Mittwoch, 5. Oktober 2016

Oliver Stone in einem Interview zu seiner TV-Serie über die Geschichte der USA: "Wir werden nicht bedroht, wir sind die Bedrohung."

Auch der bekannte US-Filmregisseur Oliver Stone ist der Meinung, dass die größte Bedrohung für den Weltfrieden von den USA ausgeht.

Von James Reinl
Middle East Eye, 18.09.16

Zur erneuten Ausstrahlung seiner TV-Serie "The Untold History of the United States", die sich mit der aggressiven US-Außenpolitik beschäftigt, sagte mir der Filmregisseur Oliver Stone, er habe diese nicht immer so kritisch gesehen.

Kontroverse Ansichten über die USA sind Oliver Stones Stärke.

Der in Hollywood arbeitende Filmregisseur hat seine Kameras auch schon auf die Ermordung John F. Kennedys, den Vietnam-Krieg und die 9/11-Anschläge gerichtet.

Bei den Recherchen für seine TV-Serie "The Untold History of the United States" (Die verschwiegene Geschichte der USA) hätten ihm die US-Interventionen im Mittleren Osten aber die Augen geöffnet, erklärte er am Mittwoch gegenüber the Middle East Eye.

Eine Einführung Oliver Stones zu dieser TV-Serie
ist aufzurufen unter
https://www.youtube.com/watch?v=vOPoEDLtcJU
"Als ich die bisher verschwiegene Geschichte der USA studiert habe, war ich vor allem über die Untaten betroffen, die wir im Mittleren Osten begangen haben," sagte Stone.

"Was wir dort angerichtet haben, ist schändlich."

Stone hat die Aktivitäten Washingtons in dieser Region bis in die 1930er Jahre zurückverfolgt, sieht aber den ersten Höhepunkt der USInterventionen während der Präsidentschaft Vater Bushs, der 1990 Hunderttausende von US-Soldaten nach Kuwait entsandte, um die irakische Invasion zu beenden.

"Als ich die bisher verschwiegene Geschichte der USA studiert habe, war ich vor allem über die Untaten betroffen, die wir im Mittleren Osten begangen haben," sagte Stone.

"Was wir dort angerichtet haben, ist schändlich."

Stone hat die Aktivitäten Washingtons in dieser Region bis in die 1930er Jahre zurückverfolgt, sieht aber den ersten Höhepunkt der USInterventionen während der Präsidentschaft Vater Bushs, der 1990 Hunderttausende von US-Soldaten nach Kuwait entsandte, um die irakische Invasion zu beenden.

Die Sowjetunion sei damals gerade zusammengebrochen, und der Mittlere Osten habe nun für eine Einmischung der anderen Supermacht USA weit offen gestanden.

"Wir haben uns dann nicht mehr aus dieser Region zurückgezogen. Sobald wir irgendwo Fuß gefasst haben, gehen wir nie wieder weg," betonte Stone.

"Wir haben die gesamte Region völlig destabilisiert und nur Chaos verursacht. Und jetzt machen wir den Islamischen Staat für das Chaos verantwortlich, das wir angerichtet haben," äußerte Stone und verwies damit auf das IS-Treiben in Teilen des Iraks und Syriens.

Stone hat die TV-Serie und das gleichnamig Buch zusammen mit Peter Kuznick erarbeitet, einem Historiker der American University der sich vor allem mit den US-Atombombenabwürfen auf Japan beschäftigt, mit denen der Zweite Weltkrieg endete.

"Es geht immer nur ums Öl. Erinnern Sie noch an den Autoaufkleber: Wie kommt unser Öl unter ihren Sand?" bemerkte Kuznick.

Der Hunger Washingtons nach Öl erkläre das Bündnis der USA mit Saudi-Arabien, den von der CIA eingefädelten Staatsstreich zum Sturz des iranischen Premierministers Mohammad Mosaddegh im Jahr 1953 und die US-Unterstützung für die antisowjetischen islamistischen Mudschaheddin (s. hier) Jahren, fügte er hinzu.

"Erst zetteln wir die Aufstände an, und dann schicken wir unser Militär, um sie niederzuschlagen. Damit machen wir aber alles nur noch schlimmer," ergänzte er.

Diese Äußerungen Stones und Kuznicks werden in Kairo, Moskau oder Paris vermutlich kein großes Aufsehen erregen.

Und in den USA werden sie damit bestimmt nicht in die Mainstream-Medien kommen.

