und China in das von Washington beherrschte globale Wirtschaftssystem zu integrieren und den Dollar als Weltreservewährung zu erhalten. Die Strippenzieher in den USA wissen, dass sie ihr System erhalten müssen, um nicht unterzugehen. Wenn es Washington nicht gelingt, China und Russland in untergeordneten Rollen in eine von den USA beherrschte Weltordnung einzugliedern, wird es seine führende Stellung einbüßen.

Deshalb darf der Konflikt in der Ostukraine keinesfalls beigelegt werden, er muss unbedingt weiter eskalieren. Deshalb hat der US-Kongress härtere Sanktionen gegen Russland – vor allem auf dem Energiesektor – beschlossen und die Lieferung zum Töten geeigneter militärischer Ausrüstung an die Ukraine genehmigt. Deshalb wird Washington Militärberater und Ausbilder in die Ukraine schicken und ihr für insgesamt 3 Milliarden Dollar “Panzerabwehrraketen, Aufklärungsdrohnen, gepanzerte Humvees und Radarsysteme liefern, mit denen sich die Position feindlicher Raketen und Geschütze orten lässt” (s. hier). Alle Aktivitäten Washingtons dienen nur dem Zweck, die Kämpfe zu intensivieren und den Konflikt zu eskalieren. Die schweren Verluste der unerfahrenen ukrainischen Armee und die schrecklichen Leiden der Zivilbevölkerung in Lugansk und Donezk sind den US-Kriegsplanern völlig gleichgültig. Sie wollen nur sicherstellen, dass keinesfalls Frieden geschlossen wird; dadurch würden der Drang der USA nach Asien und ihr Wusch, die einzige Supermacht zu bleiben, gestört.
"Die USA und ihre Verbündeten versuchen letztlich, Russland auf einen verarmten, halbkolonialen Status herunterzudrücken. Diese Strategie wurde in der Vergangenheit von Zbigniew Brzezinski, dem Nationalen Sicherheitsberater der Carter-Regierung, entwickelt und wird jetzt wieder offen propagiert.

In einer Rede im vergangenen Jahr am Wilson Center forderte Brzezinski Washington auf, Kiew „Waffen zu liefern, die genau auf seine Bedürfnisse zugeschnitten sind und ihm ermöglichen, effektiv einen städtischen Guerillakampf zu führen." In Übereinstimmung mit den Vorschlägen der Brookings Institution und anderer Think Tanks zur Bewaffnung Kiews forderte Brzezinski die Lieferung von "Anti-Panzerwaffen ... und Waffen, die für den städtischen Nahkampf geeignet sind.“

Brzezinskis Strategie, die er seit Jahrzehnten gegen Russland empfiehlt, ist politisch kriminell. Er will Russland in einen ethnisch aufgeladenen Häuserkampf in der Ukraine verwickeln, der Millionen Tote kosten könnte. WSWS"
Die Lieferung nicht zum Töten geeigneter militärischer Ausrüstung wird unweigerlich die Lieferung moderner Waffen, Flugverbotszonen, verdeckte militärische Unterstützung, ausländische Söldner, Soldaten der Special Forces und schließlich auch reguläre Truppen (der USA und der NATO) nach sich ziehen. Das alles kennen wir doch schon. In den USA gibt es leider keine breite Opposition gegen eine Beteiligung an dem Krieg in der Ukraine und keine starke Friedensbewegung, die Städte lahmlegen, einen Generalstreik ausrufen oder die bestehenden Absichten durchkreuzen könnte. Deshalb gibt es auch keine Möglichkeit, die Kriegstreiber zu stoppen. Die Medien und die politische Klasse haben Obama freie Hand gelassen, in dem Konflikt in der Ukraine so vorzugehen, wie er es für richtig hält. Das vergrößert die Wahrscheinlichkeit eines größeren Krieges, wenn im Frühjahr das Tauwetter einsetzt.

