Samstag, 26. März 2016

Moskau gibt bekannt: "Auftrag ausgeführt" Ziehen die russischen Streitkräfte wirklich aus Syrien ab?

Nach Prof. Chossudovskys Meinung setzt Russland auch nach dem Teilabzug seiner Kampfjets die militärische Unterstützung der regulären syrischen Armee fort.

Prof. Michel Chossudovsky
Global Research, 14.03.16
Während bei den Genfer Friedensgesprächen ein Stillstand eingetreten ist, hat Moskau den Einsatz seiner Streitkräfte für beendet erklärt und deren Abzug aus Syrien angekündigt.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat bei einem Treffen mit Außenminister Sergei Lawrow und Verteidigungsminister Sergei Schoigu Folgendes erklärt:
"Ich denke, dass der Auftrag, der dem Verteidigungsministerium und den russischen Streitkräften erteilt wurde, im Großen und Ganzen erfüllt ist. Mit Unterstützung des russischen Militärs ist es den syrischen Streitkräften und regierungstreuen syrischen Milizen gelungen, eine positive Wende im Kampf gegen den internationalen Terrorismus herbeizuführen und in fast allen Gebieten die Initiative zu ergreifen ... .

Ich habe deshalb den Verteidigungsminister angewiesen, morgen mit dem Abzug des größten Teils unseres militärischen Kontingents aus der Syrischen Arabischen Republik zu beginnen." [zitiert nach einer Reuters Meldung vom 14. März 2016]
Jetzt gehe es darum, eine diplomatische Lösung herbeizuführen:
"Der Präsident Russlands hat das Außenministerium angewiesen, die Bemühungen der Russischen Föderation beim Organisieren des Friedensprozesses zur Lösung des syrischen Problems zu verstärken." [aus dem offiziellen Kommuniquè des russischen Präsidenten vom 14. März 2016, (s. auch hier).
Russland wird seine Militärpräsenz in seinem Flottenstützpunkt Tartus und auf dem Flugplatz Khmeimim aufrechterhalten. Russland zieht sich also keineswegs "ganz zurück".

Die Ankündigung des russischen Abzugs kam gerade rechtzeitig, ist strategisch wichtig und hat diplomatische Implikationen. Sie setzt die "Friedensgespräche" wieder in Gang und verlängert die (zahlenmäßig verringerte) russische Militärpräsenz in Syrien.

Moskau hat zwar offiziell den Abzug seiner Streitkräfte verkündet, setzt aber die militärische Zusammenarbeit mit Damaskus fort; seine Militär- und Geheimdienstberater und Soldaten seiner Spezialkräfte unterstützen weiterhin die syrischen Armee, und das Luftabwehrsystem S-400 bleibt in Syrien.

Die russische Luftabwehr, die nach dem über Latakia erfolgten Abschuss eines russischen Kampfjets durch türkische Abfangjäger mit Systemen wie der ausgereiften Abfangrakete S-400 nach Syrien verlegt worden war, bleibt dort. Sie sichert den Flugplatz Khmeimim ab, und das Gebiet um Latakia wird bald ganz unter der Kontrolle der Syrisch-arabischen Armee / SAA und ihrer Verbündeten sein. Die russischen Marineinfanteristen, die noch bei Latakia verfügbar sind, werden vermutlich nicht mehr gebraucht. Die syrischen Streitkräfte und ihre Verbündeten stehen bereits im Osten und im Westen von Idlib, nur 15 km von den strategisch wichtigen Städten Jisr Al-Shughour und Saraqib entfernt. [Al-Masdar News, 14. März 2016]

Außerdem bleibt das genaue Datum des Abzugs ungewiss. Präsident Putin hat nur mitgeteilt, dass er am 15. März beginnt, aber offen gelassen, wann er beendete sein wird und wie viele Kampfjets und Soldaten noch länger bleiben werden. Außerdem können Kampfjets und Raketen auch vom Territorium der Russischen Föderation aus starten.
Witali Tschurkin, der russische Botschafter bei den Vereinten Nationen, hat angekündigt, er werde den UN-Sicherheitsrat über den Beginn des Abzugs der russischen Truppen aus Syrien informieren. "Es finden nur informelle Beratungen statt, ich werde aber über den Abzug sprechen," sagte er Reportern auf seinem Weg zu einer Sitzung des
UN-Sicherheitsrats. [RT, 14. März 2016]
Aus der Ankündigung des Abzugs lässt sich auch schließen, dass es militärisch nicht mehr notwendig ist, russische Luftangriffe auf den ISIS zu fliegen. Das militärische Eingreifen Moskaus war also erfolgreich.

Der Abzug erfolgt auf Initiative Moskaus, Damaskus hat aber zugestimmt. Es ist nicht bekannt, ob der Westen vorher informiert und mit ihm darüber gesprochen wurde.

Die Ankündigung ist ein Beleg dafür, dass die Syrisch-arabische Armee mit Unterstützung Russlands, des Irans und der Hisbollah wirklich "Krieg gegen den Terror" geführt und ihn gewonnen hat. Die von den USA gesponserten Terroristen wurden besiegt, Washington hat also auch eine Niederlage erlitten.

