Montag, 18. Juli 2016

Neue politische Elite im Wartestand: Satt geht nicht auf die Straße

Mowitz
Eine flinke Zunge hat er. Der Professor Andreas Popp von der "Wissensmanufaktur". Und damit erfüllt er ohne jeden Zweifel das erste Gebot eines Politikers der erfolgreich sein will oder einer der es noch werden möchte; nämlich seine Zuhörer besoffen quatschen zu können, so dass sie am Ende seiner Rede, fast religiös verzückt, johlend von den Stühlen springen, so als hätten sie einen 'Erleuchter' persönlich erleben dürfen. Das deutet auf ein leicht manipulierbares Publikum hin. Dann doch lieber ein behäbiges, dafür aber nachdenklicheres und langweiligeres Publikum. Dabei arbeitete der Redner nicht einmal mit besonders originellen Einfällen, sondern die alterprobten, platten taten es auch. Obwohl Prof. Popp durchaus ein sehr guter Rhetoriker ist und dafür kann und sollte man ihn nicht schelten. Welcher Redner will schon vor Zuhörern reden, die bereits schlafen bevor der Vortrag begonnen hat? Wachhalten ist der halbe Erfolg einer ganzen Rede.

Ich stieß gestern auf ein hochfrequentiertes Video von ihm, mit der anspruchsvollen Verheißung: "Die pure Wahrheit in 6 Minuten mit Andreas Popp", und stolzen 553.117 Aufrufen innerhalb von 2 Monaten. Das ist für Netzverhältnisse richtig toll und auf die Mainstream hochgerechnet nur mit der BILD-Auflage vergleichbar. Er sprach locker, überhaupt nicht professoral, was seine Mitstreiter am Bühnentisch bleich aussehen und schnell in Vergessenheit geraten ließ. Am Ende seiner Ausführung nickten sie gefällig und beifallsklatschend als Popp zum altbackenen Höhepunkt seiner "puren Wahrheit in 6 Minuten" kam: "Satt geht nicht auf die Straße" (3:16 Min Video), war die finale Botschaft. Das war schon BILD-Qualität auf der ganzen Linie - und dazu noch in Hochglanzformat.

Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de

Sein unausgesprochener Hilferuf, (wie kriegen wir denn die Leute auf die Straße), den ich aus seinem "satt" ableite, wird nur schwer umzusetzen sein. Entweder Popp setzt sich für eine fortschreitende Rationierung des Füllstoffs [(Nahrung)3:02 Min] an das Lumpenproletariat nach unten ein, wobei er nur darauf zu achten hat, dass das Prekariat immer kurz über den Punkt gehalten wird, wo der Hungertod eintritt, damit es überhaupt noch auf die Straße gehen und demonstrieren kann. Für wen soll es eigentlich auf die Straße gehen? Für die Interessen von Menschen wie Popp? Oder für seine eigenen Interessen? Denn dann müsste das Prekariat die Sache in die eigenen Hände nehmen und in die Tat umsetzen. Ob das für Professor Popp und seine Gefährten etwas bringen würde, sei dahingestellt. Oder ob die Popp-Gesellschaft vor den Geistern die sie riefen schon jetzt besser Reißaus nehmen sollten, bevor die Geister ihre Klasse zerrreißen. Das soll ja in der Geschichte der Menschheit schon vorgekommen sein. Nicht oft, aber immerhin.

Die Fähigkeit, richtige Dinge zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sagen ist Menschen wie elitären Professoren sicherlich gegeben. Es muss deswegen nicht immer originäres sein mit dem sie ihr Publikum beglücken. Das wäre zu viel verlangt. Solche Menschen sitzen bereits heute zuhauf an den Schalthebeln der Macht. Nur führen sie nicht das aus was sie versprachen zu tun bevor sie die Hebel bedienten. Möglicherweise haben Prof. Popp und seine Gefährten gar nichts versprochen und wollen auch nichts versprechen. Das wäre für mich zwar schwer vorstellbar, hätte aber den Vorteil für sie, nichts durchführen zu müssen, weil sie nichts versprachen. So wär man aus dem Rechtfertigungsschneider raus der die 'Versprecher' hinterher wenn sie an ihre Versprechungen erinnert werden, besonders nervt. Wie die Lei(d)figuren der Brexit-Kampagne in Großbritannien. Wer weiß das schon so genau?

Trotzdem muss nicht alles falsch sein was die Popp-Gesellschaft sagt. Wer übrigens tut das schon? Ich kann mich allerdings nicht des Gefühls erwehren, es wird mit der Umsetzung hapern. Ob angesagt oder nicht und aus welchen sonstigen Gründen auch immer. Prof. Popp macht auf mich nicht den Eindruck weder Klassenkämpfer noch Sozialromantiker zu sein. Ganz im Gegenteil. Eher hat er den Habitus eines cleveren Geschäftsmannes.

Für mich bedeutet das im Klartext, dass alles so bleiben soll wie es ist. Nicht gerade eine kühne Vision. Das löst noch nicht einmal bei einem 75-jährigen Rentner, wie ich einer bin, Begeisterungsstürme aus. Muss es ja auch nicht. Man hat mit Sicherheit einen Zulauf von Menschen, die schneller zu begeistern und manipulierbarer sind als ich es bin.

FH

1 Kommentar:

  1. Nicht so fatalistisch, man wird doch wohl noch träumen dürfen. ;)

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