Wikimedia, gemeinfrei
Obwohl nicht auszuschließen ist, dass sich daraus ein atomarer Flächenbrand entwickelt, lassen sich die USA nicht von ihren bestehenden Plänen abbringen. Weil man nicht glaubt, dass Putin zur Verteidigung des Donezbeckens einen Atomkrieg riskieren würde, haben die (russischen) Atomwaffen ihre abschreckende Wirkung verloren.

Washington scheint sich um die verheerenden Folgen überhaupt nicht zu scheren.Trotz der militärischen Fehlschläge in Afghanistan, im Irak, in Libyen und in einem halben Dutzend anderer Länder rund um die Welt steigen die US-Aktien, US-Staatsanleihen sind gefragter als jemals zuvor, die US-Wirtschaft wächst (auf dem Papier) schneller als die aller globalen Konkurrenten, und der Wert des Dollars gegenüber einem ganzen Korb voll anderer Währungen ist seit Juni 2014 um satte 13 Prozent so stark gestiegen, dass er (dem US-Finanzminister) Freudentränen in die Augen treibt. Die USA wurden nicht dafür zur Kasse gebeten, dass sie große Gebiete unseres Planeten verwüstet und mehr als eine Million Menschen umgebracht haben. Warum sollten sie jetzt damit aufhören?

Das werden sie natürlich nicht tun, sondern die Kämpfe in der Ukraine weiter eskalieren. Die WSWS schreibt dazu:
"Am Montag war in der New York Times zu lesen, weil die ukrainische Armee und ihre faschistischen Milizen in der jüngsten Offensive gegen prorussische separatistische Kräfte in der Ostukraine Rückschläge hinnehmen mussten, erwäge die Obama-Regierung direkte Waffenlieferungen an das von der NATO gestützte Regime in Kiew.

In dem Artikel wird ein Report zitiert, der gemeinsam von der Brookings Institution, dem Atlantic Council und dem Chicago Council on Global Affairs erarbeitet und am Montag dem Präsidenten Obama übergeben wurde (s. hier); darin wird dem Weißen Haus und der NATO empfohlen, den Krieg in der Ukraine zu eskalieren. (Übersetzung dieses Artikels s. hier).

Nach Informationen der New York Times nähern sich führende US-Offizielle den in dem Report erhobenen Forderungen immer mehr an. Der NATO-Oberkommandierende General Philip M. Breedlove, Verteidigungsminister Chuck Hagel, US-Außenminister John Kerry und US-Generalstabschef Martin Dempsey treten inzwischen für direkte Waffenlieferungen an Kiew ein. Die Nationale Sicherheitsberaterin Susan Rice überdenkt ihre bisherige ablehnende Haltung und wird Obama vermutlich auch direkte Waffenlieferungen an Kiew empfehlen."
Wie wird es wohl weitergehen? Die Würfel sind doch bereits gefallen. Es wird einen Krieg mit Russland geben, weil das politische Establishment der USA das will. So einfach ist das. Nachdem es mit früheren Provokationen nicht gelungen ist, Putin in die ukrainische Falle zu locken, hofft man es mit einer neuen Frühjahrsoffensive (und aus den USA gelieferten Waffen) doch noch zu schaffen. Putin wird nicht die Hände in den Schoß legen, während ukrainische Handlanger mit US-Waffen und logistischer US-Unterstützung das Donezbecken wie Falludscha in ein Trümmerfeld verwandeln. Er wird tun, was jeder verantwortungsvolle führende Politiker auch tun würde. Er wird versuchen, die Russen in der Ukraine zu schützen. Das bedeutet Krieg. [Informationen über die großen Schäden, die bereits bisher in der Ostukraine angerichtet wurden, sind hier nachzulesen.]