Die russische Entscheidung für den Abzug hat die volle Unterstützung der syrischen Regierung:
In diesem Zusammenhang sagte Präsident Putin, weil die russischen Streitkräfte ihren Auftrag in Syrien weitgehend erfüllt hätten, könnten der meisten Kampfjets nach einem festgelegten Zeitplan abgezogen werden. Russland werde aber seine Luftraumüberwachung in Syrien fortsetzen, um die Waffenruhe zu kontrollieren.

Der Präsident Syriens lobte die Professionalität, den Mut und die Kampfbereitschaft der an dem Militäreinsatz beteiligten russischen Soldaten und sprach Russland seine tiefe Dankbarkeit für die Unterstützung bei der Bekämpfung des Terrorismus und die humanitären Hilfeleistungen zur Versorgung der Zivilbevölkerung aus.

Präsident Assad sagte, er sei dazu bereit, über eine politische Lösung des Konfliktes zu verhandeln. Die Präsidenten Russlands und Syriens hoffen, dass bei den in Genf unter Leitung der Vereinten Nationen geführten Gesprächen zwischen Vertretern der syrischen Regierung und der Opposition möglichst bald konkrete Ergebnisse erzielt werden können [s. hier].
Wie wird der US-Präsidenten Obama darauf regieren? Was wird die von ihm angeführte "Anti-Terror-Koalition" tun? Werden auch die Luftangriffe der USA und der NATO aufhören?

Es sollte nicht vergessen werden, dass die unter Leitung der U.S. Air Force durchgeführten "Anti-Terror-Bombardements" in Wirklichkeit dazu dienten, den ISIS, die Al-Nusra und andere Terrororganisationen zu unterstützen und nicht zu bekämpfen.

Der russische Abzug wurde möglich, weil der ISIS aufgehört hat, als militärische und politische Größe zu existieren. Da sein Ölschmuggel in die Türkei unterbunden wurde, hat der ISIS oder Daesh seine Haupteinnahmequelle verloren. Auch seine Nachschubrouten wurden unterbrochen.

Nach aktuellen Berichten wurde der ISIS so stark dezimiert, dass seine ausländischen Söldner beginnen, in den Untergrund abzutauchen und einen Guerillakrieg zu führen.
Hohe Verluste im Kampf gegen die Syrisch arabische Armee und die Unterbrechung des Ölschmuggels durch russische Luftangriffe haben die ISIS-Kämpfer im Irak von ihren Haupteinnahmequellen abgeschnitten. Damit haben sie auch die Fähigkeit zur offenen Konfrontation mit der regulären Armee verloren. Es ist zu erwarten, dass der ISIS zum Guerillakrieg übergehen wird. Im Irak ist das bereits zu beobachten. [s. hier].
Eine große Anzahl von zum Teil ausländischen ISIS- und Al-Nusra-Kämpfern ist desertiert und bei den Flüchtlingen untergetaucht.

Die als private Söldner nach Syrien eingesickerten Spezialkräfte aus den USA, aus der Türkei, aus anderen NATO-Staaten und aus Saudi-Arabien ziehen sich über die Türkei, Jordanien und Israel zurück.

Eine klammheimliche Invasion türkischer Truppen

Seltsamerweise fällt der "offizielle" russische Abzug mit der "inoffiziellen" Invasion türkischer Truppen in den Norden Syriens zusammen; dass an den Genfer Friedensgesprächen unter Leitung der Vereinten Nationen neben Russland auch die Türkei beteiligt ist, erscheint in diesen diesem Zusammenhang als "absurdes Theater".
Erdogans Generäle haben eine offizielle Invasion Syriens bisher abgelehnt, weil sie angesichts der Erfolge der russische Luftwaffe gegen die mit der Türkei verbündeten ISIS-und Al-Nusra-Terroristen die Risiken scheuten [s. hier]; in türkischen und anderen im Mittleren Osten erscheinenden Zeitungen wird nun heftig darüber spekuliert, warum Erdogan ausgerechnet während der Genfer Friedensgespräche seine Truppen in Syrien einmarschieren lässt. [s. hier]
Der von Moskau angekündigte Abzug war sicher auch eine wohlüberlegte Reaktion auf das illegale Eindringen türkischer Truppen in Syrien. Nach der in Art. 5 des Washingtoner Vertrages festgelegten NATO-Doktrin der kollektiven Verteidigung wäre ein "Angriff" auf das NATO-Mitgliedsland Türkei ein Angriff auf alle NATO-Mitgliedsstaaten.

Moskau will also auch verhindern, dass die NATO, unter dem Vorwand, die türkischen Truppen in Syrien seien von russischen Flugzeugen angegriffen worden, einen Krieg mit Russland vom Zaun bricht. Diesen Krieg hat das Pentagon schon lange vor Beginn der Auseinandersetzungen in Syrien im März 2011 geplant.

Mit seiner Entscheidung, den Großteil des russischen Syrien-Kontingents abzuziehen, will Präsident Putin direkte Zusammenstöße mit türkischen Truppen vermeiden, um eine militärische Eskalation zu verhindern.

Während sich Moskau um eine diplomatische Lösung bemüht, stört Washington die Genfer Gespräche immer noch mit seiner Forderung nach einem "Regimewechsel" und dem Rücktritt Assads.

Übersetzung luftpost-kl.de

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