Stone beklagt, dass die US-Bürger wie in einer Luftblase leben und in Bildungseinrichtungen oder von Politikern und Medien nur häppchenweise mit Informationen gefüttert werden, in denen die USA als Hort der Stabilität und Verkörperung des Guten in der Welt dargestellt werden.

Als berühmtes Beispiel zitierte er den ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan, der einmal gesagt hat, die USA seien "eine leuchtende Stadt auf einem Hügel" (s. https://www.youtube.com/watch?v=c32G868tor0 ).

"Die US-Amerikaner sind mit sich zufrieden," ergänzte Stone.
"Sie meinen, sie lebten in gesicherten Verhältnissen, seien wohlhabend und mit materiellen Gütern gesegnet, glauben aber, Russland, China, der Iran und Nordkorea seien ihnen feindlich gesonnen.

Sie leben in ihrem großen Land zwischen zwei Ozeanen wie im einen Kokon und sehen sich rundum bedroht."
Er verstehe das gut, weil er früher die gleiche Meinung gehabt habe.

Stone wurde in New York als Sohn des republikanischen Börsenmaklers Louis Stone geboren. Er war schon immer kreativ und schrieb oft kurze Szenen, um seine Familie zu unterhalten. Es sei ihm nie in den Sinn gekommen, das schöne Bild in Frage zu stellen, das seine Geschichtslehrer von den USA malten.

"Weil ich nur Positives über unsere Geschichte erfahren hatte, glaubte ich auch an die Einzigartigkeit der USA und hielt unser Land für das selbstloseste und freigiebigste der Welt," erzählte er.

1967 trat Stone als Freiwilliger in die US Army ein, um in Vietnam zu kämpfen. Dort wurde er zweimal verwundet und mit dem Purple Heart ausgezeichnet.

"Ich kam völlig verändert aus Vietnam zurück; was ich dort erlebt habe, hat mich vollkommen verwirrt," bekannte er.

"Das Militär verpasste mir eine wirklich starke Dosis seiner schönfärberischen Doppelzüngigkeit."

Er stellte bohrende Fragen und beschäftigte sich mit der "ungeschriebenen Geschichte", während er gleichzeitig an der New York University bei Martin Scorsese und anderen Regisseuren lernte, wie Filme gemacht werden.

Deren Ideen weckten in ihm auch den Wusch, politische Filme zu machen, womit er in den 1980er Jahren begann.

Der Der Film "Salvador" (1986) beschäftigt sich mit einem in den 1980er Jahren im Mittelamerika geführten Krieg. Der Film "Platoon" (1986) mit Charlie Sheen, beschreibt die Erlebnisse eines jungen Soldaten im Vietnamkrieg.

Es folgte ein weiterer Film über den Vietnam-Krieg "Geboren am 4. Juli" (1989) mit Tom Cruise in der Hauptrolle. In dem Film "JFK" (1991) entwickelt Stone seine Theorie über die Ermordung dieses ehemaligen US-Präsidenten. Weitere Filme waren "Nixon" (1995) und "W" (2008), in dem sich Stone mit George W. Bush auseinandergesetzt hat.

Sein Film über den NSA-Whistleblower Edward Snowden ist erst 2016 in die Kinos gekommen.

Stone hat auch ausländische Staatsmänner interviewt, die Washington kritisieren: den kubanischen Revolutionär Fidel Castro, den aus seinem Amt vertriebenen ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch und den russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Unter dem Titel "The Untold History of the United States" ist neben der 10-teiligen TV-Dokumentarserie auch ein 750-seitiges Buche erschienen; beide zeigen die Geschichte der USA vom Beginn des Zweiten Weltkriegs über den Kalten Krieg bis in unsere Tage aus einer ganz anderen, an Tatsachen orientierten Perspektive.

Stone sagt selbst, er wolle damit das "Bildungsverbrechen", also das falsche Bild von den USA, korrigieren, das den US-Schulkindern vermittelt werde.

"Die angemaßte 'Einmaligkeit der USA' muss aus den Lehrplänen unserer Schulen verschwinden," fordert er.

"Wir werden nicht bedroht. Wir sind die Bedrohung."

(luftpost-kl.de hat den Artikel komplett übersetzt. Die TV-Serie "The Untold History of the United States" in deutscher und das gleichnamige Buch in englischer Sprache sind beide über Amazon zu beziehen.)

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