Asymmetrischer Krieg: Fallende Ölpreise

Es ist auch zu bedenken, dass die russische Wirtschaft durch Wirtschaftssanktionen, die Ölpreis-Manipulation und den Angriff auf den Rubel bereits sehr geschwächt wurde. Bis zu dieser Woche haben die Mainstream-Medien hartnäckig geleugnet, dass die Saudis den Ölpreis absichtlich gesenkt haben, um die Einnahmen Russlands abzusenken. Sie verbreiteten die Mär, die Saudis hätten nur versucht, ihren "Marktanteil" zu halten, indem das gegenwärtige Produktionsniveau aufrechterhielten und die Preise senkten. Am Dienstag hat die New York Times den Schwindel aufgeklärt und unter der Überschrift "Saudi Oil Is Seen as Lever to Pry Russian Support From Syria’s Assad" [Das saudische Öl ist der Hebel, mit dem die russische Unterstützung für Syriens Assad zu stoppen ist, s. hier]:
"Saudi-Arabien versucht, den Präsidenten Wladimir V. Putin unter Druck zu setzen, damit Russland seine Unterstützung für den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad aufgibt; dank ihrer Überlegenheit auf den globalen Ölmärkten könnten die Saudis Russland durch Absenkung des Ölpreises ins Taumeln bringen.

Saudische Offizielle haben die USA wissen lassen, dass sie Putin durch die Anhebung oder Senkung der Ölproduktion und des Ölpreises unter Druck setzen könnten. Jedes Nachlassen der russischen Unterstützung für Herrn Assad könnte ein erstes Zeichen dafür sein, dass mit der Manipulation des Ölmarktes Einfluss auf die globale Politik genommen werden kann.

Der Einfluss, den Saudi-Arabien nehmen wird, hängt davon ab, wie Moskau auf seine sinkenden Öleinnahmen reagiert. "Wenn ihm die Absenkung des Ölpreises sehr weh tut, könnten die Saudis dafür sorgen, dass Russland einen hohen geopolitischen Preis zahlen muss," erklärte F. Gregory Gause III, ein Experte der Bush School of Government and Public Service der Texas A&M University für den Mittleren Osten."
Sind die Saudis selbst auf die Idee gekommen, durch die Manipulation des Ölpreises Druck auf Putin auszuüben?

Damit ist doch alles gesagt!

An diesem Artikel der New York Times fällt auf, dass er mit früheren Artikeln in der gleichen Zeitung kollidiert. In dem erst vor zwei Wochen veröffentlichten Artikel "Who Will Rule the Oil Market?"(Wer wird den Ölmarkt beherrschen?) hat der Autor noch kein politisches Motiv hinter dem Verhalten der Saudis gesehen. Er vermutete, die Saudis hätten keine Marktanteile verlieren wollen und deshalb ihren Ölpreis gesenkt. Jetzt hat die New York Times eine Kehrtwende um 180 Grad vollzogen und sich den "Verschwörungstheoretikern" angeschlossen, die von Anfang an behauptet haben, der Ölpreis sei aus politischen Gründen manipuliert worden. Tatsächlich hatte die plötzliche Preissenkung nichts mit deflationistischem Druck, Nachfrageschwankungen oder irgendwelchen anderen dubiosen "Marktkräften" zu tun. Es war zu 100 Prozent ein politischer Preiskampf.

Auch der Angriff auf den Rubel ist politisch motiviert, obwohl der Nachweis dafür schwieriger zu führen ist. Es gibt ein interessantes Interview mit Alistair Crooke, das alle interessieren sollte, die wissen wollen, wie Washingtons "umfassender Finanzkrieg" funktioniert. Crooke sagte dazu Folgendes:
"... mit dem Ukraine-Konflikt hat ein neues Zeitalter begonnen: Er tritt als rein geopolitischer Konflikt in Erscheinung, ist in Wirklichkeit aber ein geopolitisch eingefärbter Finanzkrieg zwischen den USA und Russland. Er wird ausgetragen durch die Absenkung des Ölpreises und als Währungskrieg – durch Überflutung des Marktes mit Rubel. Das erste Ergebnis dieses geopolitischen Finanzkrieges ist ein engeres Zusammenrücken zwischen Russland und China.

China weiß, dass Russland der erste Dominostein ist; wenn Russland fallen würde, wäre China der nächste. Deshalb streben beide Staaten ein paralleles, vom Dollar befreites Finanzsystem an. ...

Für einige Zeit wurde die internationale Ordnung durch die Vereinten Nationen und das Völkerrecht bestimmt; der Westen ist nun dazu übergegangen, die Vereinten Nationen und das Völkerrecht zu umgehen und mit Wirtschaftssanktionen Druck auf einzelne Staaten auszuüben. Weil wir ein dollarbasiertes Finanzsystem haben, das die USA durch Dollartransaktionen instrumentalisieren können, muss sich die US-Regierung nicht mehr der Diplomatie und der Vereinten Nation bedienen, um ihre Ziele durchzusetzen.

Das Monopol auf die Weltreservewährung ermöglicht es den USA, den Vereinten Nationen immer mehr Kompetenzen zu entziehen. Die USA haben die Aufsicht über alle Transaktionen, die weltweit in Dollars vollzogen werden. Und weil der größte Teil der Geschäfte und Handelstransaktionen in Dollars abgewickelt wird, bestimmt die Finanzpolitik zunehmend die Weltordnung: Die internationale Ordnung hängt heutzutage mehr von der Kontrolle durch das US-Finanzministerium und die Fed ab als von den Vereinten Nationen."
Finanzkrieg, asymmetrischer Krieg, Krieg der vierten Generation (s. hier), Weltraumkrieg, Cyberkrieg, Atomkrieg, Krieg mit Lasern, Chemikalien und Bakterien – die USA haben ihr Arsenal weit über die traditionellen Waffen hinaus ausgeweitet. Ihr Ziel ist natürlich die Aufrechterhaltung der 1991 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstandenen US-dominierten unipolaren Weltordnung. Die von Moskau angestrebte multipolare Weltordnung stellt die größte Bedrohung für Washingtons Weltherrschaftspläne dar. Der erste bedeutende Zusammenstoß zwischen diesen beiden konkurrierenden Weltsichten wird wahrscheinlich irgendwann im kommenden Sommer in der Ostukraine stattfinden. Dann stehe Gott uns bei!

Anmerkung: Die Novorussia Armed Forces / NAF (die Armee der ostukrainischen Separatisten) haben bei Debalzewo 8.000 ukrainische Soldaten eingekesselt (s. hier). Das ist ein sehr großer Erfolg, auch wenn ihn die Medien aus den Schlagzeilen herausgehalten haben.

Die ebenfalls eingeschlossenen Zivilisten können den Kessel auf Evakuierungskorridoren verlassen. Die Kämpfe können jederzeit wieder ausbrechen. Zurzeit sieht es so aus, als könne ein großer Teil der Nazi-Armee Kiews auf einen Schlag ausgeschaltet werden. Nur deshalb sind Frau Merkel und Herr Hollande überraschend zu einem Gespräch mit Putin nach Moskau geflogen. Sie sind nicht am Frieden interessiert – sie wollen nur die Stellvertreterarmee der USA und der NATO vor der Vernichtung retten.

Ich rechne damit, dass Putin den eingeschlossenen ukrainischen Soldaten den Rückzug gestatten möchte, glaube aber, dass Sachartschenko, der Kommandeur der NAF, das nicht zulassen wird. Kann er denn sicher sein, dass die Eingeschlossenen nicht in einem Monat mit modernen Waffen wieder zurückkommen, die ihnen die Kriegstreiber im US-Kongress und im Weißen Haus zur Verfügung stellen?

Hat Sachartschenko überhaupt eine Wahl? Wenn seine Kameraden bei einem erneuten Angriff des Kiewer Regimes sterben, weil er dessen Armee ziehen ließ, kann er dann irgendjemand außer sich selbst dafür verantwortlich machen?

Er hat kaum eine Wahl.

Mike Whitney lebt im Staat Washington. Er ist Mitautor des bei AK Press erschienenen Buches "Hopeless: Barack Obama an the Politics of Illusion" (Hoffnungslos: Barack Obama und seine illusionäre Politik), das auch als Kindle-Edition erhältlich ist. Er ist zu erreichen über fergiewhitney@msn.com

Übersetzung: Luftpost-kl.de

Bedrohlich ist das Volk für die Herrschenden, wenn es ohne Furcht ist. (Tacitus)

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